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Am Grabe eines Märtyrers

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Titel: Am Grabe eines Märtyrers
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aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 15–20
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Am Grabe eines Märtyrers.


Allenthalben in Deutschland sind den Opfern des blutigen Kriegs gegen Frankreichs Uebermuth und Rheingrenzengelüst pietätvoll Denkmale errichtet, auserwählte, von der Liebe und Bewunderung des Volkes mit immer frisch erneuten Blumen geschmückte Ruhestätten angewiesen worden, denn es ehrt seine großen Todten, vor Allen, die für seine Sache starben. Nirgends aber ist dies in so schöner, so wahrhaft sinniger Weise geschehen, wie auf dem Friedhofe von Darmstadt, einer Stadt, deren Bürgerthum trotz Schranzenluft und transrhenanischem Pfaffenwind immer die Fahne der Freiheit und des einigen Deutschthums hoch gehalten hat. In langen Reihen, mehrfach hintereinander, liegen dort begraben alle die wackeren Streiter, welche, auf den blutigen Schlachtfeldern vom Feindesboden aufgelesen, in's Vaterland gebracht wurden, um zu sterben mit dem Bewußtsein, ihr Leben für eine heilige Sache hingegeben zu haben und in der heimischen Erde eines großen, einigen Deutschlands zu ruhen für immer. Jedes Grab schmückt gleichförmig ernst ein großes eisernes Kreuz mit einfacher Inschrift, und wahrhaft erschütternd wirkt die Zahl der deutungsvollen Malzeichen in ihrer feierlichen Trauerfarbe. Alle diese Gräber aber sind mit feinfühliger Wahl auf eine Stelle verlegt, wie man sie eindrucksvoller kaum im ganzen deutschen Reiche hätte finden können. Denn sie befinden sich unmittelbar hinter einem einfachen Monument, das ihnen voransteht, wie ein Feldherr dem Heere. Es ist ein schlichtes Kreuz, von der Zeit schon mit ihrem Roste besprengt, aber jährlich hängt an ihm am 23. Februar ein Kranz von Immortellen und frischen Rosen, häufig stehen weißbärtige Männer vor ihm in tiefen Gedanken und richten fragende Blicke nach den unmittelbar dahinter soldatisch gereihten eisernen Kreuzen, die den Grabhügel derer schmücken, denen sie nicht mehr an die tapfere Brust hatten geheftet werden können. Der aber hier als ihr vorangegangener Führer schlummert, er hat für das gleiche Gut gekämpft und sein Herzblut vergossen, wie sie, nur in anderer Lage und in anderer Zeit. Das ist der ganze Unterschied. Freilich, er fiel nicht unter dem Schalle der Siegestrompeten auf der freudigen Wahlstatt, sondern in enger Haft des Körpers und des Geistes, nicht durch ein fränkisches Blei, sondern durch die eigene Hand, ein zu Tode Gequälter. Aber er war so tapfer und groß, ja größer, wie Jene dort hinter ihm, und es ist ihm Genugthuung geworden, spät doch voll: er steht als General an ihrer Spitze, wenn auch nur im Tode. Was sie erkämpften, das war sein Kampf, was sie errangen, sein Ziel; wofür sie starben, dafür starb er. Freilich schmückte kein Lorbeer seinen Sarg, und das Kreuz, welches ihm treue Verehrer setzten, verstümmelte der Verräther Jammerangst vor dem bloßen Namen, den es deckte; dieser Name aber heißt: Friedrich Ludwig Weidig.

[16] Wer von den Alten unserer Zeitgenossen zurückblickt in die zwanziger und dreißiger Jahre, den muß es fröstelnd überlaufen. Was war das für eine Zeit! Das freie Wort verpönt, die Körperübung als Keim des Hochverraths betrachtet, der Geist der Lehre in spanische Stiefel eingeschnürt – überall Demagogenriecherei, Denunciantenthum, hündische Demuth. Wenn ein paar lustige Handwerksbursche im „German house“ zu London oder im „Storch“ zu Biel ihre harmlosen Bundeslieder, etwa: „Zweiunddreißig, dreiunddreißig, nehmet Euren Kopf in Acht! – oder: „Fürsten zum Lande hinaus, jetzt kommt der Völkerschmaus“ gesungen hatten, ohne wahrhaftig etwas dabei zu denken, gleich wurden hochnothpeinliche Tribunale errichtet im ganzen lieben deutschen Reiche, und die Häscher gingen einher auf den Straßen, wie des Scharfrichters Knecht mit dem Lasso für die herrenlosen Hunde. Heilige Gerechtigkeit, wie viel junges edles Blut hat damals vertrauern müssen im Schatten hinter Schloß und Riegel, welche starke Charaktere, große Talente sind da gebrochen worden um eine läppische Kinderei, um ein Endchen dreifarbiges Band, für nichts und wider nichts! Man darf wahrlich nicht daran zurückdenken in unseren etwas aufgeklärteren Zeiten, sonst quillt die Galle auch in dem schon etwas vertrockneten Organismus, und es ballt sich die Faust mit dem bewußten Verdict: So 'was läßt man sich denn doch nicht mehr gefallen.

Die kleinen deutschen Universitäten wurden durch die schwarzen Brillen der Angstmeier und Schmalzgesellen von oben herab stets als Stätten permanenter Pulververschwörungen betrachtet. Die Jugend war aus der miserablen Wirklichkeit in's Reich der Ideale geflüchtet und suchte hier ihrem Drange nach Thaten Luft zu machen in dem Aufbau schillernder Phantasmagorien, welche ebenso reizend wie ganz und gar unhaltbar waren. Wer sich in die Geschichte jener politischen Studentenbewegungen vertieft, der wird fortwährend lächeln müssen, aber mit einer Thräne im Auge. Nächst Jena ist es hauptsächlich Gießen gewesen, wo das Feuer der Einheit und Freiheit des deutschen Vaterlandes am enthusiastischsten unter der Asche schwellte. Hier lebten und wirkten die Snell, Hundeshagen, die Brüder Follen, Georg Büchner, Gladbach, Bansa und Andere, umgeben von einem zahlreichen Kreise junger, feuriger Anhänger, sie standen in Verbindung vorzugsweise mit den Marburgern – unter ihnen hervorragend Jordan, der später so viele Dichterfedern in Bewegung gesetzt, aber keinen Schlüssel für seine Ketten – dann mit den Männern der Bewegung vom Rhein und Main, den Welcker, Graf Bentzel-Sternau, Rotteck, Uhland, Wirth, Itzstein, Döring, Bunsen und mit noch manchen Anderen da und dort in Deutschland. Nicht weit entfernt von Gießen liegt die kleine hessische Stadt Butzbach. Sie galt damals für einen Hauptherd revolutionärer Zündstoffe, ja sogar für den Mittelpunkt der dumpfhinrollenden Erschütterung, welche die Mächtigen stetig unter den Füßen zu spüren vermeinten – und zwar aus dem Grunde, weil in der Mitte ihrer Bürgerschaft ein Mann lebte, dessen Geist, Tugend und Thatkraft ihn zu einem der Besten unserer Zeit stempeln, der, von feuriger Vaterlandsliebe beseelt, von seinen Mitbürgern begeistert, geliebt und zugleich von energischem, opferfreudigem Charakter, allezeit bereit war, das eigene Ich hinzuwerfen zum Besten der Menschheit.

Dieser allgemein verehrte, weithin gekannte Mann hieß Friedrich Ludwig Weidig. Er war ein Kind des grünen Waldes, geboren am 15. Februar 1791 in dem oberhessischen Dorfe Obergleen bei Alsfeld; sein Vater, ein gebildeter und energischer Charakter, war Oberförster und leitete die Erziehung des Knaben selbst, bis er nach dem Städtchen Butzbach versetzt wurde, woselbst er sie zum Theil in die Hände trefflicher Lehrer legen konnte. Butzbach hat, wie gesagt, in allen Zeiten als ein „Nest des Liberalismus“ gegolten; es herrscht dort durchgehends ein gewisser Wohlstand; selbst die Ackerbürger stehen in Bildung hoch über ihren Genossen vom flachen Lande; es hat da immer hervorragende Geister gegeben und man scheute sich weniger, als anderwärts, die Dinge beim rechten Namen zu nennen, seinen Gedanken freien Ausgang zu erlauben. Der junge Weidig wuchs daher in einer Atmosphäre auf, welche die Keime seiner hochbegabten Natur nach allen Seiten hin zur mächtigen Entwickelung brachte. Er war ein liebenswerther, ideal angelegter Jüngling, allen Altersgenossen voran, geliebt von ihnen als Vorbild und Führer, geliebt von Jedermann wegen seiner gewinnenden Eigenschaften. Mit dem siebenzehnten Jahre bezog er das Gymnasium in Gießen, blos um die oberste Ordnung der Prima zu durchlaufen; ein Semester später war er schon Student der Theologie. Diese hat er nur als Brodstudium betrachtet; sein eigentliches waren Geschichte und Philologie. Besonders eng schloß er sich an die beiden Brüder Follenius, geistvolle, schwärmerisch poetische Enthusiasten. Mit ihnen las er die griechischen Classiker und dichtete. Der Vierte im Bunde war der jüngere Welcker. An den großen Gestalten des Alterthums rankte sich der Thatendurst der jungen Männer heran. Sie sannen über des Vaterlandes Zerrissenheit und des Volkes dumpfes Verkommen; sie schwuren sich einander zu, für die höchsten Güter der Menschheit zu leben und, wenn nöthig, zu sterben. Andere traten hinzu. Ein Geheimbund – jugendlich aufgefaßt und mit jugendlichen Zwecken – bildete sich, aber er trug seine Farben so offen zur Schau, daß ihn schon bald die Spürnase der Polizei ergattert hatte und Hand auf seine Mitglieder legte. Die Sache war aber doch noch so unschuldig, daß sie keine weiteren Folgen hatte, als die Unterschrift des consilium abeundi und – die Befleißigung größerer Vorsicht. Nach zurückgelegtem Triennium machte Weidig ein glänzendes Examen und wurde unmittelbar darauf, einundzwanzig Jahre alt, zum Conrector in Butzbach ernannt.

Es soll hier keine Biographie gegeben werden, sonst wäre das Bild zu entrollen von der Wirksamkeit eines Lehrers, wie es deren nicht viele gegeben hat. In wenig Jahren war Weidig der angebetete Liebling von Jung und Alt der ganzen Stadt und weit über deren Marken hinaus. Er verstand es, wie kein Anderer, die Jugend heraufzuziehen in die sonnige Sphäre der Bildung, aber er lehrte nicht blos, er erzog auch. Jedermann war er mit Rath und That behülflich. Niemand sprach ihn vergeblich um irgend eine Unterstützung an – er litt selber lieber bittern Mangel, als daß er seine Armuth nicht mit den Armen getheilt hätte. Stoisch versagte er sich jeden Genuß, damit er nur sein Scherflein übrig behalte für Diejenigen, welche noch weniger besaßen als er. Um zu ermessen, wie viel das war, stehe hier das Factum, daß er nach zehnjährigem höchstbelobtem Dienste als Conrector endlich im Jahre 1822 als Rector mit sechshundert Gulden Gehalt angestellt wurde. Neben seiner Aufgabe als Lehrer und Erzieher widmete er alle freie Zeit öffentlichen Ehrenämtern; namentlich war er 1814 thätig als Adjutant bei der Organisation der Landwehr. Als er eine edle, liebenswürdige Gattin gewonnen hatte, schien er fast in den Hafen des Glückes für immer eingelaufen. Sein Haus war der Mittelpunkt einer Gemeinde von wackeren und bedeutenden Männern – von weit her kamen Freunde, Gesinnungsgenossen, Bewunderer, und die Tag für Tag mit ihm lebten, wären für den geliebten Mann durch Wasser und Feuer gegangen.

Aber der Mann wollte mehr sein als Lehrer, Hausvater und ehrsames Gildeglied. Er trug tief im Herzen den Ehrgeiz, ein freier Bürger sein zu wollen im freien Staate. Er wollte die ewigen Menschenrechte herunterholen von dem künstlichen Himmel, an dem sie nunmehr so lange schon in Ketten aufgehängt gewesen. Solches aber durfte man in jenen Zeiten kaum zu denken, geschweige denn zu äußern wagen. Wo daher Zweien oder Dreien in engvertraulichem Kreise das Geständniß entschlüpft war, „daß doch nicht Alles sei, wie es sein könnte“, da war schon die Verschwörung fertig. Der Druck reizt aber stets zum Gegendrucke; nur das Zuviel-Regieren bildet die Convente. Von Gießen aus kam die Anregung; Weidig sammelte seine Getreuen um sich und gründete die „Deutsche Gesellschaft zu Butzbach“. Aus der von ihm verfaßten Stiftungsurkunde stehe Folgendes hier: „Ja, wenn das ganze Volk vom freudigen Gefühle seiner Stärke und Würde durchdrungen und belebt ist, dann ist Deutschland ein freies und glückliches Land. Nur wenn es sich selber verläßt, kann es verderbt werden. Nicht zur Schmach und Knechtschaft ist es bestimmt. Der Herr hat es gesegnet mit leiblichem und geistigem Segen. Er gab dem Lande fruchtbare, wohnliche Thale, geschirmt von erzreichen Gebirgen, getränkt mit anmuthigen Bächen und Strömen, in denen ein heiterer Himmel sich spiegelt. Er gab dem Volke starke Leiber und frohe Herzen, ein ernstes und treues Gemüth und unerschütterlichen Glauben. – Und frei und glücklich war Germanien, so lange es beharrte bei eigner Art und Zucht und Sitte. Als aber das Gift der

[17]

Friedrich Weidig’s Grabmal auf dem Friedhofe zu Darmstadt.
Nach einer Skizze von H. W., auf Holz gezeichnet von W. Reiche.

[18] Zwietracht sich einfraß in die Glieder seines Leibes, als fremde Unart, Unzucht und Unsitte sich einschlich, da ist es in Schmach und Jammer erlegen, und schwer hat es seine Sünden büßen müssen. Darum, als nun der Tag der Erlösung kam, haben viele deutsche Biedermänner das Volk ermahnt, seiner urangestammten Kraft zu gedenken und sich ihrer neu zu gebrauchen, und, ob Gott will, das Land wird auferstehen zu seiner alten Herrlichkeit. – Vor Anderen aber hat seine Stimme erhoben für das Vaterland der deutsche Mann Ernst Moritz Arndt, und auch in unserer Stadt hat das Wort, das er redet, von der Nothwendigkeit eines deutschen gesellschaftlichen Lebens die Herzen deutscher Männer entzündet und sie getrieben, sich zu einer deutschen Gesellschaft in dem von ihm ausgesprochenen Geiste zu verbinden.“

Die Wirkung dieser allerdings geheimen Verbindung machte sich bald fühlbar; kühner flogen die Blicke, freier die Worte; häufiger ballte sich die Faust. Die Unvorsichtigen kamen in Conflicte mit den in Butzbach stationirten Officieren. Weidig selber mußte zweimal mit dem Säbel seine kecke Lehre vertheidigen – der alte Student lebte noch in ihm, und er ging als Sieger von der Mensur. Allein rasch war nunmehr die Polizei hinter ihm her; er ward 1819 in politische Untersuchung gezogen, Viele mit ihm aus Nah und Fern. Kurz vorher war Karl Ludwig Sand's blutige That in Mannheim geschehen, waren die Turnschulen geschlossen, Jahn in Berlin, Arndt und die Brüder Welcker in Bonn verhaftet worden; die Karlsbader Conferenzen standen bevor. Trotzdem schien der hessischen Regierung die rechte Energie nicht gekommen – sie erfolgte erst nach Karlsbad – sie ließ die groß angelegte Untersuchung gemach im Sande verrinnen. Welches Urtheil hätte sie aber auch fällen sollen, als Pfarrer Flick von Peterweil den Zweck der Verbindung folgendermaßen offen angab: „Deutschlands Befreiung von fremder Herrschaft aufrecht zu erhalten, eine Revolution zwar nicht herbeizuführen, im Falle eine solche aber dennoch in Deutschland ausbrechen sollte, sowohl gegen Pöbelherrschaft als gegen Despotismus zu wirken; zugleich habe sich dieser Bund an die in volksthümlichem Geiste vorangehende preußische Regierung anschließen sollen.“ (Nach den Acten.) – Als Weidig wieder heimkehrte zu den Seinen, wurde ihm von den wackeren Butzbachern fast der Empfang eines Triumphators zu Theil; sein Einzug gestaltete sich zu einem wahren Volksfeste. –

Unerschüttert, rastlos wirkte der brave Mann fort an dem Werke, das er sich zum idealen Ziele seines Lebens ersehen hatte. Nach einander erschien eine Reihe von Flugschriften – die conservativen Angstmeier nannten sie „Brandschriften“ – der freisinnigsten, zündendsten Art, so der berühmte „Hessische Landbote“ und der „Leuchter und Beleuchter“. Jedermann wußte, daß Weidig und Georg Büchner, der geniale Verfasser des „Danton“, sie schrieben und herausgaben. Die Polizei stellte wahre Treibjagden an nach der verborgenen Presse und wurde dabei von den schlauen „Demagogen“ ein paar Mal auf das Ergötzlichste irre geführt; wer mit einem Exemplare ertappt wurde, wanderte in's Gefängniß, aber die lächerlichste Strenge hilft nichts, sobald das ganze Volk einmüthig steht für die Sache, welche es zu der seinen gemacht hat. Immer höher gingen die Wogen der Unzufriedenheit, die Zeichen der nahenden Zeit des Umsturzes; meldete doch ein beflügelter Polizeibericht das entsetzliche Factum, daß „schon die Buben in Butzbach Freiheitslieder sängen, und zwar von Körner.“

Mittlerweile waren großartige Ereignisse vor sich gegangen, welche die Luft mit Gewitterdämpfen geschwängert hatten. Die Pariser Revolution von 1830 lag dem deutschen Volke im Gebeine wie verhaltener Schmerz oder gleich einer nicht zum Durchbruche gekommenen Arznei; es rumorte da und dort: in Göttingen hatten sich 1831 Studenten und Bürger unter Rauschenplatt erhoben gegen die – miserabile dictu – Censur. In Polen die Revolution ausgebrochen, Aufstände in Italien, im südlichen Frankreich, in Paris, überall Gährung und Wirren. Das Hambacher Fest am 2. Mai 1832, von mehr als dreißigtausend Theilnehmern besucht, bringt den Gedanken der nationalen Einheit zur Blüthe. Die über alle Länder sich zerstreuenden polnischen Flüchtlinge säen die Keime der Selbsthülfe des Volkes aus. Sie fanden nirgends offenere Arme, herzlichere Aufnahme, als in Butzbach und bei Weidig, obgleich dieser ihrer Nationalität keineswegs gewogen war. Der Verdacht, der immer über ihm die grauen Fittige regte, steigerte sich von Jahr zu Jahr. Das servile Beamtenthum suchte eine Art Ehre darin, einen Hochverräther „zu Stande zu bringen“, es hat ihm niemals die weißgekleideten Mädchen vergessen, die ihn nach der Rückkunft von der ersten hochnothpeinlichen Untersuchung an den Thoren seiner Stadt empfingen.

Und endlich, endlich fand sich auch der Verräther. Sein Name soll hier nicht genannt sein; Weidig hatte die Schlange selber an seinem Busen großgezogen – er mußte es schwer büßen. Am 3. April 1833 fand das verunglückte Frankfurter Attentat gegen den sogenannten deutschen Bundestag statt; am 21. Mai ward Weidig polizeilich verhaftet. Allein auch diesmal bewährte sich der feste Zusammenhalt gleichgesinnter Männer voll Muth und Charakter. Es konnte mit Aufgebot aller juristischen Spitzfindigkeiten nichts gegen ihn aufgebracht werden, als daß er ein „Verführer der Jugend“ – zur Tugend! – sei; daher ward er seines Rectorpostens und damit seiner staatsgefährlichen Wirksamkeit in Butzbach entkleidet, und – man höre! – zur Strafe als Seelsorger in sein Geburtsdorf Obergleen versetzt. Am 26. September 1834 zog er daselbst ein, empfangen gleich einem Messias; solcher Ruf war ihm vorausgeeilt. Was er hier in der kurzen Spanne seiner Amtsthätigkeit leistete, sagt am besten die folgende actenmäßige Denunciation des Kreisraths zu Alsfeld:

„Was bis jetzt (14. December 1834) vorgekommen ist (sic!), besteht darin, daß Weidig auf jede Weise sich Popularität zu verschaffen sucht, und sowohl an Sonntagen, als auch mitunter an Wochentagen der confirmirten Jugend zu Obergleen Singunterricht in seiner Wohnung ertheilt. Ersteres geschieht auf die verschiedenartigste Weise; er beobachtet die größte, mitunter übertriebene (!) Leutseligkeit, mit Begierde sucht er jede Gelegenheit zum Predigen an anderen Orten, wozu die bestehenden Vacanzen bisher dienstliche Veranlassung gaben, auf; er verweigert, unter Simulation (!) eines Gewissenszwanges für ihn, als Annehmenden, die Entrichtung der Beichtkreuzer, sowohl in seiner, als in anderen Pfarreien; armen Kranken bezahlt er die Arzneien, und neulich hat er öffentlich von der Kanzel bekannt gemacht, wer ein Anliegen habe, solle sich nur an ihn, als den Geistlichen, wenden, und er hat dieses sogar unter dem Anfügen, daß er dem Wucher der Juden vorzubeugen trachte, dahin ausgedehnt, daß er sich ganz allgemein zu Gelddarlehen erboten hat, obgleich er mit Ausnahme seines (kärglichen) Besoldungsbezuges aus dem geistlichen Landkasten kaum zwölf Gulden seit seiner Anstellung in Obergleen eingenommen haben mag.“

Welche niedrige Gesinnung hier bei dem Angeber, welch’ glänzende Zeugniß für den edlen Verklagten! Aber damals las man die Schriften anders, oder sagte, wenn man sie etwa verstand, mit dem Patriarchen: „Thut nichts, der Jude wird verbrannt.“ Und so kam es auch bald. Am 22. April 1835, früh zwischen vier und fünf Uhr, ward Weidig abermals verhaftet, diesmal für immer. Warnungen waren ihm genug geworden, er hätte fliehen können, war auch schon einmal halb unterwegs, allein das Pflichtgefühl und der Muth seiner guten Sache führten ihn wieder zurück, um stehenden Fußes seinem Geschick zu begegnen. Er ward zuerst in die Frohnveste nach Friedberg, darauf nach Darmstadt in das sogenannte „Stockhaus“ gebracht, einen der scheußlichsten Kerker, die ihren Schatten aus dem Mittelalter in unsere Zeit herüberwerfen.

Nunmehr beginnt ein Märtyrerthum fast ohne Gleichen. Das Verhängnis hatte dem Armen einen Untersuchungsrichter gegeben, der, früher von ihm beleidigt, sein persönlicher Feind war. Derselbe – Georgi ist sein Name – gehörte jener Schule der Unerbittlichen an, in welcher der Kleinstaatsgedanken dermaßen verkörpert ist, daß sie jedes Rütteln daran als ein todeswürdiges Verbrechen betrachten; er war ein strenger Jurist, aber nur im Buchstaben, nicht im Geiste, daneben ein harter, rachgieriger, sogar unmoralischer Mann, ein Mensch, der dann und wann an Säuferwahnsinn litt. Hier sei kein neuer Stein denen zugefügt, die unter heißen Flüchen auf sein Grab geworfen worden sind; es mag sogar angenommen werden, daß der Mann, ein bureaukratischer Fanatiker, in seinem Rechte zu sein und als Folterknecht seinem Staate einen Dienst zu leisten glaubte.

Aber was Weidig unter ihm und seinen Helfershelfern litt, das übersteigt alles Maß dessen, was in Schauerromanen von [19] den Qualen der Verließe und Marterkammern erzählt wird. Ein System raffinirtester Quälerei griff Platz in den Verhören, in der Behandlung, in jeder Berührung mit dem armen Gefangenen. Was den Unbefangenen mit wehmüthiger Bewunderung erfüllt, die Festigkeit und Klugheit, mit der Weidig es trotz aller Lockungen und Drohungen standhaft vermied, irgend einen Mitschuldigen zu nennen, einen Freund zu compromittiren, das ward ihm als Trotz und Verbrechen angerechnet. Gepeinigt von Vorwürfen, gestachelt von Sarkasmen, überhäuft mit höhnischem Spotte, ließ er sich manchmal hinreißen zum Gegengebrauch der nämlichen Waffen – niemals zu einer Silbe von Verrath – darauf aber schien man es gerade abgesehen zu haben, um ihn zu martern und zu strafen. Vergeblich waren seine immer wiederholten Klagen, seine Proteste wider die Parteilichkeit des Richters, seine Bitten um Erlaubniß des beschränktesten Verkehrs mit den Seinigen. Man gestattete ihm nicht ein Wort der tröstenden Zusprache an seine der Entbindung nahe Frau, nicht den Anblick des ihm geborenen Kindes, um den er flehentlich gebettelt hatte. Briefe an ihn, selbst unverfänglichen Inhalts, blieben ruhig bei den Acten; die Lectüre wurde ihm entzogen – eine wahre Tortur für einen Mann, der gewohnt ist, sich geistig zu beschäftigen.

Wie der Leiter der Untersuchung, so die Beamten und Unterbeamten bis herab zum Gefangenwärter, diese Letzteren glaubten sich durch brutale Behandlung des in ihren Zwang gerathenen Unglücklichen bei Jenem angenehm zu machen, und so war es in der That. Aushorchen, barsche Zurechtweisungen, Unterlassung der kleinsten Gefälligkeiten, Versagen des Arztes bei Krankheitsfällen, Alles das kam nur zu oft vor. Aber noch weit mehr! Wiederholt ward Weidig, wegen verletzter Ehrerbietung gegen seinen Richter, mit Ketten belastet; es wurde ihm der „Sprenger“ angelegt, ein eiserner Ring, der die Hände an die Füße fesselt; er wurde Tage lang an die Wand geschlossen; es wurde ihm mit Krummschließen, ja sogar mit Hieben gedroht – und nicht blos gedroht! Wer die „Mysterien des Darmstädter Stockhauses“ aus jener Zeit schreiben könnte, die Leiden zu schildern wüßte, welche die armen Opfer einer großen Idee, die Minnigerode, Bogen, Weidig zu erdulden hatten, wahrlich, der würde einen der merkwürdigsten Beiträge zur Geschichte des Jahrhunderts der Civilisation liefern. Ist es da zu verwundern, wenn ein klarer Geist sich umnachtet, der Mann der Freiheit körperlichem und seelischem Siechthum verfällt und endlich in der gräßlichen Verzweiflung den einzigen Ausweg aus solcher Hölle sucht? Mit seinem Blute hatte Weidig mehrere Male, da ihm jedes Schreibgeräth entzogen war, die dringendsten Gesuche an die Behörde geschrieben; man zuckte die Achseln über solche „Ueberspanntheit“ und warf die entsetzlichen Tafeln mit dem Lächeln der Macht zu den Acten. So mußte denn das blutige Drama ein blutiges Ende finden.

Zwei Jahre hatte Weidig seines Kerkers Qualen heldenhaft getragen; länger vermochte er es nicht. Am 23. Februar 1837 fand ihn der früh vor acht Uhr in die Zelle tretende Gefangenwärter in seinem Blute schwimmend. Statt nach Hülfe zu rufen, selber zu helfen – schloß der treue Diener seines Herrn das Gefängniß rasch wieder zu und lief zu diesem, um – wahrscheinlich hochwillkommene Meldung zu thun. Und nun folgt das Entsetzlichste. Zwei volle Stunden ließ man den Verwundeten im Todeskampf ohne jeden Beistand, versperrt in der grauenvollen Kerkereinsamkeit. Als endlich nach Ablauf dieser langen, langen Zeit Aerzte im Geleite des Richters an das Todesbett traten, da war es freilich zu spät, – noch einmal hob sich der gemarterte Leib empor, deutete starr blickenden Auges mit dem Finger nach der Wand, sank zurück und verschied. An der Kerkerwand aber stand mit blutigen Zügen geschrieben: „Da mir der Feind jede Vertheidigung versagt, so wähle ich einen schimpflichen Tod aus freien Stücken. F. L. W.“ Aus allen vorhandenen Indicien ging hervor, daß der Unglückliche, als der Wärter bei ihm eintrat, eben erst angefangen hatte, sich mit einer Glasscherbe den Hals zu durchschneiden und wahrscheinlich, selbst wider seinen Willen, hätte gerettet werden können, wenn ihm sofort Hülfe geworden wäre. Als am 24. December .1835 ein anderer „politischer“ Gefangener einen Selbstmordversuch gemacht hatte, ließ der nämliche Kerkermeister diesen sofort bewachen, für den armen Weidig hatte er die zarte Rücksicht der Pflicht nicht. Er sollte sterben. Sein Tod erregte das grenzenloseste Aufsehen und eine Erbitterung, welche lange nachklang. Niemand wollte an Selbstmord glauben; die medicinische Facultät der Universität Zürich gab sogar, von Weidig's Brüdern aufgefordert, das Gutachten ab: „Es ist weder gewiß, noch wahrscheinlich, daß Pfarrer Weidig die Halswunde in ihrer ganzen Ausdehnung sich selber beigebracht habe.“ Aber den Schleier, der über jenen beiden grauenvollen Stunden gebreitet lag, vermochte Niemand zu lüften.

Dagegen wurde durch den Freimuth der Gerichtsärzte zur Evidenz erwiesen, weshalb der charakterstarke, geistig große Mann sich so plötzlich den Tod gegeben – er warf sein Leben weg, weil es bübisch entehrt worden war. Bei der Section des Leichnams fanden sich nämlich auf den Oberschenkeln verschiedene kaum verheilte, in der Tiefe mit Blutgeschwulst[WS 1] verbundene Wunden striemenförmig nebeneinander; kein Zweifel konnte darüber obwalten, daß der Unglückliche kurz vor seinem Tode auf das Empfindlichste gezüchtigt worden war, und zwar aller Wahrscheinlichkeit nach mit einem Ochsenziemer. Er, der Mann des reinen Lebens, der Wissenschaft, der Seelsorger, – er war mit der entehrenden Strafe der Sclaven oder des Auswurfs der Menschheit freventlich, gegen das ausdrückliche Verbot der Oberbehörden, in grausamster Weise belegt worden – und da blieb ihm weiter nichts übrig, als zu sterben. Unbilliges erträgt kein edles Herz.

Und warum, warum? Weidig mußte sterben, blos darum, weil er gewollt und erstrebt hat, was Alle die, welche da hinter ihm in Reih' und Glied liegen, gewollt, erstrebt und mit ihrem Herzblut erkauft haben. Denn die peinlichste Untersuchung hat nichts weiter auf ihn gebracht, als das Ziel: Umänderung der bestehenden Staatsform in Deutschland, einseitig durch den Willen der überwiegenden Mehrzahl der Regierten, ohne Rücksicht auf freie Zustimmung der Regenten – nach der Auffassung der von den Karlsbader Beschlüssen beeinflußten Untersuchungscommissionen – nach seiner eigenen Aussage aber und derjenigen aller seiner sogenannten Mitschuldigen: Herstellung der politischen Einheit Deutschlands mit Aufhebung der Staatenvielheit und Wiedereinsetzung eines deutschen Kaisers aus dem Hause Preußen. Das aber ist heute Wahrheit geworden. Viel edles Blut ist darum geflossen, aber keines edler, als dasjenige des Märtyrers, an dessen Grabe wir sinnend stehen mit der herzzerreißenden Frage: Also darum Räubern und Mördern gleich behandelt, darum hinuntergestoßen in Nacht, Verzweiflung und Tod?! Welche Contraste liegen hier dicht beieinander – das eiserne Kreuz und die Sclavenpeitsche!

Die bewundernde Theilnahme einer Nation, welche die Opfer des heiligen Kriegs unter Blumen bettet – und das Hinausführen eines ebenso guten, wo nicht besseren Sohnes auf schlechtem Schragen, im unheimlichen Zwielicht, ohne Geleit, verscharrt an damals abgelegener Stelle, weit entfernt von denen, die da starben als Biedermänner oder wohlangeschriebene Richter auf dem warmen Daunenbette der Gerechten. Aber der Baustein, den die thörichten Werkleute verworfen, ist zum Eckstein geworden. Glänzendere Genugthuung ist keinem nach verödetem Leben geworden, als dem Manne, den eine sinnige Bürgerwahl im Tode zum Führer gemacht hat der Helden, die sein Ideal zur Wirklichkeit gebracht haben.

Sein Grabstein sagt den Rest. Er ist ein einfaches Kreuz auf würfelförmigem Postament, beides aus Sandstein. Ein schwarzes Schild trägt die Inschrift: „Dr. Friedrich Weidig, Pfarrer zu Obergleen, gest. 23. Febr. 1837. Du starbst nach langer Kerkerhaft als heiliger Streiter, Dein freier Geist sucht in gestirnter Höh' des Lichtes Urquell.“ – Merkwürdiger ist diejenige der Vorderseite des Piedestals, sie lautet: „Die Inschrift dieses Kreuzes, theilweise zehn Jahre lang auf Befehl der Behörde durch Eisenkitt verdeckt, wurde im Juni 1848 der Anschauung wiedergegeben und dieses Denkmal erneuert und vervollständigt durch Weidig's Freunde und Verehrer.“ – Die Angst, wie die Rache hatten sogar über dem Grabe gewacht. Endlich trägt die Rückseite den Vers:

„Vaterland, dein sei mein Leben,
Dein mein Fürchten, Hoffen, Streben,
Und zum Lohne gieb dafür

Grab in freier Erde mir.
F. Weidig.“

Er ist aus einem Gedicht des Hingerichteten genommen. Man [20] darf über die Wahl der Inschriften rechten, sie vielleicht nicht ganz glücklich nennen. Die schönste wäre der Anfang der begeisterten Zeilen gewesen, welche Herwegh dem Andenken Georg Büchner's, des treuen Freundes und Mitstreiters von Weidig, gewidmet hat unter dem Motto: „Die Guten sterben jung, und deren Herzen trocken wie der Staub des Sommers, brennen bis zum letzten Stumpf.“ – –

Ein großes Fragezeichen der Cultur, der Bildung, der Menschlichkeit ist dieses Kreuz. Wer vor ihm steht, dem zieht die Geschichte des Vaterlandes von seiner tiefsten Schmach an bis zu seiner endlichen Erhebung in ergreifenden Bildern an der Seele vorüber. Wohl ihm, wenn er dann getröstet und gefestigt rufen kann: Nein, und abermals nein – solche Zeiten können niemals wiederkehren in Deutschland.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Blutgeschulst