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„Mein Haus meine Burg“

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Textdaten
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Titel: „Mein Haus meine Burg“
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aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 198–199
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[198]

„Mein Haus meine Burg“.

Ein Streifzug auf das Gebiet der Gesundheitslehre.

„Mein Haus meine Burg!“ Das ist ein stolzes Siegeswort, welches von den frohlockenden Lippen befreiter Bürger erklang, als die Uebermacht der bevorzugten Stände gebrochen war und alle Glieder des Staates von dem Vornehmsten bis zum Geringsten gleiches Recht beschützte. Ein stolzes und gottlob ein wahres Wort ist es, denn der einfachste Tagelöhner wohnt heute in seiner Hütte sicherer, als irgend ein Ritter früherer Zeiten hinter den Gräben und Wällen seiner Felsenburg.

Leider hinkt dieser schöne Vergleich, wie alle Vergleiche der Welt, und ist nur in sehr beschränktem Maße wahr, denn sobald wir das Gebiet der Politik verlassen und ihn auf andere Erscheinungen des menschlichen Lebens anwenden wollen, so weicht alle Freude aus unseren Gemüthern, um einer tiefbetrübenden Enttäuschung Platz zu räumen. Fragen wir nur: Sind unsere Häuser so beschaffen, daß wir in ihnen, wie in festen Burgen, ruhig dem Anstürmen des vernichtenden Heeres verschiedenartigster Krankheiten trotzen können? Selbst der Laie wird diese Frage verneinen müssen, denn er weiß, daß unsere modernen Wohnstätten in dieser Beziehung nur allzu reich an Mängeln aller Art sind, und der Sachverständige kann uns bestimmt versichern, daß wir in tausend Fällen gegen Krankheiten besser auf offenem Felde geschützt wären, als wir es tatsächlich in unseren Häusern sind. Ja, wir müßten viele Spalten und Nummern dieses Blattes füllen, wenn wir auf alle diese Uebelstände genauer eingehen wollten; wir müßten eine weite, schier ermüdende Wanderung durch das Gebiet der Hygiene mit unseren Lesern antreten, um nur anzudeuten, was hier an den Fenstern und Thüren, den Wänden und Balken zu ändern und zu verbessern wäre. Darum greifen wir für heute aus der Fülle dieses Materials nur einen Fall heraus. Prüfen wir das Verhältniß des Wohnhauses zu dem Boden, auf welchen es erbaut ist; verweilen wir nur bei den Grundvesten unserer Wohnstätten, um zu erfahren, ob sie so gelegt sind, wie es die Regeln der Gesundheitslehre erfordern.

Bevor wir dies tun können, müssen wir jedoch zunächst eine irrige Anschauung berichtigen, welche lange Zeit hindurch selbst bei den Fachgelehrten für wahr galt und auf welche noch heute die große Masse des Volkes treuherzig zu schwören pflegt.

Von altersher weiß man, daß es gesunde und ungesunde Gegenden giebt, und von altersher hat man geglaubt, den Grund für diese Erscheinung in der Beschaffenheit der Luft an solchen Orten suchen zu müssen. Die „ungesunde Luft“ und das „ungesunde Klima“ sind bei uns ganz geläufige Redensarten, welche wir jedoch früher oder später, wie so viele andere Redensarten, über Bord werfen werden. Seitdem wir nämlich wissen, daß der große Luftocean, welcher die Erde umhüllt, in steter Bewegung begriffen ist, daß selbst die Luft, die wir als total windstill bezeichnen, sich mit einer Geschwindigkeit von ½ Meter in der Secunde vorwärts bewegt und daß also von einem Stillstand in der Luft nirgends (selbst nicht in den engsten Gassen) die Rede sein kann, müssen wir auch zu der Ueberzeugung gelangen, daß jene räthselhaften Ursachen, die unsere Erkrankungen bewirken, in der Luft ihren ursprünglichen Sitz nicht haben können.

Der Leser, welcher von dem Verhältniß des Grundwassers zu den Epidemien etwas gehört hat, wird nun lächelnd einwenden:

„Schon gut! Wir wissen es; das Wasser ist der Träger und der Herd aller Krankheiten.“

Aber er irrt auch.

Das Wasser fällt unschuldig rein vom Wolkenhimmel auf die Erde nieder, und selbst wenn es hier verunreinigt wird, so weiß es sich schnell zu läutern. Es steht ja fest, daß sogar Brunnen, die auf Begräbnißplätzen errichtet sind, sehr oft ein vorzügliches Trinkwasser geben. Liefert doch ferner die Elbe bei Hamburg und Altona durchaus reines Trinkwasser, wiewohl der Fluß in seinem meilenweiten Laufe den Schmutz großer und kleiner Städte in sich aufnehmen muß. Und unweit der Brücke von Asnières ergießt sich der Sammelcanal der Pariser Cloaken in breitem schwarzem Strome in die Seine, welche hierdurch so verunreinigt wird, daß an dieser Stelle in dem Flusse weder Fische noch Pflanzen leben können, aber schon in einer Entfernung von wenigen Meilen treibt die Seine vollständig reines Wasser.

Wenn aber weder die Luft, die wir athmen, noch das Wasser, das wir trinken, als der eigentliche Herd der Krankheitsstoffe erkannt werden dürfen, was ist es dann, das die gesunde oder ungesunde Beschaffenheit so vieler Orte bedingt? Die Antwort ist einfach. Es ist der Grund und Boden, der alle Verunreinigungen in sich aufnimmt, der weder wie die Lust fortstürmen, noch wie das Wasser fortfließen kann, sondern an Ort und Stelle verbleibt. Seine Ausdünstungen verpesten die Luft, die über ihm hinwegstreicht, die in ihm vorhandenen gesundheitsschädlichen Stoffe vergiften das Wasser, welches durch seine Poren rinnt.

[199] Und auf diesem Grund und Boden bauen wir unsere Häuser. Fürwahr, da liegt es wohl im Interesse aller, daß seine Beziehungen zu den Krankheiten, namentlich aber zu den Epidemien gründlich erforscht werden, damit wir Mittel finden, uns vor seinen verderblichen Einflüssen zu schützen.

Doch der Wissensbegierde der Menschen sind in dieser Beziehung noch vielfache Schranken gesetzt. Die Ursachen der epidemischen Krankheiten sind noch in Dunkel gehüllt, nur aus ihren Wirkungen kennen wir die dämonischen geheimnißvollen Mächte, welche, von Zeit zu Zeit über die Menschheit hereinbrechend, Tausende und Millionen in der Blüthe ihrer Kraft dahinraffen. Aber zum Theil beginnt sich dieses Dunkel zu lichten, und wir wissen heute, daß einige Krankheiten durch mikroskopische Organismen, winzige Pilze, die in unsern Körper eindringen, hervorgerufen werden. So ist es festgestellt, daß der Milzbrand, die Malaria (das Wechselfieber) und vielleicht auch die Tuberculose Folgen einer solchen Vergiftung sind.

Mit Recht beantwortet daher Professor Max von Pettenkofer[1] die Frage: „Was mag das sein im Boden, was eine so mächtige Wirkung auf unsere Gesundheit im guten und bösen Sinne ausüben kann?“ mit folgenden Worten:

Aller Wahrscheinlichkeit nach sind es kleinste Organismen oder Erzeugnisse derselben, Organismen, wovon viele Millionen von Individuen zusammengenommen erst den Umfang des kleinsten Stecknadelkopfes oder ein Milligramm Gewicht haben, welche den porösen Boden von seiner Oberfläche bis in große Tiefen hinab bewohnen, welche uns schädlich und unschädlich und selbst nützlich sein können, gleich wie wir größere schädliche und unschädliche und nützliche Thiere und Pflanzen schon längst kennen.“

Bisher waren sie uns unsichtbar, und erst in jüngster Zeit hat sie die Wissenschaft durch das Mikroskop und verbesserte Untersuchungsmethoden unserem Auge wahrnehmbar gemacht.

Von diesem Standpunkte aus betrachtet, erscheint uns der „todte“ Boden, auf dem wir wandeln, in neuem Lichte. Eine gewaltige Summe verschiedenartigster Lebenskräfte arbeitet in seinen Tiefen, die unzähligen Milliarden kleinster Geschöpfe, und er selbst enthüllt sich vor unseren erstaunten Blicken als ein riesengroßes, lebendes Wesen. Doch sinnreiche Vergleiche genügen nicht dem Forscher, er steigt, bewaffnet mit dem Rüstzeuge der Wissenschaft, in die Tiefen des Bodens hinab, er prüft die Zusammensetzung der in ihm enthaltenen Luft, und er findet die Bestätigung seiner Vermuthung. Die „Bodenluft“ ist reicher an Kohlensäure als die atmosphärische Luft, und dies kann nur daher kommen, daß die im Boden lebenden Wesen den Sauerstoff der Luft verzehrt und Kohlensäure ausgeschieden haben. Der Forscher prüft die Luft, welche das Erdreich ausdünstet, er findet sie geschwängert mit Kohlensäure, durchaus ähnlich der von den Menschen ausgeathmeten Luft, und nun kann er sicher behaupten: das ganze weite Land, die Aecker und die Wiesen, die Thäler und die Berge, athmen wie ein großes riesengewaltiges Wesen. Was die Dichter sangen, wird zur Wahrheit: in großen Zügen athmet die Erde. Am Tage saugt sie Luft ein, und wenn die kühle Nacht hereinbricht, haucht sie ihre wärmere Luft gegen den kalten Himmel aus. Das ist der langsame Rhythmus ihrer Athmung.

Wie gesundheitsschädlich für uns die ausgeathmete Luft ist, das ist zur Genüge bekannt, und wenn die ausgehauchte Luft des Bodens, die man allgemein „Grundluft“ nennt, der von uns ausgeathmeten Luft ähnlich ist, so liegt schon darin für uns eine zwingende Veranlassung, uns von dieser Grundluft freizuhalten.

Aber hierzu kommt noch ein anderer erschwerender Umstand. Es ist festgestellt worden, daß mit der Grundluft kleine Staubtheilchen in die Höhe steigen und daß unter diesen auch die Keime der in dem Grund und Boden lebenden Pilze vorhanden sind. Und wenn es wahr ist, daß solche Keime Epidemien und Krankheiten verursachen, ist dann nicht ein doppelter Grund vorhanden, die Berührung mit der Grundluft zu vermeiden? In der freien Natur ist dieser ausgehauchte Dunst ohne Belang für das thierische Leben, denn dort wehen Winde und toben Stürme, die das Gift in der Weise verdünnen, daß es unschädlich wird.

Anders verhält es sich aber mit der Luft in unseren geschlossenen Räumen. Kann in dieselben die Grundluft eindringen?

Sie kann es unbedingt, und zwar ohne besondere Schwierigkeiten. Es sind ja Fälle bekannt, daß große Mengen von Leuchtgas aus unterirdischen defect gewordenen Straßenleitungen in benachbarte Häuser eindrangen und zu Erkrankungen, ja selbst zu Todesfällen führten. Sorgfältig angestellte Versuche ergaben auch, daß ein Wechsel zwischen der Haus- und Grundluft fortwährend stattfindet und daß den größten Theil des Jahres hindurch der Zug vom Boden in’s Haus hereingeht. Außerdem wurde nachgewiesen, daß die in’s Haus ziehende Grundluft selbst bei langsamem Tempo, in dem sie sich bewegt, entwickelungsfähige Pilzkeime mit sich bringt. „In der kälteren Jahreszeit,“ bemerkt hierzu Pettenkofer, „so lange geheizt wird, und auch im Sommer während jeder Nacht, wo die Luft in unseren Häusern wärmer ist, als die sie umgebende äußere Luft, wirken die Häuser wie Zugkamine und saugen Luft aus dem Boden, wie aufgesetzte Schröpfköpfe.“

Durch die Ermittelung dieser Thatsachen hat die Wissenschaft in unseren Bauverhältnissen einen Culturdefect entdeckt, den zu beseitigen eine lohnenswerthe Aufgabe der Herren Architekten sein müßte. Namentlich auf siechhaftem Boden dürften unsere Häuser nicht so „barfuß“ dastehen. In dieser Hinsicht muß man ohne Weiteres der Aussage der Oberstabsarztes Dr. Port beipflichten:

„Wir haben vom hygienischen Standpunkte durchaus keine Ursache, auf die Landpfahlbauten mancher fremder Völkerschaften und auf die Lehmhütten, die sich noch bei unsern Bauern hier und da vorfinden, mit Geringschätzung herabzublicken; beide haben, wenn auch auf ganz verschiedenem Wege, ein hygienisches Princip berücksichtigt, das unsern Bautechnikern entgangen ist, sie haben ihre Wohnräume vom Boden unabhängig gemacht, dort durch Unterlegung eines die Luftcirculation ermöglichenden Pfahlrostes, hier durch Absperrung der Hütten mittelst eines Lehm-Estrichs.“

Es würde uns zu weit führen, hier an einzelnen Beispielen zu beweisen, wie bei Epidemien solche verachtete Lehmhütten ihren Bewohnern tausendmal besseren Schutz boten, als die luftigen, mit allem Comfort ausgestatteten modernen Wohnhäuser eines und desselben Ortes. Wir müssen uns in Anbetracht dieser Thatsachen rückhaltslos der Meinung des zuletzt genannten Fachmannes anschließen, daß als die erste hygienische Rücksicht, als die oberste verhütende Maßregel gegen gewisse ansteckende Krankheiten eine geeignete Behandlung des Bodens zu betrachten sei, wodurch wir Häuser, Baracken, Zelte etc. zu seuchenfreien Wohnsitzen machen können. Aus solchen Wohnsitzen brauchen wir bei dem Auftreten der Epidemien nicht zu fliehen; wir können darin einer Seuchenbelagerung Trotz bieten. Von solchen Wohnsitzen können wir in Wahrheit sagen: Mein Haus meine Burg!

Vor Kurzem sind Pläne und Entwürfe derartiger durch Cementunterlage etc. geschützter „Gesundheitshäuser“ aufgetaucht, die anscheinend den von der Wissenschaft gestellten Bedingungen genügend Rechnung tragen. Da jedoch die Erfinder derselben auf der bevorstehenden Hygiene-Ausstellung in Berlin um die Siegespalme zu concurriren gedenken, so verzichten wir vorläufig aus die Veröffentlichung dieser Pläne, um alsdann darüber Bericht zu erstatten, was die berufenen Fachmänner für erstrebenswerth und brauchbar erklärt haben.

Bis dahin mögen sich unsere Leser mit der Thatsache trösten, daß glücklicher Weise nicht überall ein siechhafter Boden vorhanden ist, und daß wir, wie unsere Vorfahren, auch die Absicht haben, in unseren „barfüßigen“ Häusern alt an Jahren zu werden.

J.

  1. Vergleiche: „Der Boden und sein Zusammenhang mit der Gesundheit des Menschen“ von Max von Pettenkofer (Berlin, Gebr. Paetel, 1882), eine Schrift, die wir hiermit der allgemeinen Beachtung empfehlen.