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Östliches Taglied

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
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Autor: Rainer Maria Rilke
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Titel: Östliches Taglied
Untertitel:
aus: Neue Gedichte, S. 9
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1907
Verlag: Insel-Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google-USA* und Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
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Bearbeitungsstand
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ÖSTLICHES TAGLIED


Ist dieses Bette nicht wie eine Küste,
ein Küstenstreifen nur darauf wir liegen?
Nichts ist gewiß als deine hohen Brüste,
die mein Gefühl in Schwindeln überstiegen.

5
Denn diese Nacht, in der so vieles schrie,

in der sich Tiere rufen und zerreißen,
ist sie uns nicht entsetzlich fremd? Und wie:
was draußen langsam anhebt, Tag geheißen,
ist das uns denn verständlicher als sie?

10
Man müßte so sich ineinander legen

wie Blütenblätter um die Staubgefäße:
so sehr ist überall das Ungemäße
und häuft sich an und stürzt sich uns entgegen.

Doch während wir uns aneinander drücken,

15
um nicht zu sehen wie es ringsum naht,

kann es aus dir, kann es aus mir sich zücken:
denn unsre Seelen leben von Verrat.