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Über die Grausamkeit beim Fang der Thiere

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Textdaten
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Autor: Karl Müller
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Titel: Über die Grausamkeit beim Fang der Thiere
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 24, S. 394–396
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[394]
Ueber die Grausamkeiten beim Fang der Thiere.
Auch eine Thierschutzfrage.

Es liegt ein eigenthümlicher Reiz in der Ueberlistung und Verfolgung der Thiere, und je höher der Werth der letzteren ist, mit desto leidenschaftlicherem Eifer wird die Nachstellung betrieben, mit desto größerem Fleiß geben sich Verstand und Phantasie Entwürfen der Erfindung hin, um nach Möglichkeit einen Erfolg zu sichern. Wie manchem Verbannten in Sibirien hat der Zobelfang Lichtstrahlen in sein dumpfes Dasein geworfen! Aber gerade die entzündete Leidenschaft trübt das Auge für die Gesetze der Menschlichkeit und läßt die Mahnungen, welche aus dem qualvollen Gebahren mißhandelter Thiere sprechen, höchstes nur flüchtig an eine Saite des Gemüthes anschlagen.

Wie komme ich in den Besitz des schönen Pelzes, welchen dieses oder jenes Raubthier trägt? Wie schütze ich mit raschem Erfolg meinen Hasen- und Rehstand vor den Frevelthaten vierfüßiger oder beflügelter Räuber? Welche ist die beste Art, der schädlichen Nager los zu werden, die mir Haus und Hof unterwühlen und die aufbewahrten Vorräthe gefährden?

Alle diese Fragen sind wohlberechtigt, und es wäre widersinnig, wollte man dem Menschen nicht das Recht zugestehen, sowohl Maßregeln gegen die Thiere zum Schutze seines Eigenthums zu ergreifen, wie auch sich der Hingabe an den geheimnißvollen Reiz der Verfolgung gewisser Thiere zu erfreuen. Aber [395] die Ansprüche der mit Empfindung ausgestatteten Geschöpfe fordern Rücksichtnahme in der Wahl der Mittel, welche zum Besitz derselben führen sollen, und einer diesen Ansprüchen gegenüber theilnahmlosen Industrie sollte durch Abnahme grausamer Fangmittel nicht Unterstützung geboten werden. Nur in einem Falle könnte auch die Wahl qualvoller Werkzeuge zum Vertilgen von in großem Maßstabe schädlichen Thieren gerechtfertigt erscheinen, wenn nämlich keine andere Art der Nachstellung genügen würde. Aber gewöhnlich führen die rasch tödtenden Fallen auch am sichersten zum Ziele. Betrachten wir uns die verschiedenen Fuchs-, Marder- und Iltisfallen! Für den Fuchsfang ist es der „Schwanenhals“, mit welchem man Erfolge erzielt, und wenn derselbe mit kräftig wirkender Feder versehen ist und die Bügel weit genug sind, um den Vorderkörper der Beute richtig zu packen, so tödtet er in den meisten Fällen ziemlich schnell. Aber auf ewig verbannt sollten längst die grausamen Haken sein, an welchen der Köder den lüsternen Fuchs zum Sprung verlockt, in Folge dessen er sich selbst am Unterkiefer anspießt und jammervoll langsam zu Tode zappelt. Für den Edel- oder Baummarderfang ergiebt sich die allerwärts bekannte und eingeführte Prügelfalle nicht nur als die erfolgreichste, sondern auch als die am schnellsten tödtende Fanganstalt. Was die Hausmarder und Iltisse betrifft, so ist ihr Fang in Tellerfallen auf dem „Sprung“ darum grausam, weil sich die Thiere an den Pfoten fangen und in solche Verzweiflung gerathen, daß die Rasenden – wie wir dies bei Iltissen gesehen haben – sich über den Bügeln der Falle den gepreßten „Lauf“ (Fuß) durchbeißen, sich also selbst zerfleischen, um der Gefangenschaft zu entgehen. Auch die Hohlfalle bereitet den Gefangenen Qual, weil diese lange im Zustande der verzweiflungsvollen Wuth verharren, wiewohl eine solche Falle immerhin der Tellerfalle vorzuziehen ist. Unstreitig die beste Fangmethode in Bezug auf Erfolg und schnelle Tödtung ist hier diejenige, welche der „Studentenfalle“ in großem Maßstabe gleichkommt. Die erdrückende Belastung besteht dabei aus einer schweren alten Thür, welche, wo nöthig, noch durch platte Steine in ihrem Gewichte vermehrt werden kann. Wenn ein Ei am weißen Faden als Köder benutzt und die Thür nicht höher gelüftet wird, als es zum Zweck des Zutritts der Marder an den Köder nöthig ist, so riskirt man auch nicht, daß Katzen oder kleine Hunde in die Falle gehen.

Liegen in diesen Andeutungen wohlgemeinte Winke für Jagdliebhaber und Raubthierfänger, denen Handlungen auf den Preiscouranten neben empfehlenswerthen Fangapparaten stets auch die grausamsten Werkzeuge anpreisen, so beschäftigen sich die nachfolgenden Betrachtungen mit den fast in jeder Haushaltung gebräuchlichen Fanganstalten zur Vertilgung schädlicher Nager.

Wenn wir die Fallen der umherziehenden Mausfallenkrämer durchmustern, so finden wir darunter selten eine, welche darauf berechnet wäre, dem verhaßten Nagethier wenigstens einen möglichst schmerzlosen Tod zu bereiten oder Quälerei zu verhüten. Die Berufung auf die unzähligen Unbilden aber, die von diesen Thieren zur Plage und Belästigung der Menschen verursacht werden, kann die Gleichgültigkeit gegen die Todesart der Gefangenen ebensowenig rechtfertigen, wie der Abscheu und Ekel, den diese Thiere etwa erregen.

Auf den ersten Blick scheinen jene Fallen vielleicht harmloser, als sie es in Wirklichkeit sind. Es wird beim Fange kein Glied verletzt. Hinter der Maus oder Ratte schlägt die Fallthür zu, und die Verhaßte sitzt gefangen in einem Drahtkäfig bis zum Morgen, wo ihr dann schnell genug vom Leben zum Tode verholfen wird. Aber man besehe sich doch einmal eines Morgens das abgehetzte Thier näher! Wir finden es in einem traurigen Zustande: vom Toben ermattet und schweißgebadet, oft an Schnauze und Füßen vom Einschnitt der Drähte oder vom Riß spitzer Enden derselben blutend.

Anders liegt die Sache, wenn man sich jener eisernen Fallen bedient, deren Bügel mit scharfen Zacken versehen sind und deren Federn ein wirksames kräftiges Zuschnellen veranlassen. Sie packen die Ratte, welche man in schwierigen Fällen erst mit Speckbröckchen kirre machen kann, am Kopf oder Hals und zermalmen edle Theile. Noch mehr zu empfehlen sind die sogenannten Studentenfallen, sowie die im Princip ähnlichen Klotzfallen, bestehend aus einem hölzernen Kästchen, auf dessen Boden der Köder hingestreut ist, und einem Galgen, der einen entsprechend schweren Würfelklotz zum Niederfallen trägt. Für Mäuse ist indessen die beste Falle ein etwa drei Finger dicker, länglich viereckiger Holzklotz mit rund eingebohrten Schlupflöchern auf der Frontfläche, über dessen Oberfläche sich ein hinten mit gewundener Feder befestigter, vorn in einer runden Schlinge endigender Draht erhebt. Dieser Draht wird niedergedrückt, wobei die Schlinge in einen von der Oberfläche bis auf den Grund des Schlupflochs führenden Einschnitt sich senkt, und wird dann mit einem Faden, der hinter dem Einschnitt abwärts und aufwärts so durch den ganzen Klotz geführt wird, daß er doppelsträngig das Schlupfloch passirt, festgebunden. Hinter den Fäden im Inneren des Schlupflochs ist Mehl oder gestoßener Hafer etc. angebracht. Die Maus beißt, um zu dem Köder zu gelangen, die Fäden durch und wird sofort strangulirt.

Es ist gewiß nicht nöthig, auf alle grausamen Fangapparate aufmerksam zu machen, welche die menschliche Erfindungskraft ersonnen hat. Unser Zweck wird schon erreicht, wenn wir es vermögen, unsere Leser zu einer von humaner Rücksicht geleiteten Ueberlegung beim Ankauf oder Anfertigen von Thierfallen zu bewegen.

Es ist viel, sehr viel über die Vogelliebhaberei geschrieben und raisonnirt worden, und wir wollen hier die Feinde dieser Liebhaberei nicht widerlegen. Nur das sei als das Resultat unserer Erfahrungen und Beobachtungen in kurzen Zügen hingestellt: das verständige, auf wissenschaftlichem und erfahrungsmäßigem Studium beruhende Halten der Vögel in der Gefangenschaft bereitet ihnen keine Einbuße ihres Wohlbehagens oder gar ihrer Lebensdauer; letztere wird vielmehr unter günstigen Verhältnissen bedeutend verlängert, und die Thiere treten unter liebevoller Pflege und Behandlung in ein wahrhaft intimes Verhältniß zu ihrem Besitzer. Dagegen werden so unzählige Mißgriffe in der Eingewöhnung, Wartung und Unterbringung der Gefangenen begangen, daß sie in den Händen Unverständiger der Quälerei vielfach ausgesetzt erscheinen.

Und da wir wohl wissen, daß trotz aller Aufsicht und Strafandrohung der Vogelfang doch nicht ganz aufhören wird, so wollen wir den Vogelfängern, die unter den Tausenden und aber Tausenden von Rothkehlchen alljährlich sich das eine oder andere zur Reinigung der Stube vom Ungeziefer und zur Belebung der Winterstille fangen, die Warnung zugehen lassen, das allbeliebte Fangwerkzeug „Sprenkel“ nicht zu hart und eng zu spannen, und das Ende des Schlingfadens mit weichem Zunder zu versehen, damit die dünnen Beinchen der zarten Vögel nicht zerbrochen werden.

Den Fischern aber sei in Bezug auf den Fischfang auch ein freundschaftlicher Wink gegeben. Wenngleich es richtig ist, daß die Empfindung der höheren Thiere weit feiner ist, als diejenige der niederen, so haben doch die Fische als Rückgratthiere sicherlich noch immer Empfindung in genügendem Maße, um vor Mißhandlung beschützt werden zu müssen. Nie lasse man den zu Lande gebrachten Fisch auf dem Trocknen langsam sterben, sondern ein Schnitt in das Genick oder ein Schlag auf den Hinterkopf beschleunige seinen Tod. Grausam ist der Fang mit der Nachtangel. Die Angel mit dem Widerhaken bohrt sich in's Fleisch und verursacht im Innern sicherlich große Schmerzen. So zagt und zappelt das arme Thier die Nacht hindurch, reißt oder beißt vielleicht, wie wir es beim starken Aal beobachtet haben, die Schnur durch und schleppt den schmerzenden und die Aufnahme von Nahrung hindernden Haken mit sich herum, nach und nach dem Tode verfallend. Auch auf dem Gebiete des Fischfangs sollte man über Erfindungen zur Milderung oder Beseitigung der Qualen, die den Thieren bereitet werden, nachsinnen.

Wenn wir endlich noch der Mißhandlung der Schmetterlinge und Käfer durch Sammler gedenken, so richten wir ein Mahnwort vorzugsweise an die Jugend. Ein Druck mit dem Daumen und Zeigefinger auf die Seiten des Vorderleibes und der durchbohrende Stich der Nadel genügen nicht einmal bei den Tagfaltern, um den alsbaldigen Tod herbeizuführen, wie viel weniger bei den dickleibigen und zählebigen Abend- und Nachtfaltern. Schmetterlinge wie Käfer bedürfen zum raschen Sterben wirksamer Mittel, jene des Aethers, diese des Spiritus.

Eine nie ermüdende Sorge um Erhaltung des menschlichen Gefühls lenke das wachsame Auge der Eltern und Erzieher auf die Kinder, die mit Netzen und Schachteln ausziehen, um Insecten zu sammeln! Wie mancher Bube hat an solchen Thierchen die ersten Probestücke eines Zuges zur Grausamkeit versucht und es darin [396] nach und nach zur Meisterschaft gebracht, die er dann an höher organisirten Thieren und schließlich auch an Menschen probirte.

Leider steht der Mensch des neunzehnten Jahrhunderts noch immer, trotz aller Humanitätsbestrebungen, in gar mancher Beziehung auf dem Boden der Verirrung menschlichen Gefühls. Denn eine beklagenswerthe Verirrung muß es genannt werden, wenn der Mensch, der sich selbst mit so natürlichem Triebe grausamer Behandlung zu entziehen sucht, anderen Geschöpfen dieselbe zufügt. Der Thierquäler glaubt sich wohl mit der Behauptung entschuldigen zu können, die Thiere hätten solche feine Empfindung nicht, wie der Mensch, es sei mehr ein Scheinschmerz, den wir an ihnen wahrnähmen, als ein wirklicher oder mit dem äußeren Gebahren übereinstimmender. Einen großen Theil dieser gänzlich falschen Anschauungen hat eine starre Orthodoxie zu verantworten, welche in dem Thiere ein seelenloses Wesen, gleichsam eine lebendige Maschine erblickt, die blind arbeite nach dem Willen des verborgenen Lenkers und nur zum Dienste des von der thierischen Schöpfung isolirt dastehenden Menschen geschaffen sei. Unter dem Eindrucke der Voraussetzung eines solchen Verhältnisses zwischen Mensch und Thier ist ersterer zur Geringschätzung und harten Behandlung der letzteren hingeführt worden.

Wir gehören nicht zu den empfindsamen Naturen und theilen in keiner Weise die Ueberschwänglichkeit sentimentaler Thierschutzvereinler. Aber wie wir, mit unter den Ersten, dem Seelenleben der Thiere das Wort redeten, so wollen wir auch nicht aufhören, unsere Forderungen an Vernunft und Herz des Volkes zu richten, um dem Thiere ein besseres Loos im Dienste der es benutzenden Menschheit und ein besseres Ende in der Gewalt seiner Verfolger zu sichern.

Karl Müller.