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„Rumänier –“

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Textdaten
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Autor: R. R.
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Titel: „Rumänier –“
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aus: Die Gartenlaube, Heft 34, S. 564–566
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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„Rumänier –“.

Das Land, das von den Karpathen und dem mächtigen Arm der Donau, kurz vor deren Einzug in das Schwarze Meer, umschlossen ist, der alte Zankapfel der drei Kaiser von Rußland, Oesterreich und der Türkei, das jetzt sogenannte Rumänien, ist in jüngster Zeit nicht nur Deutschlands Dynastien und Verkehrsbewegung näher, sondern auch weiter heraus in das Licht der Geschichte getreten. Ein deutsches Fürstenpaar sitzt dort auf einem nichts weniger als weichen Thron, im tagtäglichen Kampf mit der Halbcultur des gesammten Volks und dem noch schlimmeren Zustande der Bojaren.

Unser heutiger Artikel führt uns ein Bild aus dem Volksleben vor; wird auch der Schmuggel keineswegs nur von der untersten Classe ausgeübt, so hat er in ihr doch seine vorzüglichsten und meisten Vertreter. Einen Einblick in die höhere Gesellschaft, die Kreise der Bojaren, bietet uns ein anderer Artikel, den wir in einer der nächsten Nummern diesem nachfolgen lassen.

Zum Schmuggeln gehört das passende Terrain, und dieses bietet kein Gebirg in reicherem Maße als die Karpathen. Sie sind es, welche den Schmuggel zwischen dem österreichischen Siebenbürgen, dem Banat und Galizien und der rumänischen Bevölkerung der Moldau und Walachei so gewinnreich und verlockend zugleich machen.

Die Karpathen sind bekanntlich ein Rückengebirge, und man kann die Breite desselben im Durchschnitt auf neun bis zehn deutsche Meilen anschlagen. Alle Pässe derselben führen, mit Ausnahme des Rothen-Thurmpasses, den die Aluta durchströmt, aus

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Rumänische Schmuggler.
Nach seinem Oelgemälde auf Holz übertragen von A. van der Venne.

Rumänien in Gebirgsstrombetten empor bis zur Wasserscheide des Gebirgsrückens und dann über einen Einschnitt in denselben tief und steil abwärts in die österreichischen Lande, zu denen die Karpathen fast überall schroffer, und also auch kürzer, abfallen, als sie auf der Ostseite aufsteigen. In alle diese Pässe münden viele Seitenthäler, die wieder Seitenthäler haben und die unter sich durch unzählige Pässe, welche alle das Gepräge des Hauptpasses wiedergeben, verbunden sind. Durch diese Gestaltung sind die [566] riesigen Karpathen, deren Miniaturausgabe etwa der Thüringer Wald ist, mehr als jedes andere Gebirge für Räuber- und Schmugglerbanden geeignet. Kam es ja doch erst vor etlichen Jahren vor, daß am Berge Orezu im Prahovathal am hellen Tage mitten auf der Chaussee, die bei einer vereinzelten Kritschma (Wirthshaus) haltende und eben die Pferde wechselnde Diligence aus Bukarest von einer im Gesichte geschwärzten Räuberbande angefallen und ausgeplündert wurde. Der wackere Conducteur des Wagens hatte damals die Geistesgegenwart, den Schlüssel zum eisernen Postkasten, in dem die Werthsachen waren, unbemerkt wegzuwerfen und zu erklären, er habe ihn nie bei sich. Die Kerle versuchten zu öffnen; es gelang ihnen zwar nicht, aber sie wurden doch erst durch eine Karawane von Fuhrleuten, die eben um die Felsenwand des Orezu oben kam, in ihrem Raubhandwerk gestört.

In Rumänien benutzt man zum Schmuggeln besonders gern den walachischen Gaul, d. h. so ein Mittelding zwischen Roß und Maulthier. Uebrigens sind diese Mitteldinger gar nicht zu unterschätzen, denn in dieser Halbrace von Pferden steckt mehr Klugheit und Rührigkeit, als man glaubt. Im Gebirg sind sie wunderbar huffest, in der Ebene angetrieben wie der wilde Sturm, und aus den Augen guckt bei aller Erbärmlichkeit des Leibes ein Etwas, das zwar Träumerei scheint, aber der Gaul kennt die Verschmitztheit seines Reiters und sympathisirt mit ihm.

Unter den Schmugglern Rumäniens findet man viele, welche, aus Mischehen entsprungen, ebenso gut Ungarisch wie Rumänisch sprechen. Zwar sind Mischehen zwischen Ungarn resp. Szeklern und Walachen im Ganzen selten; dennoch findet man sie, namentlich in den sogenannten sieben Dörfern am Fuße des Piatra-Marea (Großfels) im Burzenlande, wo große Dörfer mit einer aus Sachsen, Ungarn und Walachen bestehenden, etwa zwanzigtausend Seelen zählenden Bevölkerung sich aneinanderreihen.

Das Costüm ist dann ein ziemlich zusammengesetztes; da ist z. B. der Hut szeklerisch, der Gedanke, ihn zu schmücken, auch, der tolmanartige Umwurf nicht minder; etwaiges Lederzeug um die Schulter zeigt, daß der Bursche einmal im österreichischen Militär gedient hat; das Leinwandhemd aber hat dann oft walachischen Schnitt, und ein dreifach gestickter Gurt um die Magengegend erinnert gleichfalls an die walachische Nationaltracht. Die Fußbekleidung ist aber wieder häufig – wie z. B. auf unserer Illustration – nicht walachisch, denn der Walache trägt den sandalenähnlichen Bindschuh, Bindsch genannt; unser Reiter mit dem Kopfspalter in der Faust aber hat feste Stiefeln an. Ebenso häufig findet man wieder Vollblut-Walachen mit schäbigem Filzhut, schläfrig nachdenklicher Miene, der Adlernase, und dem ganzen Habitus des durch Druck und Zwang zum Gauner gewordenen Rumänen. Der Zwang (zila), unsere ehemalige Frohnde, ist eine furchtbare Geißel des armen Volks. Ein ergreifendes Bild dieses Treibens lieferte der rumänische Dichter Cäsar Bolliac[WS 1], in deutscher Bearbeitung mitgetheilt in Rud. Neumeister’s Buche „Daheim in Deutschland und Rumänien“. Der Inhalt der Dichtung giebt uns eine wenigstens für das nothwendigste Verständniß genügende Einsicht in die Sache. In einer rauhen Winternacht werden wir in eine Erdhütte geführt. Der alte Vater liegt krank auf dem Stroh eines Bettes, die alte Mutter und die junge Tochter spinnen. Aus ihrem Gespräch erfahren wir, daß die Eltern einst Besitzer eines stattlichen Bauerngutes gewesen, daß sie aber durch den Zwang, durch bestochene Richter, um dasselbe gebracht worden seien. Der Sohn des Hauses ist schon drei Tage lang auswärts, in Folge des Zwangs auf Nachtwache. Die Tochter hat aus dem Ertrage von ihrer Hände Arbeit dem kranken, hungernden und frierenden Vater eine Mahlzeit bereitet, eine Flasche Wein erschwungen und für Feuerung gesorgt, und eben soll die Mahlzeit beginnen, da pochen zwei Dorobanzen an die Thür und herein dringt mit ihnen – der Zwang. Sie nehmen Bett, Speise und Wein für sich in Anspruch und drohen gegen jeden Widerspruch mit Mißhandlungen. Um des Vaters Hunger zu stillen und dazu ein Ei und etwas Mehl zu erbitten, eilt das Mädchen zu einer Nachbarin. Unterwegs packt sie der Knecht vom Herrschaftshofe; die Bojarentochter hält Hochzeit, da sind Hände zur Arbeit nöthig. Mit Schlägen und Stößen wird das Mädchen zum Wollekrämpeln angetrieben. Nach drei Tagen kommt sie endlich heim – der Vater ist verhungert und erfroren, die Mutter liegt im Sterben, den Bruder hatten sie zum Soldaten eingestellt – und allein steht die Waise in der Erdhütte und unter solchen Gesetzen!

In der Regel ist der durch Zwang herabgekommene Walache ein grausamer, weil feiger Haiducke, so eine Art Turco, während der Ungar als ein rechter Josika Ferenz immer muthig in die Gefahr hineinreitet. Unser Künstler hat eine Gruppe von Schmugglern dargestellt, welche durch den walachischen Grenzcordon wohlbehalten hindurch gekommen sind. Dort hatten sie nur die Maut (wama) zu umreiten, ihrer Blutegel wegen, die sich in dem Kruge befinden, den der zweite Gaul trägt, über dessen Gepäck eine grobwollene Decke gebreitet ist. Blutegel sind nämlich ein sehr wichtiger hochbesteuerter Ausfuhrartikel aus Rumänien. Rohproducte en masse, wie sie zum Handel Rumäniens gehören, Getreide, Wolle, Vieh, Schweinborsten etc. etc., führen die Schmuggler natürlich nicht aus. Nun reiten sie abwärts und nun kommt für sie die schwierigere, die eigentliche Schmuggleraufgabe. Das Bild ist vortrefflich concipirt. Es gilt jetzt die österreichischen Mauthen zu umgehen. Ich sage Mauthen, denn fast in allen Pässen giebt’s dort eine österreichische Ober- und Untermauth, zwischen denen bis zur Grenze die bewaffneten Finanzwächter, Gensd’armen in weißer österreichischer Uniform, streifen. Dann ist die Aufgabe der Schmuggler jetzt, vor Allem die Chaussee unbehelligt zu passiren, um in den Schluchten der klippenreichen waldigen Gebirgskette zu verschwinden, an deren Fuße prachtvoll die sogenannten sieben Dörfer im Burzenland liegen, von denen schon oben die Rede war. Ist das gelungen, so haben die Schmuggler ihr gewagtes Spiel zu neunzig Procent gewonnen. Zwar haben sie dann noch eine schwierige Passage bergauf, aber drüben ist auch die verborgene Waldstelle nimmer fern, wo sie die mitgebrachten werthvollen Effecten für’s Erste unterbringen. Dann reiten unsere Schmuggler ruhig in ihre nahe Heimath und grüßen die Nachbarn mit ungarisch „Jonabod!“ oder walachisch „Bune soare!“ (Guten Abend!) und Niemand, obwohl Jedermann, weiß, wo sie herkommen. Wo sie ihre mitgebrachten Sachen versteckt haben, das bleibt natürlich Geheimniß. Der Gebirgsstrom schwillt an, die Donner brechen los und der Regen strömt. Das ist „gute Witterung“ für den Josika Ferenz. „Mihai, heut’ Nacht!“ so winkt er seinem Cumpan zu, und so etwa um elf Uhr machen sie sich Beide auf. Heut’ sind sie sicher. Und so ein paar Stunden nach Mitternacht, da kommen sie wieder nach Haus und breiten ihr „Tischlein deck’ dich“ aus. Da in dem Schlupfwinkel wird dann der Thee untergebracht und dort der Kaffee und da die Dulcacea (Dulceacea, walachische Süßigkeiten) und da der Ragat (türkische Süßigkeit), dort die Alba (desgleichen), da die Levante-Früchte, dort die türkischen Manufacturen aller Art, und am sichersten verborgen wird der türkische Tabak, der gute Tutun, weil der den Rauchern auch in Siebenbürgen am besten schmeckt und in ganz Oesterreich der Tabak bekanntlich Monopol ist. Was Wunder, daß der Josika seine Abnehmer findet, die ihm gut zahlen.

Auf dem Berge Pretial auf rumänischem Boden steht ein walachisches Wirthshaus. Dort habe ich oft solche Gestalten gesehen, wie sie das Bild zeigt, nicht nur wie sie aßen und tranken und den lustigen Hora mit der Walachin tanzten, sondern auch Deutsch buchstabirten. Ueber jenem in der wildesten Wildniß Europas gelegenen Wirthshaus steht nämlich die Devise: „Zum Sohn der Wildniß.“ Die Rumänen meinen uns damit. Nun wir sind ja Barbaren – eine Mißachtung, die wir uns von dieser Seite ohne Entrüstung gefallen lassen können.

Schließlich noch die Bemerkung, daß es eine besondere Kaste von Schmugglern an der österreichisch-walachischen Grenze nicht giebt. Die Schmuggler gehören zumeist den Rumänen und Szeklern innerhalb Oesterreichs an der siebenbürgischen und ungarischen Grenze (Banat) an. Dort leben an zwei Millionen Rumänen unter Oesterreichs Krone. Uebrigens hilft Alles Schmuggeln, der Bojar und die Bojarin so gut wie die Fuhrleute und die Kaufleute, der Sachse so gut wie der Ungar und Rumäne. Die Finanzwächter sind dort sehr verhaßt und namentlich ist nichts unliebsamer als das österreichische Tabaksmonopol. Viele Hausuntersuchungen und Nachforschungen nach Contrebande kommen namentlich vor in den „sieben Dörfern“ des Burzenlandes, denn dort wird auch der meiste Schmuggel getrieben, gerade weil hier die Pässe sehr nahe und günstig für solche Züge beieinander liegen.
R. R.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Cezar Bolliac, Vorlage: Cäsar Kolliac