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Albwin der Longobarde

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Autor: Wilhelm Hertz
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Titel: Albwin der Longobarde
Untertitel:
aus: Gedichte, S. 215–242.
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Hoffmann und Campe
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Erscheinungsort: Hamburg
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Quelle: Scans auf Commons und Google
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[215]
Albwin der Longobarde.
(Paul. Diac. Lib. I & II)


1) Kunemund’s Tod.


Es lag zur Dämmerstunde ein Nebel auf dem Land,
Da rief Albwin der König nach seinem Streitgewand:
„Wacht auf, ihr kühnen Träumer! Ein Frühhauch weht im Tann.“
Da waffnet in den Zelten sich mancher stattliche Mann.

5
Der König springt zu Rosse, er stößt in’s gold’ne Horn;

Ihm blitzt im blauen Auge schwertheller Heldenzorn.
„Heut’ soll ein Rosenfrühling sprießen aus dem Schnee!
Heut’ schaffen wir den Bräuten der stolzen Gepiden Weh’!“

[216]

Dreimal dröhnt in der Ferne Kunemundes Schild.

10
Es rücken festgeschlossen die Heere ins Gefild;

Walkürenrosse schnauben, die Geier werden wach,
Speerzischen tönt im Sturme und starker Helme Krach.

„Heut’ sollst du mir erstreiten, mein graues Hünenschwert,
Die schönste Maid auf Erden, die je ein Held begehrt!

15
Zwei Dinge will ich lieben, so lang’ mein Lenz mir lacht:

Ein nacktes Schwert am Tage, ein nacktes Weib bei Nacht!“

An diesem Wintermorgen da fiel manch guter Streich,
Da lag unter’m Schilde gar Mancher stumm und bleich;
Die tapfersten Gepiden deckten schon den Grund,

20
Da stieß auf König Albwin der finstre Kunemund.


„Zurück, flaumbärt’ger Knabe! Längst klagt beim Reihentanz
Um den entlauf’nen Hämmling die Kais’rin von Byzanz;

[217]

Zurück zum Putzgemache! Sonst treibt dich, eitler Geck,
Mein umgekehrter Speerschaft vom Kampf der Männer hinweg.“

25
„Was schiltst du, Neidauge, daß mich der Tag entzückt?

Daß ich mit Gold und Purpur festlich mich geschmückt? –
Hochzeit will ich halten, – that dir’s kein Traumbild kund?
Hochzeit mit deiner Tochter, der schönen Rosamund!

Ihr bräutlich Haupt wird krönen mein grüner Siegeskranz,

30
Euer Todtenfeuer leuchtet uns zum Tanz;

Mit deines Zeltes Schätzen sag’ ich dem Sänger Dank,
Lachend aus deinem Schädel schlürf’ ich den Minnetrank!“

Kein Wort sprach der Gepide, die Streitaxt warf er wild,
Zerschmettert stob zu Boden des jungen Königs Schild.

[218]
35
Albwin hob sich im Sattel, und seine Lanze flog,

Als sich zu neuem Wurfe der König rückwärts bog.

Tief durch die Kehle wühlte leis krachend sich der Speer, –
Blut brach aus seinem Munde und Röcheln dumpf und schwer;
Noch einmal irrt sein Auge verdämmernd durch die Schlacht, –

40
Dann löscht den letzten Schimmer die morgenlose Nacht.


Hoch über den Gefall’nen gieng Albwin’s stolzer Lauf,
Die Helden der Gepiden schrieen jammernd auf;
Dann fochten sie im Schweigen, und sanken auf den Grund
Mit offnen Herzenswunden und mit geschloss’nem Mund.

45
In’s Zelt stürmt König Albwin, am Boden kniet die Maid,

Aus ihrem holden Blicke thränet frisches Leid.
„Trittst du so herrlich vor mich, sühnlos verhaßter Mann?
Was bluten deine Hände? O rühre mich nicht an!“

[219]

„Mein Lieb, vergiß die Todten! Sie trifft dein Jammer nicht:

50
Hoch über Wunsch und Mitleid wandeln sie im Licht; –

Uns aber hält die Sehnsucht das Herz noch lebenswarm,
Drum fass’ ich, Heißersehnte, dich jubelnd in den Arm!“

Er zwang ihr kräftig Sträuben, er warf sie auf sein Roß,
Durchritt mit stolzem Lächeln den goldbelad’nen Troß:

55
„Laßt von der schlechten Beute! Verstreut sie in den Strom!

Schärft eure stumpfen Schwerter, und folget mir nach Rom!“ –

Nacht war’s, auf’s Lager senkte der Held sein schönes Weib,
Unter warme Decken schmiegte sich ihr Leib. –
Und draußen lag die Haide im dunst’gen Mondenlicht,

50
Schneeflocken deckten leise der Todten Angesicht.
[220]
2) Longobardenzug.

Hoch auf dem Königsberge steht Albwin und sein Heer;
Die tiefen Thäler grünen, und ferne blaut das Meer.
Es steh’n die bärt’gen Helden wundernd festgebannt
Und spähen aus den Helmen begierlich in das Land.

5
Wie Murmeln fernen Donners tos’t es durch die Reih’n,

Wolfshäute flattern stürmisch und Aexte blitzen drein.
Hoch oben steht der König im goldnen Sonnenstrahl
Und schleudert seine Lanze hinab in’s stille Thal.

„Italien, Heldenwirthin, schließ’ deine Kästen auf!

10
Es kommen aus den Bergen neue Gäste zu Hauf’.

Sie hieben breite Straßen im unbetretnen Tann,
Mit ihnen ziehen Adler, Lawinen stäuben voran.

[221]

Ostern ist im Lande, so rüste Kranz und Mai’n!
Hier kommt manch durst’ger Zecher für deinen süßen Wein;

15
Sie heischen, was da blühet, was reift auf Halm und Stamm;

Hier kommt für deine Töchter manch wilder Bräutigam!

Italien, Heldenwittwe, was senkst du stumm dein Haupt?
Hat nicht die narb’ge Stirne der Lenz dir neu umlaubt?
Das Schwert fraß deine Söhne und Pest und Hungertod, –

20
Ich bringe frische Männer, und Männer sind dir noth!


Dich drängen feige Räuber, – ich bringe Schutz und Recht,
Und deinen Ruhm verjünget ein königlich Geschlecht.
Mein bist du, Land der Sehnsucht! Weh’ dem, der dich begehrt!
Weh’ dem, der deinen Namen auf meinem Schild nicht ehrt!“

[222]
25
Nun dröhnet im Gedränge gepreßter Waffen Klang,

Die Helden klimmen jauchzend hinab den Felsenhang;
Doch unten in den Dörfern stürmen die Glocken schon,
Auf allen Straßen fliehet verstörtes Volk davon.

[223]
3) Das Siegesfest.

Im alten Schloß von Berne, in König Dietrich’s Saal,
Da hielt Albwin mit Prangen sein nächtig Siegesmahl;
Die Tafel glänzt vom Golde, das er dem Feind geraubt,
Italiens Krone trägt er hoch auf dem stolzen Haupt.

5
Und ringsum an den Wänden, da steh’n in langen Reih’n

Kunstreiche Kandelaber mit schwankem Lampenschein,
Steh’n weiße Götterbilder, auf ihr ambrosisch Haar
Stülpt lachend seinen Stierhelm der trunkene Barbar.

Wohl flimmt in Albwin’s Krone des Kreuzes milder Stern,

10
Doch hört er noch beim Mahle Wodan’s Loblied gern;
[224]

Und lieber als von Buße und gläub’ger Christen Noth
Hört er von Rachekämpfen und kühner Recken Tod.

In samischen Schaalen kreiset des Weines dunkle Fluth,
Entflammt der Helden Wangen mit ungewohnter Gluth,

15
Und rauher, todeswilder braust der Hünensang; –

Da wirft Albwin den Becher die weite Halle entlang:

„Ihr Schenken und ihr Läufer, ich sag’ euch schlimmen Dank;
Wißt ihr, woraus am ersten Siegesfest ich trank?
Die köstlichste der Schaalen, heut’ kreist sie wohl mit Fug:

20
Kunemundes Schädel, der einstens Krone trug.“


Da holten sie die Schaale und füllten sie in Hast;
Sie war am weißen Rande in reines Gold gefaßt.
Der König schlürfte langsam, die Helden sangen fort,
Dann blickt’ er in die Schaale und sprach ein spöttisch Wort:

[225]
25
„Wär’ nicht dein Haß ertödtet, du felsenhart Gebein,

Wie gern in Gift und Galle verkehrtest du mir den Wein!“
Laut jubelten die Helden, der Trank gieng in der Rund’,
Da trat auf die Schwelle die Königin Rosamund.

Ihr Auge wurde finster, ihr Antlitz wurde blaß, –

30
War es der Schmerz der Tochter? War es des Vaters Haß?

„Welch’ schwarze Norne wandelt zum Freudenthor herein?
Reicht ihr die Ehrenschaale und heißt sie freundlich sein!“

Da schritt langsamen Ganges die Herrin durch den Saal:
„Unzeitig ist das Scherzen, mein König und Gemahl!

35
Du magst den Todten schmähen, er war dein grimmster Feind, –

Doch nicht vor meinem Auge, das täglich ihn beweint.“

Der König fuhr vom Sitze: „Was raubte dir sein Tod,
Das ich mit reichen Händen nicht tausendfach dir bot?

[226]

Dem Schwert verfiel dein Leben, dem lüsternen Knecht dein Leib, –

40
Jetzt rühmen dich die Völker als König Albwin’s Weib.


Verrath ist dieser Starrsinn und Schmähung dies Geflenn!
Fühlst du dich noch als Sklavin, wohlan, so sei es denn!
Vor deines Herren Waffen erbebt das Capitol, –
Nun beug’ dich, nimm die Schaale und trinke auf sein Wohl!“

40
Glanzleeren Auges starrt sie regungslos ihn an,

Nach seinem Speere zuckte der sinnverwirrte Mann;
Sie sich ihn mordesfinster, zornschnaubend vor sich steh’n,
Da sprach sie dumpf: „Der Wille des Herren soll gescheh’n.“

Ein wortlos wildes Murmeln aus ihren Lippen brach, –

50
Kein Menschenohr erfaßte, was Kunemund’s Tochter sprach;
[227]

Dann ward ihr Antlitz ruhig, sie neigt’ sich dem Gemahl
Und schritt, wie sie gekommen, langsam aus dem Saal.

[228]
4) Helmichis und Peregar.


Es sitzt im Blüthengarten zu stiller Mittagsstund’
Beim lockigen Helmichis die schöne Rosamund;
Er drückt ihr leis die Hände, sie schweigt und wehrt ihm nicht,
Da stürzt er vor ihr nieder mit glühendem Angesicht.

5
„O willst du endlich hören, du stummes Götterbild,

Das Leid, das überströmend aus meinem Herzen quillt?
Und weckt mein Wort das Unheil, das lange mich bedroht,
So laß dies Wort mich sprechen und schick’ mich in den Tod!

Du weißt es nicht, welch’ glänzend Elend mich umfieng,

10
Wie ich an deinen Augen mit stillem Flehen hieng;

Was weiß die heit’re Sonne vom nächt’gen Erdenleid? –
Du giengst an mit vorüber in stolzer Herrlichkeit.

[229]

Nun aber ist dein Antlitz von Gram und Sorgen bleich,
Nun bist du selber elend, – und wir sind beide gleich;

15
Und stieß dein Glück mich von dir, du hohe Prachtgestalt,

So lockt dein Schmerz mich wieder mit rührender Gewalt.

O können Menschenwaffen wehren deinem Harm,
Hier ist ein Herz voll Liebe und hier ein junger Arm!
Mein leidgewohntes Auge, dich kann’s nicht trauern seh’n,

20
Dein Wille ist mein Leben! Nun sprich, was soll geschehn?“


Sie blickte ihm halblächelnd in’s Auge unverwandt,
Zerpflückte stumm den Schleier in ihrer weißen Hand,
Dann beugte sie sich langsam zu des Jünglings Ohr
Und sprach: „Albwin muß sterben!“ Helmichis fuhr empor.

25
„Was sinnst du Ungeheures, vor dem mein Herz erschrickt?

Weh’ in welchen Jammer ist all’ mein Thun verstrickt!

[230]

Kaum wagt’ ich es zu pochen an meines Glückes Thor,
So tritt als finstrer Pförtner der Meuchelmord davor.“

Die Herrin hebt die Stirne, und ihre Wangen glüh’n:

30
„Du träumst von meiner Minne, fürwahr, dein Herz ist kühn!

Fehlt dir vielleicht ein Werber, so denke an dein Schwert;
Ich glaube, Rosamunde ist eines Kampfes werth.“

Da beugt sich auf ihn nieder das wunderschöne Weib,
In trunk’nem Muth umschlingt er den königlichen Leib,

35
Aufblüht in seinem Herzen der blut’gen Worte Saat, –

Da war sein Loos gefallen, und er beschwor die That.

Nun faßt ihn sorglich blickend die Herrin bei der Hand:
„Kein Einzelner hält jemals dem Unbesiegten Stand;

[231]

Mir banget für dein Leben, drum, Jüngling, hör’ mich an:

40
Erwähle zum Genossen dir einen starken Mann.“


Da sprach der Held erröthend: „Deucht dir mein Muth so klein?
Dich Hohe zu erwerben, vollbring’ ich’s wohl allein!“
Sie aber bat ihn lange, bis er besänftigt war;
Da nannt’ er ihr mit Zaudern den kühnen Peregar.

45
Er führt’ ihn durch den Garten, – nicht weiß ich, was geschah,

Als daß vor Grimm die Herrin man Abends weinen sah;
Einsam in der Dämm’rung verschloß sie ihr Gemach
Und sann in Nacht und Schweigen furchtbaren Dingen nach.

Herr Peregar, der Degen, der liebt’ ein holdes Kind,

50
Sie war aus Rosamundens edlem Hofgesind’;

Ihm war sie ganz zu eigen, und manche sel’ge Nacht
Hat er an ihrem Herzen in Spiel und Scherz durchwacht.

[232]

Auch heut’ kehrt er vom Mahle erhitzt von Wein und Sang
und schleicht auf leisen Sohlen durch den vertrauten Gang;

55
Mit warmem Hauch umfängt ihn das stille Kämmerlein

Und schließt in tiefes Dunkel ein süß Geheimniß ein.
  
Solch’ wilde Wonnen hat ihm ihr Leib noch nie entfacht,
Die schlanken Glieder schwellen in ungewohnter Pracht;
Doch kalt sind ihre Lippen, – ihn faßt ein fremder Schmerz, –

60
Und durch die harten Brüste fühlt er kein menschlich Herz.


„Wer bist du, stummes Wesen? Von wannen nahtest du?
Sprich, oder schließt den Mund dir des Grabes Siegel zu?“
Da hob sich’s aus den Kissen, – im trüben Mondenlicht
Erkannt’ er mit Entsetzen der Königin Angesicht.

[233]
65
Sie aber flüstert höhnisch: „Du hast den Tod umarmt!

Was bist du, wenn mein Mitleid sich jetzt nicht dein erbarmt?
Ich bat dich heut’ um Rache und bot dir Ehr’ und Glück,
Du aber stießest schimpflich die Flehende zurück.

Ein Ruf nun, – und der König beim Trinkgelag erfährt,

70
Daß ihm sein bräutlich Lager ein niedrer Mann entehrt;

Zur Rückkehr in das Leben ist dir ein Weg noch frei:
Er oder du! – Nun wähle, was dir das Beste sei!“

Umsonst in Angst und Jammer des Helden Seele rang,
Der Hölle Netz zu sprengen, das tückisch ihn umschlang, –

75
Er gab sich ihr gefangen verzweiflungsvoll und sprach

Die harten Eidesworte mit todter Stimme nach.

[234]

Zur selben Stunde zechte der König noch allein,
Oed standen und verlassen der Bänke lange Reih’n,
Fernes Wetterleuchten zuckt’ in den düstern Saal, –

80
Es sprang in Albwin’s Händen scharf klingend der Pokal.
[235]
5) Albwin’s Ende.

O todte Schlummerschwüle im Sommernachmittag!
Die Marmorstraßen glühen, der Schnitter schläft am Hag,
Laue Wellen schleichen lautlos durch das Rohr,
Nur fern steigt in die Bläue weißes Gewölk empor.

5
„Was lärmt noch das Gesinde? Entweicht aus dem Palast!

Der König hält zur Stunde ersehnte Mittagsrast.“
Da schwieg das Singen und Scherzen, die Saiten klangen aus,
Die Herrin wandelt einsam durch das verlass’ne Haus.

Auf Purpur lag der König, entschlafen war er kaum,

10
Ein Zischeln wie von Nattern hört er in halbem Traum;
[236]

Dann nahen leise Tritte, zwei Schwerter funkeln licht,
Da fährt der Held vom Schlummer mit zürnendem Angesicht.

Er streckt noch schlafestrunken nach seinem Schwert die Hand,
Es war mit starken Schnüren genestelt an die Wand;

15
Da weckte ihn der Schrecken, er dachte an sein Weib,

Drauf griff er nach dem Schemel und schirmte seinen Leib.

Im Düstern und Verborgnen geschah der schnöde Mord;
Es war ein wildes Ringen, und Keiner sprach ein Wort,
Gestampf und dumpfes Schnauben, – darauf ein schwerer Fall, –

20
Dann war es wieder stille, grabstille überall.


In’s Scharlachtuch verwickelt lag der gewalt’ge Mann,
Ueber die stolzen Glieder das Blut in Bächen rann.
Die Mörder standen zögernd, doch als sein Auge brach, –
Da vor dem todten Blicke floh’n sie aus dem Gemach.

[237]
25
Nun aber tritt mit Schweigen die grimme Wittwe ein,

Ihr Blick ist heiß wie Feuer, ihr Antlitz kalt wie Stein;
Sie fühlt nach seinem Herzen; das schweigt in blut’ger Ruh’,
Da nickt sie wohlgefällig und geht der Thüre zu.

O todte Schlummerschwüle in Söller, Thurm und Hall’,

30
Wie schläft in deiner Stille endlosen Jammers Schall! –

Eine satte Schlange sonnt sich im rothen Ufersand,
Schläfrigen Fittichs fliegen zwei Raben über’s Land.

[238]
6) Die Rache.

Am Hofe von Ravenna regt sich geschäft’ge Hast,
Es kam zu dem Exarchen ein unverhoffter Gast,
Das schöne Weib aus Norden, die Königin Rosamund;
Da ward dem ernsten Römer ihr mächt’ger Zauber kund.

5
Er lag zu ihrer Linken beim Mahl auf seid’nem Pfühl,

Es plätscherten im Saale Cascaden duftig kühl,
In gold’nen Schüsseln prangte das Köstlichste der Welt,
Auf ihre Häupter bog sich ein blühend Laubenzelt.

Und lockend klang die Flöte, die Cymbel säuselte lind,

10
Mit knospendem Busen tanzte manch hochgeschürztes Kind.
[239]

Helmichis lag daneben; so sehr er sich bezwang,
In Schlummer wiegt den Müden der süße, fremde Klang.

Da beugt zu Rosamunden der edle Römer sich:
„Ich wollte dich bewirthen, und jetzt erlabst du mich!

15
Aus meinen Schaalen trinkst du nur erdgebornen Wein,

Aus deinen Augen saug’ ich der Schönheit Nektar ein.“

Sie neigte sich mit Lächeln und sah ihn glühend an,
Und ihr gefiel im Herzen der kräftig feine Mann;
Die strammen Glieder lagen vom Purpur halb verhüllt,

20
Da ward von wilder Sehnsucht ihr blühender Leib erfüllt.


Und wieder sprach Longinus: „Ist mir die Frag’ erlaubt?
Wer ist der schlummernde Jüngling mit goldgelocktem Haupt?“
Da warf sie stechende Blicke nach dem Schläfer hin,
Und eine schlimme Lüge erfand ihr arger Sinn.

[240]
25
„Ich sag’ dir leid’ge Dinge: Er ist ein eitler Thor,

Durch dessen tolles Treiben ich Thron und Reich verlor;
Er rang nach meiner Minne, mein Gatte schuf ihm Noth,
Da warb er einen Helfer und schlug den König todt.

Die Wuth der Longobarden stürzte sich auf ihn;

30
Mich glaubte man im Bunde, ich mußte mit ihm fliehn.

Der andre Mordgeselle floh in die weite Welt;
Er folgt mir nach und hält sich zu meinem Hüter bestellt.“

Da flammt des Römers Wange, er faßt sie um den Leib:
„So schaff ihn aus dem Wege und sei mein eh’lich Weib!“

35
Nun glüht ihr blaues Auge in wollustweichem Schein:

„Ich bin in deinen Händen, ich kann nicht sagen Nein!“

Als aus dem tiefen Schlafe Helmichis aufgewacht,
Da lag der Saal verlassen in schaurig öder Pracht,
Im Garten tönten Lieder, der Abend war genaht;

40
Ihn führten Phrygerknaben in’s hohe Marmorbad.
[241]

Er trat mit frischen Gliedern und heit’rem Muth hervor,
Da stand mit einem Becher die Königin am Thor:
„Nun soll uns nichts mehr scheiden! Verschläfst du unser Glück?
Trink’, süßer Freund, und kehre zum Liebesfest zurück!“

45
Mit Freuden nahm den Becher der lustbethörte Mann

Und schaute sie beim Trinken zärtlichen Blickes an, –
Da schrak sein Herz zusammen, – im rothen Fackellicht
Sah er ein hohnverzerrtes, haßkaltes Angesicht.

„Trink selber!“ rief er ahnend, sie faßt ein jäher Schreck, –

50
„Trink! Hier ist noch die Hälfte!“ Sie blickt verstört hinweg, –

„Trink!“ rief der Unglücksel’ge und riß das Schwert heraus, –
Da griff sie nach dem Becher und trank ihn hastig aus.

Dann schleudert’ sie ihn nieder hohnlachend in den Sand
Und streifte vor ihr Antlitz das festliche Gewand. –

[242]
55
Er sank auf’s Haupt der Treppe, sie an der Treppe Fuß,

Sie starben ohne Sühne, sie schieden ohne Gruß. –

Und soll ich weiter künden, was ferner sich begab?
Longinus legt die Beiden zusammen in ein Grab;
Und wieder kam der Frühling und deckt in sel’ger Ruh’

60
Mit einem Blumenteppich Haß und Liebe zu.


*   *   *


Nach langen, langen Jahren irrt fern im fremden Land
Ein namenloser Bettler blind und unbekannt;
Einst schwellte seine Glieder furchtbare Heldenkraft,
Jetzt stützt den Todesmüden sein alter Lanzenschaft.

65
Doch will er einmal ruhen vom freudelosen Lauf,

So führt ihm die Erinn’rung ein gräßlich Bild herauf,
Ein Bild fluchtodten Glückes voll Rache, Trug und Mord, –
Und ohne Ruhe wandert der blinde Bettler fort.