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Seite:Die Gartenlaube (1883) 839.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883)

blieb. Sie rief die Geschwister zusammen und ging gelassen in das Haus. Tiefes Herzeleid macht gegen äußere Sorgen und Schrecknisse unempfindlich.

Auf dem Markte wogte eine dunkle Menschenmenge durch einander, nur von der ausgehängten Rathhauslaterne beleuchtet. Noch wußte Niemand, wo das Feuer aufgegangen war, aber Alle bereiteten sich zu seiner Bekämpfung vor. Die Schaarwächter schritten heran, die eisernen Pickelhauben auf den Köpfen, die Spieße über die Schultern gelegt. Die Zimmerleute und Maurer nahten eilig im Schurzfell mit Axt und Spitzhammer. Rathsknechte liefen nach den Feuerleitern im Leiterhäuschen, die Frauen ergriffen die Feuereimer, welche in langen Reihen im Rathhausflur hingen. Pferde trabten heran und wurden an die Wasserkufen gespannt, die um die mächtigen Brunnenbecken standen.

Und das Brausen der Menschen übertönend, wimmerte die Glocke in immer wilderen Schlägen. Da erschallte die Stimme des Bürgermeisters:

„Die Stadt wird nicht bedräut; fern von uns wüthet die Feuersbrunst. Droben vor dem Steigerwalde loht und qualmt es.“

Beruhigt schickten die Bürger sich an, heim zu gehen, als eine neue Hiobsbotschaft anlangte. Die Läuter hatten allzu eifrig ihrem Amte abgelegen und die Glocke war zersprungen. Daraus erwuchs eine große Ausgabe für die Stadtcasse. Im Groll hierüber fanden die Weiber ihren Muth wieder. Die Arme in die Seite gestemmt, traten sie, drohend mit den Pfauenschweifen nickend und ihre Meinung sagend, zusammen.

Allen voran zeterte die Muhme Schmidtin: „Daß Gott erbarm! Das ist ein sauberer Rath, der solche Himmelsstürmer zu Läutern bestellt hat! Und wer muß den Schaden tragen? Die Bürger, welche doch nichts für die Unfürsichtigkeit des Bürgermeisters können. Ihr braucht mich nicht anzustoßen, Frau Henningin. Eine Bürgers- und Meistersfrau läßt sich das Maul nicht zubinden.“

„Ei, seid doch ruhig, liebe Frau Nachbarin,“ begütigte der Rathskämmerer. „Es ist ja nur die Maria Magdalena, welche sprang. Und es ist an ihr nichts Erkleckliches verloren, da sie doch nur dazwischen quäkete wie ein altersschwaches Weib.“

„Eines alten Weibes Stimme ist auch nicht zu verachten,“ entgegnete zornig die Schmidtin; „denn obgleich der Herr sie also eingerichtet hat, daß sie quäket und zittert, so redet sie doch oft weiser und verständiger, als mancher Mann in Amt und Würden.“

Da trat der Rathsbrunnenmeister hinzu. „Liebe Nachbarinnen und Gevatterinnen, geht nur geruhig nach Haus. Es wird Alles auch ohne Euch genugsam erwogen und festgestellet werden. Und will ich doch verhoffen, daß unsere gute Stadt nicht zu arm sei, um ihre Glocke umgießen zu lassen, wenn selbiger etwas Menschliches begegnet.“

„Zu arm? Gott bewahre,“ lautete die Antwort. „Arnstadt ist wohl vermögend, also viele Glocken gießen zu lassen, wie ihm beliebt.“

Man zog stolz beruhigt ab.

In der Papiermühle rüstete die Familie sich zur Nachtruhe. Frau Henningin schaute wehmüthig nach dem Glockenthurm hinauf.

„So hat die alte Maria Magdalena ausgeklungen. Sie hat bei meiner Confirmation, Hochzeit, bei allen Taufen und Begräbnissen unserer Sippe geläutet. Auch diese Stimme werde ich nicht wieder hören.“

„Sie wird schöner wieder auferstehen,“ sprach Johanne. „Eine zersprungene Glocke läßt sich umgießen, ein zerbrochenes und zermürbtes Menschenherz nicht. Und wie viel Lärm wird um eine solche gemacht, und nach dem armen Herzen fragt Niemand.“




Droben am Steiger war es heißer hergegangen. Als die Feierabendstunde von den Dörfern nah und fern läutete, stellten auch die Holzhauer der Möhring’schen Gießhütte im Walde ihre Arbeit ein und rüsteten sich zur Heimkehr nach Erfurt. Nur hier und da waren noch Scheite aufzuschichten, noch ein paar Züge mit der Säge zu thun. Hermann Zimmermann schritt von einer Gruppe zur andern, ordnete an, was noch geschehen mußte, und schrieb die aufgebauten Klafter auf.

„Verzieht noch, bis Alle die Arbeit vollendet haben,“ befahl er. „Vereinzelt Euch nicht im Walde. Es scheint mir nicht ganz geheuer im Steiger zu sein. Es sollen unheimliche Gesellen sich hier und da gezeigt haben, und ich vernahm auch ferne Schüsse.“

Ein alter Holzhauer nickte bedeutungsvoll. „Ich habe im Rasen drunten an der Heerstraße einen frisch eingeschnittenen Gaunerzinken gefunden. Die Spitze des Pfeiles wies nach dem Steigerwalde. Da mögen die Heckenbrüder sich sammeln.“

Hermann schritt nach dem Waldhause hinüber, wo Eberhard seiner harrte. Er war ein schöner Mann geworden, der in den hohen Stiefeln, dem Schurzfell und mit der blinkenden Axt über der Schulter wie ein Bild kraftvoller Jugend erschien. Aber er schaute mit schwermüthigem Blicke um sich und schritt sonder Freude durch den Wald, ohne der Himmelschlüsseln zu achten, die aus dem Moospfühl emporblühten, ohne zu hören, was die Amseln und Drosseln von den mit jungem Laub bedeckten Birken und Buchen daherpfiffen.

Auch der Vetter, der auf der Bank neben der Thür des Holzhauses saß, sah unwirrsch aus. Er hatte Morcheln gefunden und schnitzte kleine hölzerne Spießchen, an denen die Schleckerbißlein gebraten werden sollten. Aber so zart auch die Schwämme erschienen, sie lockten kein Lächeln auf die feinschmeckenden Lippen des Obergesellen.

„Ich sage Dir, so geht es nicht weiter,“ sprach er finster. „Der Schlot mit seiner Zahnlücke ist noch immer nicht ausgeflickt. Aber sie“ – er deutete mit dem Daumen hinter sich – „will sich durchaus ein plümerantenes Kleid kaufen. Der liebe Gott weiß, was das für ein Ungethüm sein mag; denn da das ganze Weibsvolk jetzo darauf versessen ist, kann es nur etwas Verdrehtes sein. Da wird wieder das schöne Geld wie Rauch hinaus fliegen mit dem Versprechen, nimmermehr wieder zu kommen. Es ist eine klamme Zeit. Arbeit giebt es nicht viel; denn die Menschen mühen sich um das tägliche Brod. Da können sie nicht an ihre spolirten Kirchen denken. Das Geld ist rar, Auslagen müssen wir bei jeglichem Guß machen und den dürftigen Gemeinden Zeit zur Zahlung lassen. Dazu bimmelt das Steuerglöcklein unaufhörlich: Bringt Geld! bringt Geld! um die letzten Kriegscontributionen zu bezahlen. Ich habe sogar meinen Sparpfennig in die Gießhalle gesteckt. Und mein Tobak ist auch zu Ende,“ schloß er ärgerlich.

„Wir sind nicht die Einzigen, welche mit dem Elend ringen,“ tröstete Hermann. „Das ganze deutsche Volk ist unser Leidenscumpan. Was sollte aus unserem Vaterland werden, so Alle entmuthigt die Hände sinken ließen? Jetzo ist der Friede gekommen. Seht, wie viele Aecker sind wohl bestellt, und der gütige Gott verheißt reichen Erntesegen. Dann werden auch die Menschen dem himmlischen Vater danken wollen und die Kirchen, denen der grimme Kriegsbelial die Glocken entrissen hat, wieder mit solchen zieren. Ist es nicht ein schönes Tagewerk, dafür Sorge zu tragen, daß die ernste Stimme aus den Lüften allenthalben wieder der Menschheit zurufen kann: Nun ruhet aus vom Arbeiten und Sammeln irdischer Schätze und gedenket eurer besseren Heimath. Darum wollen wir nicht verzagen. Ein tüchtiger Mann überwindet ein widriges Geschick.“

Eberhard war gerührt, und da wurde er allezeit grob.

„Sind wir etwa tüchtige Männer?“ polterte er. „Pantoffelhelden sind wir, arbeiten nur, auf daß sie“ – sein Daumen fuhr über die Schulter – „die schönen Thaler durch ihre runden Finger fallen läßt wie durch ein Sieb. Gleich einer Glocke versenkt sie sich in einen Sumpf und klagt dann noch aus der Tiefe über das, was sie sich selbst angethan hat.“

Hermann hatte in die Ferne gelauscht, aus der ein schriller Pfiff tönte. Jetzt wandte er sich wieder dem Vetter zu. „Ihr thut ihr Unrecht; sie ist eine gute Frau.“

„Das ist wenig genug. Sie hat ein Herz so weich als ein Butterweck,“ schalt Eberhard.

Hermann’s Lippen zuckten. „Nein, es ist viel, schier möchte ich sagen Alles bei einem Weibe.“

Eberhard fuhr auf. „Thue mir die einzige Liebe und sei nicht so weichlich. Ich kann es nicht ersehen, wenn die Meisterin Dich so hätschelt, anäugelt und vollstopft. Es ekelt mich an. O, ich wäre schon längst fortgegangen, wenn die Glocken mir nicht so an’s Herz gewachsen wären. Die Weiber bedürfen eines starken Herrn, der ihren Thorheiten die Pässe verlegt. Denke daran: Manneshand oben.“

„Hätte Euer Gemüth sich todtwund gerieben an einem Kieselstein, Ihr würdet andere Meinung hegen von einem milden Frauenherzen,“ antwortete Hermann. „Aber Ihr habt Recht, sie bedürfte eines starken Herrn, und es will mich bedünken, als harre sie nur auf die feste Hand, unter welche sie sich zu beugen hat.“

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883). Leipzig: Ernst Keil, 1883, Seite 839. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1883)_839.jpg&oldid=- (Version vom 25.1.2024)