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Seite:Die Gartenlaube (1883) 822.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883)

Sie hielt ihn aufrecht. „Ja, Herr Fischer. Das ist ein standhafter Mann, der eine schwache Jungfer wohl zu leiten versteht.“ Sie lenkte seine Schritte dabei abwärts vom Rieth dem Hopfenbrunnen zu, wo ihre Eltern wohnten.

Im mondbeschienenen Giebelfelde des Rathhauses stand in Stein gehauen die Urmutter des Menschengeschlechtes, Frau Eva, mit ihrem Adam und schaute wohlgefällig herunter. Sie konnte sich freuen; heut noch wie vor sechstausend Jahren machten die Weiblein die Männer link und recht. Unter dem Läuten der Bierglocke gab Nicolaus der Barbara den Verlobungskuß. Dann führte die junge Braut ihren Bräutigam in das elterliche Haus, trommelte Vater und Mutter aus den hohen Betten, um ihnen die eben gethane Werbung des größten Brauherrn anzuzeigen, und dann wurde mit einem letzten Trunk der Bund besiegelt. Nikel hatte sich einen Rausch und eine Braut zugleich angehäugt, wie das vordem und nachdem manchmal im heiligen römischen Reich deutscher Nation geschehen sein soll.

Nun waltete Stille in Arnstadt. Auch die Bierglocke schwieg. Der Mond schaute in die schneebedeckten Straßen. Die spitzgiebeligen Häuser lagen wie ausgestorben, einzig bewacht von den alten Hütern, die in bunten Farben gemalt über den rundbogigen Hausthüren prangten.

Da ging die Muhme Schmidtin nach Haus. Jetzt kam sie auf den Markt. Das Rathhaus mit seinen zwei reich verzierten Giebeln, über denen sich die Thürme erheben, lag vor ihr, taghell von dem Vollmond beleuchtet. Scheu streifte ihr Blick hinüber. Da neben dem Halseisen dräute der Lästerstein, mit dem man sie allezeit zum Schweigen bringen wollte. Es war ein gräulicher Steinkopf mit herausgestreckter Zunge und der Inschrift:

„Zum Lästerstein bin ich genannt,
Den bösen Zungen wohl bekannt.
Wer Lust zu Zank und Hader hat,
Der muß mich tragen durch die Stadt.“

In mitternächtiger Stunde nehmen die Dinge eine andere Gestalt an in den Augen der Menschen. Die Muhme machte einen weiten Bogen um das gräuliche Bildniß, dem sie eben noch mit ihrer Zunge Trotz geboten hatte. Aber sie mußte doch hinüber blicken. Da war es ihr, als wanke der Lästerstein leise. Vielleicht machten das Bier und der Mond zusammen eine Conspiration gegen die Muhme. Ihr grauste. Wankte nicht auch das Richtschwert an seinem Haken, wenn ein in Zukunft ihm Verfallender davor trat? Sollte es ein Vorzeichen sein? Sie beeilte ihre Schritte. Es war ihr, als werde für und für ein Eimer Wasser über ihren Rücken hinab gegossen. Sie ging immer schneller – endlich lief sie. Sie rannte in’s Kranichhaus am Sperlingsberg und schlug die Thür der harrenden Magd fast vor die Nase. Hinauf ging’s in die Stube. Kaum hatte sie die Kleider vom Leibe gebracht, so stürzte sie in’s Bett und zog die dick aufgeblähte Bettdecke über den Kopf. Denn seit unvordenklichen Zeiten wird aus unerforschlichen Gründen das Deckbett als beste Schutzwehr gegen Gespenster erachtet.




Dieweil die Stadt höchlich sich verwunderte, daß der Nicolaus Fischer, als welcher für den fürnehmsten Hahn im Korbe galt, das Lerchenei freite, die Gefreunde im Brotkorb’schen Hause wie in einem Taubenschlage ein- und ausflogen und der Braut Glück anwünschen thäten, ging das Leben in der Papiermühle seinen stillen Gang. Zacharias vertröstete noch immer mit seiner Rückkehr auf spätere Zeit. Nun sollten erst die Löcher und Fahrgeleise der Landstraße von den Frühlingsregengüssen wieder austrocknen, auf daß er nicht auf selbiger den Hals bräche.

Johanne behielt nach wie vor die ganze Sorge um den Betrieb der Papiermühle auf dem Halse. Mit dem ersten Ruf des Morgenglöckchens war sie schon munter und paßte den Mühlknechten auf den Dienst. Am späten Abend, wenn Niemand mehr wachte als das Käuzlein auf dem Glockenthurm, stand sie noch in der Wohnstube und schabte aus fertigen Papierbogen mit einem feinen Messer die kleinen Fasern und Flecken. Das war die Stunde, wo sie Zeit fand aufzuschluchzen. Mutter und Geschwister schliefen. Dann mußte sie denken, welch frohes Arbeiten es gewesen war, da Hermann ihr noch zur Seite stand, und sie verhehlte sich nicht, daß sie so übel ohne ihn fuhr, wie er dereinst ohne sie gefahren war. In die rastlose Arbeit, in die Sorge um das nächste Tagewerk traf ein Brief von Zacharias. Er lautete:

„Frankfurt, im Wonnemonat des Jahres 1651.

Vielwerthe Frau Mutter, liebe Brüder und Schwestern.

Mit Freuden ergreife ich die Feder, um Euch zu vermelden, wie viel Glück und Ehre Ihr an Eurem Sohn und Bruder erlebt. Der gütige Gott hat es also wohl gefügt, daß mir die großehrenreiche Jungfer Marzibilla Emmel aus der Buchdruckerei, dahin mein Herr das Papier liefert, ihre Gunstbewogenheit geschenkt hat, und ich verhoffen darf, sie als mein Ehegemahl seiner Zeit heimzuführen in unsere Papiermühle. Obbemeldete Jungfer ist aus der Sippe des großmächtigen Herrn Egenolf Emmel, der eine Zeitung druckt und verlegt, welche jegliche Woche einmal pünktlich an demselben Tage die Menschheit in den Welthändeln unterweist. Die ganze Sippschaft steht groß da, und wird das kleine Arnstadt wohl die Augen aufsperren, wenn meine erkieste Gesponsin in ihrem plümerantnen Kleid alldorten ihren Einzug hält. Es würde mich ein Wunder dünken, so ihre Aussteuer Raum fände in unsrer Mühle. Item meine hochgeliebte Jungfer Braut hat das Ihrige. Solches könnt Ihr der guten Stadt Arnstadt derweilen unter die Nase reiben.

Derohalben thu ich Euch zu wissen, daß Ihr sofort Werkleute zu bestellen habt, um gebührenden Platz für uns zu schaffen. Die Frau Mutter muß in die Wasserstube übersiedeln, und für die jüngeren Geschwister sollen die Bodenkammern ausgebaut werden, davon in verwichnen Jahren Hermann die eine bewohnte. Hanne wird bis dahin unter die Haube sein, und ich gedenke ihr Erbtheil sofort auszuzahlen, auf daß Niemand sich unterfangen darf, fürder in mein Werk hineinzureden. Sorget, daß nach meinem Wort verfahren wird.

Denn gen Arnstadt zu ziehen vermag ich anjetzo noch nicht. Möchten sonst leicht neidische Gefreunde mir Pflöcklein stecken bei der großgeachten Jungfer Marzibilla, also, daß statt eines christlichen Ehestandes ein großer Unrath angestiftet würde. Ich gedenke auch noch firmer in meiner Kunst zu werden, habe diesen kostbaren Bogen nur derohalb spendiret, damit Ihr aus demselben ersehet, wie weit dahinten Ihr mit Eurem armseligen Machwerk geblieben seid.

Die Gnade Gottes, die mich sichtbarlich auf ebnem Pfade geführt hat, walte auch ferner über mir. Dieses wünscht

Euer lieber Sohn und Bruder Zacharias.“

Johanne sah die Mutter an, was sie zu dieser Epistel sagen würde.

Aber die gehörte zu denjenigen Frauen, welche an den Befehlen eines Mannes nie zu rütteln wagen, dieweil sie fest überzeugt sind, die Herren der Schöpfung seien mit besonderer Weisheit begabt worden. Sie vergaß in mütterlicher Opferwilligkeit ihre Verweisung in die ewig vom Mühlwerk schlitternde Wasserstube; sie sah ein: die Jugend braucht Platz, das Alter muß sich zurückziehen. Wie bald – und die anderen Kinder waren auch flügge und verließen das Nest, in dem sie dann reichlich Raum fand für ihren Lebensabend. Sie freute sich schon jetzt darauf, wie sie alsdann an dem wohlhabenden Haushalt sich erheben und erlaben wollte.

Johanne sah ein, daß die Zeit nahe beihanden war, da sie das fünfte Rad am Wagen wurde. Das war nun die fürnehme Familie, der sie ihre junge Kraft, ihr Glück geopfert hatte! Es dachte Niemand an sie, Niemand sagte ihr Dank. Und wieder mußte sie an ihn denken, von dem sie auch jedes Opfer angenommen und mit Undank gelohnt hatte. Mit dem Maße, mit dem sie gemessen, wurde ihr gemessen. Und dennoch! So bitter die Erkenntniß war, athmete sie doch auf. Sie sah die Zeit vor sich, da das schwere Joch der Pflicht, die sie ohne Freude that, von ihr genommen wurde, wo sie, wenn auch nicht zum Glück, doch zur Ruhe kommen durfte. Vor der Einsamkeit graute ihr nicht; seit Hermann für immer gegangen, blieb sie am liebsten allein.

Während die Mutter freudig der treuen Trine die frohe Botschaft mittheilte, die Geschwister auf die hopsende Wasserstube sich freuten, wie Kinder auf jegliche Veränderung, stahl sie sich davon. So gern, wie sie sonst nach den Linden des Maienfestes gegangen war, so gern wandelte sie heuer nach den Linden des Gottesackers, denn ihr Humor war gar melancholisch geworden.

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883). Leipzig: Ernst Keil, 1883, Seite 822. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1883)_822.jpg&oldid=- (Version vom 25.1.2024)