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Seite:Reventlow Werke 0676.png

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einen Menschen, wie er ihr nie wieder begegnen würde, der ihr unendlich viel gab. Vor allem dachte sie daran, daß er frei bleiben müßte, und dann wohl auch an das Kind — — Aber das ist noch nicht alles. Den Mann, den sie heiratete, kannte sie eigentlich kaum — das ist wohl meistens so. — Wir haben uns doch auch erst nachher kennengelernt. — Als sie seine Frau wurde, war er ihr beinah gleichgültig und fremd, aber dann fing sie an, ihn zu lieben — anders wie den anderen —, vielleicht nicht so leidenschaftlich, aber viel tiefer. Sie war glücklich mit ihm, und er war sehr glücklich. — Das Kind kam nicht zum Leben —, ihr Mann war in der Zeit gerade verreist, und niemand erfuhr davon. — Zuletzt vergaß sie es selbst beinah, und es kam ihr vor, als ob alles nicht wahr gewesen wäre.“

Ellen meinte, er müßte ihr Herz klopfen hören, es schlug langsam und schwer. — Die Art, wie sie erzählte, hatte für Reinhard etwas seltsam Erregendes. Ihm wurde immer beklommener zumut, vielleicht ging es wie eine ferne Ahnung durch seine Seele, von der er selbst nicht wußte.

„Dann sah sie den anderen wieder — zufällig —, und da hatte er ein Kind mit irgendeinem Mädel — und nun fiel mit einemmal alles in sich zusammen, ihr war, als ob selbst ihre Schuld entwertet sei, die ihr immer wie eine Art Heiligtum vorgekommen war. Und auch was sie sonst in ihm gesehen hatte, war fort, alles Illusion, die in nichts zerrann. Wenigstens in dem Augenblick kam es ihr so vor — vielleicht war es auch ungerecht —, aber es tat ihr so entsetzlich weh, daß er ihr Kind nicht gewollt und nun ein anderes hatte.

Und dann fing sie ein neues Verhältnis an, das ihr gerade in den Weg kam. Und als sie das getan hatte, fühlte sie plötzlich, daß sie nun ihrem Mann alles sagen und sich von ihm trennen müßte.“


Bis tief in die Nacht sprachen sie noch darüber, es schien Ellen, als ob sie nie in ihrem Leben so hätte reden können — bis in die kleinste Einzelheit hinein

Empfohlene Zitierweise:
Fanny Gräfin zu Reventlow: Ellen Olestjerne. München: Albert Langen, 1925, Seite 676. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Reventlow_Werke_0676.png&oldid=- (Version vom 1.8.2018)