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Am Grabe der tugendreichen Jungfrau M. Ursula Lang. Den 28. Februar 1834

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Textdaten
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Autor: Johann Martin Rauch
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Titel: Am Grabe der tugendreichen Jungfrau M. Ursula Lang. Den 28. Februar 1834
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aus: Sechs kurze Trauerreden. Bei Beerdigungen gesprochen. S. 37–43
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Auflage:
Entstehungsdatum: 1831
Erscheinungsdatum: 1834
Verlag: Alois Attenkover
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Erscheinungsort: Ingolstadt
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Quelle: Scans auf Commons
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[37]

VI.

Am Grabe der tugendreichen Jungfrau M. Ursula Lang. Den 28. Februar 1834.


Beati mundo corde, quoniam ipsi Deum videbunt. Matth. 5.

Selig, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott anschauen.


Der Mensch ist ein Fremdling auf dieser Erde. Er tritt in dieses Leben ein, weilet eine Zeit lang hienieden, und zieht sich dann zurück vom Schauplatze, auf dem er seine Thätigkeit äusserte. Er ist also nicht für diese Erde geschaffen, und hat, wie der heil. Paulus sagt, hier, keine bleibende Stätte.

Von der Wahrheit dieser Worte überzeugt uns die Geschichte und die tägliche Erfahrung. Schauen wir zurück auf die verschwundenen Jahrtausende, überblicken wir die unübersehbaren Millionen von Menschen, die auf dieser Erde lebten, und fragen wir: Wo sind sie? Die Geschichte wird uns antworten: Sie sind vergangen, wie ein Rauch, wie die Spreu vom Winde wurden sie hinweggeweht. Sie sind [38] verschwunden, wie die Jahre, die ihnen zum Daseyn und Genuße gegeben waren. Und erfüllten viele auch eine große Zahl von Jahren, wir finden sie nimmer; nirgends ist mehr eine Spur von ihnen! Wer also immer in diese Welt eintritt, er muß über kurz oder lange dieselbe verlassen; er hat kein Bleiben, keine Dauer hienieden, wie dieses auch die tägliche Erfahrung lehret.

„Es ist dem Menschen aufgesetzt, einmal zu sterben.“ Es ist dieses eine Schuld, die jeder unabweislich abzutragen hat. Dieses sehen wir auch so eben wieder. Es ist hier ein Grab vor uns geöffnet, das vor unsern Augen die hinfälligen Reste einer tugendreichen Jungfrau in seinen Schoos genommen hat. –

Wie? wenn der Mensch hier keine bleibende Stätte hat, wenn er eine zukünftige suchet, wozu ist ihm dieses kurze und hinfällige Leben gegeben? Es soll ihm ein Mittel seyn, zur Erlangung eines künftigen, eines unvergänglichen Lebens. Er soll dieses ewige, künftige Leben als sein letztes Ziel und Ende stets im Auge haben. Er soll wie ein Pilger, der eine grosse Reise vorhat, unaufhörlich vorwärts schreiten, auf seinem Wege nicht stille stehen, keine Gefahr, kein Hinderniß fürchten, das ihn vom Ziele abführen könnte.

[39] Er weiß, daß Tugend und Frömmigkeit die sichersten Stützpunkte sind, er soll also nach Schätzen trachten, die Rost und Motten nicht verzehren, und kein Dieb rauben kann. Ein reines, schuldloses Leben ist jener Schatz, der uns jenseits Freunde machtet, die uns nach Vollendung unserer Pilgerschaft freudig begrüssen und uns in die ewigen Hütten aufnehmen.

Dieses schöne, dieses erhabene Ziel hatte Maria Ursula Lang, an derer Grabe wir versammelt sind, von frühester Blüthe ihrer Jugend im Auge. Ausgerüstet von ihren seligen Eltern mit christlicher Erziehung, bewahrte sie den Saamen des Guten in frommem, folgsamen Herzen. Auch ihr wurden viele Schlingen gelegt, die Netze der Verführung wurden auch gegen sie ausgespannt; allein sie war keine von jenen thörichten Jungfrauen, die leichtsinnig Gott und ihre Bestimmung auf die Seite setzen, und blindlings der reizenden Lust sich in die Arme werfen. Der Glaube, daß nur Unschuld und Tugend dem Menschen wahren Werth verschaffen, bewahrte sie vor den Verirrungen der Jugend. Der Ausspruch Jesu, daß nur die Reinen Gottes Antlitz schauen werden, ward ihr der sicherste Führer auf der Bahn des Heiles. Und wohl wissend, [40] daß, nach des heiligen Chrisostomus Lehre, „die Jungfrauen die Blumen im Garten der Kirche sind und daß jungfräuliche Unschuld und Tugend über den Ehestand so weit erhaben steht, als der Himmel von der Erde entfernt ist.“[1] weihete sie sich ganz dem ehelosen Leben, und leuchtete bis zu ihrem stillen und sanften Lebensende durch einen ausgezeichneten frommen und sittsam-christlichen Wandel. Sie kannte auf Erde keinen andern Bräutigam ihrer Seele, als ihren göttlichen Erlöser. Vereint mit ihm schon auf dieser Erde wird sie am Ziele ihrer Bahn nun auch mit brennender Lampe zum seligen Hochzeitmahle des himmlischen Bräutigams eingegangen seyn, und in ewiger Freude den Lohn für ihre Tugenden ärnten. –

Dieses ist der kurze Lebensumriß der so eben in’s Grab gesenkten christlichen Jungfrau. –

Oh wie glücklich schätzte ich mich, wenn ich allen Euren Töchtern und Söhnen, versammelte Zuhöhrer! ein solches Zeugniß geben könnte! Aber ach! mit welcher Wehemuth muß das Herz des Menschenfreundes erfüllet werden, wenn er die heutige Jugend betrachtet! – Wie weit [41] entfernt ist aus den Familienkreisen die christliche Erziehung und Ordnung, dieser kostbarste Schatz! Unsere Vorerltern glaubten, ihren Kindern kein besseres Erbe hinterlassen zu können, als sie in Unschuld und Tugend, in Frömmigkeit und reinen Sitten heranzuerziehen.

Aber sie sind gestroben, diese christlichen Voreltern. – Und das wichtigste Geschäft, die christliche Kinderzucht, ist zu einem leeren Namen geworden. Die heilsame und fruchtbringende Ruthe ist gegen Offenbarung und Erfahrung aus den Häusern geächtet worden; Religion, Tugend und gutes Beispiel sind den meisten Vätern und Müttern ein unbekanntes Land geworden. Der sträflichste Leichtsinn verwahrloset alle Kinderzucht. –

Und sehet nun: „Wie die Alten sungen, zwitschern auch die Jungen!“ „Aus den Früchten erkennt man den Baum.“ Und welche Wahrheit liegt in dem alten deutschen Worte: „Man kennt das Wetter am Wind, – den Herrn am Gesind’, die Mutter am Kind’!“ –

Ja, weil Eltern und Vorgesetzte selbst, so häufig losgesagt von allem religiösen Sinne, vielseitig auch ohne christliche Zucht herangewachsen sind, was Wunder noch, wenn die heutige Jugend in Zügellosigkeit und Leichtsinn [42] heranwächst?! wenn sie das Heilige mit Füssen tritt, wenn sie frech und ausgelassen alle Fessel der Zucht und Ordnung zerschellet, wenn sie unerlaubten Bekannschaften nachjagt, alle schändlichen Tanzplätze besuchet, sich ihrer Unverschämtheit rühmet, und die niedere und thierische Wollust als höchste Gottheit verehrend, sich ein frühes und ewiges Grab bereitet!! – –

Traurig, höchst traurig ist dieses Gemälde! O möchten die düstern Farben desselben nur nicht aus dem wirklichen Leben genommen seyn! – O möchte es uns bald gelingen, ein milderes, ein freundlicheres Bild von unserer Jugend entwerfen zu können!! – –

Ich bitte und beschwöre Euch daher, Ihr christlichen Eltern, Hausväter und Hausmütter! fasset an diesem Grabe hier den feurigen Entschluß, mit rastloser Sorgfalt Unschuld und Tugend Euerer Kinder und Untergebenen zu schützen und zu bewahren! laßt Euch keine Mühe gereuen! Ihr könnt für ihr und Euer ewiges Heil nichts Grösseres, nichts Wichtigeres unternehmen! Entfernet den bisherigen Leichtsinn und rettet Euere und Euerer Kinder Seelen vor dem Fluche Gottes und der ewigen Verdammung! Ihr seyd die ersten und nächsten Wächter! scheuchet die Wölfe zurück! seyd wachsam und schlafet nicht, damit nicht der Feind komme, [43] Euere Sorglosigkeit benütze, und das Unkraut unter den Waizen säe, das, wenn es nicht im Keime erstickt und ausgejätet wird, mit schrecklicher Ueppigkeit emporwuchert, und den kostbaren Waizen, die Unschuld und Tugend Euerer Angehörigen und Pflichtbefohlenen verschlinget! –

Nur dann, wenn Ihr dieses thut, wenn Ihr wirket, so lange es noch Tag ist, wenn Ihr selbst überall mit dem schönsten Beispiele voranleuchtet, wird auch Gott zu Euerer Mühe seinen Segen geben, und Ihr könnet am Abend’ Eures Lebens im Bewußtseyn erfüllter Pflicht ruhig und getrost in ein ewiges, besseres Jenseits hinübergehen; und sanft und ruhig wird Euere Hülle im Grabe schlummern, und stets gesegnet Euer Andenken fortleben. Amen.


  1. Sieh dessen Werklein über die Jungfrauschaft c. 10. 11. etc.