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An südlichen Gestaden

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Textdaten
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Autor:
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Titel: An südlichen Gestaden
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 3, S. 98
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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An südlichen Gestaden.
Zeichnung von H. Nestel.

[98] An südlichen Gestaden. (Zu dem Bilde S. 85.) Sie ist überall gleich, die stumme wortlose Sprache der Liebe, ob der dunstverhüllte kühle nordische Himmel sich über sie spannt, oder der Süden seine azurne Herrlichkeit über ihr leuchten läßt. Sie wird überall gesprochen und überall verstanden.

Im fernen Süden ist's, an wogenumspülter Küste. Ein schmales Vorgebirge zieht sich hinaus in das Meer und trägt auf seiner Spitze ein altes Tempelchen, das griechischer Schönheitssinn der meerentstiegenen Göttin erbaut. Hell und freudig sind die Töne dieser begnadeten Landschaft und nur vereinzelt dämpfen Oelbäume das helle Licht; düstere Cypressen ragen schlank zum Himmel empor, und aus ihren Zweigen rauschen ernste Gedanken.

Aber das Paar auf unserem Bilde, das versunken ist in die stumme Zwiesprache der Liebe, es schaut nicht hinauf zum blauenden Himmel, nicht auf die leuchtenden Töne der Felsen, es lauscht nicht dem Plätschern der Wogen und dem Säuseln des Seewindes, es verlangt nicht nach dem Schatten des Oelbaumes und hört nicht auf das ernste Flüstern der Cypressen. In stiller Frage reicht der Jüngling der Freundin die Blume und Antwort suchend hängt sein Auge an dem ihren - und alle Herrlichkeiten der Natur rings um sie her werden nur unbewußt von ihnen empfunden, sie sehen und zergliedern sie nicht, sie fühlen sie nur als ein Ganzes, als eine köstliche Harmonie, in der ihre Seelen voll Wonne sich wiegen und beglückt sich hingeben an den seligen Traum der Jugend und Schönheit.