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Seite:Die Gartenlaube (1890) 221.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1890)


Im vorigen Jahre ist auch ein für unsere Frage sehr beachtenswertes Werk erschienen: „Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper. Englische Schulbilder in deutschem Rahmen“ von G. Raydt. Der Verfasser hat, unterstützt aus der „Bismarck-Schönhausen-Stiftung“, eine Studienreise nach England unternommen und stellt in seinem Werke Vergleiche zwischen den deutschen und englischen Schulverhältnissen an. Es dürfte nicht alles, was der Verfasser lobend hervorhebt, ein unbeschränktes Lob verdienen; aber lernen können wir auf dem Gebiete der gesunden Jugenderziehung, der Körperpflege und der Jugendspiele von England ungemein viel. Was die Gemeinden für diese Zwecke thun können und thun müssen, das ist in dem Raydtschen Werke klar niedergelegt, und darum möchten wir dasselbe nicht nur in Händen der Lehrer, sondern auch in Händen derer wissen, welche die Städte verwalten. Sie könnten daraus lernen, was unserer Jugend in den Städten fehlt, welche natürlichen Rechte derselben völlig unbeachtet bleiben, und sie würden sich wohl entschließen, anstatt der paar elenden Sandhaufen, die bei uns den Inbegriff eines Spielplatzes bilden, andere Einrichtungen zu treffen. Alle, denen das Wohl der Jugeud am Herzen liegt, denen die Zukunft der Nation nicht gleichgültig ist, sollten die Worte beherzigen, die der Superintendent Schulze im Görlitzer Verein seiner Zeit ausgesprochen hat: „Es ist ein übles Zeichen, wenn jetzt zuweilen unsere Jugend die Nase rümpft über die sogenannten kindlichen Spiele und nur frisch wird im Tanzsaal. Wir möchten unserer Jugend auf der einen Seite die ernste Liebe zur Arbeit, auf der andern die fröhliche Liebe zum Spiele einprägen und erhalten. Das wäre eine elende Jugend, die nicht mehr spielen kann oder zu spielen sich schämt, oder die während ihrer Stunden der Erholung nur in die Rohheit der Gassenhauer oder in die Altbärtigkeit der Bierstuben sich verirrt.

Auch wir Alten, verachten wir nicht die Theilnahme am erheiternden Familienspiel, in welchem es Geist und Witz, Schnelligkeit der Auffasung und der Wendung, Frische des körperlichen Lebens zu zeigen gilt. Das sind die liebenswerthesten Greise, die jung bleiben im unbefangenen Sichfreuen an den heiteren Künsten und im Theilnehmen an dem, was den Sinn und das Auge fröhlich macht.“

Wir können nicht warten, bis einmal die Schule das Jugendspiel zur Pflicht machen wird; jeder Jugendfreund muß schon jetzt eingreifen, und wie er das am besten erreichen kann, das beweist uns der Vorgang von Görlitz. Vereine, von einsichtsvollen Erziehern unterstützt, können zum Ziel führen. Was haben nicht die Turnvereine in früherer Zeit erreicht; was ist nicht in jüngster Zeit auf Vereinswegen für die Ferienkolonien, die Handfertigkeit und andere gemeinnützige Zwecke erreicht worden! Darum, ehe noch für so viele zu früh der Jugend Grabgeläut erschallt, sollten wir uns aufraffen; darum möchten nur allen Jugendfreunden zurufen: „Gründet Vereine zur Förderung des Jugendspiels!“

C. Falkenhorst.





Samuel Smiles.
Ein Herold der Selbsthilfe und Pflichterfüllung.

Berurtheilt man einen Schriftsteller nicht bloß nach dem künstlerischen Werthe, sondern auch nach dem thatsächlichen Erfolg seiner Werke, zieht man in Betracht, welche unmittelbare Wirkung er auf seinen Leserkreis hervorgebracht hat, dann muß Samuel Smiles, der englische Moralphilosoph, dessen Bücher über die ganze Welt verbreitet sind, als eine der hervorragendsten Erscheinungen des zeitgenössischen Schriftthums bezeichnet werden. Seine Werke haben weit über England hinaus den Samen tief sittlicher Grundsätze verstreut, sie sind Hausbücher geworden in unzähligen Familien, und in größerem Umfange als den spannendsten Romanen hat sich ihnen die lebhafte Theilnahme von Millionen Lesern zugewendet. Es sind dies aber Werke, die man nicht bloß liest, um sie dann wegzulegen und für immer zu vergessen; wer sich überhaupt auf die Dauer mit ihnen befaßt, der trägt einen sittlichen Nutzen davon - es bewährt sich in diesem Falle die Sokratische Lehre, daß das Gute erkennen auch schon es üben heißt. Gerade uns Deutschen muß Smiles eine überaus vertraute Erscheinung sein, denn was unser Kant in den „kategorischen Imperativ“ zusammengefaßt hat, das drückt Smiles in einfacher, nicht durch wissenschaftliche Kunstausdrücke verdunkelter Sprache aus: er predigt die Heiligkeit der Pflicht, welche erfüllt zu haben den stolzen Inhalt auch des äußerlich unscheinbarsten Lebenslaufes ausmacht. Diesen Stoff behandelt er in tausend wechselnden Arten; er gewinnt ihm immer neue Seiten ab, und wenn man meint, nun müsse er sich endgültig erschöpft haben, dann setzt er die Feder an und bringt zu Gunsten seiner Sache abermals eine reiche Fülle von Vernunftgründen und Mittheilungen vor. Er sagt eigentlich nichts, was nicht vor ihm schon andere gesagt hätten. Trotzdem liegt die Erklärung seines ungewöhnlichen Erfolges auf der Hand: er trifft wie kaum ein zweiter einen volksthümlichen, jedermann einleuchtenden Ton, er kleidet alles so ein, daß man immer die Stimme des einfachen gesunden Menschenverstandes vernimmt, er läßt es nicht bei allgemeinen Lehrsätzen bewenden, sondern holt aus der Erfahrung von Gegenwart und Vergangenheit Beispiele heran, welche jene Lehrsätze vor dem Vorwurfe der Unausführbarkeit bewahren. Zweitens - und der eine Umstand ist so wichtig wie der andere - trägt jedes seiner Worte den Stempel der Ueberzeugung, das Gepräge der Wahrheit. Nie bedient Smiles sich einer hochtrabenden Phrase, nie gefällt er sich in Schwulst, man hat den Eindruck, daß hier ein ehrlicher Mann zu Tage fördert, was ihm tief in der Brust lebt. Smiles wendet sich an den Leser nur, wenn er ihm wirklich etwas zu sagen hat; die bloße Buchmacherei ohne höheren Zweck, ohne sittliche Absicht ist etwas ihm völlig Fremdes.

Nach einer Photographie von G. Mc. Kenzie in Paisley.

In Deutschland sind seine wichtigsten Schriften in Uebersetzungen bekannt geworden: „Selbsthilfe“, „Sparsamkeit“, „Charakter“ und „Pflicht“. Damit ist aber die Liste seiner litterarischen Arbeiten nicht erschöpft. Es giebt von ihm noch eine Biographie von Stephenson, fünf Bände Biographien berühmter Ingenieure, einen Band Biographien hervorragender Industrieller, eine Abhandlung über die Hugenotten, die Charakterzeichnungen des Naturforschers Thomas Edward und des Geologen und Botanikers Robert Dick und verschiedenes andere. In allen seinen Schriften handelt es sich ihm darum, darzuthun, was des Menschen Wille und Thatkraft vermögen, wie vor der Ausdauer auf die Länge kein Hinderniß, keine Schranke bestehen kann, aber auch, wie die Reinheit des Charakters, die Makellosigkeit der Tugend, die strenge Auffassung des Berufes Vorbedingungen sind für ein Leben der Selbstzufriedenheit. Kein ungetrübtes Glück ohne das Bewußtsein der voll erfüllten Pflicht, keine echte Freude für diejenigen, die ihre Schuldigkeit nicht mit allen Kräften zu thun suchen - das ist der Wahlspruch von Samuel Smiles, und er leuchtet auch hervor, wo der Schreiber ihn nicht ausdrücklich vorbringt, so z. B. in seinem der Sparsamkeit gewidmeten Buche. Nach seiner Anschauung ist die Sparsamkeit eine Pflicht, die wir üben sollen gegen uns selbst, gegen unsere Familie, gegen die Gesellschaft, gegen den Staat, und so bedeutet auch Sparsamkeit Pflichterfüllung. Seine strenge, dabei aber keineswegs finstere, sondern durch und durch freudige und freundliche Lebensanschauung zieht sich als ein rother Faden durch seine sämmtlichen Schriften, und darum tragen diese ein einheitliches Gepräge und hängen innerlich zusammen. In den rein biographischen Werken

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1890). Leipzig: Ernst Keil, 1890, Seite 221. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1890)_221.jpg&oldid=- (Version vom 14.9.2022)