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Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen II. Section/H21

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Heft 20 des Meissner Kreises Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen von Gustav Adolf Poenicke (Hrsg.)
Heft 21 der Section Meissner Kreis
Heft 22 des Meissner Kreises
Die Beschreibungen sind auch als Einzeltexte verfügbar unter:
  1. Bärenstein
  2. Reinhardtsgrimma
  3. Lungwitz
  4. Lauenstein


[161]
Bärenstein


mit seinem auf felsiger Höhe gelegenen Schlosse erinnert uns so recht deutlich an die Wohnungen der alten Ritter, an ihre Turniere, an ihre Gastmähler und ihre Abenteuer.

Das Aeussere des Schlosses verspricht zwar kein hohes Alter, weil es seit seinem Ursprunge einmal abgebrannt ist und dessen Aufbau nach dem neueren Style erfolgte. Doch die Lage des Schlosses selbst und die alten Grundmauern desselben lassen uns nicht vorüber gehen, ohne erst zu fragen, wie mag es hier sonst gewesen sein, wer mag hier sich seines Lebens erfreut oder in Seufzen und Wehklagen seine Tage verbracht haben? War hier eine Zufluchtsstätte der verfolgten Unschuld, war es ein Ort, wo dem Hülfesuchenden bereitwillig die Arme geöffnet wurden, oder war es ein Platz, von wo aus man des Nachts auf Beute auszog, von wo aus man den Reisenden und stillen Wanderer überfiel, um ihn seiner Habe zu berauben, von wo aus man den Vorüberziehenden ergriff und in das dunkle Burgverlies warf, um ihn auf ewig den Augen der Welt zu entziehen?

Frager, du erhältst eine beruhigende, eine freudige Antwort: Bärenstein war von seinem Beginnen bis auf die neuesten Zeiten eine Wohnung der Tugend, der Frömmigkeit.

Stolz können wir als Sachsen auf die ersten Erbauer des Schlosses von Bärenstein zurückschauen. Es waren keine anderen als die Herren von Bernstein, die nach dem Schlosse sich nannten und schon ums Jahr 1088 hier existirten. Von hier aus zog im Jahre 1165 Albrecht von Bernstein auf seine Unkosten zu einem Turniere nach Zürich, welches der Herzog von Baiern und König von Sardinien, Welphus Quartus, angestellt hatten. Diese Herren von Bernstein gelangten vermöge ihres Edelmuthes und ihrer Tapferkeit zu hoher Würde, zu grossem Ansehen, sowie auch zu grossem Reichthum. Ihr Gebiet wurde von Jahr zu Jahr erweitert und Bärenstein wurde in damaliger Zeit eine Herrschaft von Bedeutung. Vorzüglich gelangten diese Herren von Bernstein im 13., 14. und 15. Jahrhundert zu einer besondern Bedeutung in hiesiger Gegend durch ihre vielen Besitzungen, durch Anlegung der Orte Beerenburg, Bärenfels, Reinhardtsgrimma, Schmiedeberg, Trausbach, Hausdorf, Lochow (oder Lucha), Ottendorf, Röhrsdorf, Borthen und Gamigk.

Ritter Woltzig von Bernstein, Sohn vom Ritter Heinrich von Bernstein, erbaute Altenberg und legte das Bergwerk, welches durch seine Köhler entdeckt wurde, daselbst 1489 an.

Im Hussitenkriege haben die von Bernstein dem Lande erspriessliche Dienste geleistet. Das Schloss Bärenstein hielten sie zu dieser Zeit immer mit 130 Mann besetzt und alle Angriffe wurden abgeschlagen.

Woltzig von Bernstein starb 1489 und sein Schloss, nebst übrigen Gütern, fiel an dessen Vetter Carl von Bärenstein auf Ottendorf, welcher durch mehre Unglücksfälle genöthigt wurde, seine Besitzung mit Zubehör an den Herzog Albrecht zu verkaufen, welches im Jahre 1496 erfolgte. Seinem Sohne Christoph war aber das Glück vorbehalten, die väterlichen Besitzungen wieder zu erlangen. Dieser rettete bei einem Ausfall aus der von den Friesen belagerten Stadt Franken dem Herzog Heinrich das Leben und durch Vermittlung dieses Fürsten erhielt nach des Vaters Tode Christoph von Bernstein das Schloss Bärenstein wieder käuflich. Christoph von Bernstein vererbte es auf seine Nachkommen, welche es nur noch bis 1638 besassen; denn in diesem Jahre starb Damm von Bärenstein, der letzte des hiesigen Zweiges.

Die Ritter von Bernstein führten folgendes Wappen: ein in silbernem Schilde zum Streit gerüsteter aufrecht stehender schwarzer Bär, auf dem Schilde ruht ein mit einer goldnen Krone bedeckter offener Turnierhelm, aus welchem ein erhabner und zum Streit geschickter Bär hervorragt; die Helmdecken waren schwarz und silbern.

Nach dem letzten von Bernstein kam ihre Besitzung unter Sequestration, bis solche 1676 Siegfried von Lüttichau kaufte, bei welcher Familie der Besitz wahrscheinlich bis 1700 blieb, in welchem Jahre Bärenstein an Hans Heinrich von Schönberg kam, dessen Testament im Jahre 1711 den Grafen von Holzendorf zum Besitzer machte. Noch 1755 gehörte es Letzterem, von welchem es an das von Bünau’sche Geschlecht überging und von demselben bis 1807 behauptet wurde. Späterhin finden wir als Erb-, Lehn- und Gerichtsherrn von Bärenstein, und zwar im Jahre 1817, den Kammerherrn von Lüttichau, bei welcher Familie diese Besitzung sich jetzt noch befindet.

Die zum Schlosse gehörigen herrschaftlichen Grundstücke betragen 360 Scheffel Feld, 110 Scheffel Wiesen und 421 Acker Holzboden.

Die Viehzucht und die Schäferei ist in der neuern Zeit noch bedeutend erweitert und vergrössert worden. Zur Schäferei wird der im Müglitzthale unterm Schlosse und Dorfe gelegene Hammer-Bärenklau, welcher aus einem herrschaftlichen Gute, einem Mühlengrundstück und 4 Gärtnern besteht. Wahrscheinlich stand in früherer Zeit ein Hammerwerk hier.

Unterhalb des Schlosses liegt das Städtchen Bärenstein und ganz nahe am Städtchen das Dorf Bärenstein, welches älter ist als das Städtchen.

Beide liegen in einer sehr angenehmen romantischen Gegend, ohnweit der böhmischen Grenze, in der Nähe des hohen Geisingsberges; bewaldete Berge, Felsenabhänge, tiefe Thäler und das von den Zinnwäschern roth gefärbte Wasser, die Müglitz, welche sich hier mit grossem Geräusch ergiesst, machen die Gegend malerisch reizend.

Beide Orte befinden sich in der Nähe vieler andern Städte und Dörfer indem sie im Centrum von Lauenstein, Geising, Altenberg, Schmiedeberg, Glashütte und Liebstadt liegen, von welchen Orten die ersteren meistens nur 1 Stunde, wie von Dresden (über Glashütte) 6 Stunden entfernt sind. Die Grenze von Böhmen liegt 2 Stunden entfernt und das so reizende Töplitz, wohin man auf [162] dem Fusswege über’s Mückenthürmchen, Graupen u. s. w. gelangen kann, liegt 4 Stunden von hier.

Das Stadtrecht erlangte Bärenstein im Jahre 1495 durch Vermittlung des Pater von Bernstein, welcher beim Herzog Georg in hohem Ansehen stand. Die Stadt befindet sich im Besitze von einem ansehnlichen Holze, der Gemeindewald genannt; ingleichen von Communfeldern, welche früher aller 3 Jahre verlost wurden, jetzt aber den Hausbesitzern eigenthümlich zugehören. Auch brachte in den frühern Jahren der Bergbau auf Zinn, noch früher auch auf Kupfer und Silber, dem Orte grossen Nutzen, welcher Bergbau gegen früher nicht mehr so schwunghaft betrieben wird.

Der Ort besass hierzu, wie schon seit mehreren Jahrhunderten bis auf die neueste Zeit, sein eignes Bergamt unter Anleitung und Oberherrschaft des Rittergutsherrn, da den früheren Herrn von Bernstein ausdrücklich das Recht verliehen worden war, ein eignes Bergamt aus einem Bergmeister, einem Geschwornen, einem Zostschreiber, einem Ausbeute- und Zubüssboten zu bestellen.

Ebenso steht auch der Gerichtsherrschaft das Collaturrecht über Kirche und Schule zu, welches so alt als das Schloss selbst ist. Denn der erste Erbauer desselben gedachte auch sofort daran, einen Tempel des Herrn anzulegen, um darinnen sowohl seine Privatandachten zu halten, als auch seinen Unterthanen Gelegenheit zu verschaffen, geistige Kost zu erlangen.

Alle Besitzer von Bärenstein haben sich als Freunde der Kirche und Schule bewiesen, wie dies auch jetzt noch der Fall ist. Unter den Besitzern von Bernstein, welche sich um Kirche und Schule durch Vermächtnisse und milde Stiftungen verdient gemacht haben, glänzen vorzüglich die Namen der Herren von Bernstein, von Schönberg, von Holzendorf und von Lüttichau. Das Kirchspiel wird unter solchen Händen auch des ferneren Schutzes nicht ermangeln.

Vor der Reformation gehörte Bärenstein in geistlichen Sachen unter den Briessnitzer Archidiacon des Hochstifts Meissen, in dessen Dippoldiswalder Sprengel es einbezirkt war. Nach der Reformation, welche hier 1540 erfolgte, kam es zur Superintendentur Pirna, wobei es bis ins Jahr 1838 verblieben und in diesem Jahre zur Ephoriestadt erhoben worden ist. Die Parochien, welche zu dieser Ephorie gehören, sind Altenberg, Bärenstein, Börnersdorf, Breitenau mit Filial Oelsen, Dittersdorf, Düben, Fürstenwalde mit Fürstenau, Geising, Lauterstein, Liebenau.

Die Parochie Bärenstein besteht aus dem Städtchen und Dorf Bärenstein und aus Hammer-Bärenklau.

Früher ist Geising nach Bärenklau eingepfarrt gewesen, daher noch eine Abgabe von da an den Pfarrer und Schullehrer in Bärenstein alljährlich entrichtet wird. Die ganze Parochie hat nur eine Schule in der Stadt.

Die Pfarre besitzt nicht unbedeutende Feldwirthschaft, auch Wald, welcher aber jetzt in Kapital verwandelt ist, so dass die Kapitalzinsen für das Holz an den Pfarrer entrichtet werden. Auch die Schule ist mit etwas Feld- und Grasland versehen, ihr Einkommen ist jedoch erst seit kurzer Zeit geordnet.

Durch die Stiftung des Ritters Hans Heinrich von Schönberg auf Bärenstein und Maxen empfangen Pfarrer und Schullehrer einige Zinsengelder. Das Bildniss des gedachten Herrn von Schönberg ist unter dem hohen Altargewölbe der Kirche in Lebensgrösse aufgestellt und stellt einen in Sandstein ausgehauenen geharnischten Ritter dar. Ebenso findet man die Bildnisse des Ehrenvest Caspar von Bernstein, des Woltzig von Bernstein und des Christoph von Bernstein, welche grosse Verdienste um die Kirche sich erworben haben, und deren Andenken heute noch geehrt wird.

Nach dem grossen Brande im Jahre 1738 hat sich vorzüglich der damalige Gerichtsherr, der Ober-Consistorial-Präsident, Kammerherr und Ober-Steuereinnehmer Gottlieb von Holzendorf ein unvergessliches Denkmal der Liebe und Hochherzigkeit dadurch gesetzt, dass er nicht allein einen grossen Saal im Schlosse zur Abhaltung des Gottesdienstes hergab, sondern auch durch seine Verwendung der Kirche, Pfarre und Schule zu deren Wiederaufbau die beträchtliche Summe von 3000 Thalern, 120 Stämme Bauholz und viele andere Baumaterialien zufliessen liess.

Bärenstein die Stadt mit Hammer-Bärenklau hat jetzt 67 bewohnte Gebäude mit 496 Einwohnern, worunter 44 Handwerker und darunter viele Fleischhauer sich befinden, welche seit Jahrhunderten wegen eines sich erworbenen Verdienstes die Gerechtsame haben, nach Dresden schlachten zu dürfen.

Das ganz am Städtchen angebaute Dorf Bärenstein besteht aus 39 Bauern, 33 Häuslern und überhaupt 453 Einwohnern, und besitzt ebenfalls, wie das Städtchen, einen grossen Gemeindewald, wie auch viele und zum Theil gut angebrachte Felder und fast alle noch besondere Waldung besitzen. Ueberhaupt ist der Ertrag des Feldbaues nicht zu den niedrigsten zu rechnen, indem hier allerhand Feld- und Gartenfrüchte, wie auch Obst, gedeihen, und überhaupt der Feldbau durch seine betriebsamen Einwohner immer noch mehr gewinnt. Die Gegend befindet sich demnach nicht in dem Zustande, unter welchem oft das rauhe Gebirge geschildert und verstanden wird.

Die ganze Gegend ist im wahren Sinne des Wortes romantisch zu nennen: Bewaldete Berge, Felsenabhänge, tiefe Thäler und das von den Zinnwäschern roth gefärbte Wasser, die Müglitz, welche sich hier mit grossem Geräusch ergiesst, geben der Gegend einen malerischen, reizenden Anstrich.

Bärenstein mit Stadt und Dorf gehören zum Gerichtsamt Lauenstein und zum Bezirksgericht Pirna.

M. G.     



[163]
Reinhardtsgrimma,


im gemeinen Leben oft schlechthin Grimme, in einigen alten Schriften auch Reinersdorf genannt, liegt 4 Stunden südwestlich von Pirna, 3 Stunden südlich von Dresden, 1¼ Stunde östlich von Dippoldiswalde, 1 Stunde nördlich von Glashütte, 1¾ Stunde nordwestlich von Liebstadt, an der Strasse von Dippoldiswalde nach Pirna, in einer Art von Thalkessel, welcher sich aber von Südwest nach Nordost verlängert und vom Dorfe ziemlich genau ausgefüllt wird.

Diesen Kessel bildet das Grimmaische Wasser, welches an das Dorf sowohl, als davon hinweg fliesst. Das Grimmaische Wasser oder besser der Reinhardtsgrimmer Bach bildet sich bei der Schlossmühle von Reinhardtsgrimma aus dem Zusammenfluss zweier Bäche, deren einer in Südsüdost, östlich vom Lucher Spitzberg, der andere in Südwest von hier am Gehänge des Kohlberges entspringt. Letzterer bewässert Niederfraundorf und hat weniger Zufluss als der erste.

Beide Hauptquellen liegen ¾ Stunde von hier, in einer Meereshöhe von etwa 1200 Pariser Fuss. Von Reinhardtsgrimma aus fliesst der Bach in zwei grossen Bogen in das tiefe Thal hinab, welchen links der Hermsdorfer Berg mit seinen verschiedenen Stufen und Vorgebirgen rechts die Höhen von Hausdorf und Maxen bilden. Er empfängt dabei links, den nicht unbedeutenden Hirschbach und bei der Teufelsmühle den bei Hermsdorf entspringenden, am Fusse des dortigen Gebirges hinfliessenden Bach; rechts das Hausdorfer Wasser. Das oben besagte Thal gehört ohne Zweifel zu den reizendsten der Gegend. Dort, wo es weniger tief ist, erreicht das Wasser unter dem Spitzberg das Dorf Lungwitz und durchfliesst es, nebst dem untersten Theile von Kreischa, in einem herrlichen Thale, in welchem seine Richtung nordwestlich ist, wo es rechts vom Wittchensdorfer, links vom Quorner Bache verstärkt wird. Gegen Nordnordost sich wendend, kommt es unter Kautzsch in das romantische Thal des Lockwitzer Grundes. Später erreicht es oberhalb Laubegast die Elbe. Südlich von Reinhardtsgrimma erhebt das Land sich sanft zur Höhe von Fraundorf, und zeigt mehr sanfte Schluchten, als tiefe Thäler; nördlich wird es dagegen, je weiter vom Ort desto coupirter, und enthält unter Hirschbach und Hausdorf und bei Schlottewitz die tiefsten und schönsten Thäler der hiesigen Gegend.

Südöstlich reint Reinhardtsgrimma mit Cunnersdorf, nordwestlich mit Hirschbach, westlich mit Reinholdshain.

Das jetzige Rittergut Reinhardtsgrimma gehörte im 11. Jahrhundert mit seinem Gütercomplex zur Bergfeste Grimmstein, die dem Ritter Grimmer oder Grimme ihre Entstehung verdankt und später ein Raubschloss wurde. Dieses Schloss war ¼ Stunde von Reinhardtsgrimma östlich im Walde auf hohen Felsen erbaut, wovon noch heute die Spuren zu finden sind. Das Unwesen, welches von hier aus durch Raub und Wegelagerung verübt wurde, erregte den Unwillen der in der Nähe wohnenden edlen Ritter von Bernstein. Sie beschlossen die Einnahme der alten Bergfeste und führten ihren Entschluss auch aus. Die Burg Grimmstein wurde zerstört, und zur Belohnung erhielten diese Herren die ganze Besitzung. Nun baute Reinhardt von Bernstein, nach Andern wahrscheinlich Reinhardt von Karras eine neue Veste auf der Stelle, wo jetzt das Schloss von Reinhardtsgrimma steht, welches wir in der Abbildung finden, und nannte solches nach seinem Namen und seinem Ursprunge Reinhardtsgrimma.

Diese tapfern edlen Ritter von Bernstein waren im Besitze von Reinhardtsgrimma bis zum 14. Jahrhundert, wo solches an die Herren von Karras kam, von welchen es wieder ein Heinrich von Bernstein acquirirte. Dann war beliehener Besitzer von Reinhardtsgrimma Friedrich von Mangold, welcher es im 16. Jahrhundert der Familie von Schönberg überliess. Hans Heinrich von Schönberg besass das Gut zuletzt und starb 1617. Nach dessen Tode übernahm dessen Wittwe die Besitzung, von welcher solche an die Herren von Osterhausen überging. Doch blieb Reinhardtsgrimma nicht lange bei dieser Familie; denn 1628 war Erb-, Lehn- und Gerichtsherr hier Nicolas Joachim von Loss auf Pillnitz, Reichspfennigmeister und Geheimrath, dessen Tochter einen Herrn von Tettau heirathete. Nicolas Joachim von Loss verkaufte aber alsbald Reinhardtsgrimma an Rudolph von Bünau auf Tetschen, welcher 1635 in Reinhardtsgrimma verstarb und das Gut seiner Wittwe hinterliess, welche solches am 31. August 1636 an Christoph Friedrich von Tettau, dem Schwiegersohne des Herrn von Loss, verkaufte. Des letztern Sohn, gleichen Namens, welcher das Gut 1659 besass, erheirathete auch Lauterbach bei Oelsnitz im Voigtlande. Nach seinem Tode übernahmen dessen Stiefbrüder Heinrich Hildebrand und Otto Wilhelm von Tettau das Gut Reinhardtsgrimma, von welchen es wieder an die Mutter derselben, Eleonore Christiane von Tettau, kam. Nach deren Tode übernahmen deren Töchter, Agnes Catharina verehelichte von Venediger, und Christiane Elisabeth von Tettau die Verlassenschaft ihrer Mutter, welche es ihrem Ehemann und resp. Schwager, dem Hans Heinrich von Venediger überliessen.

Die Tochter des Letztern, die verehel. Elisabeth Juliane Reichbrodt von Schrenkendorf, wurde seine Erbin und erhielt auch Reinhardtsgrimma, von welcher es wieder an deren Mutter, an Agnes Catharine von Venediger geb. von Tettau, überging. Nach deren Ableben wurde der Bruder derselben, Otto Wilhelm von Tettau, mit Reinhardtsgrimma beliehen, der es seinen Söhnen, Christoph Friedrich von Tettau und Consorten, hinterliess.

Nach den Herren von Tettau kam das Gut an den Kommerzienrath Lippold, welcher den Oberhof eingehen liess und 1767 das schöne Schloss anlegte. Dieser Herr Lippold hinterliess die Besitzung seinen Söhnen, Johann Gottfried Lippold und Consorten. Dann folgte als beliehener Besitzer Hennig von Rumohr, der wieder an den Geheimen Kriegsrath Carl Victor August von Broizem sein Besitzthum abtrat.

Im Jahre 1800 kaufte das Gut der dänische Gesandte von Bülow, der es seiner Tochter, Johanne Joachime Charlotte verehel. von Racknitz wieder abtrat, von welcher es in die Hände deren Schwester, der Friederike Juliane Christiane Freiin von Bülow gelangte, welche sich mit einem gewissen Herrn Georg Conrad Ruschenbusch aus dem Hannöverschen verheirathete, wodurch Letzterer der Besitzer von Reinhardtsgrimma wurde. Der jetzige Besitzer ist ein Sohn erster Ehe von der geb. von Bülow, welches wir deshalb bemerken zu müssen glauben, da der vorerwähnte Georg Conrad Ruschenbusch, der Vater, nach dem Tode seiner Ehegattin, der geb. von Bülow, anderweit mit Marianne Schubert aus dem Pfarrhause Collmen, und zum dritten Male mit [164] Auguste Ernestine Freiin von Brandenstein verehelicht war und von dieser zweiten und dritten Ehe ebenfalls Kinder vorhanden sind.

Die hiesigen Schlossgebäude gewähren ein freundliches Bild, welches durch die herrlichen dabei befindlichen Parkanlagen einen besondern Reiz für den Beschauer bietet. Das Brauhaus und die Schäferei stehen auf dem sogenannten Oberhofe und letzteres besteht aus einem Gebäude, wie ein zweites in Sachsen nicht leicht zu finden sein dürfte.

Das Rittergut selbst hat ein bedeutendes Areal an Feldern und Wiesen, vorzüglich aber an Holzungen, obschon es ehedem durch das dabei befindliche grosse Vorwerk Cunnersdorf, welches zu Zeiten der Herren von Schönberge von Reinhardsgrimma abgetrennt und selbstständig bewirthschaftet wurde, noch viel grösser war. Denn das ehemalige Freigut Cunnersdorf, oder das Vorwerk genannt, welches eine halbe Stunde von Reinhardtsgrimma entfernt auf einer Anhöhe liegt und über das ganze Dorf sich erhebt, gehört nebst dem dasigen Erb- und Lehngerichte zu den ansehnlichsten Gütern. Vorzüglich ist es aber die Lage von Reinhardtsgrimma, welche so ungemein anzieht. Wohin sich auch der Naturfreund hinwenden mag, überall wird derselbe entzückt von den herrlichen Ansichten, von dem zauberischen Liebreiz der Natur. Die Bildung der tiefsten und schönsten Thäler der hiesigen Gegend wird erzeugt durch die rings herum liegenden Gebirge. Im Süden von Reinhardtsgrimma steigt der kegelförmige, aus Basalt bestehende Lucher Berg, im Osten der Lederberg bei Schlottwitz, im Norden der Wilischkegel empor, von welchem aus man sonst das schöne Elbthal, den Königstein, Lilienstein, die hervorragenden Punkte der sächsischen Schweiz, die Frauensteiner Ruinen und einen Theil der böhmischen Gebirge erblicken konnte.

Nach einer alten Volkssage bewahrten einst die Riesen den Luch- und Wilischberg und schleuderten Basaltwacken gegen einander, die nun mitten zwischen beiden Höhen angehäuft liegen.

Vom nahen Schlottwitz führt ein bequemer Fussweg auf den Grimmstein, auf welchem ein liebliches Lusthaus erbaut ist, wozu schon die Anlage von dem früheren Besitzer von Reinhardtsgrimma, dem dänischen Gesandten, Herrn von Bülow, gemacht worden war.

Von Schlottwitz hat der so oft schon in Reisebeschreibungen und Topographien genannte Schloitzgrund seinen Namen, wodurch die hiesige Gegend so berühmt geworden.

Die westliche Einfassung dieses Grundes ist unterwärts hoch, stark coupirt und sehr steil, oberwärts hingegen, nur bis auf 50 oder 70 Ellen[WS 1] steil und felsig ansteigend, dann sanft abgewölbt, so dass hier Felder existiren können. Oestlich also zur rechten Seite zieht sich 3000 Schritt lang die steile, mehre 100 Ellen hohe, aber mit freundlichem Laubholz und der üppigsten Vegetation geschmückte Wand des Lederberges hin und gewahrt eine ähnliche Ansicht, wie der Reisende bei Tharandt geniesst. Die grösste Höhe dieses weithin sichtbaren Berges beträgt 616 Ellen über dem Dresdner Elbspiegel, also 1456 Pariser Fuss über dem Meere. Sein Gipfel ist bewaldet. Der eigentliche Schloitzgrund ist eine Stunde lang und meist 200 bis 400 Schritte breit. Gewaltige Felsmassen machen ihn bis Glashütte hin zum Theil unwegsam.

Das Ganze bildet eine der reizendsten Parthien in Sachsen und kann nicht so geschildert werden, als es der Beschauer fühlen und geniessen muss.

Beide Thalwände des Schloitzgrundes bestehen, wie schon erwähnt, aus Gneus, welcher nur vom Achatgebirge unterbrochen wird. Daher der Name Schlottwitzer oder Schloitzer Achat, sehr häufig auch Cunnersdorfer Achat oder Cunnersdorfer Stein genannt.

Vor Einführung der neuen Gerichtsorganisation gehörten von Schlottwitz unter die Gerichtsbarkeit von Reinhardtsgrimma 4 ganze, 2 halbe Hufengüter und einige Häusler. Ebenso war ein Theil von Cunnersdorf den hiesigen früheren Patrimonialgerichten einverleibt, wogegen ein anderer Theil dem Rittergute Maxen zugetheilt war, was wohl darinnen seinen Grund haben mag, dass Maxen und Reinhardtsgrimma in den frühesten Zeiten ein und derselben Familie gehörte, der Familie von Karras.

Der Gerichtsherrschaft von Reinhardtsgrimma steht bis zum heutigen Tage noch das Patronatrecht über hiesige Kirche und Schule zu.

Die Erbauung der Kirche fällt in die katholischen Zeiten zurück. Sie ist ein langes, aber schmales, mit 3 Thürmen versehenes Gebäude.

An sie angebaut sind 2 herrschaftliche Erbbegräbnisse. In dem älteren ruhen die früheren Besitzer von Reinhardtsgrimma, in dem neueren die des dänischen Gesandten am sächsischen Hofe, Freiherrn von Bülow, und zweier Gemahlinnen des Herrn Georg Conrad Ruschenbusch.

In der Kirche befinden sich mehre Monumente, worunter das des Heinrich von Schönberg und das seiner Gemahlin, der Elisabeth geb. von Trotta, Erwähnung verdienen. In der herrschaftlichen Kapelle erblickt man viele sehr schätzbare Gemälde, auch interessante Gedenktafeln. Der Altar ist alt und enthält verschiedenartige Verzierungen. Die Kanzel ist mit den 4 Evangelisten geschmückt. Die Orgel ist von Silber neu erbaut, und hat 2 Claviere.

Ausserdem besitzt die Kirche ein Vermögen von 1100 Thalern und 10 Legate, die theils zur Unterstützung Armer, theils zum Unterricht dürftiger Kinder, theils zur Anschaffung von Schulbüchern bestimmt sind; ein Legat ist zur Erhöhung der Feier des Charfreitags durch eine Predigt bestimmt.

Der Kirchhof enthält unter vielen andern Grabdenkmälern auch ein uraltes Bild, welches den alten Ritter Grimmer vorstellen soll.

Eingepfarrt hierher sind Cunnersdorf, ein Theil von Schlottwitz und die sogenannten Hütten, Oberfrauendorf, Niederfrauendorf, Reinholdshain und Hirschbach.

Die Pfarrwohnung, welche mit sammt den Wirthschaftsgebäuden im Jahre 1765 abbrannte, ist seit ihrem Wiederaufbau in gutem Zustande, hat eine hohe, freie Lage und gewährt eine weite Aussicht.

Die Gründung der Schule, welche von beinahe 100 Kindern besucht wird, lässt sich nicht genau ermitteln; Cunnersdorf, Oberfraundorf, Reinholdshain und Hirschberg haben in der neuern Zeit ihre eigenen Schulen erhalten und besondere Schulhäuser erbaut.

Ausser diesen namhaft gemachten Gebäuden verdient blos noch eine Erwähnung einerseits das Gasthaus – welches auf dem Gebiete des hiesigen, seit alten Zeiten zum Rittergute gekommenen Erbgerichts steht – und andererseits die Schlossmühle, welche sich am obern Dorfende befindet, und aus drei Gängen und einer Schneidemühle besteht.

Reinhardtsgrimma bildet nur eine Gemeinde und besteht aus 26 Bauergütern, 16 Gärtnern und 50 Häuslernahrungen, und im Ganzen aus 4 Mühlen, und auf dem Rittergute befinden sich, ausser dem Schlosse, noch 16 Wohngebäude.

Die Einwohnerzahl beläuft sich auf 871, welche jetzt unter dem Gerichtsamte Dippoldiswalde stehen. Letzteres ist dem Bezirksgerichte Dresden und den übrigen dortigen höheren Behörden untergeordnet.

Die Einwohner von Reinhardsgrimma selbst beschäftigen sich meistentheils mit Ackerbau und Viehzucht und Strohflechten.

M. G.     



[165]
Lungwitz.


Das Rittergut Lungwitz, auch Lungkwitz mit Vorwerk Hermsdorf, liegt in dem von Lockwitz aus in südlicher Richtung sich aufwärts ziehenden romantischen Kreischaer Thale, welches in seiner ganzen Ausdehnung von einem lebendigen, Forellen reichen Wasser (der Lockwitz, auch Lungwitzbach oder das Grimmaische Wasser genannt) durchströmt, durch die Anmuthigkeit der Umgebung, die aushaltende Frische der Vegetation und die friedliche Stille Naturfreunden Reize darbietet, welche in der Nähe der Residenz immer seltner ungestört von dem Drängen und Treiben der Dampfschiffe und des Dampfwagenverkehrs genossen werden können.

Lungwitz ist von Dresden etwa 3 Stunden, ebenso weit von Pirna, 1½ Stunde von Dippoldiswalde entfernt, am Fusse des weithin die Gegend beherrschenden, bis zu 1468 Pariser Fuss über dem Meeresspiegel sich erhebenden Wilischberges, dessen Kuppe jetzt leider keine Rundsicht mehr darbietet, gelegen und auf der bequemen Fahrstrasse über Lockwitz, beziehendlich von dem Haltepunkt Niedersedlitz an der sächsich-böhmischen Eisenbahn aus, von rüstigen Fussgängern auch auf dem über Goppeln führenden, an Fernsichten reichen Communications-Fusswege bequem von Dresden aus zu erreichen.

Mit dem stark bevölkerten Dorfe Kreischa gränzt Lungwitz unmittelbar; ein angenehmer Wiesenweg führt von dem als Wasserheilanstalt bekannten Kreischaer Bade in wenig Minuten nach den von dort aus viel besuchten, im besten Stande erhaltenen Parkanlagen und dem Garten von Lungwitz.

Das Rittergut seit 1633 Mann- und Weiberlehn, seit dem Jahre 1745 reines Allodium, befand sich, so weit die Nachrichten zurückreichen, in der Zeit von 1411 bis 1634 im Besitze der Familie von Zschieren, auch Czeryn, Zscheryn, ging im zuletzt gedachten Jahre auf den am Hofe Kurfürst Johann Georg I. einflussreichen, von Wien gebürtigen Oberhofprediger Matthias Hoe von Hönnegg über, ward von 1643–1686 von dem gleichnamigen Sohne des Vorgedachten, bis 1691 von dessen Wittwe, Marianne Magdalene Hoe von Hönnegg geb. von Liebenau besessen, auf welche dann Adolph Friedrich von Below bis 1728 folgte. Von Letzterem acquirirte es der Hof- und Justizrath Dr. Johann Christian Bennemann, der es 1746 seiner Gattin und resp. Wittwe, der Christiane Elisabeth Bennemann geb. Aschard, hinterliess. Diese Letztere hatte unterm 18. August 1760 eine letztwillige Verfügung getroffen, worinnen sie das Gut Lungwitz mit Hermsdorf sammt Pertinenzien und Inventar, ohne allen Abzug zu einer Stiftung bestimmte, „dem dürftigen Nächsten und dem gemeinen Besten zum Nutzen, dem dreieinigen Gott zu Ehren.“

Diese umfängliche und segensreiche Stiftung, durch deren Begründung die Hof- und Justizräthin sich für alle Zeiten ein hochehrendes Denkmal hochherziger geistiger Fürsorge für Bedürftige und Bekümmerte gesetzt und sich den heissen Dank vieler im Stifte und aus der Stiftung Unterstützter erworben hat, trat nach dem im Jahre 1771 erfolgten Ableben der Stifterin, im darauf folgenden Jahre 1772 mit landesherrlicher Confirmation nach Massgabe der im Stiftungscodicille ertheilten speciellen Anordnungen ins Leben.

Die hauptsächlichsten dieser Bestimmungen sind folgende: In dem dazu eigends bestimmten, im Jahre 1843 unter der Administration des Regierungsrathes, Kreishauptmann von Zeschwitz, im gefälligen Style neu erbauten Stiftshause finden sechs ehrbare Wittwen, deren Männer, falls sie nicht der Stifterin oder ihrem Ehegatten verwandt oder verschwägert wären, in Ehrenstellen geistlichen oder Civilbedienungen – mit Ausschluss der Wittwen von Militairs und vom Handwerksstande – fungirt haben, Aufnahme in geräumigen, separaten Wohnungen mit Aufwartung, Holzdeputat, der Berechtigung, Milch und Butter aus der Oeconomie zu festgesetzten niedrigen Preisen zu entnehmen, und überdies einer baaren Unterstützung von je 50 Thlr. jährliche Bedingungen der Aufnahme sind: Alter über 50 Jahre, unverschuldete Bedürftigkeit, fleckenloser Wandel und evangelisch-lutherisches Bedürfniss.

Nächstdem werden Geldbeneficien zum Betrage von 50 Thalern jährlich an bedürftige Angehörige der Familie der Stifterin und ihres Ehegatten, und zwar ohne Unterschied des Geschlechts in Ermangelung solcher aber an Wittwen oder betagte Jungfrauen, von ehrbarem Herkommen und Ruf, Civilstandes und mindestens 50jährigem Alter aus den Einkünften der Stiftung gewährt.

Die Zahl solcher Stipendien war nach der Stiftung auf nur sechs festgestellt, ist aber in Folge der gestiegenen Nutzungen des Gutes bis auf dermalen drei und zwanzig nach und nach erhöht worden. Die Zahl der bedürftigen, [166] meist im Auslande wohnenden Familienangehörigen ist so beträchtlich, dass eine Betheiligung Fremder bei den blossen Geldstipendien nur in seltenen Fällen stattfinden kann.

Die Rittergutsökonomie soll jeder Zeit verpachtet werden; dagegen ist für die Bewirthschaftung der zum Gute gehörigen Waldung ein Förster, und zur Besorgung des Ziergartens, welcher zum Andenken an die Stifterin und zum Vergnügen für Fremde, die sich dort umsehen wollen, stets in gutem Stande erhalten werden soll, ein besonderer Gärtner, dem insbesondere auch die Pflege der zahlreichen Orangerie zur Pflicht gemacht ist, für die Bewachung des Gutes endlich ein besonderer Custos angestellt, welcher auch täglich dreimal, des Morgens, Mittags und Abends zu lauten hat.

Dem Pfarrer zu Kreischa, wohin Lungwitz eingepfarrt ist, sowie dem dortigen Kirchschullehrer sind für die ihnen zur Pflicht gemachten Besuche bei den im Stifte wohnenden Wittwen besondere Emolumente ausgesetzt.

Auch wird alljährlich am Charfreitage in der Kirche zur Kreischa eine Stiftungspredigt gehalten, bei welcher 12 Bibeln und 12 Dresdner Gesangbücher unter die Unterthanen von Lungwitz und Hermsdorf nach Auswahl des Pfarrers ertheilt werden.

Die Verwaltung der Stiftung und die Verleihung der Stiftsstellen und Stipendien sollte nach der Anordnung der Stifterin jeder Zeit einem Hof- und Justizrathe der Landesregierung übertragen sein. In Folge der eingetretenen Aenderungen in der Organisation der Landesbehörden ist diese Bestimmung dermalen dahin abgeändert, dass die Stiftsadministration von einem, allerhöchsten Orts dazu ernannten Regierungsrathe bei der Kreisdirektion zu Dresden (als der theilweise an die Stelle der Landesregierung getretenen hohen Behörde) geführt wird. Die Oberaufsicht steht dem königl. Ministerium des Innern zu.

Administratoren aus der Mitte der Landesregierung waren in den Jahren 1772 bis 1835 in Reihefolge der Beauftragung nach die Hof- und Justizräthe von Gärtner, von Spindler, Dr. Gensicken, von Brandenstein, Panzer, Dr. Müller und von Trützschler; seit 1835 aus der Kreisdirektion Dresden die Regierungsräthe von Zezschwitz, von Watzdorf, Thimmig, von Mangoldt, dermalen seit 1855 der Regierungsrath Stelzner.

Bis zum Erscheinen des Gesetzes über die Grund- und Hypothekenbücher vom 6. November 1843 hatten die Administratoren das Rittergut Lungwitz bei der Lehnscurie in Lehn zu nehmen. Jetzt bedarf es dessen nicht mehr, doch wird das Recht der ritterschaftlichen Kreisstandschaft nach wie vor von dem jedesmaligen Administrator ausgeübt.

Durch die wesentliche Erweiterung des Geschäfts, durch den Neubau des Stiftshauses, der Wirthschaftsgebäude und Scheunen, Fortführung der Parkanlagen ist seit der Begründung der Stiftung für das Gut Vieles geschehen. Dasselbe bietet namentlich von den nach der Richtung des Wilisch ansteigenden Höhen, von wo aus auch die gegenwärtige Ansicht aufgenommen ist, einen eben so freundlichen als stattlichen Anblick dar.

Zur Oekonomie gehört Brauerei, Brennerei und Schäferei.

Durch Anlegung von Drainage ist in neuester Zeit für die Verbesserung des zum Theil ungünstigen Ackerbodens, und für die Hebung des Nutzungsertrages der Oekonomie, um welche sich der dermalige Pachter Bering während einer bereits 20jährigen Pachtzeit wesentliche Verdienste erworben hat, ein weiterer Fortschritt geschehen.

Das verpachtete Areal des Rittergutes Lungwitz und des Beigutes Hermsdorf, welches letztere vom Hauptgute durch einen fast bis zur Spitze des Wilisch sich erhebenden Höhenzug getrennt, für die Bewirthschaftung erhebliche Unbequemlichkeiten darbietet, besteht in 332 Ackern, von denen 262 Acker auf Lungwitz und 70 Acker auf Hermsdorf kommen; der Arealbestand des ganzen Gutes mit Pertinenzien in 611 Ackern 196 Quadratruthen, worunter 280 Acker Wald sich befinden. Die Zahl der Steuereinheiten beträgt 7771. Das Dorf Lungwitz, eingepfarrt und zur Zeit noch eingeschult nach Kreischa, zählt nach der Volkszählung vom Jahre 1854 in 63 Katasternummern, einschliesslich der Rittergutsgebäude, 510 Einwohner, von denen der grösste Theil sich durch Hand-, Kohlen- und Kalk-Arbeit, sowie durch Strohflechterei ernährt; die Kopfzahl von Hermsdorf betrug in 28 Katasternummern, darunter 12 Bauergüter, 101.

Beide Orte gehören dermalen unter das Gerichtsamt Dippoldiswalde und unter die erste Amtshauptmannschaft des Dresdner Regierungsbezirkes.

Der ganze Ort und die hiesige Umgegend hat bekanntlich durch den Feldzug von 1813 viel gelitten und viel verloren.

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Lauenstein,


früher auch Leonstein, Löwenstein und Lawenstein, liegt über dem linken Ufer der Müglitz am Abhange eines zwischen höheren Gebirgen gelegenen Berges, am Zusammenflusse des Tiefenbachs und Geisingbaches, nahe bei Neu-Geissing und Bärenstein, 6 Stunden südlich von Pirna.

Die aus Thälern, höhern und niedern Bergen und nur wenigen Ebenen bestehende Umgegend bietet dem Auge abwechselnd schöne Wiesen, mühvoll bearbeitete Saatfelder und meistens aus Nadelholz bestehende Büsche und zahlreiche Berghalden, als Erinnerungen an den hier früher stark betriebenen Bergbau dar.

Das alte Schloss thront auf hohem Berge, dessen Entstehung nicht mit Bestimmtheit zu ermitteln sein dürfte. Es ist zu verschiedenen Zeiten gebaut worden und dessen Vollendung in das 13. Jahrhundert zu versetzen. Als Reliquie des Alterthums wird darinnen der sogenannte Trompetersaal gezeigt. Dieser Saal ist ein langes, grosses Gemach mit Orchester, indem in frühester Zeit zu Ehren edler, tugendhafter Ritterfrauen die üblichen Ritterfeste gefeiert wurden. Aber auch an die Schattenseite jener alten, in mancher Hinsicht herrlichen Zeit wird man hier durch die noch vorhandene sogenannte Marterkammer und durch das noch existirende Burgverlies erinnert. In der erstern befanden sich noch vor einigen 40 Jahren mehrere Marterinstrumente, die seit dem Kriegsjahre 1813 vermisst werden. Dieser düstere, trübe Eindruck wird blos dadurch wieder gemindert, wenn man auf die einzelnen Ueberreste der schon längst eingegangenen Schlosskapelle schaut und erwägt, wie der fromme Sinn schon frühzeitig auch hier zu Hause war, um das niedergebeugte, von Gram und Kummer verzehrte Gemüth in seiner Hingebung zur allwaltenden Vorsehung wieder zu trösten und aufzurichten.

Lauenstein war von seiner Entstehung an eine bedeutende Herrschaft, welche im Jahre 1320 Markgraf Friedrich mit der gebissenen Wange besass. Bei der Landestheilung des Kurfürsten Friedrich II. mit seinen beiden Brüdern Siegismund und Wilhelm 1436 fiel die Herrschaft Lauenstein dem Kurfürsten selbst zu, welcher sie an die Herren von Korbitz verlieh. Letztere verkauften diese Herrschaft 1479 an Hans und Erhardt Münzer, welche den sogenannten Begnadigungsbrief erhalten haben. Von dem Einen dieser Brüder, welcher der reiche Münzer genannt wird, erzählt man, dass er aus den Freiberger Bergwerken 300,000 Thaler erhalten habe. Nach dem Ableben seines Sohnes, Hans Münzer des Jüngern, welcher nach der Rückkehr aus dem gelobten Lande, wohin er den Herzog Albert begleitet hatte, als Landeshauptmann zu Freiberg ernannt worden war, verkaufte[VL 1] Stephan Allenbeck Lauenstein und erhielt 1494 seine Begnadigung. Dieser Besitzer hat dem Städtchen Lauenstein seine Vorrechte verschafft, auch den Bürgern gegen einen ganz mässigen Erbzins die bis dahin gehabten Hofdienste erlassen.

Nach der Familie von Allenbeck wurden die Herren von Saalhausen mit Lauenstein begnadigt, welche es bis 1515 besassen. In diesem Jahre kam die Herrschaft an Rudolph von Bünau auf Tetschen in Böhmen, welcher ein Schwager derer von Saalhausen war und im Jahre 1520 auch wirklich mit Lauenstein beliehen wurde. Nach seinem Tode ist die Herrschaft Lauenstein und die Herrschaft Tetschen auf seinen Sohn Günther von Bünau übergegangen. Dieser hat das hiesige Pfarrgut für 300 Gülden käuflich übernommen. Ihm ist Rudolph von Bünau, welcher das alte Stammhaus dieser Familie, Tetschen, der Religion wegen verlassen musste, als Besitzer von Lauenstein gefolgt, und im Jahre 1635 in Reinhardtsgrimma, welche Besitzung er noch dazu gekauft hatte, gestorben. Tetschen ist dagegen im Jahre 1628 an das Thun’sche Geschlecht gekommen. Seit des im Jahre 1635 verstorbenen Rudolphs von Bünau Tode ist Lauenstein ununterbrochen bis zum Jahre 1806 bei dessen Familie geblieben. Im gedachten Jahre starb der letzte männliche Sprössling dieser Rudolph von Bünau’schen Linie, der Graf Rudolph von Bünau, Geheimrath und sächsischer Gesandter zu Paris, und Lauenstein fiel als ein Mannlehn an eine Bünau’sche Nebenlinie, und zwar an den Artillerie-Major Günther von Bünau, welcher es nach dem Kriege von 1813 wegen der beispiellosen Verwüstungen, welche die Besitzung im Kriege erlitten hatte, und der übernommenen Lehnsschulden am Ende aufgeben musste, so dass es im Jahre 1821 subhastirt wurde.

Der Geheimrath Graf von Hohenthal-Dölkau erstand Lauenstein mit seinem ganzen Complex und seit dessen Tode besitzt die Herrschaft sein Herr Sohn, Carl von Hohenthal-Püchau.

Die Schicksale Lauensteins anbetreffend, hat der Ort viele Drangsale durch den Hussiten- und dreissigjährigen Krieg erduldet; auch von Brandunglück ist derselbe oft heimgesucht worden.

Am 2. Mai 1594 Nachts 12 Uhr ist im Schlosse durch Verwahrlosung eines Malers ein Feuer entstanden, welches bei der damaligen grossen Trockenheit mehrere Schlossgebäude, die Kirche, Schule, das Rath- und Brauhaus und 54 Wohnhäuser in Asche legte. Auch im Jahre 1643 ist ein grosser Theil des Städtchens, mit der Kirche, Pfarre, Schule und Rathhaus abgebrannt. Ein dritter Brand am 11. December 1806 legte den oberen Theil der Kirche bis auf das Gewölbe, nebst dem Kirchthurm, das Rath- und Schulhaus und 8 Bürgerhäuser in Schutt und Asche.

Lauenstein hatte früher ansehnliche Zinn- und Eisenbergwerke und noch zu Anfange des 18. Jahrhunderts sind auf hiesigen Fluren 14 gangbare Gruben betrieben worden, welche aber sämmtlich, bis auf den hiesigen Communstollen, liegen geblieben sind.

Ausserdem besitzt die Commun, welche im 14. Jahrhundert Stadtgerechtigkeit erhielt, grosse Brauereigerechtsame, und der Betrieb dieses Nahrungszweiges [168] selbst ist ein bedeutender zu nennen. Die übrigen vornehmsten Erwerbsquellen bestehen in Strohflechten, in Feldbau und Viehzucht, welche von dem vielen und schönen Wiesewachs sehr begünstigt wird.

Die grössere Zahl der hier wohnenden Tagelöhner findet auf dem Schlosse ihre Arbeit und ihren Verdienst, welche seit der Ablösung der Spann- und Handfrohndienste sehr gesucht sind.

Die hiesigen Fleischer haben seit 1462 das Recht nach Dresden zu schlachten und das Fleisch dahin unzerstückt einzubringen.

Seit 1606 erfolgte durch Christian II. die Bestätigung des Marktrechtes, so dass jährlich hier 3 Jahrmärkte abgehalten werden.

Die durch Kurfürst Moritz errichtete Schützengilde besteht heute noch, welche jährlich den 2. Pfingstfeiertag und den darauffolgenden Tag ihr solennes Scheibenschiessen hält. Das im Jahre 1823 neuerbaute Schiesshaus liegt sehr freundlich im Müglitzthale und enthält einen geräumigen Tanzsaal mit hohem Orchester und 2 Gesellschaftszimmern.

Der frühere Gerichtsbezirk von der Herrschaft Lauenstein bestand aus 2 Städtchen, 1 Bergflecken und 77[VL 2] grössern und kleinern Dörfern, und der Sitz des Gerichts war bis zur Einführung der neuen Gerichtsorganisation in Lauenstein, an dessen Spitze ein Justitiar stand, dem ein Actuar und drei Copisten beigegeben waren.

Dem Besitzer von Lauenstein stand auch von jeher das Patronatsrecht über die Kirche zu.

Die hiesige Kirche ist ein merkwürdiges Werk wegen ihres innern Baues und der kunstreichen Denkmäler. Sie hat zwei hohe Gewölbe, das vordere, welches das Schiff der Kirche bildet, ruht auf vier Säulen. Das hintere umschliesst den Altarplatz. Zu ihrer Verschönerung, zu ihrem innern Ausbau hat wohl am meisten Rudolph von Bünau beigetragen.

Hinter dem Altare links ist die Begräbnisskapelle mit einem besondern hohen Gewölbe. Unter den Platten des Fussbodens sind die Grüfte, in welchen die Glieder der Bünau’schen Familie, bis mit dem letzten Besitzer, dem Major Günther von Bünau, ruhen. Ganz besonders anziehend ist das in dieser Kapelle errichtete Denkmal, was von Sandstein gearbeitet ist. Auf dem untern breiten Piedestal sind in Lebensgrösse knieend aufgestellt, links der erwähnte Rudolph von Bünau, hinter ihm seine fünf Söhne, welche ihre Helme neben sich liegen haben, rechts dessen zwei Gemahlinnen und vier Töchter.

Ausser der Kirche verdient noch die Pfarrwohnung mit ihrer herrlichen Aussicht in das darunter liegende Müglitzthal einiger Erwähnung, und die Schule, welche seit 1838 ganz neu und bequem eingerichtet ist. Dem Schulamte steht ein Lehrer, welcher den Titel Rektor führt, vor. Dieses Amt wird wechselsweise vom Stadtrathe und dem jedesmaligen Besitzer der Herrschaft besetzt.

Eingepfarrt nach Lauenstein ist blos Ober- und Unterlöwenhain, wogegen der ganze Ort seine eigne Schule hat.

In der früheren Zeit ging auch Geising in die Kirche nach Lauenstein. Aber schon 1479 machten die Geisinger Anstalt, selbst eine Kirche zu erbauen, wodurch zwischen Pfarrer und Parochianen ein Streit entstand, welcher dadurch beseitigt wurde, dass der Besitzer von Lauenstein, Hans Münzer der Jüngere, dem Pfarrer zu Lauenstein und allen seinen Nachfolgern 10 Scheffel Korn und 10 Scheffel Hafer als Ablösung gab. Ueber diesen Vergleich stellte der Bischof von Salhausen zu Stolpen 1489 den 5. August eine Confirmationsurkunde aus.

Einer besonderen Erwähnung bedürfen hier die in Lauenstein existirenden Stiftungen:

1) Die Hospitalstiftung. In früherer Zeit stand auf dem vor dem obern Thore gelegenen Gottesacker ein Hospitalgebäude, in welchem Arme freie Wohnung und Verpflegung erhielten. Dieses Gebäude ist später eingegangen und es befindet sich auf der Stelle, wo früher das Hospital gestanden haben soll, blos ein hölzernes Gebäude, in welchem bei Begräbnissen der Gesang verrichtet und die Abdankungen gehalten werden. Aus dieser Stiftung erhält der Rektor jährlich 28 Thaler Besoldung.

2) Die Klühn’sche Stiftung. Im Jahre 1810 verstarb der Wundarzt und Bürgermeister Daniel Klühn und derselbe vermachte sein ansehnliches Vermögen der hiesigen Kirche. Aus dieser Stiftung erhält der Rektor jährlich 80 Thaler für den Unterricht der Bürgerstöchter, damit diese die Befreiung vom Schulgelde eben so geniessen, wie sie schon früher die Knaben genossen haben, für welches aus der Communkasse ein Fixum von 48 Thalern entrichtet wird. Auch 6 alte hilfsbedürftige Personen erhalten aus dieser Stiftung allmonatlich 1 Thaler.

Ausser diesen beiden Stiftungen und dem Bräuer’schen und Schwenkeschen Legate ist aber

3) die wohlthätige, vom jetzigen Herrn Grafen von Hohenthal auf Lauenstein zum Andenken seiner den 2. November 1836 verstorbenen ersten Gemahlin, Walpurgen Hedwig geb. Gräfin verw. Schafgotsch errichtete Stiftung in Betracht zu ziehen, wonach jedes Jahr am 1. Mai, als dem Namenstage der Verewigten, 60 Thaler an 15 hülfsbedürftige arme Männer und 15 dergleichen an Weiber ausgezahlt werden.

Ihnen, den edlen Stiftern, wird durch alle Jahrhunderte auf die spätesten Nachkommen ein Andenken bewahrt bleiben, was keine Zeitumstände, keine politischen Strömungen, wie sie auch kommen mögen, je verlöschen können.

Der Ort Lauenstein hat mit Einschluss der Kirche, Pfarre und Schule, auch des Vorstädtchens, jedoch mit Ausschluss der 13 Häuser in Kratzhammer und Unter-Löwenhain, 98 Häuser, worunter eine Apotheke und zwei Gasthöfe sich befinden und überdies drei Mühlen (die Herrenmühle, die Ober- und Niedermühle) und eine Feldmeisterei.

Zum Städtchen gehören: Das nahe am Fürstenwalde liegende Oertchen Kratzhammer, welches ursprünglich ein Hammerwerk gewesen ist, jetzt aber aus einem Hauptgute, dem Kratzhammergute und sieben andern Häusern besteht. Ferner

Unter-Löwenhain, mit dem eigentlichen Dorfe Löwenhain zusammenhängend, welches drei Vorwerke, einen Haus- und Feldbesitzer und eine Mühle umfasst.

Die Einwohner beider Orte geniessen das Bürgerrecht in Lauenstein, weil ihre Fluren mit zu dem Weichbilde der Stadt Lauenstein gehören.

Die sämmtliche Einwohnerzahl von Lauenstein, mit Kratzhammer und Löwenhain, mit Einschluss der Bewohner der Rittergutsgebäude, beträgt 819, und steht solche unter ihrem eigenen Gerichtsamte, welches aus dem alten Gerichtsbezirke gebildet worden ist.

Lauenstein aber als Gerichtsamt steht unter dem Bezirksgericht Pirna.

M. G.     




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Anmerkungen der Vorlage

  1. handschriftliche Korrektur: erkaufte
  2. handschriftliche Korrektur: 7

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Ellen Ellen
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