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Alwine

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Textdaten
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Autor: Paul Wislicenus
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Titel: Alwine.
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aus: Die Gartenlaube, Heft 21, S. 347–352
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Erzählung in 4 Teilen // Heft 21–24
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[347]

Alwine.
Der Wirklichkeit nacherzählt von Paul Wislicenus.

Da saß ich endlich vor dem Kaffee, in meinem Hôtelzimmer, in der fröstelnden Morgenfrühe, und nun konnte ich in Ruhe dem halblauten, eigenthümlichen Gesange im Nebenzimmer lauschen. Es war eine tiefe Frauenstimme, welche sang. Wollte sie ein Kind einschläfern? Aber so früh am Morgen? Es schien mir unmöglich.

Endlich schwoll der Gesang stärker an und der Text des Liedes wurde verständlich:

„Und soll ich denn begraben sein,
Legt mich nicht in’s dunkle Grab hinein,
Ach, legt mich am Wasser auf feuchten Sand,
Laßt mich schlafen am wilden Meeresstrand!“

Nun war sie still, und es überkam mich wehmüthig. Ich kannte das Lied, und sie sang es so ausdrucksvoll und traurig. Da, horch, tönte die Stimme wieder:

„Und wenn die Woge dumpf erbraust,
Der Sturmwind durch die Dünen saust,
Das Schiff erdröhnt, die Raae bricht –
Ich bleibe still, und rege mich nicht.“

Aber was war denn das? Klang es nicht wie ihre Stimme, die Stimme der Heißgeliebten, Verlorenen? War das nicht ihr Lied, welches mich verfolgt hatte seit jener schaurig-süßen Zeit – – Wo hatte ich meine Gedanken gehabt!

[348] Das Blut trat mir einen Augenblick zum Herzen – – Sie neben mir, sie, die meine Erinnerung mit bleichen Rosen kränzte, als eine für mich Todte, – sie, die ich jenseits des Oceans glauben mußte – – Nein, es war unmöglich! Der Zufall müßte zu seltsam gespielt haben.

Ich versuchte meiner Unruhe Herr zu werden; allein die heiße Aufwallung fieberte mir im Kopf und Herzen nach; mein ganzes Wesen glomm auf in Liebe und sehnsüchtigem Weh. Klar stiegen sie mit einem Male wieder empor, die Tage, wo „die Woge dumpf erbrauste, wo der Sturmwind durch die Dünen sauste, wo das Schiff erdröhnte und die Raae brach“ – ich dachte an alle Einzelheiten jener Fahrt über’s Meer, die ich einst von Liverpool aus gemacht hatte und bei der wir Alle leicht hätten „am Wasser auf feuchten Sand“ gebettet werden können.

Er war das einzige Opfer gewesen. Ich sah ihn wieder auf dem Verdeck sitzen und uns den Scheidegruß nachwinken, als wir auf der Rhede von Boston das Schiff verließen; ich hörte beinahe seine Stimme, so mächtig tauchte die schmerzliche Erinnerung in mir auf. Aber vor sein Bild trat wiederum sie – sie – –




Bei der Abfahrt von Hamburg hatte ich das erste Wort aus ihrem Munde vernommen.

Da stand sie neben mir auf dem kleinen Hamburger Dampfer und fragte, auf das Meer zeigend, das sich in grauen Wellen vor uns kräuselte: „Was ist das?“ Und als ich ihr lächelnd erwiderte: „Das ist das Meer, Fräulein,“ machte sie zuerst ein ungläubiges Gesicht, sah dann hinaus auf die graue Wasserfläche, schaute mich an, blickte wieder auf das Wasser und lachte endlich aus bedrängtem Herzen hell auf: „Ich dachte, es wäre Sand.“ Und als wir nun weiter und weiter hinausfuhren in den lebendigen „Sand“, da wurde es dem schönen Mädchen immer banger zu Muthe; der Wind sauste durch die Taue, wehte um die Mäntel der Passagiere und spielte in den goldenen Locken meiner Nachbarin, und sie zog mit einer reizenden Bewegung des Armes dem Kragen des Mantels über den Kopf. Der Dampfer begann sich zu heben und zu senken; jetzt strebte das Vorderdeck in den Himmel, und hinter dem sinkenden Hinterdeck stieg die finstere, beschäumte Meeresfläche mit ihren Schiffen empor; dann erhob sich das Hinterdeck, und wir glaubten nach vorn rutschen zu müssen. Aengstlich hielt sie sich mit ihrem weißen Arme an der Brüstung; dann fragte sie mit ängstlicher Stimme: „Hört es bald auf so zu schwanken?“ Und als ich sie versicherte, daß es wohl bis England so fortgehen werde, rief sie plötzlich: „Halten Sie mich doch! Ich falle um.“

In der Ferne sahen wir die Küste von Deutschland verschwinden – ein zarter hell erleuchteter Streifen Landes, der immer länger wurde und immer schwerer zu erkennen war. Ich zeigte ihr das Land, sie brach in Thränen aus. Nach längerer Zeit hob sie ihren Kopf aus dem Taschentuche und trocknete sich die Augen. Dann sang sie leise mit schmelzendem Wohllaut:

„Nun ade, du mein lieb’ Heimathland;“

und als sie an die Verse kam:

„Gott behüte dich, mein Liebchen traut,
Lieb’ Heimathland, ade,
Gott behüte dich, du liebe Braut!“

versank ihre Stimme langsam in innerer Erregung, wie wenn im Winter ein einsamer Vogel immer mehr in den Schnee versinkt und nicht weiter kann – und endlich brach sie in Schluchzen aus.

Die Glocke rief zu Tisch, und sie schlüpfte in ihre Cabine. Die Tischgesellschaft sammelte sich zur Mahlzeit; wir machten neugierige Gesichter und sprachen von ihr. Der Kellner war aufmerksam und zartfühlend genug, der „schönen Nürnbergerin“, wie wir sie nannten, weil ihr Accent uns an Nürnberg erinnerte, einen Platz mir gegenüber zu reserviren, da ich der einzige Mensch war, den sie freiwillig angesprochen, ja, mit dem sie überhaupt mehr als zehn Worte gewechselt hatte. Die ganze Tischgesellschaft war auf mich eifersüchtig oder erzeigte mir eine hochachtungsvolle Aufmerksamkeit. Alles steckte die Köpfe zusammen, gesticulirte, verdrehte die Hälse nach mir, gesticulirte wieder, rieth, vermuthete und lächelte. Am längsten blickten die jungen Mädchen verstohlen nach mir herüber; ich wurde von verschiedenen Seiten lange und schweigend gemustert. Man hielt mich für etwas Besonderes, sei es Bruder, sei es Vetter, Freund, oder gar stillschweigender Bräutigam. – Dann kam sie selbst, unbefangen, fast glücklich und heiter. Sie setzte sich mir gegenüber und grüßte freundlich, und, was bei Frauen so oft sich ereignet, wenn sie sich ausgeweint haben – sie sprach – sie sprach von ihrer Heimath, sprach von ihrer Verwandtschaft und gar von ihren Herzensangelegenheiten; mit einem Worte: sie erzählte, ohne gefragt zu sein, Alles, was wir wissen wollten, und das Alles mit der zierlichsten Stimme und dem kokettesten Hessisch; sie war nicht aus Nürnberg, „eh nain,“ sondern aus „Damstadt;“ sie hatte keine „Eldan“ mehr; „nain,“ sie hatte nur einen Onkel, der ihr Vormund, und eine Tante, die ihre beste Freundin war, und sie hatte auch einen Bräutigam, ja, und der wollte sie in zwei Jahren von New-York abholen; sie wollte also nach New-York, und zwar hatte sie drüben in einer reichen Familie in Staten-Island einen Posten als Gouvernante, sie sollte die „Kindercher“ erziehen, ja, und – als die Tafel aufgehoben wurde, hatte sich der eine Theil der dem männlichen Geschlechte angehörigen Tischgesellschaft in sie verliebt, dem andern war sie völlig gleichgültig geworden; es galt nämlich die Frage, ob ihr Bräutigam sie wirklich in zwei Jahren von New-York abholen werde; die Gleichgültigen meinten: „Ja!“ die Verliebten aber lächelten, zuckten die Achseln und lispelten: „Schwerlich!“

Mir war sie keineswegs gleichgültig geworden; wie gern hätte ich ihr Vertrauen durch das meine erwidert, wenn ich mich angesichts ihrer Verlobung dazu für berechtigt gehalten hätte! Sie reiste denselben Weg wie ich, und sie reiste allein; ich nahm mir vor, sie ihrem Bräutigam, ihrem Onkel, ihrer Tante, und – sich selbst zu bewahren. Und ich hatte bald Anlaß dazu, für sie zu sorgen.




Es war am 22. October vorigen Jahres, als wir uns in Liverpool einschifften. Ich hatte das Gepäck meiner schönen Schutzbefohlenen – Hutschachteln, Koffer, große verschließbare Körbe und Reisetaschen, mit schwarzgeränderten, weißen Etiquetten beklebt, welche in rothem Drucke die Buchstaben A. B., die Anfangsbuchstaben ihres Namens „Alwine Bodinus“ trugen – vom Hôtel auf die Landungsbrücke schaffen lassen, welche, da wir augenblicklich Ebbe hatten, tief gesunken war. Unter dem Getümmel bat ich sie, sich stets bei den Sachen zu halten, während ich die Verladung derselben und unsere Einschiffung besorgte. Ich rannte dabei hierhin und dorthin und verlor sie, als ich in die Bude trat, wo ich die Taxe für die Einschiffung zu entrichten hatte, einige zehn Minuten völlig aus dem Gesichte. Als ich zurückkehrte, war sie schon an Bord; auch war sie nicht allein; sie hatte Bekanntschaft gemacht, und zwar mit einem kleinen blonden Knaben, der auf ihrem Schooße nur mit Mühe festgehalten wurde und mit seinen blauen Augen lebhaft um sich blickte. Bei ihren Worten: „Da sind Sie ja; ich hatte schon Angst, Sie kämen zu spät,“ starrte er mich an, sah ihr dann rücklings in’s Gesicht und fragte sie im besten Londoner Englisch: „Ist das Ihr Freund?“ worauf sie nickte und lachte und er mich wieder anstarrte.

Das Schiff fing an zu ächzen, sich zu heben und zu senken; das Wasser erbrauste und schäumte vorwärts und rückwärts; die Seile wurden am Lande gelöst und auf’s Deck geworfen – endlich fuhren wir ab. Tücher winkten, Thränen glänzten; Menschen drängten sich hüben und drüben zusammen. Ein tausendstimmiges „Hurrah“ vom Lande und ein hundertstimmiges vom Schiffe, ein letztes Wehen mit den Tüchern – der Capitain stand oben auf der Brücke zwischen den Radkästen, und wir dampften, bei den gleichmäßigen Stößen der Maschine in regelrechtem Achtsechszehnteltacte erzitternd, die glatte Fluth zertheilend, plätschernd und schäumend in den heiteren Hafen hinaus. Der Bug richtete sich auf den Ausgang in’s Meer, der in der Ferne vor uns lag, und der kleine Blondkopf, der noch immer auf dem Schooße meiner schönen Freundin mit Mühe festgehalten wurde, sagte, nachdem er lange aufmerksam nach der Rhede hinübergestarrt hatte: „Sieh, Lady, wie das Land wegschwimmt!“

Es war ein schöner, heiterer Morgen; die Herbstluft glänzte klar über dem kühlen, spiegelnden, gewellten Wasser; die Ufer liefen drüben auf beiden Seiten hin, als hätten sie mehr [349] Eile, in Europa zu bleiben, als wir, nach Amerika zu kommen. Das heitere Braun der herbstlichen Vegetation schien sich des liebenswürdigen Sonnenscheins zu freuen, der über Allem ausgebreitet lag. Ein stattliches Schiff, das vor Anker lag und sich mit seinen stolzen Masten und seinem eleganten Tauwerk in den Wellen spiegelte, schwand dicht an uns vorbei, und die große englische Flagge wehte uns von der Hauptraa des Hintermastes noch freundliche Scheidegrüße nach. Am Lande lag eine chinesische Dschonke, mit ihrem aufgeschachtelten Hinterdeck, ihrem plumpen Bug und den jalousieförmigen Holzsegeln auf ihren drei niedrigen Masten – von drüben glitt uns ein Schlepper entgegen und schoß, ein großes Kauffahrteischiff mit schlaffen halb aufgebundenen Segeln am Seile hinter sich ziehend, qualmend an uns vorüber.

Bereits hatte man auf dem Deck meine schöne Begleiterin, den hübschen Jungen und mich bemerkt, und man hielt uns offenbar für zusammengehörig, für eine moderne heilige Familie – Vater, Mutter und Kind –, „aber die Mutter ist noch merkwürdig jung,“ lispelte ein schmächtiger Jüngling aus Albion, indem er mich mit vorwurfsvollen Blicken betrachtete.

Innerhalb des Häuschens, das auf dem Decke zum Schutze gegen den Regen aufgebaut war, führte eine Treppe in die Tiefe; von dorther ertönte plötzlich ein schwerfälliges Keuchen und darauf entwand sich dem Treppenhäuschen die Gestalt eines dicken alten Herrn, dem man auf hundert Schritt angemerkt haben würde, daß er aus London war, und auf den der kleine Bursche, plötzlich lebendig geworden und vom Schooße meiner Nachbarin herabgleitend, mit dem lebhaften Ausruf zustürzte: „Pa, wo ist Ma?“ sodaß die gesammten Passagiere auf dem Deck uns Beide plötzlich für kinderlos hielten.

Wir waren unterdessen auf dem offenen Meere angelangt und glitten bei ruhigem Wetter an der Küste von Wales hin, die mit ihren Bergen von ferne zu uns herüberschaute. Die Glocke hatte zu Mittag geläutet, und ich saß mit dem schönen, lieben Mädchen bei Tische, beinahe Arm in Arm. Wir hatten die gepfefferte erquickende Suppe und die erfrischenden gesalzenen Gerichte soeben an uns vorübergehen lassen, plauderten und knackten Mandeln oder vertieften unsere Finger in Traubenrosinen, als ein gegenüber sitzender Herr, der sich mit uns in ein Gespräch eingelassen hatte, meine schöne Tischnachbarin plötzlich fragte:

„Aber weshalb nennen Sie einander immer ‚Sie‘? Ich kenne zwar Deutschland, dieses schöne und große Land, diese Heimath der Genien und der Heroen, dieses Land des Rheins und Baden-Badens, nur vom Hörensagen, aber ich muß falsch unterrichtet sein, wenn es nicht Thatsache ist, was man mir sagte, daß nämlich in Ihrer unvergleichlichen Heimath die Kinder die Eltern und die Gatten einander ‚Du‘ nennen, ein Ehrentitel, den man bei uns in England nur noch dem Schöpfer aller Welten beilegt.“

Meine unschuldige Freundin blickte erschreckt auf. Sie begegnete meinem Auge und schlug hastig das ihrige nieder, sie blickte auf den Tisch und bat um Pfeffer – „Sehr gern, Mylady, aber essen Sie die Mandeln mit Pfeffer?“ – und sie stand plötzlich erröthend auf, verbarg den Mund und die feine Nase in ihrem schneeweißen Taschentuch und ging schnell weg.

Mir blieb die Aufgabe, den Mann über ein Verhältniß aufzuklären, welches offenbar in dem Bereiche seiner Erfahrungen beispielslos war. Alwine mochte erst jetzt auf den Gedanken kommen, daß unser stillschweigend geschlossenes freundschaftliches Reisebündniß falsch gedeutet werden könne; weder auf der Eisenbahnfahrt durch England, noch in dem Hôtel in Liverpool, wo wir in ganz verschiedenen Stockwerken und Flügeln des Gebäudes logirten und uns nur beim Mittagstisch mit höflichem Freimuth unterhielten, noch in den Nebeln der Stadt, wo ich mir manchmal erlaubte, sie bei ihren Ausgängen zu begleiten, – nirgends bisher war ihr der Einfall gekommen, „was die Menschen darüber sagen möchten“. Sie hatte sich gefragt, ob ich ihres Zutrauens würdig sei; sie hatte mich geprüft, und ich hatte die Probe bestanden. So verkehrte sie denn gern und völlig unbefangen mit mir, ohne mich jedoch zum Mitwisser eines ihrer intimeren Geheimnisse zu machen.

Die Art, wie sie mich auf die Probe gestellt hatte, war charakteristisch. Wir befanden uns noch auf der Nordsee; es war am zweiten Tage unserer Fahrt, und schon näherten wir uns dem Hafen von Hull. Damals bat sie mich um die Nachmittagszeit, ihr eine Kiste aufzumachen, die sie in ihrer Cabine stehen hatte, und ich beeilte mich, ihr und mir diesen Dienst zu erweisen. Sie bat mich etwas verlegen, einzutreten, und ich leistete der Aufforderung schüchtern Folge. Die Mordinstrumente, welche ich in der Hand hielt, erinnerten mich, daß ich gekommen war, um eine Kiste zu öffnen, und nachdem ich die Cabine mit den niedlichen Häubchen und ein paar kleinen Hausschuhen neben dem Waschtisch verstohlenen Blickes überflogen hatte, fragte ich meine Auftraggeberin, ob ich mich gleich an das Oeffnen der Kiste machen solle? Sie bat mich darum, und nun schwang ich den Hammer, brach mit dem Stemmeisen den Deckel los, und – empfahl mich mit achtungsvoller Verbeugung. Sie dankte und ich – empfahl mich nochmals, ging weg und gab meinen Hammer und das Stemmeisen an den Kellner zurück. Seit dieser Stunde hatte sie mich zu ihrem Beschützer erwählt; sie kam mir fortan so heiter, so ungezwungen und fröhlich, ja glücklich entgegen, daß ich mir mein Versprechen erneuerte, das liebe schutzlose Mädchen nicht aus den Augen zu verlieren und sie wohlbehalten an die reiche Familie in New-York oder genauer gesagt: in Staten-Island abzuliefern.

Mr. Bateman, mein englischer Begleiter, setzte sich zur Abendtafel wieder mir gegenüber und schlürfte seinen berauschenden englischen Thee, ohne das frische Weißbrod zu berühren oder sich mit den Rostschnitten zu versehen, die herumgeboten wurden, und als es hieß: unsere Freundin sei unwohl und werde nicht kommen, seufzte er: „Ein Engel weniger beim Abendessen!“ Ich gestand mir, daß er Recht hatte; sie war außerordentlich schön. Ihr volles, weiches Gesicht, ihr stolzer, lieblicher Mund, ihre sammetartigen, dunkelbraunen Augen, ihr weißer Teint und ihre eigenthümlich schönen gold-rothen Augenbrauen, überschattet durch volles Haar von der gleichen eigenthümlich schönen Farbe, vollendeten das Bild eines entzückenden Kopfes. Am andern Morgen fand ich den Engländer im Gespräch mit Jay Robinson, dem zweiten Steuermann, einen jungen und schlanken, in seinem Wesen fast eleganten amerikanischen Seemann, dessen entschlossener, feueriger Blick aus hellen stahlblauen Augen sein Gesicht anziehend und beinahe schön machte. Mr. Bateman war jetzt überzeugt, daß er in mir den ersten Gentleman der Welt gefunden habe und daß in seinem Anstandsbüchelchen ein gewisser Fall nachgetragen werden müsse. Er theilte soeben diese Entdeckung Jay Robinson mit, der sie mit lebhaftem Interesse anhörte und bei dessen Anblick ich Etwas wie Eifersucht empfand. Dann rief der jugendliche Seemann den blonden Jungen herbei, der gestern auf dem Schooße meiner Begleiterin gesessen hatte, und sagte zu ihm:

„Charlie, willst Du mit mir in meine Cabine kommen?“

„Und wozu?“

„Ich habe Etwas für Dich.“

„Und was ist das?“

„Schöne Marmorkugeln; die sollst Du haben.“

„Ich brauche keine Marmorkugeln.“

„Dann habe ich Seepferdchen, Sterne und Krabben.“

„Sind sie lebendig?“

No, sie sind getrocknet.“

Well, was soll ich dann mit den Seepferden? Ich liebe es nicht, mit todten Thieren zu spielen.“

„Ich habe auch schöne Bilder von Schiffen und Apfelsinen, und ein Stück Torte, Charlie. Willst Du nicht ein Stück Torte essen?“

„Ei ja, ich liebe Torte, und zeigen Sie mir auch die Bilder!“ – und dann ergriff er Herrn Jay Robinson’s Hand, und ging mit ihm in seine Cabine, die nebst den Cabinen der übrigen Schiffsofficiere auf dem Deck erbaut war.

Sie blieben lange Zeit drinn und schienen sich gut zu amüsiren. Wenigstens sah ich durch’s Fenster, wie sie Torte aßen und Cider tranken. Nach etwa einer Stunde kam Charlie mit zwei Bilderbogen, auf denen große Schiffe abgebildet waren, heraus.

Ich wartete bange und ungeduldig auf meine schöne Begleiterin, deren Zurückgezogenheit mich lebhaft beunruhigte. Im Augenblicke betrat sie das Verdeck. „Da ist sie,“ murmelte ich und ging lebhaft auf sie zu. Sie wich mir aus. Sich stellend, als hätte sie mich nicht gesehen, drehte sie sich rasch um und ging mit schnellen Schritten nach dem Bord, auf den sie ihren [352] Arm stützte, um nach den Gebirgen von Irland hinüber zu blicken, die in weiter Ferne kaum erkennbar in das rauschende Meer versanken.

Ich hatte eine schwierige Aufgabe. Man hatte sie für meine Gattin, meine Braut, meine Geliebte gehalten, und zwar gerade an dem ersten Tage unserer Fahrt, an welchem man, sich dem neuen Eindruck ihrer Schönheit hingebend, sie bewundert und sich für ihr Verhältniß zu mir interessirt hatte. Sie war von dieser Reise über das atlantische Meer, von dieser zahlreichen, gewählten und glänzenden Gesellschaft auf dem großen Schiffe enttäuscht. Sie hatte sich das Ganze anders gedacht. … Zwar hatte sie im Anfange nicht ungern bemerkt, daß sie, wie auf dem kleinen Hamburger Dampfer auf der Nordsee, der Gegenstand allgemeiner Bewunderung und Neugier war. Aber nun – – Sie war sehr unglücklich. Sie hatte Niemand mehr auf dem Schiffe, mit dem sie unbefangen verkehren durfte; sie war mehr als je in der Welt allein. Jene schüchterne Zutraulichkeit, mit der sie sich bei der Ausfahrt in die Nordsee an mich gewendet hatte, war einer vereinsamten, feindseligen Stimmung gewichen. Ich ließ alle diese Betrachtungen an mir vorüberziehen, und ich merkte ihrer ganzen Haltung an, daß ich Recht hatte. Schon regte sich mir etwas im Herzen, das der Leidenschaft nahe verwandt war.

Ich trat laut auf. Sie blieb still. Ich räusperte mich. Dennoch hörte sie mich nicht. Sollte ich sie bei Namen nennen? Zurückziehen wollte ich mich nicht – ich war unschuldig. Auch hätte ein Schmollen zwischen uns Beiden dem Geschwätz der Leute nur neue Nahrung gegeben. Plötzlich kam mir ein Gedanke.

„Haben Sie schon jenen Eisberg da draußen gesehen Fräulein Bodinus? Es ist ein seltenes Phänomen. Wohl kommen an der amerikanischen Küste öfters Eisberge vor, aber hier, an der Südwestspitze von Irland, ist, so viel die Seeleute sich erinnern, noch nie einer bemerkt worden.“

Sie schwieg noch immer, aber ihr Auge suchte den Eisberg.

„Sie finden ihn wohl nicht?“

„Ich finde Sie abscheulich.“

„Weil ich Sie auf einen Eisberg aufmerksam mache?“

„Sie behandeln mich wie ein Kind.“

„Verzeihen Sie! Das lag mir ganz fern. Der Eisberg ist Thatsache. Wollen Sie Ihre Augen ein wenig anstrengen, so sehen Sie in dieser Richtung einen glänzenden Punkt, wie einen Krystall. Ist Ihnen vielleicht mein Glas gefällig?“

„Lassen Sie mich, bitte, allein!“

„Aber Fräulein Bodinus, was habe ich Ihnen gethan?“

„Ich sagte es Ihnen schon.“

„Sie sagten, ich hätte Sie wie ein Kind behandelt, aber ich kann das nicht verstehen. Ich habe Sie beschützt, bin Ihnen behülflich gewesen. Ich bin Ihr Landsmann. Sie haben mich mit Ihrem Vertrauen beglückt. Nie bin ich Ihnen zu nahe getreten; nie hatte ich bisher auch nur einen Schatten von Mißstimmung zwischen uns aufkommen lassen, die wir doch nun einmal Reisegefährten sind.“

„Was wollen Sie denn mit Ihrem Eisberg?“

„Aber mein Fräulein, der Eisberg ist Thatsache. Bitte, überzeugen Sie sich selbst! Hier, nehmen Sie mein Glas! Eine solche Seltenheit in den Gewässern von Irland muß man auf dem festen Lande erzählen, und damit Einem die Leute glauben, muß man sie selbst gesehen haben.“

„Und wenn er zehnmal Thatsache ist, dieser Eisberg, weshalb treten Sie mit den Worten an mich heran: ‚Haben Sie den Eisberg gesehen?‘ Weshalb sagen Sie mir nicht Guten Tag?“

„Weil ich keine Antwort von Ihnen bekommen hätte.“

Sie sah sich um und blickte mir in die Augen. Dann plötzlich lachte sie hell und heiter. Und gleich darauf, als schäme sie sich ihres Lachens, stützte sie sich wieder auf und sah nach dem Eisberg.

„Ich freue mich, daß Sie den störenden, unangenehmen Zwischenfall von der heiteren Seite ansehen, liebes Fräulein,“ sagte ich. „Er verdient auch keine andere Behandlung. Denn erstens ist er ein dummer und täppischer Zufall, und zweitens ist Mr. Bateman noch dümmer als er. Auch habe ich den Leuten mittgetheilt, daß Sie längst, und zwar in Deutschland, verlobt sind.“

Kaum hatte ich geendet, als sie heftig aufstand, rasch nach dem Hinterdeck des Schiffes ging und mich einfach stehen ließ. Da stand ich und stampfte mit dem Fuße.

Als ich in meinem Groll mit dem Operngucker den Eisberg suchte, war auch er verschwunden. –



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Autor: Paul Wislicenus
Titel: Alwine.
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 22, S. 363–366
Fortsetzungsroman – Teil 2


[363] Ich wußte nicht mehr, was ich von Alwine halten sollte. Den andern Tag saß sie auf einem der Feldstühle auf dem Hinterdeck; sie war schöner als je. Erst jetzt, wo ich ihr wieder fern stand, empfand ich so recht das Verführerische ihrer Schönheit. Ich sah sie lange unbemerkt an und weidete mich an ihrem Anblick. Aber ich sagte mir auch, warum sie so verführerisch schön war. Weil sie aus einem Gemisch von Zutrauen und abstoßendem Stolze zusammengesetzt war. Während ich sie unbemerkt durch mein Glas musterte, bedauerte ich sie, denn jetzt, da sie mich beleidigt hatte, war sie vollständig vereinsamt. Ich bekümmerte mich nicht mehr um sie. Allen auf sie bezüglichen Fragen wich ich aus, und alle Bemerkungen über sie beantwortete ich mit einem Achselzucken; ich konnte nicht anders handeln.

Es war am vierten Tage nach unserem Wortwechsel. Unter großen, schön gefärbten zerrissenen Wolken, die bei kühlem Winde am blauen Himmel über das finstere Meer hinzogen, tummelte sich auf den Schaumfurchen eine Menge großer Fische, von etwa Manneslänge, die einen eigenthümlich fesselnden Anblick darboten. Die schöne Nürnbergerin, an deren Schooße eben Charlie lehnte, erblickte die Heerde Tümmler zuerst.

„O sieh, Charlie, die Fische!“

[364] „Ja, und wie viele!“

Wir kamen den Tümmlern immer näher.

„Sehen Sie, Lady, die langen Schwänze?“ Und lustig sprangen die mächtigen Fische auf dem dunklen Wasser umher.

Ich sehnte mich nach einem freundlichen Wort von Alwine und meinte, sie habe hier eine gute Gelegenheit, ihr Unrecht wieder gut zu machen. Allein sie rührte sich nicht; die Tümmler glitten vorüber, und wir waren wieder mit unserer Verstimmung allein.

Den andern Tag sahen wir in der Ferne das Meer rosenroth. Die Farbe näherte sich in Gestalt eines ungeheuren, ganz flachen, rothen Eilandes, und wir fuhren pfeilschnell darauf zu und endlich hinein. Es waren rosenrothe Quallen, deren Heerde weithin das Meer bedeckte; schöne glockenförmige Weichthiere mit zarten Fleischfransen, eines am andern. Ich sah sie zum ersten Male. Sie sollen sehr giftig sein, eine Berührung mit der Hand, sagte man, vergifte den Menschen. Ich dachte daran und mit einem aufsteigenden Gefühl von Bitterkeit sagte ich mir: Sie hat dich vergiftet, ohne Berührung, durch ihre herben Worte. Aber dieses Gefühl war kein nachhaltiges. Ich gewöhnte mich an die Kluft zwischen uns, – zuletzt wurde Alwine mir mehr und mehr gleichgültig.

Charlie war schon öfters in der Cabine des Steuermanns gewesen und jedesmal mit Cider, Pastete oder Obstkuchen tractirt, sowie mit Apfelsinen, Trauben und Mandeln beschenkt worden. Charlie war ein anhänglicher Junge; gewöhnlich ging er mit Lust und Munterkeit sofort zu seiner „Lady“, ließ sich von ihr auf den Schooß heben und erzählte ihr, was er eben wieder bekommen habe, während zum Beweise der Wahrheit die kleinen Hosentaschen von Apfelsinen aufgetrieben waren und ihm, während er Mandeln knackte, die Rosinentrauben zur Weste herausguckten. Ebenso hatte sie seine Bilder schon längst gesehen, und es verging kaum ein Tag, daß er nicht auf ihrem Schooße mit Mühe sich festhalten ließ und mit ihr in seiner altklugen Weise plauderte.

Das Wetter war stürmischer geworden; die schöne Nürnbergerin saß in einem schützenden Winkel zwischen einer auf Deck gebauten Cabine und dem Speisesaal. Der viereckige Zwischenraum zwischen beiden war gegen die eine Seite des Schiffes durch eine Wand, gegen oben durch eine Decke geschlossen und nur nach der andern Seite offen. Der Raum sollte den Passagieren als Zuflucht gegen den Regen dienen. In ihm saß Fräulein Bodinus allein, denn das Verdeck war fast menschenleer; nur Charlie war bei ihr. Vorn am Bug lotheten die beiden Seeleute, welche beauftragt waren, mit Hülfe des Senkbleis die Tiefe des Wassers festzustellen. Wir waren, um einer vom Capitain vermutheten im Ocean herumschwimmenden ganzen Schwadron von Eisbergen auszuweichen, in die Nähe der Beaufort- oder Milne-Bank gerathen, welche, näher an Amerika als an Europa, noch ziemlich in der Mitte des atlantischen Oceans liegt. Unsere Reise war überhaupt von außergewöhnlichen Erscheinungen begleitet, Erscheinungen, welche dieselbe zwar sehr interessant machten, die man jedoch gerade in dieser Jahreszeit nicht hatte vermuthen können. In Gedanken versunken, stand ich auf dem Hinterdeck und blickte nach einem Schiff, das fernab mit vollen Segeln und in hellem Sonnenschein auf einem glänzenden Streifen schäumenden Wassers unsern Cours kreuzte. Dann verfolgte mein Blick einen Walfisch, der, nachdem er unser Schiff eine Strecke begleitet hatte, weit zurückgeblieben war und sich ebenfalls im Sonnenscheine auf dem erleuchteten Wasser herumtrieb.

Da plötzlich – ein fürcherlicher Ruck – das Schiff saß fest. Ein heftiges Rufen, wildes Rennen und Laufen! Die Passagiere stürzten auf Deck, bleich und hohläugig; der Bootsmann fluchte; die Mannschaft rannte durcheinander. Der Capitain sprang auf die Brücke. „Was ist geschehen?!“ ächzten die Passagiere. „Wir sitzen fest.“ Und kaum hatte ich die Worte über die Lippen, als hinter mir mit einem lauten Aufschrei Alwine Bodinus in Ohnmacht sank. Ich fing sie in meinen Armen auf.

„Stopp!“ schrie der Capitain von der Commandobrücke.

„Sto–pp!“ erklang die Antwort aus dem Maschinenraume.

„Rückwärts!“

„Rü–ckwä–rts!“

Das Schiff erzitterte; die Räder drehten sich, und das Fahrzeug ging, schäumendes Wasser nach vorn sendend, langsam rückwärts.

„Kriegt ihr es los?“ schrie der Capitain hinunter, zu denen, die vorn am Bord beschäftigt waren.

„Es ist zerrissen,“ war die Antwort.

„So laßt es sich loswickeln, und vermöge seiner eigenen Schwere versinken. – Ist etwas an der Maschine beschädigt?!“ rief er in den Maschinenraum hinab.

„Nein.“

„Also! Geht sie leicht?“

„Ja.“

Well, dann – vorrwärrts!“

„Vo–rrwä–rrts,“ tönte es dumpf aus dem Maschinenraume.

Die Räder standen einen Augenblick, während das Schiff noch rückwärts glitt, dann bewegten sie sich wieder; das Schiff bebte und zitterte; das Wasser schäumte und rauschte wieder nach hinten, und unbehelligt ging das Schiff weiter, unserem fernen Ziele zu.

In demselben Augenblick kam aus dem Knäuel der Schiffsmannschaft vom Radkasten her der Steuermann Jay Robinson, ein Waschbecken mit Wasser in der Hand, auf uns zu.

„Es ist Nichts, – keine Gefahr, kleine Episode; die verdammten Bursche lotheten vor dem Rad, und so hatte sich das Senkblei in das Rad verwickelt.“ -

Und er kniete nieder und sprengte Alwine Wasser in’s Gesicht. Als sie die Augen aufschlug, tauchte er ein frisches weißes Taschentuch in’s Wasser, legte es ihr auf Stirn und Schläfen, grüßte mit der Mütze, nahm das Waschbecken in die linke Hand und verschwand. – Nach kurzer Zeit konnte man Alwine in die Kajüte führen. –

Den folgenden Tag saß sie, noch immer bleich, auf dem Verdeck, in ihrer geschützten Einsiedelei. An ihre Kniee schmiegte sich Charlie. Sie streichelte ihm das Haar, und er plauderte:

„Der Cider ist nun alle, er hat keinen mehr, aber er sagt, er werde neuen kriegen vom Koch. Und hier hat er mir diese zwei Apfelsinen gegeben, und es sind die schönsten, die er hat. Er läßt auch schön grüßen und sagte, Du sollst die große essen. Du wirst viel Freude daran haben; sie schmecken süß.“

Alwine zauderte – nicht. Sie ergriff die Apfelsine und aß sie. Sie verstand es auf eine sehr zierliche Weise, sie zu schälen. Indem sie oben den Blüthenknopf heraushob, schnitt sie von demselben aus meridianförmige Linien nach dem Südpol der Apfelsine, jedoch nicht so weit, daß die Schnitte sich in dem unteren Punkte vereinigt hätten. Dann bog sie die lanzettlichen Kreisschnitte der Orangenschale wie einen Blüthenkelch von der Frucht nach außen, faßte mit ihren feinen Daumen von oben zwischen die zart behauteten Sechszehntel hinein, brach sie vorsichtig auseinander und präsentirte Charlie die Frucht. Jauchzend pflückte er sich ein Stückchen heraus und aß es. Miteinander verzehrten sie allmählich das Ganze. Dann nahm Alwine, auf Charlie’s schmeichelnde Bitten hin, die nämliche Procedur an der kleinen Apfelsine vor.

Als beide verzehrt waren, hielt sie die übrig gebliebenen sternförmigen Schalen in den Händen, besah eine nach der andern, gab sie Charlie zurück und sagte ihm, er solle die größere von beiden Herrn Robinson bringen und ihm sagen, dies sei der Beweis, daß sie die Apfelsine gegessen habe. Charlie richtete sofort den Befehl aus. Die kleinere Schale brachte er seinen Eltern, zeigte sie stolz Pa und Ma, ließ sie in der Gesellschaft herumgehen und bat Ma, sie aufzuheben.

Als der wettergebräunte Jay Robinson die arme Apfelsinenschale in der Hand hatte, preßte er sie dreimal heftig an den Mund; sein ganzes Gesicht zuckte; er stürzte nieder und verbarg knieend Kopf und Hände in der Bettdecke. – –

Am andern Morgen sahen wir ihn oben im Fockmast, rüstig, kräftig und munter, die Matrosen befehligend, die beim Aufspannen der Segel beschäftigt waren. Es hatte sich ein günstiger Wind erhoben, und der Capitain befahl, ihn zu benutzen und die Dampfkraft unseres mächtigen Schiffes durch die aufgespannten Segel wirksam zu unterstützen. Das Wetter war schlecht; es regnete. Keine Dame war auf Deck, auch die Einsiedelei war leer. Wind und Regen trieben gerade von der offenen Seite [365] hinein, und Jay Robinson selbst hatte „Miß Bodeinös“ gebeten, sich bei dem kalten Wetter zu schonen und sich in den Speisesaal zurückzuziehen. Soeben war er aus seinen Mastkörben und Strickleitern heruntergestiegen, als wir in dem Speisesalon die Töne des dort aufgestellten Pianinos und Gesang hörten. Es war ihre Stimme. Wir lauschten. Dann öffneten wir leise die Thür, um zuzuhören, sie aber schien uns nicht zu bemerken. Sie sang mit voller, kräftiger Stimme weiter, beendete das Lied und stand auf. Dann sah sie ihn und mich in der Thür stehen; sie schrak plötzlich zusammen, erwiderte unsern Gruß und ging in ihre Cabine.

Der Abend war schwarz, sternenlos die Nacht. Das Meer hatte sich etwas beruhigt. Wind und Regen jagten nicht mehr in die offene Klause hinein. Alwine war nicht beim Abendessen. Der Steuermann hatte auf dem Deck die Wache, und sie war oben mit Charlie in ihrer Klause, „Pa“ und „Ma“ sprachen davon. Das Blut schoß mir in den Kopf; seit ich das schöne Mädchen in den Armen gehalten, war es wieder vorbei mit der inneren Unempfindlichkeit, und jetzt hatte ich einen Anfall von Eifersucht.

Ich verließ den Tisch und stieg langsam, im Grunde innerlich beschämt, auf das Deck. Als ich in die Nähe der Klause kam, überzeugte ich mich, daß die Drei im Dunkeln beisammen saßen, Alwine, Charlie und Jay Robinson; der Steuermann mußte eben eingetreten sein, denn ich hörte ihn sagen:

„Sie sind hier, Fräulein? Es ist viel für junge Ladies, an einem dunklen Abend auf Deck zu sein.“

„O – ich liebe die Dunkelheit,“ antwortete ihre Stimme.

„Sie lieben das Finstere? So? Fürchten Sie sich gar nicht im Dunkeln?“

„Wenn ich allein bin, ja, aber Charlie ist bei mir.“

„O, Charlie ist ein guter Knabe. Nicht, Charlie. Du hast die junge Lady lieb?“ und er streichelte Charlie’s Kopf.

„Ja, ich liebe die wunderschöne Lady. Aber ich liebe Dich auch, und vielleicht – ich liebe Dich noch mehr.“

„Weshalb?“

„Ei, sie giebt mir keine Bilder; sie sieht sie sich nur an, und sie giebt mir keinen Cider und keine Apfelsinen; sie schält sie nur und ißt sie. Aber ich liebe ihre Stimme, und ich sitze gern auf ihrem Schooß,“ sagte Charlie.

„Ein drolliger kleiner Bursche! Frieren Sie nicht, Miß Bodeinös?“

„Nein, durchaus nicht, mein Herr. – Was ist das für ein Licht?“

„Es ist ein Schiff, Mylady; es hat Cours nach Europa. Es kreuzt gegen den Wind, ein schlechtes Geschäft für so ein armes Segelschiff. Denn Sie müssen wissen, Mylady, daß wir den Wind für uns haben, und wenn es so fort geht, sind wir binnen vier oder fünf Tagen in New-York.“

„Fahren wir so schnell?“

„Sehr schnell, Mylady. Wir machen acht Seemeilen in der Stunde.“

„Gehen Sie heute Nacht wieder in den Mast?“

„Vielleicht.“

„Thun Sie es nicht.“

„Warum nicht, Miß Bodeinös?“

„Weil es so dunkel ist. Im Dunkeln stürzt man leicht. Und die See geht doch gar zu hoch.“

„Haben Sie keine Angst. Oben die Laterne am Mastkorb beleuchtet die Strickleiter. Und dann, was die Nacht und die hohe See anbetrifft, so habe ich schon viel schlimmere Nächte und viel stürmischeres Wetter erlebt, als dieses.“

Ein ungestörtes Plauderstündchen, während alle Welt speiste! Ich quälte mich, etwas wie sittliche Entrüstung zu empfinden, und es gelang mir ein wenig, während ich in den Speisesalon zurückkehrte.

Die schöne Fremde blieb bis elf Uhr auf Deck, aber indeß wir noch speisten, kam Charlie schon wieder. Der kleine Bursche war sehr munter und aufgeräumt.

„Dieser zweite Steuermann ist ein liebenswürdiger Seemann,“ sagte das altkluge Kerlchen; „er weiß so viele Geschichten zu erzählen, und ich liebe ihn sehr.“

Charlie hatte ein feines Gefühl. Dieser zweite Steuermann war wirklich ein liebenswürdiger Seemann. Welche Gründe hatte ich eigentlich, Alwine das Wohlgefallen an ihm zu verargen?

Der folgende Tag war kalt und stürmisch. Der Wind blies uns ganze Regenschauer in’s Gesicht, und das Deck triefte von Wasser. Alles zog sich in den Speisesalon zurück. Das Schiff schwankte und schlug gegen die Wellen, die an seiner Seite aus einander barsten. Ich war allein mit Jay Robinson und Charlie auf dem Deck geblieben; wir hüllten uns in unsere Regenmäntel und sahen auf das Meer, das seine mächtigen Wogen gegen uns heranwälzte. Bald stieg der finstere Horizont mit rasender Schnelligkeit vor unseren Augen empor, und das wilde Meer mit seinen weißen Schaumkämmen entwickelte sich in seiner ganzen Ausdehnung vor unseren Blicken und brüllte und gellte uns wie ein Hexensabbath von tollen Wassergeistern in die Ohren; bald versank das Ganze wieder hinter der steigenden Schiffswand und hinter uns schien die gegenüberliegende Wand in’s Meer zu sinken. Der Wind pfiff durch die Taue und wollte Charlie den Hut abreißen, aber der kleine Bursche hielt ihn tapfer fest.

„Halte ihn gut!“ ermahnte der Steuermann.

„Keine Angst!“ rief Charlie zurück.

Endlich kamen die Sturzseen. Die heftigen Wogen schwollen immer höher, und krachend platschten sie an die Wandung des geneigten Schiffes. Ein breiter Strom Wassers übergoß das Deck und schwemmte mit Blitzesschnelle alle Ecken und Vertiefungen aus. Der ersten Woge folgte eine zweite, der zweiten eine dritte, jede heftiger als die vorhergehende. Wir schickten den bangen Charlie hinein. Jay Robinson führte ihn in die Thür, schloß dieselbe hinter ihm wieder und kehrte zu mir zurück. Dann entspann sich zwischen uns folgendes Gespräch:

„Sie sind ein Deutscher?“ fragte er.

„Ja.“

„Sind Sie noch nie auf der See gewesen?“

„Bereits zweimal.“

„Waren Sie schon in Amerika?“

„Ja; ich kenne Boston, Philadelphia, auch New-York, denn ich wohnte einen Sommer in West-Hoboken bei New-York.“

Sein Gesicht hob sich, als ich das sprach.

„In West-Hoboken?“ meinte er. „Dort bin ich zu Hause.“

„Ei!“ sagte ich überrascht. „Es war im Sommer 1867, als ich dort wohnte, und ich habe das große Feuer mit angesehen. Sie müssen noch Kind gewesen sein damals.“

„Zehn Jahre alt,“ nickte Jay Robinson.

„Sie erinnern sich wohl nicht, daß einer Ihrer Altersgenossen für ein paar Tage durch den Brand zu einer Berühmtheit wurde? Ein prächtiger Bursche.“

Jay Robinson schwieg.

„Er hatte bei jenem Brande Niemandem das Leben gerettet. Gott bewahre! Er hatte nur Möbel und Bettdecken gerettet, hatte letztere aus dem Fenster geworfen und war, arg versengt und halb erstickt, darauf hinabgesprungen und unten bewußtlos liegen geblieben. Und als er in einem Nachbarhause wieder zu sich gekommen, hatte er mit schwacher Stimme gefragt, was aus dem armen Canarienvogel geworden sei, der oben in dem Zimmer gestanden hätte. Das Thier war wie toll in seinem Käfig herumgeflattert, als der Bursch, ein Kind noch, in das Zimmer stürzt, um retten zu helfen; er schleppt, wie ihm geheißen ist, zuerst die Polstermöbel hinunter, und als er wieder hinaus kommt, hört er das Thier noch ängstlicher piepsen und flattern. Athemlos, will er zum wenigsten das Bauer öffnen, aber eine Drahtstange hat sich verbogen und ist nicht vom Flecke zu bringen; und als er noch die anderen Stühle hinuntergeschafft, läuft er wieder hinauf, um das Bauer zu holen, – aber das Feuer versperrt ihm die Treppe. Zweimal, dreimal rennt er hinein und brennt sich die Kleider an, dann sinkt er vor Rauch in der Stube halb bewußtlos um. – Als er sich wieder aufrafft, brennt die Stube – mit raschem Entschlusse packt er die nächste Federdecke, wirft sie aus dem Fenster und springt darauf. Im Sprunge vergehen ihm die jungen Sinne. Er hat nachher den Vorfall vor den Ohren einiger eifriger Zeitungsreporter erzählt. Als er erfahren, daß der Vogel verbrannt sei, hätte der Bursch unter Thränen gerufen: ‚er werde nie dulden, daß die verdammten Menschen wieder ein Thier in so einen verdammten Kasten sperrten und es dann verbrennen ließen in so einem verdammten Feuer,‘ und dann wäre er aufgestanden und hätte sich den Ruß aus dem Gesichte gewischt und gefragt, wie man den Rauchgeruch aus den Kleidern brächte.“

[366] Der junge Seemann vor mir lachte leise vor sich hin. „Ungefähr verhielt es sich so,“ sprach er endlich, und es klang etwas wie kindliche Freude in seiner Stimme. „Ich weiß das, denn der Bursch war ich selbst.“

„Sie selbst?“ Und ich trat einen Schritt näher auf ihn zu, und mein Herz brach wie eine Blume auf gegen den bescheidenen, kraftvollen Mann da vor mir. „Ich gratulire Ihnen, Jay Robinson,“ sagte ich, ihm warm die Hand schüttelnd, „ich für mein Theil glaube, daß der Mann hier vor mir das ist, was der Knabe zu werden versprach.“

„Es ist mir werth, daß Sie freundlich von mir denken,“ meinte er mit leichter Verlegenheit.

Seltsamer Widerspruch der Natur! Während uns der Regen in’s Gesicht schlug und das ganze Weltall zu Wasser geworden schien, während der Himmel die Tiefe, auf welcher der Geist Gottes vor der Schöpfung schwebte, mit feuchten, triefenden Wolkenmassen überzog und die Sturzseen zu unsern Füßen spielten, dachten wir an das große Feuer in West-Hoboken und meinten, wieder bei dem glühend heißen Brande zu sein. Aber eine heftige Sturzsee zog unsere Aufmerksamkeit zurück auf das Meer.

„Wie lange sind Sie schon auf der See?“ fragte ich den Steuermann.

„Fünf Jahre.“

„Weshalb sind Sie Seemann geworden?“

„Weil ich gern Schiffsjunge sein wollte.“

„Schiffsjunge? Gern – Schiffsjunge?“

„Ich hatte als Knabe immer eine Neigung zu abenteuerndem Leben.“

„Aber die schwere Arbeit –“

„Reizte mich nur. Ich war nie fröhlicher, als bei der Arbeit. Sie nannten mich immer den Regenpfeifer, weil ich im unfreundlichsten Wetter bei jeder Arbeit pfiff. Aber jetzt –“

„Jetzt?“

„Sehne ich mich nach Hause. Ich will heirathen und eine Landratte werden. Ich habe das Leben satt. Es ist schön, selbst Seemann zu sein, aber wenn man arme Frauen und Kinder ertrinken sehen muß –“ er hielt inne.

„Haben Sie schon eine so beklagenswerthe Scene gesehen?“

„Ja, als die ‚Arctic‘ scheiterte. Ich hatte Dienste auf dem Schiffe genommen, und ich erlebte die Strandung mit. Aber ich mag nicht davon erzählen.“

„Thun Sie es nicht! Es hört sich in dem Wetter nicht gut an.“ Ich schwieg eine Weile. „Aber wie wird es Ihnen auf dem Lande ergehen? Werden Sie sich in das Leben auf festem Boden hineinfinden?“

„Das weiß ich noch nicht. Ich frage mich jetzt nur, ob ich mich aus dem Seeleben hinausfinden werde.“

„Gut. Und seit wann sind Sie verlobt?“

„Ich bin es nicht.“

„Ah so, ich vermuthete. Und wann wollen Sie sich verloben?“

„Das weiß ich nicht.“

„Also steht es noch ganz in weiter Ferne. Und wann haben Sie Ihren Entschluß gefaßt, dem Seemannsleben zu entsagen?“

Er schwieg.

„Wollen Sie nicht sich verheirathen und trotzdem Seemann bleiben?“

„Nein. Das ist ein Unrecht gegen die Frau. Man läßt sie allein auf dem Lande zurück; man läßt sie gleichsam im Stiche. Auch habe ich mich schon seit etwa einem Jahre wieder nach dem festen Lande gesehnt. Ich bin zum Seemann zu schlecht – oder zu gut, wenn Sie so wollen,“ setzte er hinzu.

„Und wann werden Sie das Schiff verlassen?“

„Das weiß ich nicht.“ –


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Autor: Paul Wislicenus
Titel: Alwine.
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 23, S. 385–386
Fortsetzungsroman – Teil 3


[385] Trotz der Versicherung Jay Robinson’s, daß der Unfall mit dem Senkblei ohne schlimme Folgen abgelaufen sei, hatte doch die Maschine arg gelitten. An einem hellen Mittage blieb sie plötzlich stehen.

Es war klares Wetter, und das Schiff schwankte nur mäßig, als Alles dem Mitteldecke zueilte, wo durch einen niedrigen gläsernen Pavillon der Blick in das Getriebe der Maschine ermöglicht war. Jetzt stand die Maschine still, und der Bolzen ruhte. Sieben Männer, mächtige rußgeschwärzte Maschinisten, standen auf der Metallscheibe und schraubten sie von dem Cylinder los. Dann traten sie daneben und hoben sie in die Höhe.

Athemlos starrte Alles auf die Scene. Von der Brücke blickte der Capitain hinunter, unten um den niedrigen Pavillon standen die Passagiere. Die nächste Minute mußte Gutes oder Böses bringen. Wir befanden uns am Anfange der gefährlichen Neufundlandbank, dicht am Ziele unserer Reise. Ein Raddampfschiff ohne Maschine, mit Hülfe seiner wenigen Segel sich fortbewegend, vielleicht im Nebel sich verirrend oder dem Zusammenstoße mit einem der zahlreichen die Bank kreuzenden Fahrzeuge ausgesetzt – es war keine beneidenswerte Lage.

„Wie steht’s, Jungens?“ rief der Capitain, als gerade sechs von den Maschinisten die schwere Scheibe mit ihren Schultern in die Höhe gehoben hatten und der siebente unter dieselbe gekrochen war.

Lange Pause.

„Weiß nicht, Capitain,“ sagte einer der Leute, der die Platte kaum mehr halten konnte.

Endlich ertönte unten eine dumpfe Stimme: „Ventil entzwei – nichts zu machen.“

„So hebe es heraus und setze eines von den Reserveventilen ein!“

„Sind nur noch drei da; eines davon ist caput; das andere paßt nicht, und das dritte ist verrostet.“

„So putzt es!“

„Geht nicht, Captain, ist ganz verdorben.“

Der Capitain stampfte mit dem Fuße; er ließ den Schuldigen, der die Ventile hatte verderben lassen, unten im finstern Schiffsraum in Fesseln legen und befahl alle Segel aufzusetzen. Aber die schwache Brise schwellte sie kaum; das Meer wurde glatter und glatter; wir schienen uns nicht vom Flecke zu rühren. Dennoch constatirte der Capitain, daß wir uns der Südostspitze Neufundlands näherten. Gegen Abend sahen wir in weiter Ferne ein Schiff, und es wurde Vorbereitungen getroffen, dasselbe durch Signallichter auf uns aufmerksam zu machen. Um zehn Uhr Nachts stieg ich auf Deck, um vor dem Schlafengehen zu sehen, ob man aus dem anderen Fahrzeuge unsere Signale bemerkt habe. Nebel, dichter, undurchdringlicher Nebel rings umher. Finsterniß und schauriges Schweigen. Selten einmal das Plätschern des Wassers an den Schiffswandungen oder das Geschrei einer Möve zu hören, die man nicht sah. Rastlos, unheimlich, geisterhaft schwankte das Schiff.

Als ich wieder in die Kajüte hinunterging, waren beinahe sämmtliche Passagiere wach. Man konnte nicht schlafen; man sprach, raunte, flüsterte. Angst und Erwartung malten sich auf den bleichen Gesichtern. Die Damen waren in flüchtiger Toilette, die Kinder im Negligé. Ich war eben bemüht, die Damen zu beruhigen, als mich Mr. Bateman am Ellbogen berührte. „Die schöne Nürnbergerin wünscht Sie zu sprechen.“

„Mich?“

„Ja, Sie. Ich fand im Vorbeigehen ihre Thür halb offen und sah sie dasitzen und weinen; als ich fragte, ob ihr etwas fehle, sagte sie, sie wolle mit Ihnen sprechen.“

Ich ging zu ihr.

In dem schwach erleuchteten engen Gemache waren an dem oberen Bette die grünen Vorhänge zugezogen; diejenigen an dem unteren waren offen. Auf dem Sopha an der rechten Wand des Zimmers saß sie, flüchtig angekleidet; das Haar hing in reichen Wellen über ihren Arm herab, der den Kopf stützte. In der Linken hielt sie ein Taschentuch. Als sie mich erblickte, sprang sie hastig auf und that schwankend ein paar Schritte vorwärts. „Sie müssen mich retten,“ rief sie in plötzlich ausbrechendem Schluchzen. „Ich will nicht untergehen, will nicht sterben; ich habe Niemand, wenn das Unglück geschieht – – nur Sie.“

„Warum denken Sie nicht an den Steuermann, Fräulein Bodinus?“ sagte ich mit hervorbrechender eifersüchtiger Bitterkeit.

Ich gewahrte, trotz der geringen Helligkeit, daß ihr das Blut jäh in das Gesicht schoß.

„Mein Gott!“ murmelte sie tonlos, „er haßt mich, er hat kein Herz mehr für mich!“ Und sie trat wieder zurück, deckte das Gesicht mit beiden Händen und sank vor dem Sopha in die Kniee. Eine stürmische Empfindung von Glückseligkeit lief wie ein heißer Schauer durch meine Nerven. Ich wäre am liebsten zu ihr niedergekniet und hätte ihr die feinen, thränenüberströmten Hände geküßt und ihr meine Thorheit abgebeten. Aber ich zwang den Rausch nieder.

„Sie liebt Jay Robinson doch,“ sagte ich zu mir, „und eben das ist es, warum sie dich rufen ließ und nicht den Steuermann. Man flüchtet zu einem Freunde, aber nicht zu dem heimlich Geliebten.“ Dieser Satz erschien mir im Augenblick als unumstößliche Wahrheit, weil ich es so wollte.

„Ich war Ihr Freund, liebes Fräulein, und ich bin es noch trotz Ihres thörichten Grolls, den ich mit nichts verschuldet, als mit dem unschuldigen Unrecht, das ich beging, für Ihren Gatten gehalten zu werden. Sie überschätzen die Gefahr, Fräulein Bodinus, aber wenn es zum Aeußersten kommt, was Gott verhüte, so werde ich für Ihr Leben sorgen bis zum letzten Athemzuge.“

Ich hatte kühl sein wollen, und meine Stimme bebte doch, als ich das Letzte sprach. Sie schien aufmerksam zugehört zu haben, denn sie war plötzlich ruhiger geworden, ohne indeß ihre Stellung zu verändern.

„Ich biete Ihnen die Hand eines Bruders; stehen Sie auf und gestatten Sie mir, daß ich mich zu Ihnen setze und Ihnen die Angst verscheuchen helfe!“

Sie ließ langsam die Hände sinken und sah mich mit scheuen Augen an.

„Nein,“ rief sie wie in plötzlicher Angst, „gehen Sie jetzt! Es ist besser so. Aber Sie zürnen mir nicht, nicht wahr – nun nicht mehr?“

Ich sah einen Augenblick in diese feuchten, flehenden, wundervollen Augen, raffte meine ganze Kraft zusammen und sagte: „Nein.“ Dann verließ ich sie.

Ich konnte in meiner Cabine kein Auge zuthun. Im Bette liegend und zwischen den geöffneten Vorhängen hindurch in den matt erleuchteten engen Raum und auf das rothe Plüschsopha blickend, das in meinem Zimmer genau so war, wie in dem ihren, dachte ich sie dort unter Thränen entschlummert, die schönen Arme um’s Haupt geschlungen, die Hände und Knöchel von dem goldrothen Haare umflossen, und ich neigte mich in Gedanken und küßte ihren süßen Mund. –

Am anderen Morgen hatte sich der Wind erhoben, der den Nebel wild durch die Masten und Taue und über’s Meer trieb. Das Schiff segelte langsam und ruhig seinen verschleierten Cours. Der Capitain hatte sich in sein Gemach zurückgezogen, und Jay führte das Commando. Er winkte mir, auf die Commandobrücke zu steigen, als ich das Deck betrat.

„Wie geht es Miß Bodeinös?“ fragte er. „Ich habe sie seit gestern Mittag nicht wieder gesehen. Hat sie viel Angst und Sorge gehabt?“

„Sie ist wieder ruhiger,“ sagte ich. „Heute früh ist sie noch nicht zum Vorschein gekommen.“ Ich schauerte wie im Fieber bei dem Gedanken, daß ich herausgekommen war, um eine Entscheidung zu veranlassen, aber es mußte sein; ich hatten es mir gelobt am Ende dieser schlaflosen Nacht. „Sagen Sie einmal, lieber Robinson,“ fuhr ich langsamer fort, „lieben Sie das Mädchen?“

Eine Thräne trat ihm in’s Auge, und er wendete sich ab.

„Glauben Sie nicht, daß ich Sie deshalb tadle! Sie ist [386] Ihrer Liebe gewiß nicht unwürdig. Aber wissen Sie nicht, daß sie einem Anderen gehört?“

Jay Robinson sah mich fragend an.

„Sie ist verlobt, in Deutschland,“ sagte ich. „Sie geht nach New-York, um dort für einige Jahre Gouvernante zu werden. Das arme Kind ist so einsam und so unerfahren, daß sie Ihnen, vielleicht ohne es zu wissen, mehr Liebeszeichen bietet, als sie bieten will und kann. Vertrauen Sie den kleinen Unterpfändern ihrer Zuneigung nicht ohne Weiteres Ihre ganzen Zukunftsträume und Hoffnungen an! Unterrichten Sie sich genau über ihr Herz, lieber Robinson, ganz genau!“

Er dankte für meinen guten Rath und bat mich, ihn einige Zeit allein zu lassen, da er dafür sorgen müsse, daß die Segel umgesetzt werden. Als ich nach einer halben Stunde auf dem Hinterdecke stand, kam Charlie aus der Kajüte.

„Ah, sind Sie da? Ihre Lady wird sehr glücklich sein, Sie zu sehen. Sie ist unten in ihrer Cabine. Sie sagte mir, ich solle Sie rufen; sie würde Ihnen sehr verpflichtet sein für Ihren Besuch.“

Als ich zu dem schönen Mädchen in die Cabine trat, ging sie, ein Taschentuch in den beiden Händen, das sie langsam und heftig weinend zerknitterte, in dem Gemache auf und ab. Ich trat ihr näher und sie blieb stehen und weinte.

„Liebes Fräulein,“ sagte ich leise, „Jay Robinson liebt Sie.“

„Er hat soeben Charlie zu mir geschickt.“

„Mit welchem Auftrag?“

„Ich sollte heute Abend auf das Verdeck kommen, er habe mit mir zu reden.“

„Heute Abend. – Werden Sie gehen?“

„Nein.“

„Sie wollen Jay Robinson keine vergeblichen Hoffnungen machen?“

„Ich weiß nicht, was ich will.“

„Weshalb gehen Sie denn nicht?“

„Ich weiß es nicht. Ich habe ihm eine getrocknete Blume aus meinem ‚Schiller‘ geschickt; er bat mich so darum.“

„Wie kennt er die Blume?“

„Ich habe ihm neulich aus dem ‚Schiller‘ vorgelesen.“

„Dem zweiten Steuermann?“

„Er versteht kein Wort Deutsch, aber er war entzückt von unserer schönen Sprache. Und nicht nur meinetwegen, denn er rühmte auch Ihre geschmackvolle Redeweise und sagte, im Munde eines gebildeten Deutschen klänge auch das Englisch am schönsten. Er wundere sich aber nicht darüber, denn er habe gehört, daß wir das musikalischste Volk der Welt seien.“

„Lieben Sie Jay Robinson?“

„Nein.“

„Aber er liebt Sie…“

Sie schwieg.

„Und warum erzählen Sir mir dies Alles?“ fragte ich.

Sie blickte zu Boden und weinte. Dann sah sie mir mit thränengefüllten Augen ruhig in’s Gesicht. „Weil ich Sie liebe,“ sagte sie. – –

Als der Tag graute, fand ich mich unruhig auf meinem Lager, umhergeworfen von den heftigen Bewegungen des Schiffes. Wir waren durch Wind und Wellen aus unserm Cours getrieben worden. Die See ging hoch. Der Nebel hatte sich leidlich zerstreut und es erschienen Schiffe in der Ferne, allein ein jedes derselben war zu sehr mit dem eigenen Kampfe gegen das Element beschäftigt. Ich ging auf das Deck, auf dem ein schwerer Stand für jede Landratte war.

Traurig kam mir Jay Robinson entgegen. „Wir werden vielleicht alle nicht mehr lange zu leben haben,“ sagte er. „Wir bekommen Sturm, und – wer weiß –“ und er ließ schlaff die Arme gegen seine Schenkel fallen.

„Und das macht Sie traurig?“ setzte ich mit unsicherem Lächeln hinzu.

„Es macht mich Vieles traurig. Heute früh habe ich die Ueberzeugung gewonnen, daß sie mich nicht liebt.“

„So. Und wie das?“

„Ich schickte Charlie zu ihr, und gab ihm ein Andenken, eine Haarlocke meiner guten Mutter mit. Sie hat sie zurückgeschickt, und als Charlie – wie ihm aufgetragen – sie für mich um einen ihrer goldenen blonden Ringe, nur ein kleines lockiges Ende ihres geliebten Haares bat, ist sie heftig geworden und hat Charlie gebeten, nie wieder in meinem Auftrag zu ihr zu kommen.“

Ich wußte nur zu gut, welche Verwandlung plötzlich mit ihr vorgeganen war. Noch brannten meine Lippen von ihren Küssen. Ich sprach Jay zu, er solle sie vergessen. Wenn wir glücklich nach Amerika gelangten, so würden wir uns doch nicht minder trennen müssen, als wenn uns der Tod ewig von einander risse. Mit schmerzlich zuckenden Lippen antwortete er nur: er habe das Schiff verlassen, das liebe Mädchen heirathen und ein ordentlicher Mensch werden wollen, wie andere Bürger auch. „Ich dachte, ich würde es auch einmal gut haben,“ seufzte er.

Als ich in die Kajüte ging, saß Alwine, meine Alwine, in ihrer Cabine, und schrieb auf ihrer aufgeschlagenen Briefmappe einen langen Brief an ihren Bräutigam, in welchem sie das Verhältniß zu ihm löste. Er war ihr Vetter. Die Mutter hatte, offenbar unter dem Einfluß des jungen Mannes stehend, die Verlobung bei ihr durchgesetzt. Sie hatte ihn nur vierzehn Tage als Bräutigam gesprochen, dann war sie abgereist.

„O Du Liebster,“ sagte sie, als ich den Brief durchlas und sie sich an meine Seite schmiegte, „ich wußte bisher nicht, was Lieben heißt. Dein Kuß, Deine traute Stimme, Dein Händedruck, Deine Umarmung – nun hat mir all das erst die Fülle von Seligkeit erschlossen, die Liebe birgt und Liebe bietet.“ Und indem sie meine Hand mit langen Küssen bedeckte, lehnte sie rückwärts den lockigen Kopf an meine Brust, sah mir von unten in die Augen und sagte leise: „Dich will ich lieben; für Dich will ich leben; um Deinetwillen will ich sterben“. –

Da waren drei Menschen auf einem Schiffe, deren zwei einander glücklich und den dritten unglücklich gemacht hatten und die beiden ersten dachten nur an ihre Lust und der dritte nur an sein Elend – und „des Meeres und der Liebe Wellen“ warfen alle drei finster und drohend auf Neufundlands Felsenküste zu.


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Autor: Paul Wislicenus
Titel: Alwine.
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 24, S. 398–401
Fortsetzungsroman – Teil 4 // Schluß


[398]

Der Sturm war mit furchtbarer Gewalt losgebrochen. Krachend schmetterten die Wogen an unseren unthätigen Radkasten. Das schwankende Schiff stieg hoch auf die Schaumkämme hinauf und stürzte geneigt und donnernd in die Abgründe, um nach wenigen Minuten wieder, in allen seinen Fugen stöhnend, emporzuschweben. Kurz und fest gerefft waren die Segel, sichtlich bogen sich die Masten, kreischend und knarrend, als wenn sie brechen wollten. Plötzlich brach ein Stück der hinteren Raa ab und das Segel flatterte mit dem splitternden Bruchstücke wie rasend im Winde. Wir waren dem Hafen von Halifax ziemlich nahe, allein wir durften es nicht mehr wagen, in denselben einzulaufen.

Kein Schiff, kein Lootsenboot war zu sehen in diesem Getobe des wogendes Elementes. Es gischte und prasselte, es donnerte und spritzte. Man konnte auf Deck nicht sein, ohne sich krampfhaft festzuhalten, und auch da noch schlug man gelegentlich einmal hin. Jay Robinson auf der Commandobrücke beschwor mich, hinunter zu gehen, und betäubt und durchnäßt,

[400] wie ich war, gehorchte ich endlich. In der Kajüte Verwirrung und Aufregung – die Passagiere hielten sich fest umschlungen, sie stemmten sich auf dem Sopha mit den Füßen gegen die Wand, sie zitterten unter dem Rasen der Elemente.

Es kam die grauenvollste Nacht meines Lebens.

Ich saß neben Alwine in der Kajüte; fest und eng hatte sie sich an mich geschmiegt, fest wie ein Ertrinkender hielt ich sie umklammert. Da – großer Gott, was war das! Unter einzelnen Schreien der Schiffsmannschaft legte das Schiff sich auf die Seite, immer stärker, Alles rutschte vom Tische herunter, wir klammerten uns an, um nicht zu fallen, die Frauen schrieen laut, die Männer riefen durch einander. Jetzt richtete das Schiff sich wieder auf, dann legte, hob und neigte es sich von Neuem, tiefer als vorher, immer tiefer. „Wir kentern!“ durchzuckte es mich. Und die kalten Lippen auf einander gepreßt, den Todesschweiß auf der Stirn, schob, trug, führte ich die Geliebte durch den Saal und zur Thür hinaus. In der Finsterniß suchte ich mit den Augen nach den Booten – da winkte Jay von der Commandobrücke herab, wir sollten heraufkommen. Wir schleppten uns hin, mit seiner Hülfe kamen wir oben an. Er zeigte uns die Segel und den betrunkenen Capitain, der sie alle hatte aufsetzen lassen. Er zeigte uns die Lichter am Strande von Amerika, auf dessen Felsenbarrieren der wüthende Südoststurm uns zutrieb. Er zeigte uns die zerschlagenen Rettungsboote. „Der Capitain hat Recht,“ schrie er mir in’s Ohr, „alle Segel, oder wir sind verloren! Der Sturm treibt uns auf die Küste zu, wir müssen stechen und gegen den Wind segeln. Aber – wir – können – kentern.“ Und wieder neigte sich das Schiff, tiefer und immer tiefer, als wenn es unfehlbar umstürzen müßte.

Der betrunkene Capitain kam auf Deck. Er befahl, vor Allem die Segel des Hintermasts zu zerschneiden, damit das Schiff wenigstens etwas erleichtert würde. Matrosen stachen aus den Körben des Hintermastes ihre Messer hinein, und mit einem furchtbaren Rucke krachte ein Segel aus einander, dann wieder eins und dann ein drittes. Lautes Jammergeschrei im Speisesalon kündigte uns an, daß die armen Passagiere der Meinung seien, wir wären auf eine Klippe gerathen.

Wirr flatterten die Segelfetzen des Hintermastes in die rasend gewordene Finsterniß hinaus, und noch immer stöhnte und neigte sich der Mittelmast und mit ihm das Schiff, das, da der Sturm mit erneuerter Wuth wie zu einer letzten Anstrengung losgebrochen war, von Neuem immer gefährlichere Versuche machte, zu kentern. Schon rauschten die Wellen auf das Deck; schon tauchte das unterste Segel in’s Wasser, das man, um nicht ganz von Segeln entblößt zu sein, unversehrt gelassen hatte.

Da, im Augenblicke höchster Gefahr stieg Jay Robinson in die Strickleiter. Er warf uns einen Handkuß zu, gleichsam als wenn er sagen wollte, für welches Menschenleben er das seine wagte. Ich schrie nach ihm; ich winkte ihm heftig mit der Hand. Er hielt in einiger Höhe inne und klammerte sich an. Erwartend blickte er nach uns hinüber.

Alwine regte sich nicht, sie war starr vor Schrecken. Ich war außer mir. „Winke ihm, herabzukommen!“ rief ich. Noch immer sah sie aus wie ein Marmorbild. Nur leise, wie krampfhaft, zuckten ihre Lippen. Dann rang sich aus ihrer Brust die Bitte hervor: „Winke Du!“

Ich winkte wieder; allein Jay Robison achtete nicht auf mich, sondern schickte sich an, weiter hinauf zu steigen. Da brach Alwine in Thränen aus. Sich krampfhaft an dem Geländer der Commandobrücke anklammernd, riß sie ihr Taschentuch aus der Tasche und winkte mit demselben, während sie in flehendem Tone rief: „Kommen Sie doch herab!“ Der Sturm überbrauste ihre Worte, entriß ihr das Tuch und trug es in’s Meer, und Jay Robinson, der von der Scene kein Auge verwendet hatte, kletterte triumphirend in den Mastkorb hinauf. Sie weinte – weinte um seinetwillen: das war ihm genug. Jetzt wollte er für sie sterben.

Jay war oben. Mit der schrecklichsten Spannung meines Lebens verfolgte ich mit den Augen jede seiner Bewegungen. Krampfhaft sich an den Mast klammernd, versuchte er vom Mastkorbe aus, das Segel loszuschneiden – vergebens; er wollte es zerschneiden – es war ihm ganz unmöglich, es zu erreichen. Und schon neigte sich das Schiff tiefer und tiefer, als wollte es uns Alle hinabschütten in die See.

Jetzt griff Jay Robinson nach seinem Gürtel, zog ein Beil hervor und, frei stehend, hieb er mit wuchtigen Schlägen an der Windseite in den Mast hinein, um ihn zum Abbrechen zu bringen. Immer kräftiger holte er aus, immer wuchtiger fuhr die Axt in die splitternden Spähne – die Mastspitze krachte und senkte sich – ein Aufschrei, und die Axt entglitt Robinson’s Händen, er strauchelte und stürzte über den Rand des Mastkorbes jählings auf’s Deck hinab. Ihm folgte mit furchtbarem Krache der Mast, den der Sturm über Bord riß und die nächste Welle hinwegschwemmte.

Schwer athmend wurde Jay aufgehoben; gelähmt hingen die kühnen Glieder an seinem Körper herab; Blut quoll ihm aus dem bleichen Munde. Er ward in sein Bett gebracht, und der Arzt untersuchte ihn und schüttelte den Kopf.

Auf den Wellen trieb ein verstümmeltes, wrackähnliches Schiff umher; der Wind ließ endlich nach, die Wellen sanken mehr und mehr. Als der Morgen graute, sah er in ein kleines Gemach, in dem drei unglückliche Menschen sich befanden. Ein schwer Athmender lag darnieder, – ein Mann mit schmerzlichem Gesicht pflegte ihn und legte ihm kalte Umschläge auf Stirn und Brust. An dem Bette aber knieete ein Mädchen, auf dem Stuhle das Haupt in den Armen bergend, fast ohne sich zu regen.




„Geliebter, ich kann die Deine nicht werden; wir müssen uns trennen. Wie könnten wir jemals jene Nacht vergessen, wo er zum Krüppel ward? Wenn Du wüßtest, wie sehr ich mich Deiner unwürdig fühle! Wenn Du es mit empfändest, wie öde mein Herz geworden ist, – wie traurig! Glaube es mir, oder glaube es nicht, – ich habe mich erkannt, damals als ich an seinem Bett knieete und Du um mich gingst und die Hände regtest, um ihn zu retten, und als ich mich fragte: ‚Weshalb hilfst du nicht auch?‘ O Liebster, ich bin es, die ihn unglücklich gemacht hat!“

Ich las diese Zeilen in meiner Wohnung in New-York, und ich starrte wie betäubt auf die zierliche Unterschrift und auf das „Boston“ mit dem Datum daneben. Warum gab es keine Möglichkeit, sofort noch Boston zu gelangen, um ihr die krankhaft unglückselige Idee auszureden! Das also war der Grund, warum sie so scheu, so ängstlich sich aus meinem Arme wand, wenn ich nach dem Sturze Jay Robinson’s einmal die beglückende Gewißheit genießen wollte, daß sie mir und daß ich ihr gehöre! Das war der Gedanke, der sie bis in den innersten Nerv ihres Lebens erschütterte, – sie habe ihn unglücklich gemacht, durch ein frevelhaftes Spiel, das sie mit seinem Herzen getrieben, und darum hatte sie ihm das große Opfer gebracht, das uns in Boston getrennt hatte! Deutlich sah ich die Scene vor meinen Augen. Da saß er, kaum zur Hälfte genesen, in Decken gehüllt, auf dem zerbrochenen Radkasten, als das Schiff in Boston an der Rhede lag und wir das unglückliche Fahrzeug verließen. Und da summte er herzerschütternd jene englische Ballade, welche Alwine zuweilen gesungen:

„Und soll ich denn begraben sein,
Legt mich nicht ins dunkle Grab hinein,
Legt mich am Wasser auf feuchten Sand,
Laßt mich schlafen am wilden Meeresstrand.“

Alwine war leichenblaß geworden; sie zitterte an meinem Arme, blieb stehen und hielt mich zurück, und ihre Lippen zuckten als sie mich bat: „Gehe zum Bahnhof, – schiebe Deine Reise nicht auf, denn Du kannst es nicht länger; aber laß mich hier, laß mich zurückbleiben, – ich muß ihn pflegen, ich muß, – bis er todt oder gesund ist.“




Ich habe ihr geschrieben, wieder und wieder, und immer kam dieselbe Antwort: „Quäle mich nicht; es ist unmöglich.“ Nur aus einem der Briefe blitzte ein Hoffnungsstrahl. „Vielleicht spricht mein Gefühl anders, wenn Robinson genesen wird,“ lautete ein Postscriptum, „denn der Arzt hat Hoffnung.“ Und es gab ein paar Tage, wo ich zwischen Himmel und Abgrund schwankte, wie einst unser armes Schiff vor der Rhede von Boston.

Sie haben ihn nach einem Monat doch in das dunkle Grab hineingesenkt, und ich – ich habe ihn sterben sehen. Als es mit ihm zu Ende ging, rief Alwine mich brieflich an sein Schmerzenslager – er wollte mich noch einmal sehen. Seine rechte Hand in der meinen, die linke in derjenigen des schönen [401] Weibes, das ihm in seinen Leiden treu zu Seite gestanden hatte, entschlief er.

Bei seiner Beerdigung folgten seinem Sarge der Capitain und der größte Theil der Mannschaft, welche wegen der nöthigen Ausbesserung des Schiffes sich noch in Boston befanden. Vierzehn Tage darauf stach der Dampfer, glücklicher als sein Retter, schmuck und fröhlich in die See.

Alwine folgte mir nach New-York und trat in Staten-Island ihre Stelle an. Als ich von ihr Abschied nahm, um nach Europa zurückzukehren, sagte ich ihr, daß ich nie eine Andere freien würde, als sie. Mit Thränen in den Augen hörte sie mich an und ich sah, wie sie mit bebendem Munde nach dem Wort der Erlösung rang; aber sie biß sich auf die Lippen und wandte den Kopf.

Ich nahm Passage auf einem deutschen Fahrzeuge. Als unser Dampfer durch den engen Ausgang des New-Yorker Hafens an den Bergen Staten-Islands vorüber nach dem Meere hinausglitt, winkte mir von hoch oben ein weißes Tuch. –

Alwine hatte den Schmerz, der sie so tief erfaßt hatte, noch nicht überwunden. Ich gab mir das Wort, ihre Empfindungen zu ehren. Nicht eher wollte ich sie die Meine nennen, als bis sie selbst gern und willig mir für immer die Hand reichte. Kaum nach Europa zurückgekehrt, schrieb ich an sie, und ich hatte von G. aus vor Kurzem einen zweiten Brief an sie abgesandt, allein keine Antwort erhalten.




Und nun – da saß ich, lauschend, vor dem Kaffee, in meinem Hôtelzimmer, in der fröstelnden Morgenfrühe, starr wie eine Bildsäule, und doch rieselte es mir durch alle Nerven und ich hörte mein Herz pochen: das mußte sie sein, hier neben mir und ich faltete die Hände und sagte: „Gott der Liebe, gieb, daß sie es ist!“

Und dann überfiel mich wieder Zagen und Bangen, während ich mit zitternden Händen mich ankleidete. Weshalb – da sie doch meine Adresse in G. kannte – weshalb hatte sie nicht an mich geschrieben und mir ihre Ankunft gemeldet? Und was meine schmerzliche Sorge vermehrte: weshalb sang sie noch immer jenes Lied, dessen Melodie von der Erinnerung an den Tag unseres Scheidens in Boston unzertrennlich war und aus dessen Tönen ich – und gewiß auch sie – immer nur die Stimme des armen Jay Robinson heraushörte? Daß sie in demselben Hôtel mit mir wohnte, mußte Zufall sein, denn ich hielt mich nur vorübergehend in B. und in diesem Hôtel auf; hatte sie den armen Jay Robinson noch nicht vergessen, und wollte sie mich überhaupt in G. aufsuchen?

Kaum war ich mit meinem Anzug fertig, so eilte ich, ohne zu wissen, was ich thun wollte, vor die Thür. Auf dem Corridor angelangt, zögerte ich einen Augenblick und ging dann die Treppe hinunter. Ich begab mich zum Portier und fragte nach Fräulein Bodinus. Er kannte sie nicht. Doch zeigte er mir die Fremdentafel und theilte mir mit, daß die beiden neben dem meinen gelegenen Zimmer von Herrn und Frau Ehrenberg besetzt, daß die Herrschaften aus New-York und daß sie erst gestern Abend kurz vor zwölf Uhr eingetroffen seien.

Diese Mittheilung erfüllte mich mit einem jähen Schrecken. Alwine hatte sich verheirathet – sie war für mich verloren. Sie hatte Jay Robinson geliebt, und zwar mehr geliebt als mich, und sie hatte mich über seinen Tod vergessen. Mir kam es oft so vor, als wenn das, was ich da dächte, Alles Unsinn sei; allein ich wankte die Treppe hinauf wie Einer, der seine beste Lebenshoffnung vernichtet sieht.

Oben stand Jemand vor meiner Thür und klopfte. Es war ein Mann, der offenbar mich zu sprechen wünschte, und als ich näher kam, erkannte ich den Briefträger. Er brachte mir einen geschäftlichen Werthbrief, dessen Empfang ich ihm bescheinigen mußte. Ich führte ihn in mein Zimmer, suchte Tinte und Feder zusammen und wechselte während der ganzen Zeit mehrmals Worte mit ihm. Endlich nannte er auch einmal mit lauter Stimme meinen Namen. Kurz darauf hörte ich rasche Schritte nebenan nach der unsere Zimmer verbindenden Thür, und es war mir, als lauschte Alwine hinter derselben. Ich gab dem Briefträger die Quittung, bezahlte und entließ ihn. Als ich die Thür hinter ihm schloß, schlug mir das Herz.

Und als ich mich jetzt umwendete, wurde die verbindende Thür plötzlich aufgeschlossen, und auf ihrer Schwelle stand die Geliebte und streckte mir zitternd vor Freude die Hände entgegen.

Sie war bleich, aber freundlich strahlend sahen mich ihre Augen an, ihre lieben Augen, die ich so lange entbehrt hatte. Und dann bewegten sich bebend ihre frischen rothen Lippen, und sie flüsterte: „Du hier – Du – – und ich habe Dich gefunden.“ – –

Wiedersehen! Wer beschreibt ein Wiedersehen, das er selbst so ersehnt, so wenig erwartet und so empfunden, wie ich dieses! Man vergißt die Welt um sich her; man schwelgt in Freude und Thränen. Man sieht glückstrahlende Augen hinter feuchten Thauperlen, die über schöne, bleiche Wangen rollen; ein liebes Gesicht schmiegt sich an unsere Brust, und eine leise Stimme flüstert von „nie wieder scheiden“ und ewigem Glück. Und dann küßt man zwei weiße Hände und zieht eine liebe Gestalt neben sich auf das Sopha nieder.

Da hört man denn so Mancherlei, was während der Trennungszeit sich ereignet hat. In Staten-Island war es im Anfang gut gegangen. Die Kinder des luxuriösen Hauses waren hübsch, wild und zutraulich und, obwohl im Anfang ein wenig fremd und scheu, hatten sie sich doch bald an die neue Erzieherin, die freundliche Pflegerin gewöhnt. Und so fand sie ein gewisses Genügen in ihrem Beruf. Es war ihr so neu, Kinder zu erziehen, die Kleinen zu warten, die zarten Wesen zu pflegen. Es machte sie ernst und heiter zugleich, und es gab ihr vor Allem das Gleichmaß ihres Wesens zurück. Allein es war doch beschlossen, daß sie nicht lange bleiben sollte: das Heimweh überfiel sie. In New-York geschah es, wohin sie eines Tages gefahren, um Freunde zu besuchen, eine Familie Ehrenberg. Sie fand diese im Begriffe, mit dem nächsten Schiffe nach Deutschland zu reisen. Da kommt die Sehnsucht über sie wie ein gewappneter Mann. Sie kehrt gar nicht erst nach Staten-Island zurück, die Freunde übernehmen es, ihre Freigebung zu vermitteln und ihre Sachen nach New-York zu befördern; und zwei Tage später schwimmen sie mit ihr auf der weiten See.

So gelangt sie in ruhiger Fahrt nach Hamburg, und weiter nach B., mit der Absicht, nach kurzer Rast mich aufzusuchen.

Zum Abend stellte Alwine mir das liebenswürdige Paar vor. Morgen schon fahren wir nach Darmstadt zu Onkel und Tante meiner Braut; unsere Hochzeitsreise aber denken wir nach Boston und New-York zu machen.

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Das ist die Erzählung meines Freundes, die ich frisch, wie ich sie empfangen, niederschreibe. Zwei Glückliche mehr auf der Welt!