Zum Inhalt springen

„Was der Kriminalkommissar sagte“

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
Autor: Walther Kabel
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: „Was der Kriminalkommissar sagte“
Untertitel: Eine Umzugsgeschichte von Walther Kabel
aus: Zeit im Bild, Jahrgang 1907, Seite 119
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1907
Verlag: Berliner Central-Verlag
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
[[index:|Indexseite]]
Editionsrichtlinien:


[119]
„Was der Kriminalkommissar sagte“
Eine Umzugsgeschichte von Walther Kabel

Assessor Dr. Müller stand mit recht gemischten Gefühlen auf dem Bahnsteig. Die gemischten Gefühle waren dem kaum ein halbes Jahr verheirateten Ehemanne zu verzeihen. Er erwartete seine Schwiegermutter … und in drei Tagen einen Umzug! Endlich lief der Zug in den Bahnhof ein. – Herzlichste Begrüßung und dann fuhren beide eingezwängt in einen Taxameter, zwischen fünf umfangreichen Gepäckstücken, der Wohnung zu. Die Unterhaltung begann, das heißt die Frau Rat Abel kreischte in hohem Diskant, um das Straßengeräusch zu übertönen.

„Nicht wahr, Max, es ist doch das beste, daß ich zu dem Umzug herüberkomme, wenn ich nicht dabei bin, wird die Hälfte der Sachen gestohlen und der Rest entzwei geschlagen …“

Der Assessor hatte wie immer bei der Entwicklung des schwiegermütterlichen Stimmmaterials eine Gänsehaut gekriegt. Und während jetzt nur hin und wieder einzelne Töne an sein Ohr schlugen, fragte er sich vergeblich, wie die Natur ein solches Kunststück fertig gebracht hatte: daß eine solche Mutter eine solche Tochter haben konnte! Wenn er an seine Frida dachte, an ihre weiche, tönende Stimme, ihr goldenes Herzchen, das so zärtlich und hingebend war, an ihren energischen, und doch so verständigen Charakter … und dann an die Mama, die überall mit dabei sein mußte, die sich für unersetzlich hielt und keine Gelegenheit vorüberließ, um die jungen Eheleute zu bevormunden … des Assessors Gedankenausflug auf dieses unfruchtbare Gebiet wurde jäh unterbrochen.

„Nicht wahr, Max? Ihr hättet es euch doch kaum übernommen, diesen ersten Umzug allein ohne meine Hilfe auszuführen?“

Der arme Assessor erblaßte schier. – „Im Gegenteil … nein, niemals,“ stotterte er hervor.

„So so … na, ich hoffe auch …!“ – Die teure Mama richtete sich dabei in demselben Maße kerzengerade auf, wie Müller in sich zusammensank und in seinem Innern einen schwarzen Plan entwarf, um das Schreckgespenst seines jungen Eheglücks einmal gründlich zu vertreiben. …

Am Tage vor dem Umzug ging Assessor Dr. Müller am Nachmittag, während seine Damen daheim noch eifrig mit Packen beschäftigt waren, in das Kontor des Möbeltransportgeschäftes Winckler u. Co., das für ihn den Umzug besorgen sollte, und ließ sich dort denjenigen der Angestellten zeigen, der den morgigen Umzug leiten sollte. Mit diesem hatte der Assessor dann auf dem Hofe eine lange Unterredung, deren Inhalt vorläufig mit dem Schleier des Geheimnisses umhüllt bleiben mag. Erst schien der Betreffende, ein Packer namens Hermann, nichts von der Sache wissen zu wollen. Dann appellierte Müller wohl aber an bekannte Gefühle, da er des öfteren recht eindringlich das Wort „Schwiegermutter“ wiederholte, worüber der andere dann stets mit einem verständnisinnigen Lächeln quittierte. Jedenfalls schieden die beiden Verschwörer mit einem kräftigen Händedruck, der in des Packers schwieliger Rechten die Spur eines Fünfmarkstückes zurückließ.

Müllers waren umgezogen. Die neue Wohnung, im entgegengesetzten Viertel am Hansaplatz gelegen, war leider ohne die allerhöchste Genehmigung der teuren Schwiegermama gemietet worden, was Frau Frida jetzt viele heimlich vergossene Tränen und ihrem Gemahl ebenso viel heimlich gemurmelte, unerklärliche Drohworte kostete. Nach allerhöchster Ansicht war die Wohnung zu groß, zu hell, das elektrische Licht überflüssig, die Luftheizung ungesund, das noch nicht verwendbare Kinderzimmer eine Mystifikation usw. usw. – Man war beim Einrichten und der Dekorateur suchte gerade für die teilweise wertvollen Bilder geeignete Plätze aus, als es sich herausstellte, daß zwei Reproduktionen Böcklinscher Gemälde, die im Salon ihren Platz finden sollten, fehlten. Müllers nebst Schwiegermama, das Dienstmädchen und der Dekorateur kramten die ganze Wohnung durch - vergebens. Die beiden Bilder blieben verschwunden. Frau Frida wurde nervös, die Mama wurde nervös. Man suchte weiter. Inzwischen hatte der Dekorateur etwas anderes vorgenommen. Er befestigte im Eßzimmer das große Paneelbrett, auf dem später die altdeutschen Zinne aufgestellt werden sollten … sollten, denn leider waren sowohl die vier Zinnteller wie auch die beiden Kannen mit der seltenen Punktarbeit nachher nicht zu finden – ebenso wenig wie die beiden Böcklins. Wieder allgemeine Jagd nach den Zinnen – nichts! Müller suchte wie ein Verzweifelter, Frau Frida wurde nervöser, die Mama dito. Man schickte schließlich in die alte Wohnung, schickte zu Winckler u. Co., ob vielleicht etwas in den Wagen gefunden sei. Alles vergeblich.

Der Abend kam. Müllers und Besuch nahmen ein recht ungemütliche Abendmahlzeit ein. Die verschwundenen Gegenstände schienen den dreien wie ein Alp auf der Brust zu liegen. Endlich brach der Assessor das drückende Schweigen:

„Wie das nur möglich ist,“ meinte der Assessor sinnend, „ja, möglich ist – besonders wo du noch geholfen und aufgepasst hast, liebe Mama …“

„Die Sachen werden sich noch finden,“ sagte die Frau Rat würdevoll. Dabei traf ein strafender Blick den behaglich kauenden Schwiegersohn. „Mir, lieber Max, ist noch nie, noch nie etwas bei einem Umzuge verschwunden,“ setzte sie dann noch hinzu.

Dann erhob sich die Frau Rat und rauschte wortlos zur Tür hinaus.

Am nächsten Tage war es bei Müllers leider schon so weit gekommen, daß eine Liste der bei dem Umzug verloren gegangenen Gegenstände aufgestellt werden mußte. Je mehr Ordnung in die neue Wohnung kam, desto erschreckender mehrten sich die Verluste. Der Assessor sah sich schließlich genötigt, mit dieser Liste gegen elf Uhr vormittags auf die Polizei zu gehen.

„Sei ruhig, Schatz,“ tröstete er noch beim Weggehen seine kleine Frau, „wir bekommen unsere Sachen sicher zurück, sicher! Unsere Kriminalpolizei ist vorzüglich …!“

Um zwei Uhr nachmittags kehrte er dann heim. Gegen 1/23 setzte man sich endlich zu Tisch. Drückende Stille. Die teure Mama saß zerknirscht da, der Hausfrau perlte zuweilen ein Tränchen über die frischen Wangen. Nur Müller aß mit einer widernatürlichen Ruhe und einem direkt plebejischen Appetit. Als der Braten abgetragen war, schaute er sich anscheinend melancholisch sein Eßzimmer an, musterte das leere Paneelbrett, das Büffet, auf dem die Silberkanne fehlte und meinte dann bedauernd: „Ja, ja, schade um unsere schönen Sachen … wie leer das hier aussieht … so kahl …!“ –

Die Frau Rat spielte nervös mit ihrem Messerbänkchen.

„Max,“ begann sie dann, „was hat denn eigentlich der Kriminalkommissar gesagt?“

„Na, ich mußte ihm natürlich alles haarklein erzählen, sagte ihm auch, daß du als Unterstützung zu uns gekommen bist … ja … hm … und da …“

„Nun …? … und??“ Der teuren Mama Gesicht wurde sehr süßsauer bei dieser aufmunternden Frage.

„Ja, verzeih’ schon, liebe Mama, … da sagte der Kommissar zu mir: Nehmen Sie’s mir nicht übel, Herr Assessor, aber … war es unbedingt nötig, daß Ihre Frau Schwiegermutter beim Umziehen half? Ich bin ja nicht abergläubisch, doch merkwürdigerweise passiert nur immer etwas bei Umzügen, Wohnungsmieten und Kindtaufen, wenn schwiegermütterliche Hände dabei beteiligt sind!“

Eisiges Schweigen folgte diesen Worten. Mit entsetzten Augen erwartete Frau Frida ein furchtbares Ungewitter; doch es blieb still. Mit ebenso unheimlicher Ruhe packte dann sofort nach Tisch die Frau Rat ihre Sachen und fuhr – trotz aller Bitten ihrer Tochter und trotz des gemessenen Ersuchens ihres Schwiegersohnes – mit dem Fünfuhrzuge nach Neustadt zurück. – Als Müller mit seinem Frauchen wieder allein war, nahm er sie liebevoll trotz ihres Sträubens auf den Schoß und beichtete, beichtete, daß der Packer Hermann die „gestohlenen Sachen“ der Verabredung gemäß während des Transports vom Wagen genommen und in die Wohnung des Amtsrichters Wilde gebracht habe, daß er gar nicht auf der Polizei gewesen, sondern den Vormittag auf der Behörde verbracht habe, sagte, daß er ein ganz schlechter Mensch, aber ein ebenso verliebter Ehemann sei, der sein Frauchen ganz für sich allein haben wollte … Der Schluß der Beichte waren heiße Küsse, gegeben und erwidert, vergnügtes Lachen und … ein Telegramm an die Mama nach Neustadt, daß die Sachen wiedergefunden seien. – Damit war die geheimnisvolle Diebstahlsgeschichte erledigt. Denn weder die Briefe aus Neustadt noch die vom Hansaplatz taten je wieder des unglücklichen Umzugs Erwähnung.