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Akademische pädagogische Seminare

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Textdaten
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Titel: Akademische pädagogische Seminare
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 40, S. 639
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[639] Akademische pädagogische Seminare. Sicherm Vernehmen nach tritt im Laufe dieser Tage in Leipzig ein Verein zusammen, der eine der wichtigsten Fragen der Gegenwart, nämlich die Heranbildung tüchtiger Lehrerkräfte auf den Universitäten, zum Ziele hat. Indem wir diesen Verein, der vor allen Dingen die Herbeischaffung der zu Gründung von pädagogischen Seminaren erforderlichen Mittel sich zur Aufgabe gestellt bat, das beste Gedeihen wünschen und das größere Publicum im Voraus auf dasselbe aufmerksam machen, wollen wir nicht unterlassen, die große Tragweite, welche dieser Verein für das gesammte Schul- und Erziehungswesen haben kann, hier kurz darzuthun. Der Goethesche Spruch:

Man könnt’ erzogene Kinder gebären,
Wenn die Eltern selber erzogen wären,

läßt sich nämlich mit vollem Rechte auch auf unsre Schulen anwenden. Haben wir tüchtige Lehrer, werden wir auch tüchtige Schulen haben. Sind die Lehrer als Lehrer erzogen, werden sie auch mit Erfolg Andere erziehen können. Nun wird aber ein Student nicht zum Lehrer erzogen, wenn er auf der Universität seine gewöhnlichen Facultätsstudien macht und sich in Theologie, Mathematik oder Philologie Gott weiß was für Kenntnisse einsammelt. Er wird auch noch kein Lehrer, wenn er eins oder mehrere Collegien über Pädagogik hört, denn das wäre, wie die jüngst erschienene Schrift über Leipzigs Volksschulen zur Genüge nachweist, dasselbe, als wenn ein „theoretischer Schuster“ Stiefeln und Schuhe machen wollte. Er muß sich vielmehr, wie die schon bestehenden Schullehrerseminare für die Volksschullehrer es verlangen, unter Beaufsichtigung pädagogisch gebildeter Männer längere Zeit einer praktischen Uebung unterziehen, soll er im wahren Sinne des Worts seines Berufes Herr werden. Inmitten einer kleinen Schule, einer Seminarschule, soll sich reger pädagogischer Geist entzünden, im regen Verkehre mit Kindern und mit begeisterten Pädagogen soll die heilige Aufgabe der Erziehung und des Unterrichts jedem klar werden. Nichts Anderes wollen die akademischen pädagogischen Seminare, nichts Anderes der Verein zur Gründung derselben. Und der Erfolg solcher Seminare? Vor allen Dingen würden unsere höheren Schulanstalten endlich einmal pädagogisch gebildete Philologen, Mathematiker u. s. w., unsere Volks- und Bürgerschulen pädagogisch erzogene Theologen erhalten. Aber auch den Volksschullehrern würden diese Seminare zu Gute kommen. Denn die Schullehrerseminare, auf denen sie gebildet werden, würden Männer als Lehrer erhalten, die auf der Universität sich nicht allein eine fachwissenschaftliche, sondern auch eine allgemein philosophisch-pädagogische Bildung erworben und außerdem praktische Geschicklichkeit im Unterrichten bekommen hätten. Daß nun hieraus den Seminaristen ein hoher Gewinn für ihre ganze Lebens- und Berufsanschauung neben praktischer Fertigkeit erwachsen muß, ist außer allem Zweifel. Erfreuen sich aber alle Lehrer eines Landes einer tüchtigen wissenschaftlichen wie praktischen Vorbildung, haben sie alle, bevor sie in’s Amt treten, die ungeheure Aufgabe ihres Berufes in vollem Maße begriffen – und das kann nur geschehen, wenn Jemand mit dem idealen Maßstabe einer Kunst oder Wissenschaft längere Zeit gemessen wird – : dann müßte unser Schulwesen nothwendig auf diejenige Höhe gelangen, die erforderlich ist, soll eine charaktervolle Nation für die Zukunft erblühen. Aber noch mehr! Es gab eine Zeit, wo die Trennung der Schule von der Kirche eine brennende Frage war. Sie wurde vorzugsweise hervorgerufen durch den Umstand, daß viele, ja die meisten geistlichen Schulinspectoren an der Schule deren einzelne Zwecke und Erfordernisse weniger verstanden, als die ihnen untergebenen Lehrer. Vergessen wir nicht: diese Frage kann von Neuem ausfauchen. Sorgen wir bei Zeiten dafür, daß sie nicht zum Unheil der Schule entschieden wird. Wird das aber der Fall sein, wenn die Schulinspectoren, die Pastoren, Superintendenten, Kirchen- und Schulräthe allesammt eine tüchtige pädagogische Bildung durchgemacht haben, wenn sie mit den Lehrern von einem und demselben Geiste der Pädagogik genährt und gekräftigt worden sind? Dieser Sachlage gegenüber ist es in der That zu verwundern, daß man nicht schon längst an Errichtung akademisch pädagogischer Seminare ernstlich gedacht hat. So viel uns bekannt, besteht bis jetzt nur ein einziges derartiges Seminar in ganz Deutschland, und zwar in Jena!