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„Halt!“

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Textdaten
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Autor:
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Titel: „Halt!“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 69, 72
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[69]

Zeitgemäßes Hinderniß.
Nach seinem Gemälde auf Holz übertragen von L. Bechstein.

[72] „Halt!“ (Mit Abbildung S. 69.) Wann wird dieser Commandoruf der vorwärtsstrebenden Zeit auch da erschallen, wo es am nöthigsten ist? Wie viele Jahre kämpfen schon die erleuchteten Männer, denen das wahre Wohl des Volkes am Herzen liegt, gegen Erbschaften der Vergangenheit, die in unseren Tagen kein Existenzrecht mehr haben! Es ist durch das öffentliche Wort in der Presse wie in Versammlungen mit Zahlen dargethan, wie viel dem Volkswohlstand durch die übermäßig vielen Feiertage geschadet wird, wie die Landwirthschaft darunter leidet, wie der kleine Handwerker dadurch zurückkommt. Man hat Vergleiche angestellt zwischen Landstrichen mit diesem Hemmschuh der Boden- und Lebenscultur, und solchen ohne denselben; der Erfolg hat mit deutlichen Zahlen gesprochen. Man hat sogar auf der einen Seite vorherrschend Reinlichkeit, Ordnung und Wohlstand und auf der andern das Gegentheil gefunden, namentlich wo, wie in manchen stark confessionell gemischten Bevölkerungen, das Nebeneinander solcher verschiedener Orte den Vergleich erleichterte. Mit nicht geringerem Eifer sind die Gefahren und offenbaren Nachtheile der Wallfahrten, besonders der weiten und massenhaften, für Wohlstand und Sittlichkeit erörtert worden. Aber wohin sind alle diese Belehrungen und Ermahnungen geflogen? Das Uebel ist nicht geringer, ja hier und da sogar ärger geworden, je nachdem der Bildungsgrad, der Wille und der Einfluß der Geistlichkeit sich zu der Bewegung stellt, die man heutzutage „Culturkampf“ nennt.

Der Verfasser sah noch im vorigen Jahre eine solche Wallfahrt, an deren Spitze sechs Mädchen von zehn bis zwölf Jahren auf einem Stangengerüstchen eine buntgeputzte Marien-Statuette trugen. Sechs Stunden weit mußten die armen Kinder in Hitze und Staub ihre Last tragen, und warum? Die kleine Madonna macht alljährlich auf diese Weise die Reise zu der großen wunderthätigen Madonna eines Klosters, um von dieser die Kraft zu erlangen, nach ihrer Heimkehr ebenfalls die Wunder verrichten zu können, die der Gläubige von ihr mit Recht glaubt fordern zu können. Am andern Tage kehrten die Kinder vom langen Wege sichtlich sehr angegriffen, zurück mit ihrer Madonnen-Puppe, die ihre frische Wunderkraft doch vor Allem den sechs Mädchen hätte zu Gute kommen lassen sollen, aber davon war nichts zu spüren. Tiefe Trauer und Erbitterung regt sich im Herzen bei einem solchen Anblicke in unserer so furchtbar ernsten Zeit. Gegenwart und Mittelalter noch immer neben einander – ja, nicht selten Arm in Arm! Und doch muß dem Vorwärts der Zeit der Sieg werden – und nachdrücklicher, als es dem „Halt!“ auf unserem Bilde gelingt. Denn hat das Dampfroß „Chronos“ auch dieses Commando dem Stücke Mittelalter der Gegenwart, das vor der Schranke harrt, mit augenblicklichem Erfolge zugerufen – die Männer der Kutte wissen, daß „die Zeit“ vorübergeht und die Schranke wieder fällt – und der „Bittgang“ erreicht doch sein Ziel. Uns bleibt keine Genugthuung, als die, die fromme Gesellschaft zu mustern und die Ueberzeugung zu gewinnen, daß von allen unseren Lesern sich kein Einziger ihr anschließen wird.