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Seite:Die Gartenlaube (1883) 830.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883)

nöthig, so „preßt“ er sie gleichfalls, und um ferner für seinen eigenen Beutel mehr Geld zu machen, als ihm von Rechtswegen zukommt, zieht er die Steuerschraube nach Gutdünken stärker an, und die „Nilpeitsche“[1] verhilft ihm bequem zu beiden.

Charakteristisch ist dabei der Umstand, daß diese schlimmen Dinge aus den beiden Hauptstädten, Alexandria und Kairo, und deren nächster Umgebung gänzlich verbannt sind und zwar wegen der dort residirenden Generalconsuln und diplomatischen Agenten, die beileibe nichts davon sehen und wissen dürfen, um sie in dem frommen Glauben zu lassen, daß dergleichen, und namentlich die abscheuliche Bastonnade, längst nicht mehr im Nillande existirt, wie es ja auch die europäischen Zeitungen von jeher versichert haben.

Hier wird nun die englische Verwaltung, oder was rücksichtsvoller klingt, die ägyptische Regierung unter englischer Aufsicht, energisch zu reformiren haben, und es sind schon jetzt verschiedene Anzeichen vorhanden, daß dies geschehen wird. Es ist zugleich das beste und sicherste Mittel, den Engländern die Sympathien der Landbevölkerung zu gewinnen.

Die weiteren Reformen werden sich dann auf das Heer- und Polizeiwesen erstrecken; die erstere ist zur Zeit noch zurückgestellt, weil die Neubildung einer eigentlichen ägyptischen Armee zunächst unnöthig erscheint, und die zweite ist bereits schon so gut wie organisirt. Auch hier ist der Chef natürlich ein englischer Stabsofficier und zwar der sehr fähige Baker Pascha.

Dann wird die Einrichtung neuer und zwar inländischer Gerichtshöfe, zu zwei Dritttheilen aus arabischen und zu einem Dritttheil aus europäischen (englischen) Mitgliedern bestehend, an die Reihe kommen, und ebenso die Gründung einer Menge Volksschulen in allen Theilen des Landes. In dieser letzteren Beziehung sieht es nämlich noch bös in Aegypten aus, denn mit Ausnahme der höheren Unterrichtsanstalten in den großen Städten, von denen viele unbestrittene Anerkennung verdienen, ist der gesammte Volksunterricht noch nicht über die sogenannten Koranschulen hinausgekommen.

Bei der unleugbar guten, ja man möchte fast sagen glänzenden Befähigung der männlichen arabischen Jugend, ihrer Lernbegierde und Folgsamkeit eröffnet sich hier ein schönes Feld wahrhaft segensreicher Thätigkeit. Hundert gute Elementarschulen in Aegypten, unter verständiger Leitung und mit tüchtigen Lehrkräften (gewissermaßen paritätisch, das heißt arabisch-europäisch) – und es würde um die Volksbildung in Aegypten ganz anders aussehen, und die so oft als Trumpf fälschlich ausgespielte „abendländische Civilisation“ wäre dann kein hohles Scheinding mehr.

Ein anderer nicht minder wichtiger Gegenstand der Reform wird alsdann die Besteuerung der in Aegypten lebenden und dort etablirten Ausländer sein. Die völlige Steuerfreiheit der Ausländer in Aegypten datirt schon aus früheren Jahrhunderten durch die „Capitulationen“ (Verträge zwischen der Türkei und den einzelnen europäischen Mächten), und Mohammed Ali erneuerte dieselben mit noch weiter gehenden Zugeständnissen, um dadurch immer mehr Europäer in’s Land zu ziehen. Damals unstreitig eine sehr gute politische Maßregel. Aber die Verhältnisse haben sich seitdem wesentlich geändert; die Europäer haben sich, und zumeist auf Kosten des Landes, maßlos bereichert und genossen außerdem, wenigstens in den großen Städten, alle Vortheile wohlgeordneter staatlicher Einrichtungen, blieben aber nach wie vor abgabenfrei. Indirect wurden sie allerdings durch die außerordentlich hohen Eingangs- und Ausgangszölle auf alle nur denkbaren Waaren, auch durch den städtischen Octroi u. dergl. stark besteuert, und hier müßten wesentliche Aenderungen und Erleichterungen eintreten und namentlich der überall herrschenden Willkür Schranken gesetzt werden. Da nun aber die Engländer selbst von diesen neuen Steuergesetzen betroffen werden und zugleich dabei die Hauptstimme haben, so darf man wohl auf eine für alle Theile günstige Lösung dieser Frage hoffen.

Die Zeit der Sinecuren, der hohen Gehälter bei möglichst geringer und nur allzu oft gar keiner Arbeit, dürfte für immer in Aegypten vorüber sein, und das ist ein Glück für das Land; man wird sich nach Männern umsehen müssen, die fleißig und gewissenhaft arbeiten wollen, und daß man diese gut bezahlen wird, versteht sich von selbst; der Arbeiter ist seines Lohnes werth, sagt nicht allein die Bibel, sondern auch der Koran.

Ein Mann ist bereits gefunden, der in allen diesen Dingen den Engländern mit seiner Erfahrung, seinen Kenntnissen und seiner Energie zur Seite stehen wird. Dieser Mann ist kein Anderer, als Nubar Pascha, der frühere Premierminister des abgesetzten Khediv Ismaïl.

Dies könnte auf den ersten Blick Bedenken erregen, aber Nubar stieg und fiel bekanntlich mit der schwankenden Politik seines Herrn und trat jedesmal zurück, wenn er mit seinen wohlmeinten Rathschlägen nicht durchdringen konnte; so bei der unseligen abessinischen Expedition, bei der verhängnißvollen Rentenconversion, bei den schlimmen Experimenten des damaligen Finanzministers, des berüchtigten Mufetisch, und in manchen ähnlichen Fällen. Ueberdies ist Nubar ein Christ, mit einer französisch, d. h. europäisch gebildeten Armenierin vermählt und ein Freund europäischer Bildung. Er ist auch der Schöpfer der internationalen Justizreform in Aegypten, die den Anfang bilden sollte zu einer neuen Gerichtsbarkeit im ganzen Lande und die er jetzt gewiß durchführen wird.

Was uns Europäern aber Nubar besonders werth macht und uns wünschen läßt, ihn bald seinen früheren Ministerposten wieder einnehmen zu sehen (was möglicher Weise, wenn der Leser dies liest, schon geschehen sein kann), ist der wichtige Umstand, daß er von jeher ein unerbittlicher Gegner des Sclavenhandels[WS 1] gewesen ist und denselben, soweit es in seiner Macht stand, unaufhörlich bekämpft hat.

Dies bringt uns auf den eigentlichen Brennpunkt der ägyptischen Frage, ohne welchen alle geplanten Reformen nur halbe sind, wenn anders dieselben, wie man auch jetzt wieder beständig versichern hört, das Land der abendländischen Cultur und Gesittung zuführen sollen. Auch hier, und vielleicht noch weniger als auf anderen Gebieten, ist von heute auf morgen keine Wandlung zu schaffen, aber es steht doch zu hoffen, daß jetzt endlich, endlich! einmal Ernst gemacht wird, um wenigstens für Aegypten dieses verruchte „Geschäft“ gründlich und dauernd zu beseitigen.

Nach einer allgemeinen Schätzung von competenter Seite gehen noch alljährlich aus den südlichen ägyptischen Provinzen Dar-fur und dem Sudan und aus den noch südlicher gelegenen nicht-ägyptischen Gallaländern wenigstens 50,000 Köpfe, nach anderen gar 80,000, in die Sclaverei, und mehr als die Hälfte von ihnen geht über Kartum direct durch Aegypten bis nach Assuan, ja bis nach Kairo selbst, von wo sie östlich über das Rothe Meer nach dem Hedschas und Syrien und nordwestlich durch die Libysche Wüste nach Tripolis, Tunis und weiter transportirt werden. Auch die kleinasiatischen Städte, und vor Allem Constantinopel, haben Theil daran; der abessinischen Sclaven, die über Massaua an der Küste des Rothen Meeres nördlich hinauf, also auch durch Aegypten gehen, gar nicht zu gedenken. Kartum ist der Hauptstapelplatz dieser Menschenwaare, und dort finden sich auch die Händler aus Unter- und Mittelägypten und aus den übrigen eben genannten Ländern ein, um die Geschäfte abzuschließen.

Wir wollen unsere Leser mit der Schilderung der Sclavenjagden, der unmenschlichen Behandlung der armen Gefangenen auf dem Transporte zu Land oder zu Wasser, und mit den sonstigen grauenhaften und empörenden Einzelheiten verschonen; viele von ihnen haben dergleichen gewiß schon in Reisebeschreibungen und ähnlichen darauf bezüglichen Schriften oder auch in den Tagesblättern gelesen;[2] nur das Eine sei hier bemerkt, und wir knüpfen daran die folgende kurze Notiz, daß selbst die schrecklichsten und entsetzlichsten jener Schilderungen in nichts übertrieben sind, ja zumeist noch hinter der Wirklichkeit zurückbleiben. Noch heute gilt nämlich so ziemlich Alles, was einer der zuverlässigsten Gewährsmänner, der Afrikareisende Dr. Alfred Brehm, aus den fünfziger Jahren darüber meldet, und zwar durchweg nach eigener Anschauung, mithin als unwiderlegbarer Augenzeuge.

„Ich habe,“ so schreibt er unter Anderem, „einen Transport Dinkha-Neger in Kartum ankommen sehen. Der Anblick war schauderhaft. Die schmerzgepeinigten Männer, welche noch Wunden


  1. Im Volke so genannt, weil sie aus der zolldicken Haut des Nilpferdes geschnitten wird. Sie ist unverwüstlich und geschmeidig wie der feinste Stahl.
  2. Die „Gartenlaube“ selbst, auch auf diesem Gebiete, wie auf so manchem anderen, echt philanthropisch, hat schon mehrfach darauf bezügliche Schilderungen gebracht (unter Anderen von dem verstorbenen Baron von Maltzahn) und mehr als eine Lanze für die armen Sclaven, als gleichberechtigte Mitglieder der großen Menschenfamilie, eingelegt.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Sllavenhandels
Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1883). Leipzig: Ernst Keil, 1883, Seite 830. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1883)_830.jpg&oldid=- (Version vom 25.1.2024)