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Ahrenshoop, Januar 1943

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Autor: Hans Brass
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Titel: Ahrenshoop, Januar 1943
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Entstehungsdatum: 1943
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Kurzbeschreibung: Tagebuchauszüge zum Thema Ahrenshoop, Januar 1943
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Einführung

Der Artikel Ahrenshoop, Januar 1943 zeigt die von Stefan Isensee im Rahmen seines Werkes „Ahrenshoop vor und im Krieg“ zusammengestellten Tagebuchauszüge vom Januar 1943. Textauslassungen wurden mit [...] gekennzeichnet, eingefügte Erläuterungen von Stefan Isensee in eckigen Klammern kursiv [Erläuterung].

Tagebuchauszüge

[1]
Freitag, 1. Januar 1943.     

[1]      Gestern am Spätnachmittag Besuch von Prof. Heydenreich u. Frau. Er machte einen sehr kranken u. erschöpften Eindruck u. sprach fast nichts. Seine Frau quält sich sehr mit der Beschaffung von Lebensmitteln, wobei ihr Martha behülflich ist.

     Abends einfaches Abendbrot. Um 8 Uhr sprach Dr. Goebbels zum Volk eine halbe Stunde lang u. wußte nichts zu sagen außer Redensarten, die er mit theatralisch beschwingter Stimme vortrug. Der langen Rede armseliger Sinn war, daß wir „durchhalten“ müßten – genau wie im vergangenen Weltkriege. Ich bin gewiß, daß es in diesem Jahre zum großen Zusammenbruch kommen wird. Bei uns wird immer so viel geredet vom Rechte der „jungen Völker“, welches siegen müsse, dabei vergessen die Herren ganz, daß es in diesem Kriege nur ein Volk gibt, das auf diese Bezeichnung Anspruch erheben kann: Amerika.

     Gewiß ist auch mir Amerika unsympathisch, so wie einem eine Gesellschaft von Primanern oder Studenten im ersten Semester sehr unsympathisch sein kann in ihrer Ueberheblichkeit u. lärmenden Großmannssucht; aber Amerika ist das Kind Europas, – u. es wird nun heimkehren. Es wird Besitz nehmen von seiner Wiege u. seiner alten Heimat u. wird wahrscheinlich ein Museum daraus machen. Immerhin wird es ein christliches Museum werden – u. das genügt.

     Eben läutet Dr. Krappmann an u. bittet uns am Sonntag Nachmittag zum Kaffee. –

     Der Führer hat wie alljährlich eine Neujahrs-Proklamation erlassen. Er spricht davon, daß ein schwerer Winter uns bevorsteht. Im Jahre 1941 sagte er, daß die große Entscheidung zu unseren Gunsten bevorstehe. Im Jahre 1942 rief er Gott an, er möge uns den Sieg geben, und 1943 spricht er von den schweren Ereignissen, die kommen werden. Dabei wird das Volk weiter betrogen. Obgleich alle Welt davon spricht, daß unsere Armee bei Stalingrad seit Wochen eingeschlossen ist, wird darüber nie ein Wort gesagt. Zwar ist dann zugegeben worden, daß unsere Stellungen am Don durchbrochen sind, aber es ist bagatellisiert worden. Ueber den Ernst der Lage erfährt man nichts. Gestern hieß es, daß die Besatzung von Welikije Luki die Angriffe, „nach allen Seiten hin“ abgewiesen hätte, woraus man entnehmen kann, daß dieser Ort eingeschlossen ist. Man kann gespannt sein, wann der Fall dieses Ortes zugegeben werden wird. Es sieht wirklich sehr schlimm aus. Das Gottesgericht naht.

[1]
Sonntag, den 3. Januar 1943.     

[1] grade in letzter Zeit scheint die Abneigung Schwedens noch wesentlich gewachsen zu sein. Man hat mir erzählt, daß in Schweden in allen Kinos der Film läuft, in dem Chaplin unseren Führer lächerlich macht, u. Lächerlichkeit tötet. Der Botschafter dürfte also in Wahrheit von Charli Chaplin abgesetzt worden sein, – eine tragikomische Ironie.

[2]
Sonntag, 17. Januar 1943.     

[2] Irak hat uns den Krieg erklärt! -

Inzwischen sind wir im Osten auf der ganzen Linie von Nord bis Süd immer noch in der Verteidigung gegen nicht nachlassende Angriffe der Russen. Nach unseren Berichten werden diese Angriffe stets unter sehr hohen Verlusten der Russen abgeschlagen, die dabei besonders ungeheuer hohe Panzerverluste haben. Wo kommen aber diese ungeheuer vielen Panzer her – nachdem wir doch schon so unzählig viele davon erbeutet u. vernichtet haben? Im Herbst 1941 sagte der Führer: von solchen Verlusten kann sich keine Armee mehr erholen! – Die Russen scheinen [3] sich aber doch erholt zu haben, – sie müssen weit im Osten eben ungeheure Fabriken haben, von denen bei uns vor Kriegsausbruch kein Mensch eine Ahnung gehabt hat. Es ist zu fürchten, daß die Leute bei uns noch von vielem anderen auch keine Ahnung gehabt haben, – u. vielleicht noch heute keine Ahnung haben!

     Herr Dr. Goebbels hat im Reich seinen üblichen Leitartikel erscheinen lassen: „Der totale Krieg“. – Daß wir einen „totalen Krieg“ führen, das war uns einfachen Menschen schon von Anfang an gesagt worden, aber nun soll er offenbar noch totaler werden! Herr Goebbels wendet sich mit einer befremdenden Gereiztheit gegen einen „gewissen kleinen Teil unseres Volkes“, der noch immer nicht die „unausweichliche u. harte Notwendigkeit“ dieses „Volkskrieges“ einsehen will. Obgleich er von einer „kleinen Minderheit“ spricht, hält er es doch für nötig, einen derartig geharnischten Sonderartikel gegen diese Leute zu schreiben, – obgleich er selbst zugibt, daß ein solcher Artikel Wasser auf die Mühle der Feindpropaganda abgeben wird. – Die Weisheit eines solchen Verfahrens bleibt mir verschlossen. Herr G. schreibt: „Wer diesen Krieg verliert, der wird von der Bühne der schicksalbestimmenden Mächte abtreten müssen; wer ihn gewinnt, der ist damit auch endgültig Herr seines eigenen Schicksals geworden,“ – u. er fährt fort, indem er die Meinung äußert, als hätten wir diese Sachlage noch nicht im vollen Umfange erkannt. – Oh doch, Herr Dr. G. – wir haben das längst erkannt, vielleicht sogar viel früher, als Sie selbst, – u. vor allem wäre es sehr viel besser gewesen, wenn der Führer diese Sachlage früher erkannt hätte. Dann wäre dieser Krieg vielleicht nie ausgebrochen.

[...] [4]
Abends.

     Heute abend gab der Heeresbericht endlich zu, daß Wilikije Luki von den Russen erobert worden ist. An allen übrigen Stellen der Front, auch bei Stalingrad, wurden natürlich alle Angriffe der Russen abgewiesen. –

     Zwischen 7 u. 8 Uhr kamen englische Flieger in sehr großer Zahl über das Dorf geflogen, man hörte noch bis gegen 10 Uhr Fliegergeräusch. Eine Bombe wurde irgendwo in der Nähe abgeworfen. Bei klarem Mondschein war der Himmel kreuz u. quer bedeckt mit Kondensstreifen. Gestern kamen sie auch schon zur selben Zeit, doch blieben sie nicht so lange, sie haben lt. Heeresbericht in Berlin Bomben geworfen. Die Rostocker Flak schoß heute abend, aber nur schwach. –

     Was mag in Stalingrad sein! – Die armen Jungens!

     Gestern abend war ich beim Frisör. Die Bude war wie stets sehr voll, denn der Frisör Bernhard Saatmann ist Grenzschutz u. kann sein Gewerk nur Sonnabends ausüben. Alle Leute dort waren sehr gedrückt. Der Sohn des Frisörs steht am Ihnensee. –

     Morgen sind es, glaube ich, zehn Jahre her, daß Hitler am Ruder ist, (Nein, daß die NSDAP zum ersten Male in Lippe eine Mehrheit erhielt.)

     Der Marschall Antonescu ist beim Führer gewesen. „Es wurde volle Uebereinstimmung festgestellt!" – Merkwürdig, daß der Mann dazu eine so weite Reise machen mußte! –

[4]
Montag, 18. Januar 1943.     

[...] [5]      Abends:

     Die Bombe, die wir gestern abend hörten u. die unser Haus ganz erheblich erzittern ließ, ist in Ribnitz herunter gegangen. Das Flugzeug scheint von der Rostocker Flak angeschossen gewesen zu sein u. mußte notlanden, vorher warf es seine Bombe ab, u. zwar über dem Wasser des Bodden. Die Besatzung, vier Mann, sprang mit Fallschirm ab u. landete wohlbehalten bei Damgarten, wo sie gefangen genommen wurde. Obwohl die Bombe ins Wasser gefallen ist, spricht man doch davon, daß es acht Tote gegeben hat u. zahllose zertrümmerte Fensterscheiben.

[5]
Dienstag, 19. Januar 1943.     

[...] [6]      Fritz schreibt heute, daß seine Frontbuchhandlung in St. Quentin nach Toulouse verlegt werden soll, man hat ihm das gesagt, als er vor einigen Tagen in Paris bei seiner vorgesetzten Dienststelle war. Er hat gebeten, daß er vorher auf Urlaub fahren darf u. so erwarten wir ihn nun bald. In Toulouse soll er noch zwei Hilfskräfte bekommen, während er jetzt allein ist u. einen Vertreter brauchte, wenn er auf Urlaub fuhr. Man hat ihm in Paris gesagt, daß das jetzt nicht nötig wäre, er solle die Buchhandlung ruhig schließen. Nach dem Urlaub wird er dann alle Bücher einpacken u. nach Toulouse bringen müssen, – es sind etwa 25000 Bände, – eine große Arbeit, die Zeit beanspruchen wird. Die Neueinrichtung in Toulouse wird auch viel Zeit in Anspruch nehmen u. ich hoffe, daß er dadurch der Gefahr entgeht, nach dem Osten zu kommen, wo es immer böser aussieht. Unser Heeresbericht gibt jetzt zum ersten Male wenigstens indirekt zu, daß die Armee bei Stalingrad eingeschlossen ist, denn es heißt, daß die Armee sich gegen die von allen Seiten her angreifenden Russen wehren müsse, d.h. also, daß sie auch vom Rücken angegriffen wird. Das setzt aber voraus, daß die Russen sowohl vom Norden wie vom Süden den Don in sehr breiter Front überschritten haben u. mithin der ganze große Donbogen, den wir im Sommer in verlustreichen Kämpfen erobert hatten, wieder verloren ist. Daraus kann man schließen, daß Rostow bedroht ist, – sollte auch diese Stadt wieder verloren gehen, so ist damit die ganze Kaukasusfront abgeschnitten u. wahrscheinlich verloren. Aus verschiedenen Anzeichen ist zu entnehmen, daß die Russen den Don auch südlich Woronesch überschritten haben u. ziemlich weit vorgedrungen sind, sodaß unsere Nord=Süd=Verbindungen mindestens beinträchtigt sind, die übrigens westlich von Wilikije Luki weiter im Norden so wie so schon durchschnitten sein müssen. Wilikije Luki liegt nicht weit von der Lettischen Grenze, ein weiteres Vorrücken der Russen dort bedroht den Rückzug der ganzen bei Petersburg bis zum Ihnensee kämpfenden Armee. Das sind sehr düstere Ausblicke.

     In Afrika wird Rommel von der 8. Armee hart bedrängt u. er muß sich immer mehr auf Tripolis zurückziehen. Nur die Amerikaner tun in Tunis anscheinend garnichts. Sie stehen dort nun bald ein Vierteljahr, ohne bisher irgend etwas gegen Tunis unternommen zu haben. Wenn man aber die riesigen Entfernungen von Casablanka aus bedenkt, so scheint es verständlich, daß sie viel Zeit brauchen, um eine Etappenstraße auszubauen, ohne die sie eine Offensive nicht beginnen können. Wenn sie damit fertig sein werden, wird eine [7] Offensive wahrscheinlich schlagartig u. mit großer Gewalt eröffnet werden u. daß diese Erfolg haben wird, daran kann kein vernünftiger Mensch zweifeln. Zweifelhaft ist freilich, von wo aus der Versuch gemacht werden wird, nach Europa herüber zu kommen. Südfrankreich wird dafür kaum in Frage kommen, vielleicht nicht einmal Italien, sondern der Balkan, von wo aus dann unsere ganze Ostfront vom Rücken her gefaßt werden kann, vor allem Rumänien. Mit dem Verlust der dortigen Oelfelder wäre der Krieg für uns absolut verloren. Ein solcher Plan würde nicht der Genialität ermangeln.

[7]
Mittwoch, 20. Januar 1943.     

[...] [7]      Im Nachbardorf Niehagen gab es vor dem Kriege einen Mann, der sich mit Haut u. Haaren dem Nationalsozialismus verschrieben hatte, sodaß er der Ortsgruppenleiter des Dorfes wurde. Konsequenterweise trat er auch aus der Kirche aus u. er veranlaßte auch seine Frau dazu, die kritiklos ihrem herrlichen Mann folgte, wie jener dem Führer, obwohl sie in der letzten u. heimlichsten Falte ihrer Seele doch noch an Gott hing. – Nun war der alljährliche Parteitag in Nürnberg, u. dieser Ortsgruppenleiter war vom Ehrgeiz besessen, dabei zu sein. Er fuhr hin, holte sich in der nächtlichen Kühle des Zeltes, in dem diese deutschen u. kriegerischen Männer schliefen, eine böse Lungenentzündung und wenige Tage nach seiner Rückkehr nach Niehagen war er nur noch ein toter Held. –

     Die bestürzte Witwe lief nun schleunigst zum Pastor. Es war Pastor Hurtzig, ein noch junger u. charakterfester Mann, der inzwischen vor Petersburg gefallen ist. Sie brach in lautes Klagen aus u. bat den Pastor, ihren Mann christlich zu begraben. Der Pastor aber weigerte sich u. wies mit Recht darauf hin, daß er sich strafbar mache, wenn er jemanden christlich beerdige, der dies ausdrücklich im Leben nicht gewünscht habe. Die Frau weinte, jammerte u. schrie, der Pastor blieb aber fest. Der Mann wurde nationalsozialistisch begraben u. die Parteigenossen der Umgegend gaben ihm das letzte, kümmerliche Geleit. – Von diesem Tage an wurde die Witwe sonderbar, sie mußte ins Irrenhaus gebracht werden, wo sie kläglich gestorben ist. – Herr Prof. Dubovy würde glücklich sein, wenn er diese Geschichte erführe.

[7]
Sonntag, 24. Januar 1943.     

[7]      Die Lage im Osten verschlimmert sich von Tag zu Tag. Außerdem hat inzwischen auch Chile den Krieg erklärt. Die Türkei ist noch ruhig, ihr Ministerpräsident hat sogar erklärt, daß sich die Türken gegen jeden Angreifer wehren würden, – aber türkische Journalisten [8] befinden sich auf englische Einladung in Indien. – Vorgestern ist Woroschilowsk gefallen. Die Russen nähern sich Rostow immer mehr u. die Gefahr der Abschneidung unserer Kaukasus-Armee wird immer größer, weshalb unser Heeresbericht jetzt zugibt, daß sich unsere Armee „vom Feinde abgesetzt“ habe. In Afrika ist Rommel erneut zurückgegangen u. hat Tripolis kampflos den Engländern überlassen. Er zieht sich auf Tunis weiter zurück. Es ist kaum zu fassen, daß die Amerikaner es noch nicht fertig gebracht haben, eine Vereinigung Rommels mit unseren in Tunis stehenden Kräften zu verhindern, obgleich sie schon fast 3 Monate in Afrika sind. – Inzwischen geht der Kampf unserer bei Stalingrad eingeschlossenen Armee weiter. Jetzt wird von uns erstmalig überhaupt zugegeben, daß diese Armee eingeschlossen ist. An einen Entsatz ist nicht mehr zu denken u. es wäre das Klügste, wenn sich die Armee ergeben würde, denn ihr Kampf ist völlig nutzlos, – nur daß sie russische Kräfte bindet; aber um einer eingebildeten „soldatischen Ehre“ willen werden hunderttausend Menschenleben (oder mehr) geopfert. Gestern u. vorgestern wurde von uns zugegeben, daß den Russen breite u. tiefe Einbrüche in die Verteidigungslinien gelungen seien, woraus man schließen kann, daß diese grausige Tragödie nun bald ihr Ende erreicht habe. Vorgestern sprach Frau Siegert, die Frauenschaftsleiterin des Ortes, – ebenso dumm wie fanatisch, – mit Martha. Sie sagte, daß ein Sohn ihrer Schwester bei Stalingrad sei u. daß man seit dem 12. Dezember nichts mehr von ihm gehört habe. Martha wollte ihre Teilnahme ausdrücken, worauf Frau S. nur die Achsel zuckte u. mit dem gleichgültigsten Gesicht erwiderte: „Ja, das ist eben nicht anders.“ Diese Bestien haben die letzten Reste menschlichen Gefühl's längst verloren, – oder haben vielleicht nie welches gehabt. Alles geht bei ihnen in Eitelkeit, Ruhmsucht, Großmannssucht unter. Eine anerzogene sogenannte Vaterlandsliebe ist stärker als die Liebe zu den Mitgliedern der eigenen Familie. –

     Diese Frau S. schenkte Martha ein sehr schönes, altes, geschnitztes Kruzifix, ein Sterbekreuz. Sie meinte, daß sie früher einmal gläubig gewesen sei, jetzt aber kein Interesse mehr für solche Sachen habe. Sie hat früher einmal an Gott geglaubt, – jetzt glaubt sie an Adolf Hitler. Ich werde ja wohl bald erleben, an wen sie dann glauben wird. –

[9]
Dienstag, 26. Januar 1943.     

[9]      Gestern waren wir bei Familie Neumann zum Abendbrot eingeladen. Es ist das schon feststehende Tradition geworden, daß wir jährlich einmal im Januar dort zu Abend essen. Es sind einfache u. gutmütige Leute. Vater Neumann hatte vorher, ehe er hierher kam, eine Schofförkneipe in Charlottenburg, Mutter Neumann ist eine schwarzhaarige Litauerin. Die Tochter Gretl hat als sehr junges – u. recht hübsches – junges Mädchen vor vielen Jahren bei uns im Hause als Sommergast gewohnt, u. zwar in dem Zimmer, welches jetzt mein Arbeitszimmer ist u. in dem ich dieses schreibe. Damals war das Kurhaus verkäuflich. Die sehr unternehmungslustige Gretl wollte ihre Eltern bewegen, das Haus zu kaufen. Besonders Martha unterstützte sie sehr darin u. so kam schließlich die Sache zustande. Die Familie hat seitdem eine rührende Anhänglichkeit an uns bewahrt. Nach ziemlichen Anfangsschwierigkeiten ist das Haus heute sehr gut fundiert u. Gretl, die nun auch schon nicht mehr ganz jung ist, ist als künftige Erbin sehr geschickt für ihr Geschäft tätig. Sie hat sich erstaunlich den Verhältnissen im Dorfe angepaßt, ist Duzfreundin der vornehmen Villenbesitzerinnen wie der Edlen v. Paepke, der Gräfinnen Dohna usw., benimmt sich tadellos, während Vater u. Mutter Neumann mir u. mich nicht unterscheiden können.

     Die Verwandten von Mutter Neumann, besonders ihre alte, jetzt 84jähr. Mutter, sind im jetzigen Kriege nach Deutschland gekommen. [10] Sie wohnen in Essen, bei einer anderen Tochter, die dort mit einem Arbeiter verheiratet ist. Infolge der letzten Luftangriffe sind sie nun wieder hierher geflohen, d.h. die alte Mutter mit dieser Tochter u. deren Tochter. Eine andere Tochter der alten Mutter ist in E. geblieben, – ihr ist bei einem Luftangriff ein Arm völlig abgerissen worden.

     Wir hatten Gelegenheit, diese eine Tochter – die Arbeiterfrau, – also eine Schwester unserer Frau Neumann, gestern Abend zu sprechen u. dabei die vollständige Verwirrung zu erkennen, in der wir uns infolge der Nazi-Propaganda befinden. Diese Arbeiterfrau aus Essen ist fast noch mehr wie Frau Neumann selbst der Typ einer polnischen Litauerin, was sie aber nicht hindert, deutsche Patriotin u. Nationalsozialistin zu sein. Das nennt man wahrscheinlich „Reinerhaltung der Rasse“. Die Frau erzählte anschaulich von der schrecklichen Wirkung der Luftminen, die die Engländer werfen u. damit ganze Häuserblocks vernichten. Die Bevölkerung sitzt derweil in Kellern u. Bunkern, schreit „Heil Hitler“ u. schimpft auf Churchil. Auf meine verwunderte Frage meinte sie ganz ahnungslos: ja, der ist es doch, der die Bomben schmeißen läßt. – Und dann erzählte sie alles, was darüber in der Zeitung steht, daß die Engländer damit angefangen haben u. daß sie nur immer auf die Wohnviertel ihre Bomben werfen usw. – Diese Menschen sind völlig unserer Propaganda ausgeliefert, es gibt nichts anderes für sie. Zum eigenen Nachdenken sind sie natürlich zu primitiv. So finden sie auch die Judenpolitik u. ihre grausamen Metoden durchaus in Ordnung, die Frau lachte darüber. – Es ist also völlig hoffnungslos, daß diese Menschen zur Einsicht kommen. Es wird die schwerste Aufgabe werden, diese einseitig verhetzten Menschen wieder auf einen menschlichen Standpunkt zurückzuführen. Das verwunderlichste war mir, daß diese Leute auch noch Wert darauf legen, fromme evangelische Christen zu sein. Besonders die Schwester, die den Arm verloren hat. Sie erzählte, daß diese Christen sich in einem Saal treffen, wo Harmonium gespielt, gesungen u. gebetet wird. Eine Pastorenfrau leitet diese frommen Zusammenkünfte, doch ist diese bei einem der letzten Bombenangriffe verrückt geworden u. ist jetzt im Irrenhause. Auf meine Frage, wie man Christ u. Nationalsozialist zugleich sein könne, wurde mir gesagt, daß das miteinander nichts zu tun hätte. Freilich: das eine ist praktisches Leben u. das andere ist fromme Gefühlsduselei. Diese Leute können ohne weiteres Jesus Christus ihren Bruder nennen u. gleichzeitig mit den grausamen Mördern von Hunderttausenden von Juden u. Polen paktieren, obschon diese letzteren dem Blute nach ihre Verwandten sind. – Es ist das wirklich ein teuflisches Bild.

[11]
Donnerstag, den 28. Januar 1943     

[11]      Gestern wurde im Radio bekannt gegeben, daß sich Churchill u. Roosevelt in Casablanka getroffen u. eine Konferenz von zehntägiger Dauer über die Fortsetzung des Krieges abgehalten haben. Die gewiß sensationelle Nachricht, daß der amerikanische Präsident diese Reise nach Nordafrika unternommen hat, wie überhaupt diese ganze Konferenz, wurde bei uns zum Anlaß genommen, einen spöttischen u. witzelnden Kommentar im Rundfunk zu geben. Es ist zu erwarten, daß uns diese alberne Witzelei bald vergehen wird. Vorgestern Nacht waren erstmalig amerikanische Bomber über Wilhelmshaven u. wenn das schwere Motorengeräusch, das wir gestern abend hörten, nicht täuscht, so sind sie wieder über uns hinweggeflogen. – Natürlich wurde bei uns bewitzelt, daß Stalin zu dieser Konferenz eingeladen war, aber nicht erschienen ist, angeblich, weil er die Offensivaktion gegen uns selbst leitet u. deshalb unabkömmlich gewesen sei. Selbstverständlich ist das nur ein Vorwand u. man kann daraus wohl entnehmen, daß die Gefühle des Herrn Stalin gegen seine Bundesgenossen nicht übermäßig herzlich sind. Das ist nicht anders zu erwarten, denn so dumm ist Stalin auch nicht, daß er die innere Einstellung seiner demokratischen Bundesgenossen gegen den Bolschewismus nicht richtig erkennte. Und dieses ist in der Tat der einzige, schwache Hoffnungsschimmer, den wir Deutschen in der sonst nachtschwarzen Zukunft haben. Zum Witzeln haben wir aber wahrhaftig keinen Anlaß. –

Die Ergebnisse dieser Konferenz werden nun ja bald offenbar werden. Die Offensive der Russen scheint ja jetzt etwas zum Stillstand gekommen zu sein. Das furchtbare Geschehen in Stalingrad dagegen nimmt seinen unerbittlichen Fortgang. Dieses Geschehen ist ein Wahrzeichen für das, was geschehen wird. Hitler hat ja wiederholt erklärt, daß er niemals kapitulieren werde, d.h. mit anderen Worten, daß ganz Deutschland das Schicksal Stalingrads erwarten muß, falls nicht etwas Anderes geschieht. Das aber ist nicht zu erwarten, nachdem sich Hitler, Göring u. Himmler mit einer treu ergebenen Leibgarde umgeben haben, die im Laufe dieses Krieges ganz unauffällig immer mehr verstärkt worden ist. Aus dem früheren Regiment Herm. Göring ist inzwischen eine ganze Division geworden. Wenn es da einmal zum Bürgerkriege kommt, kann das ja nett werden! Die Hoffnung ist, daß Amerika u. England möglichst rasch ganz Deutschland besetzen werden, um uns vor dieser Grausamkeit zu bewahren.

[12]      Unser Ortsgruppenleiter, Lehrer Deutschmann, sagte mir gestern vertraulich, daß am 30. Januar, am Tage der Machtübernahme der Nazis vor 10 Jahren, wieder verstärkt gesammelt werden soll. Wir haben in diesem Monat schon 60,– Rm. für diese Sammlungen hergegeben. Die Ortsgruppenleiter sollen zur Hebung der Begeisterung drei Tage lang in Uniform umherlaufen, – der Lehrer tut es aber nicht, weil er sehr richtig annimmt, daß das das Gegenteil bewirken würde. Sehr gespannt sind wir alle auf die Rede Hitlers, die am 30ten fällig ist. Ich fürchte, daß das Dröhnen der amerikanischen Flugzeugmotoren diese Rede sehr übertönen wird.

[12]
Freitag, den 29. Januar 1943.     

[12]      Heute morgen wurde im Radio bekannt gegeben, daß sich alle Männer im Alter von 16 – 65 Jahren u. alle Frauen im Alter von 18 – 45 Jahren bei ihren Arbeitsämtern zu melden haben zum Einsatz in der Kriegswirtschaft. So weit sind wir nun also schon gekommen. Wenn man mich auch holt, dann bleibt nichts anderes übrig, als das Geschäft ganz zu schließen, denn es ist ausgeschlossen, daß Martha das Geschäft allein versieht. Es ist das aber die allerletzte Reserve, die aufgeboten wird, danach kommt nichts mehr als der völlige Zusammenbruch. Stalingrad ist das Exempel. Die Nazis verteidigen ihre Position bis zum letzten Deutschen.

     Diese Sache wird reichlich Wasser auf die englische u. amerikanische [13] Propagandamühle abgeben u. die Siegeszuversicht unserer Gegner wird dadurch einen gewaltigen Auftrieb bekommen, – u. mit Recht. Die russische Offensive berichtet ebenfalls von neuem Geländegewinn westlich Woronesch, wo wir einen Brückenkopf hielten, den sie freiwillig aufgegeben haben, um „die Front zu verkürzen“. Es wird sich zeigen, ob wir hier die verkürzte Front halten werden. Auch im Süden, zwischen Don u. Kaukasus, hält der russische Druck an, wenngleich es auch so aussieht, als wäre es uns östlich Rostow gelungen, die Russen aufzuhalten, wenigsten so lange, bis wir diesen ganzen Südflügel geräumt haben werden. Wenn das jedenfalls nicht gelingen sollte, dann wäre dieser Südflügel restlos verloren. Durch seinen doppelten Angriff auf Stalingrad u. den Kaukasus hat uns das Feldherrentalent des Herrn Hitler in eine strategisch so gefährliche Situation hineinmanövriert, daß es unmöglich ist, ohne großen Schaden da wieder herauszukommen. –

     Amerikanische Flugzeuge haben vor drei Nächten Wilhelmshaven bombardiert u. gleichzeitig griffen englische Flugzeuge wieder einmal Düsseldorf an, das so wie so schon nur noch ein Trümmerhaufen ist wie Rostock. Das ist also von jetzt ab das, was wir zu erwarten haben. Während bisher die Engländer stets nur eine Stadt angriffen, werden von nun an die Amerikaner u. Engländer je eine Stadt angreifen, sodaß sich also die Luftgefahr um 100% vermehren wird, wenn nicht noch mehr, denn auch ein Rüstungswerk in Kopenhagen ist zugleich mit Bomben belegt worden. Die Dänen, die durch uns in diesen Krieg hineingerissen worden sind, mögen sich freuen.

[13]
Sonnabend, den 30. Januar 1943.     

[...] [13]      Ganz Deutschland ist wahrscheinlich tief enttäuscht, nachdem gestern abend im Rundfunk bekannt gegeben worden ist, daß Dr. Goebbels um 16 Uhr eine Rede halten u. eine Proklamation des Führers verlesen wird. Alle waren begierig auf Adolf's Rede am heutigen Tage, aber er kneift. –

[13]
Sonntag, 31. Januar 1943.     

[...] [13]      Gestern um 4 Uhr hielt Dr. Goebbels seine Rede. Es war die größte Hetzrede, die ich je gehört habe, mit einem unüberbietbaren Haß vorgetragen, sehr oft unterbrochen von frenetischem Jubel der Sportpalast=Zuhörer u. haßerfüllten Zwischenrufen. Es ist schlechthin trostlos. Die Partei ist entschlossen, bis zum letzten Deutschen zu kämpfen, – u. sie wird es tun! – Von Fritz gestern Abend ausführlicher Brief u. heute früh kurze Nachricht. Er fährt am 2. Febr. auf Urlaub, bleibt dann bis Sonntag in Bln. u.

[...] [14] Im Heeresbericht wird gesagt, daß „Generalfeldmarschall Paulus“, der Führer der 6. Armee in Stalingrad, an der Spitze der Reste seiner Armee immer noch in Stalingrad kämpfe. Er war bisher Generaloberst u. ist also jetzt Feldmarschall geworden u. – was wichtiger ist, – er ist bei seiner Truppe geblieben. Nach dem Bericht ist anzunehmen, daß dieses Drama nun vor seinem Ende steht. –

     „Wir werden siegen, weil wir unseren Führer haben!“ so sagte gestern Dr. Goebbels, – und – „unser Vertrauen in den Führer ist schlechthin nicht mehr überbietbar!“ –