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„Westfälische“ Erinnerungen eines Kasselaners

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Titel: „Westfälische“ Erinnerungen eines Kasselaners
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aus: Die Gartenlaube, Heft 37, S. 622–624
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Aus den Zeiten der schweren Noth.
„Westfälische“ Erinnerungen eines Kasselaners.


Als im Jahre 1806 zwischen König Friedrich Wilhelm dem Dritten von Preußen und Napoleon der Krieg ausbrach, welcher bald durch die Schlacht bei Jena eine für Preußen so verhängnißvolle Wendung nehmen sollte, neigte bekanntlich der Kurfürst Wilhelm der Erste von Hessen-Kassel zwar im Geheimen auf Preußens Seite, aber er wagte doch nicht offen für dasselbe Partei zu ergreifen. Trotz aller dringenden Mahnungen ließ er seine Truppen nicht zu den preußischen stoßen, sondern nahm eine abwartende Stellung ein, um erst zu sehen, nach welcher Seite sich das Kriegsglück wenden würde. Diese Zweideutigkeit seines Benehmens sollte sich bitter rächen. Napoleon, welcher wohl wußte, daß die Sympathien des Kurfürsten nicht ihm galten, schickte alsbald nach der Schlacht bei Jena den General Mortier mit einem französischen Armeecorps nach Kurhessen, um dieses Land zu besetzen und den Kurfürsten seines Thrones zu berauben.

Noch erinnert sich Schreiber dieser Zeilen deutlich des Abends – es war am 31. October 1806 – als man von Kassel aus am Saume des anderthalb Stunden entfernten Söhrer Waldes eine lange Reihe von Bivouacfeuern leuchten sah und sofort über die ganze Bevölkerung Kassels das bange Gefühl kam, daß die dort lagernden Franzosen, welche angeblich zur Besetzung Hannovers bestimmt waren, auch auf Kassel feindliche Absicht haben möchten. Diese Befürchtung wurde am nächsten Morgen zur Gewißheit, als der Kurfürst in größter Eile von Kassel nach seinem Sommerschloß Wilhelmshöhe flüchtete, von wo er dann über Arolsen und Hameln nach Schleswig, in das Gebiet seines Schwiegervaters, des Königs von Dänemark, gelangte. Kaum hatte der Kurfürst seine Hauptstadt verlassen, so rückten auch schon die Franzosen ein, entwaffneten die hessischen Truppen und nahmen alle Cassen in Beschlag. Napoleon erklärte die kurhessische Dynastie als der Herrschaft verlustig und übergab die Verwaltung des Landes einem französischen Generalgouverneur, dem Divisionsgeneral Lagrange.

Schon im Jahre 1806 herrschte im Hessenlande nach Auflösung der hessischen Regimenter eine große Gährung, welche hauptsächlich durch die heimgeschickten alten Soldaten genährt wurde. In Eschwege an der Werra kam es zum Aufruhr. An dessen Spitze befand sich der ehemalige hessische Unterofficier Schumann, welcher, nach rascher Unterdrückung des Aufstandes, in Kassel vor ein Kriegsgericht gestellt und in dem an der Fulda gelegenen Park, der sogenannten Au, erschossen wurde.

Im Jahre 1807 richtete Napoleon das Königreich Westfalen auf, dessen Hauptstadt Kassel und dessen Beherrscher der damals dreiundzwanzigjährige „Jérôme“ wurde.

Am 10. December 1807 hielt der neue König von Wilhelmshöhe aus einen prunkenden Einzug in seine künftige Residenz. Am Weichbilde der Stadt nächst dem Dorfe Wehlheiden empfing ihn der Magistrat von Kassel und überreichte ihm auf einem seidenen Kissen den goldenen Schlüssel der Stadt. Der König fuhr dann im offenen Wagen durch die Hauptstraßen nach dem alten Schlosse, welches auf der Stelle der späteren Kattenburg stand.

Kassel nahm unter der westfälischen Regierung einen ungeahnten Aufschwung, namentlich weil der lustige Hof Jérôme’s viel Geld unter die Leute brachte. Es läßt sich daher wohl begreifen, daß in der Gesinnung der meisten Kasselaner ein vollständiger Umschwung zu Gunsten der Franzosen vor sich ging. Hauptsächlich trugen hierzu auch die mancherlei neuen Einrichtungen im Staatswesen bei, durch welche die Standesvorrechte der früheren Zeit und alle Reste der alten feudalen Lasten beseitigt wurden. Für die Jugend zumal war es ein erhebender Gedanke, daß hinfort der Zutritt zu allen Aemtern nicht blos den Söhnen des Adels und der Beamten, sondern allen Ständen eröffnet war. Und so beseelte die jungen Leute bürgerlichen Standes damals vorzugsweise der Wunsch, durch die militärische Laufbahn zu Ruhm, Ehren und Würden zu gelangen. Das französische Wort, daß jeder Soldat den Marschallsstab im Tornister trage, hatte auch bei der Jugend Kassels gezündet, und daß das Ziel nur unter den französischen Adlern zu erreichen war, daraus machte sie sich nichts, da leider von einer deutsch-nationalen Gesinnung in jener Zeit weder bei den Fürsten noch bei den Völkern der Rheinbundstaaten viel zu finden war.

Aus diesen Umständen erklärt es sich, daß für den Aufstand der hessischen Bauern unter Oberst von Dörnberg (1809) in der Bevölkerung Kassels wenig Sympathieen vorhanden waren. Nachdem die schlecht bewaffneten und ungeordneten Schaaren Dörnberg’s von den westfälischen Truppen nach kurzem Gefechte bei der sogenannten Knallhütte, einem anderthalb Stunden von Kassel gelegenen Wirthshause, zersprengt worden waren (23. April 1809), füllte sich das Staatsgefängniß zu Kassel, das an der Fulda gelegene Castell, mit Gefangenen von allerlei Art, und das westfälische Kriegsgericht begann seine Blutarbeit.

Sein erstes Opfer war der ehemalige hessische Lieutenant von Hasserodt. Am Nachmittag des 2. Mai war ihm der Spruch des Kriegsgerichts, welcher ihn zum Tode durch Pulver und Blei verurtheilte, mitgetheilt worden, und schon am nächsten Morgen um neun Uhr wurde dieses Urtheil vollstreckt, und zwar auf dem sogenannten großen Forst, einer weiten Wiesenfläche unweit Kassels, welche schon damals dem Militär zu seinen Uebungen diente. Als von Hasserodt aus seiner Zelle zunächst in den Hof des Castells hinabgeführt und der Executionsmannschaft übergeben wurde, bat er den commandirenden Officier, einen ehemaligen Cameraden, um die Erlaubniß, daß nicht, wie gewöhnlich, sechs Mann auf ihn feuerten, sondern daß er sich drei zuverlässige Schützen aussuchen dürfe, welche ihm den letzten Dienst erweisen sollten. Da ihm diese Bitte gewährt wurde, wählte er sich drei Jäger aus und bat einen von diesen, ihm zwischen die Augen zu halten, während die beiden anderen ihm nach dem Herzen zielen sollten. Auf dem Forst angekommen und vor das bereits aufgeworfene Grab gestellt, ließ er sich die Augen nicht verbinden, und die drei wohlgezielten Kugeln machten seinem Leben augenblicklich ein Ende.

Glücklicher waren drei andere Gefangene, welchen es noch zu rechter Zeit gelang, durch kühne Flucht aus dem Castell dem Tode zu entrinnen. Es waren dies drei junge Officiere der westfälischen Armee, von Giesewald, Schmalhaus und Berner, welche, dem Beispiele des Obersten von Dörnberg folgend, sich an dem Aufstande betheiligt hatten. Ihre Zelle lag auf derjenigen Seite des Castells, deren gewaltige Grundmauer von der hier ziemlich tiefen und breiten Fulda bespült wird. Durch einen Freund in der Stadt hatten sie sich eine Feile und einen Strick zu verschaffen gewußt. In dunkler Nacht (10. Juni 1809) durchfeilten sie einen Eisenstab an dem Fenstergitter ihrer Zelle und bogen diesen mit vereinten Kräften so weit in die Höhe, daß man sich durch die entstandene Oeffnung durchzwängen konnte. An einem andern Eisenstabe ward dann der Strick befestigt, und an diesem ließ sich zuerst Lieutenant von Giesewald, welcher ein guter Schwimmer war, in den Fluß hinab. Es galt zunächst einen Kahn herbeizuschaffen, da von seinen beiden Cameraden Berner nur schlecht und Schmalhaus gar nicht schwimmen konnte.

Vorsichtig schwamm von Giesewald stromaufwärts unter der ganz in der Nähe befindlichen Fuldabrücke hindurch und fand nicht weit von derselben am Ufer einen Kahn, welchem aber leider das Ruder fehlte. Trotzdem band er ihn los und brachte ihn längs der Ufermauer glücklich stromab bis unter das Fenster des Castells, auf welchem sich dann auch seine beiden Schicksalsgenossen herabließen. In Ermangelung eines Ruders versuchten die drei jungen Männer mit den Händen den Kahn nach dem andern Ufer zu rudern, aber sie waren nicht im Stande, die Strömung zu überwinden, welche sie unaufhaltsam stromab trieb. Nicht weit unterhalb des Castells zieht sich quer durch die Fulda ein Wehr; diesem kam das Boot immer näher, und die Flüchtlinge schwebten in der augenscheinlichen Gefahr, mit dem Kahn über den brausenden Fall hinabgestürzt zu werden. Hier galt kein langes Besinnen: unverzagt sprangen alle drei aus dem Kahn in den Fluß; von Giesewald, wie schon bemerkt, ein trefflicher Schwimmer, zog mit dem linken Arm seinen Cameraden Schmalhans neben sich her und brachte ihn unter schweren Anstrengungen glücklich an’s Ufer. Auch Berner arbeitete sich mit Aufbietung seiner letzten Kraft durch das Wasser – und nach vielen Abenteuern schlugen sich die Flüchtlinge glücklich durch bis nach Sachsen, wo damals die Freischaar des Herzogs von Braunschweig-Oels stand; in diese traten sie sofort ein, um dann den kühnen Zug der „schwarzen Schaar“ [623] von der böhmischen Grenze mitten durch Deutschland bis zu den Gestaden der Nordsee mitzumachen.

Das westfälische Kriegsgericht, welchem diese drei Officiere entronnen waren, erkor als zweites Opfer den fünfundsiebenzigjährigen Oberst Emmerich, einen alt-hessischen Officier, welcher den siebenjährigen und den amerikanischen Krieg mitgemacht hatte. Selbst nach dem Fehlschlagen des Dörnberg’schen Aufstandes hatte dieser alte Haudegen in Marburg im Bund mit dem dortigen Professor der Medicin Hofrath Dr. Sternberg einen neuen Aufstand gegen den König Jérôme zu erregen versucht, welcher jedoch noch im Entstehen unterdrückt wurde. Nach Kassel vor das Kriegsgericht geführt, wurde Oberst Emmerich zum Tode verurtheilt und am 18. Juli 1809 auf dem „Forst“ erschossen. Auf seinem letzten Gang rauchte er ruhig aus einer kurzen Pfeife, und diese in der Hand haltend, ohne Binde vor den Augen, rief er selbst mit lauter Stimme das Commandowort „Feuer!“ Mochten den sechs Soldaten, welche befehligt waren, dem alten Kriegshelden den Tod zu geben, die Hände gezittert, oder mochte die Mehrzahl absichtlich vorbeigeschossen haben – von den sechs ihm bestimmten Kugeln traf nur eine einzige, aber diese eine mitten in’s Herz.

Am nächsten Tag (19. Juli 1809) traf das Todesloos den Hofrath Dr. Sternberg. Vergeblich hatte dessen Gattin eine rührende Bittschrift an König Jérôme eingereicht. Obwohl sie ihrer nahen Niederkunft entgegensah, machte sie sich doch auf den Weg von Marburg nach Kassel, um durch einen Fußfall vor dem König Gnade für ihren Gatten zu erlangen. Allein sie war nicht im Stande, die Beschwerden der Reise auszuhalten; sie sah sich genöthigt, unterwegs wieder umzukehren und langsam nach Marburg zurückzufahren. Sie würde auch zu spät in Kassel eingetroffen sein. Denn an demselben Morgen wurde ihr Mann auf dem „Forst“ erschossen. Schlecht getroffen, sank Sternberg stöhnend nieder, und man hörte ihn noch leise wimmern: „Ach, meine arme Frau! Meine armen Kinder!“ Dann machte die Kugel eines Soldaten, welcher ihm den Gewehrlauf an die Schläfe setzte, seinem Todeskampf ein Ende.

Gleich nach Sternberg wurden noch zwei ehemalige hessische Soldaten, Mentel Günter aus Sterzhausen und Daniel Muth aus Ockershausen, an derselben Stelle erschossen.

Der letzte Blutzeuge dieser verunglückten Versuche, das Joch der Fremdherrschaft abzuwerfen, war der Wachtmeister im ersten westfälischen Kürassierregiment Christoph Hohnemann, der Sohn eines Magdeburger Kaufmanns. Am 11. August 1809 erlitt auch er auf dem „Forst“ den Tod durch Pulver und Blei.

Um den trüben Eindruck dieser Ereignisse, welche über so viele Familien des Königreichs Westfalen Jammer und Elend gebracht hatten, einigermaßen zu verwischen, wurden durch Vermittelung der Kaiserin-Mutter, Madame Lätitia, welche 1810 zum Besuch an dem Hof ihres jüngsten Sohnes erschien, viele der Gefangenen vom König begnadigt und aus der Haft entlassen.

Die letzten Soldaten, welche ich habe erschießen sehen, waren der Lieutenant Kupfermann aus Magdeburg und sein Wachtmeister von einem der westfälischen Husarenregimenter, welche unter General Hammerstein in der Nacht des 22. August 1813 in Sachsen zu den Oesterreichern übergegangen waren. Eine halbe Schwadron war jedoch an diesem Uebertritt verhindert und gefangen genommen worden. Sie wurde nach Kassel geführt, wo der Lieutenant und sein Wachtmeister, sowie jeder zehnte Mann vom Kriegsgericht zum Tode verurtheilt wurden. Doch wurde das Urtheil nur an den beiden ersteren vollzogen.

In gleicher Weise sind auf dem „Forst“ zu Kassel noch mehrere brave Soldaten, welche die Schmach ihres Vaterlandes schmerzlich empfanden und nicht länger in fremdem Dienst gegen ihre deutschen Brüder kämpfen wollten, erschossen und unter der Rasendecke verscharrt worden.

Lange Zeit hat nur eine einsame Eiche, von einigen Patrioten nach dem Sturz der Fremdherrschaft gepflanzt, die Stelle auf dem „Forst“ bezeichnet, wo diese deutschen Männer die Liebe zum Vaterlande mit ihrem Blute besiegelten. Erst bei der Feier des fünfzigsten Jahrestages der Schlacht bei Leipzig besann man sich auf die längst verfallene Schuld, den Blutzeugen der westfälischen Zeit ein steinernes Denkmal mit Aufzeichnung ihrer Namen zu errichten. Und so bewegte sich denn am 18. October 1863 unter dem Geläute aller Glocken ein großartiger Festzug durch die reichgeschmückten Straßen der Stadt Kassel hinaus auf den „Forst“ und bildete mit dem dort bereits aufgestellten Militär ein großes Viereck um jene Eiche. Nach den üblichen Reden und Gesängen wurde unter dem Donner der Kanonen der Grundstein zu einem solchen Denkmal gelegt, wobei noch der letzte Kurfürst die üblichen drei Hammerschläge verrichtete.

Später ist man jedoch zu der Ueberzeugung gekommen, daß der Platz neben der Eiche auf der großen Ebene des „Forstes“ für ein künstlerisches Denkmal ungeeignet und außerdem von der Stadt zu weit entfernt sei, um dem Publicum, besonders durchreisenden Fremden bequem zugänglich zu sein. Man hat sich daher begnügt, neben jener Eiche einen einfachen Denkstein aufzurichten mit der Inschrift: „Zum Andenken der als Opfer der französischen Fremdherrschaft gefallenen hessischen Patrioten.“

Das eigentliche Denkmal aber ist an einem sehr glücklich gewählten Platz in dem herrlichen Park an der Fulda, der sogenannten Au, unterhalb Bellevue aufgestellt worden, und zwar nahe bei der Stelle, wo der oben erwähnte Unterofficier Schumann (am 16. Februar 1807) erschossen worden ist. Dieses Denkmal steht auf einem künstlichen Rasenhügel, zu welchem auf der vordern und hintern Seite breite steinerne Treppen führen. Auf einem länglichen Postament von Tuffstein, welches die gleiche Inschrift trägt wie der Denkstein auf dem Forst, liegt ein gewaltiger schlummernder Löwe von weißem Marmor, ein Meisterwerk des Herrn Professor Kaubert in Frankfurt am Main. Seltsamerweise ist das Denkmal im Frühling 1874 ohne jegliche Feierlichkeit, ohne Sang und Klang enthüllt worden, und auch in den öffentlichen Blättern hat es kaum Erwähnung gefunden.

Gleichsam ein Vorbote des nahen Zusammenbruches war für das Königthum Jérôme’s der große Schloßbrand am 24. November 1811, welcher den größten Theil des alten, hoch über der Fulda gelegenen Residenzschlosses zu Kassel vernichtete. Jérôme bezog darauf das in der Oberneustadt gelegene Bellevueschloß. Die Ausführung seines Planes, das abgebrannte Residenzschloß wieder aufzubauen, wurde zunächst durch den russischen Feldzug von 1812, welcher so viele Menschen und so viel Geld erforderte, verzögert und dann durch den Ausgang desselben und die Ereignisse des Jahres 1813 vereitelt. Erst nach der Rückkehr des Kurfürsten Wilhelm des Ersten wurde Hand an’s Werk gelegt und unter der Leitung des Oberbaudirectors Jussow, welcher auch das in Folge der Gefangenschaft Napoleon’s des Dritten wieder vielgenannte Schloß zu Wilhelmshöhe und die dortige Löwenburg gebaut hatte, der Neubau eines großartigen Schlosses begonnen, welches den Namen „Kattenburg“ führen sollte. Als kaum die Mauern des Erdgeschosses standen, starb der baulustige Kurfürst Wilhelm der Erste (1821), und sein Sohn und Nachfolger Wilhelm der Zweite setzte den Bau nicht fort. So hat die Kattenburg fünfzig Jahre lang als Ruine dagestanden, bis in den letzten Jahren die preußische Regierung die Mauern abbrechen und die prächtigen Quadersteine zum Bau der neuen an der Bellevuestraße gelegenen Bildergallerie verwenden ließ.

Mit jenem Schloßbrand waren die lustigsten Tage des Königs Jérôme vorüber. Bald sollte die ganze westfälische Herrlichkeit ein Ende mit Schrecken nehmen.

Noch ist mir in lebhafter Erinnerung, wie am 28. September 1813 die Kosaken unter Tschernitscheff auf ihrem kühnen Streifzug vor den Mauern Kassels erschienen. Alles lief auf den Schloßplatz, wo die ganze Garnison aufmarschirt war. König Jérôme kam zu Pferde von Bellevue herunter, wurde von den Truppen mit dem Rufe „Vive le roi!“ empfangen und ließ dieselben vor ihrem Ausmarsch gegen den Feind defiliren. Man hörte aus der Ferne, wie sich das Gefecht vor der Stadt, in der Gegend des Siechenhofes, entspann. Die westfälischen Truppen wurden zurückgedrängt, konnten aber nur mit Mühe wieder in die Stadt gelangen, weil das Leipziger Thor und die Fuldabrücke unterdessen verrammelt worden waren. Die Russen nahmen das Thor mit Sturm, drangen in die Unterneustadt ein, befreiten die Staatsgefangenen im Castell und versuchten, jedoch vergebens, auch die Fuldabrücke zu stürmen. Sie zogen dann südwärts in der Richtung des Städtchens Melsungen, erschienen aber nach zwei Tagen abermals vor Kassel. König Jérôme, welchem der Muth vollständig abhanden gekommen war, hatte sich unterdeß mit seiner Garde in der Richtung nach Marburg zurückgezogen, nachdem er den General Alix zu seinem Stellvertreter in Kassel ernannt hatte.

[624] Die Russen hatten sich auf dem sogenannten kleinen Forst aufgestellt und beschossen von dort die Stadt. Die Westfalen hatten ihre Batterien vom Schloß an, Bellevue entlang, bis auf den Weinberg aufgestellt und erwiderten lebhaft das Feuer. Durch diese Beschießung der Stadt gerieth die Bürgerschaft in Aufruhr. Ein Schwarm Volkes, an der Spitze ein Bäcker, zog durch die Straßen und rief: „Bürger ’raus!“ Durch die drohende Haltung der Bürgerschaft wurde der General Alix genöthigt, am 30. September zu capituliren. Das Feuer wurde eingestellt und ein russischer Officier mit verbundenen Augen, voran ein blasender Trompeter, nach dem Rathhaus geleitet. In Folge der abgeschlossenen Capitulation verließen die westfälischen Truppen noch am Abend desselben Tages durch das Kölnische und Holländische Thor die Stadt mit Sack und Pack.

Am anderen Morgen (1. October 1813) hielt Tschernitscheff seinen Einzug in Kassel, und da das Volk ihn vielfach für den damals im preußischen Heere dienenden Kurprinzen hielt, so wurde er mit doppeltem Jubel empfangen und in das Bellevue-Schloß geleitet. Er erließ alsbald eine Proclamation, in welcher es hieß: „Das Königreich Westfalen welches aus Provinzen zusammengesetzt wurde, die ihren rechtmäßigen Oberherren mit Gewalt entrissen waren, hört von heute an auf, jedoch nicht, um als erobertes Land behandelt, sondern um von der französischen Herrschaft befreit zu werden.“

Diese Ankündigung kam noch um einige Wochen verfrüht; die Völkerschlacht bei Leipzig war noch nicht geschlagen. Tschernitscheff’s Kosakenschwarm (2300 Reiter mit 6 Kanonen) war weder im Stande, noch dazu angewiesen, den vorgeschobenen Posten in Kassel zu behaupten. Nur wenige Tage hielten sich die Russen in Kassel auf, wobei, wie ich mich sehr deutlich erinnere, alle Kinder die gutmüthigen Kosaken auf ihren kleinen Pferden, trotz ihrer langen Bärte und langen Lanzen, sehr lieb gewannen. Besonders seltsam nahmen sich einige darunter befindliche Baschkiren aus, welche nach ihrer heimischen Sitte noch mit Bogen und Pfeilen bewaffnet waren. Damals stand auf der Mitte des kreisrunden, durch sein siebenfaches Echo berühmten Königsplatzes ein Marmor-Standbild des Kaisers Napoleon. Nach diesem schossen die Baschkiren mit ihren Pfeilen und jubelten laut auf, als es endlich einem von ihnen gelungen war, der Statue die Nase abzuschießen.

Nach dem so rasch wieder erfolgten Rückzuge der Russen (3. October) war Kassel auf kurze Zeit herrenlos. Um die Stadt nicht der Anarchie verfallen zu lassen, traten vierzig der angesehensten Bürger zusammen und bildeten eine Art von provisorischer Regierung. Als zehn Tage nach seiner übereilten Flucht Jérôme mit französischen Truppen, welche er aus Mainz herangezogen hatte, noch einmal nach Kassel zurückkehrte, wurden jene vierzig Bürger in’s Castell geworfen und würden einem strengen Spruche des Kriegsgerichts sicher nicht entgangen sein, wenn nicht inzwischen die Schlacht bei Leipzig mit dem ganzen Königreiche Westfalen gründlich aufgeräumt hätte. Am 26. October verkündete eine Bekanntmachung der Minister: der König sehe sich durch den Drang der Zeitumstände veranlaßt, sich aus seinen Staaten zu entfernen. Mit zahlreichen Wagen, welche die Kostbarkeiten aus allen Schlössern fortführten, entfloh Jérôme zum zweiten Mal, und zwar diesmal gleich über den Rhein. Er hat seine Residenz Kassel nie wieder gesehen.