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Seite:Die Gartenlaube (1883) 826.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883)

ein Stich traf sie die Erkenntniß: die Wittib hat ein tapferes Herz, und ihre Gedanken nehmen einen hohen Flug, daß arm und reich, fürnehm und gering vor ihr gleich sind, wie vor dem lieben Gott. Das war der Augenblick, den der alte Großvater vorausgesagt hatte, da sich erwies, daß ihre Kraft endlich, das Leid aber unendlich war.

Am andern Morgen stieg sie wie sonst aus ihrer Giebelstube herab. Sie wollte nichts hören von sorglichen Fragen und Warnungen und ging an ihre Arbeit. Aber es war ein ernstes, stilles Mädchen, das vom Krankenlager sich erhoben hatte.




So kam der Winter heran und deckte zum zweiten Mal sein weißes Leichlaken über das gemeinsame Grab, in dem die großen Bürger aus der Papiermühle ruhten. In ihrem hinterlassenen Heim aber regte sich wieder neues Leben. Mit dem Frühjahr sollte der Umbau begonnen werden. Derweilen räumte Frau Henningin die Bodenkammern aus und kramte und sichtete in Schränken und Truhen, die ihren alten Platz verlassen sollten.

„Ach Gott! Der Hausrock meines seligen Ehewirthes!“ schluchzte sie, das Gewand hervorziehend. Dann breitete sie das brokatene Taufzeug aus, das alle ihre Kinder bei der heiligen Handlung geschmückt hatte. „Ob es wohl auch meine Enkelchen noch tragen werden?“ und sie wischte die Thränen wieder ab. „Am Ende befindet es die Jungfer Marzibilla nicht alamode. – Was hängt da für ein grauer Haderlumpen? Wie kommt der daher? Hanne, wirf das alte Wämslein in die Lumpenkammer.“

Johanne nahm es über den Arm. Da erkannte sie es. Es war das ärmliche Kleid, in dem Hermann in die Mühle gekommen war. Seine Mutter mochte selbst das Garn dazu gesponnen haben, und auf der Brust hatte sie es mit einem blauen Läppchen geflickt. Unter diesem Lumpen hatte das Herz geschlagen, das ihr einst unverbrüchlich treu anhing, und das nun auf immer sich von ihr gewandt hatte. Mit zitternden Fingern zog sie den Faden heraus und barg das blaue Stückchen Zeug in dem verborgenen Fache ihres Nähkastens, darin schon eine blonde Haarlocke sich befand. Sie hatte, dieselbe einmal vom Boden aufgelesen, da die Mutter Hermann die Haare stutzte, weil ihr die goldig glänzenden Ringel gefielen. Es war ihr den ganzen Tag, als ginge ein Schmerz von den Fingerspitzen aus, die das Flickläppchen berührt hatten, und zöge zum Herzen und krampfe das zusammen.

Am Abend saß sie noch spät mit Trinen an der großen Küchentafel, und Beide lasen Linsen für den andern Tag. Es war ein traulicher Ort. Auf dem Herde, den der weite Schornstein überdachte, loderte ein helles Feuer und beleuchtete das gebräunte Fachwerk, welches die Wände überzog. In seinem Scheine glänzten rothe kupferne Kessel, goldig schimmerndes Messinggeräth und silbern gleißende zinnerne Schüsseln und Becher. Von dem rußigen Kreuzgewölbe der Decke schwebten Schinken und Speckseiten, und über dem mächtigen Hackklotze mit dem blank geschliffenen Beile hing der Salzbehälter, himmelblau bemalt und mit dem Spruche geziert: Habt Salz bei euch und habt Frieden unter einander. Aber an den beiden Frauen war kein Behagen zu verspüren. Johanne sah düster auf die unter ihren Fingern hinrollenden Körner, und kein Laut kam über ihre Lippen, als von Zeit zu Zeit ein tiefer Seufzer. Trine lugte sie von der Seite an und schüttelte dann das Haupt.

Endlich vermochte die treue Magd nicht länger zu schweigen. „Du bist krank, Jungfer Hannchen, Du hast Herzspann. Nein, laß mich reden. Das Weh hab’ ich gekannt, da Du noch im Wickelkissen lagst. Und da die Linsen gelesen sind, will ich Dir sagen, wie man dazu und davon kommt.“

Sie lehnte sich mit dem Rücken an den warmen Herd und erzählte geruhig, als sei es eine Historie aus alten Zeiten, die sie nichts anging:

„Wir waren Nachbarskinder drunten in Rudisleben und wollten uns heirathen. Er war gut, aber ein Sausewind, der lieber das Pferd des Schulzen in die Gera zur Schwemme ritt, als mit einer mageren Kuh sein Aeckerlein pflügte. Unsere Hochzeit stand nahe bevor. Da kam das Pappenheim’sche Volk vor Arnstadt, und dieweil die reichen Bürger sich loskauften, sengte und mordete es bei uns. Drei Tage hielten wir uns versteckt im Feldhölzchen. Wir hatten nichts zu essen, und des Morgens lag der Reif auf uns; denn es war zu Ende des Weinmondes. In der dritten Nacht sahen wir auf dem Thüringer Walde überall Feuer und im Dorfe war ein Blasen und Trappeln. Da der Tag graute, brach das Kriegsvolk auf; fort ging’s was hast du, was giebst du, nach Erfurt hin. Auch die scheckige Kuh sahen wir davon führen; eine Soldatendirne saß darauf.

Nun getrauten wir uns wieder gen Rudisleben. Das war nur noch eine Wüstenei. Die Bauern, die sich nicht geflüchtet hatten, lagen todt und verstümmelt auf ihren Misthaufen. Er stand wie erstarrt vor seinem Hause. Das hatte weder Thür noch Fenster; die Sonne schien hinein, denn das Strohdach war verbrannt. Das Geräth hatten sie zerbrochen und zerschlagen: was sie brauchen konnten, mitgenommen. Von den Hühnern fanden wir die Federn, von dem Schweine die Knochen. Der treue Haushund, der wohl gekläfft haben mochte, war aufgehangen. Da that er einen gräulichen Fluch, daß er es den Kaiserlichen heimzahlen wolle. Und in dem Augenblicke kam der Pfarrer gesprungen, barhaupt und barfuß – denn er hatte auch nur mit Mühe sein Leben geflüchtet – und rief: ,Der Gustavus Adolphus ist im Anzuge. Derohalb haben die Pappenheim’schen Reißaus gespielt.‘

Da lief er von meiner Seite fort. Ich dachte: er wird wieder kommen. Aber der Nachbar aus der Oelmühle, der mit ihm gegangen war, brachte mir von ihm die Botschaft, daß er unter das Volk des Königs sich habe anwerben lassen. Er finde keine Ruhe mehr, bis er der katholischen Soldateska ihre Schandthaten wett gemacht habe. Ich habe niemals wieder etwas von ihm gesehen und gehört.

Dazumal befiel mich das Herzspann, daß ich meinte sterben zu müssen. Aber da ich zu Euch in Dienst kam, that Deine Mutter dem vorigen Spittelvater, von dem der jetzige erst seine Kunst erlernt hat, mein Gebreste kund, und der sagte zu mir: ,Du mußt Deine Liebe verspünden in einen Baum; wie die Rinde verwächst, so verwächst die Liebe mit.‘ Da folgte ich seinem Rathe und kam mählich wieder zur Ruhe. Langsam geht es freilich; denn die Baumrinde wächst nur gemach. Aber endlich vernarbt Alles einmal. So sollst Du auch thun, Jungfer Hannchen, und ich will Dich die Kunst lehren. Es braucht auch kein Mensch zu erfahren, daß Du eine Liebe hast begraben müssen; denn in den großen Häusern haben die Mädchen auch noch das Kreuz, daß sie sich ob eines Herzeleids schämen müssen. Da hat es Unsereine noch besser.“

Und sie raunte Johannen leise in’s Ohr, und diese lauschte gespannt und prägte sich sorglich jedes Wort ein, auf daß sie keinen Fehler begehe.

Der nächste Tag war verschienen, die Mühle lag in tiefem Schlafe. Da rüstete sich Johanne zu dem ernsten Werke. Leise schlich sie dieselben Stufen hinab, die einst Hermann in bitterem Schmerze gegangen war. Durch das Hinterpförtchen schlüpfte sie hinaus. Der abnehmende Mond stand über dem Glockenthurme und leuchtete ihr. Scheu eilte sie in den Brunnengarten hinüber. Ihr Schatten glitt ihr voraus über die mit moderndem Laube bestreuten Wege; sie sah an ihm, wie sie unstät schwankte.

Zu der großen Weide, die neben dem grauen Wasserthurme stand, lenkte sie den Schritt. Der Unglücksbaum, wie das Volk die Weide nannte, war der rechte Gehülfe für ihr Vorhaben. Hatte nicht an einer Weide Judas, der Verräther, sich erhangen? Flicht man nicht aus ihrem falben Laube Kränze für treulos Verlassene? und aus ihren schwanken Zweigen dem unliebsamen Freier den Korb? Da stand er vor ihr, geborsten, krumm gebogen, gleich einem gichtbrüchigen Kobolde mit gesträubtem Haare. Die kalte Nachtluft zischte in seinen entlaubten Ruthen. Sie bohrte eine Höhlung in den morschen Stamm. Dann zog sie ein Papier hervor und wickelte daraus ein blaues Läppchen und einen goldblonden Haarringel. Sie hielt Beides in der Hand, und der Mond schien bleich darauf. In solch armem Gewande war er immer neben ihr hergegangen, demüthig, dankbar für die kläglichste Gabe, liebevoll nur darauf denkend, wie er dieselbe gut machen könne. Das verschabte Läppchen brannte ihr bis in die Seele; sie drückte es an die heißen Augen.

So wollte sie denn Abschied nehmen von dem letzten Angedenken an ihn. Selbst die Erinnerung wollte sie hingeben. Ihr Herz würde hinfüro nicht mehr ausschlagen, wenn sein Bild in ihr aufstieg, der zu ihren Jugenderinnerungen gehörte wie das Amen zum Vaterunser. Sie würde sich auch nicht mehr erfreuen können

an dem Gedanken, wie lieb er sie einstmals gehabt hatte. Es

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883). Leipzig: Ernst Keil, 1883, Seite 826. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1883)_826.jpg&oldid=- (Version vom 25.1.2024)