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Seite:Reventlow Werke 0578.png

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muß — es ist doch immer im Gedanken an den anderen.

Leb denn wohl, Geliebtester, ich will Dich und mich nicht weich machen — den Kopf oben behalten, sonst schlägt es über mir zusammen. Leb wohl.“


12. Mai

„Du schreibst jetzt so selten — es fehlt Dir doch nichts, oder bummelt ihr so viel? — Wenn ich doch einmal mittun könnte.

Nun seid ihr schon so lange fort, und ich vergrabe mich ganz in Arbeit. Ich will das Examen doch schon übers Jahr machen, die Lehrer haben mir selbst dazu geraten, und seitdem ist mir etwas leichter ums Herz. Ein Jahr — nicht mehr ganz ein Jahr, mein Gott, Friedl, was ist das für ein Gedanke. Wenn sie mich nur nicht vorher noch aus dem Seminar hinauswerfen; es ist meinen Eltern neulich erzählt worden, daß ich schlechte Bücher und Ansichten verbreitete.

Übrigens schwänze ich oft die Stunden und rudere statt dessen auf dem Wasser hinter der Bendstraße. Einmal bin ich auch heimlich zu Lisa Seebald gefahren, es sind ja nur zwei Stunden. Sie hat eine entzückende Wohnung und sagte, wenn der Krach mit zu Hause einmal käme, könnte ich bei ihr wohnen, so lange ich wollte.

Meine Sünden sind überhaupt Legion — ich bin tief gesunken, seit Du und Detlev mich nicht mehr bewacht. Soll ich Dir auch noch beichten, daß ich neulich mit Elfriede Liemann auf einem Sonntagstanz gewesen bin, wo wir mit Soldaten und Arbeitern tanzten? Wir standen an der Fähre und bekamen solche Lust, als wir die Musik hörten. Elfriede und ich sind übereingekommen, wenn alle Stränge reißen, als Kellnerinnen nach Berlin zu gehen, um mit euch zusammenzusein.

Schüttelst Du nun auch den Kopf und sagst wie mein Vater: „Was soll aus dir werden, wenn du dich nicht zügeln lernst?“

Ja, was soll aus mir werden, das denke ich auch manchmal.

Empfohlene Zitierweise:
Fanny Gräfin zu Reventlow: Ellen Olestjerne. München: Albert Langen, 1925, Seite 578. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Reventlow_Werke_0578.png&oldid=- (Version vom 1.8.2018)