Zum Inhalt springen

Seite:Die Gartenlaube (1883) 804 b.jpg

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Verschiedene: Die Gartenlaube (1883)


vormals Eduard Hallberger, in Stuttgart. War der erste Band derselben eine Zierde des Weihnachtstisches im vorigen Jahre, so bietet die Verlagshandlung jetzt die doppelte Ueberraschung dar, daß nicht nur der zweite Band indeß vollendet, sondern auch der dritte noch zum Festgeschenke für diese Bescheerung bestimmt ist. Der zweite Band bringt zu „Götz von Berlichingen“ die Illustrationen von Alexander Wagner, zu „Egmont“ von C. Schick, H. Kolb und C. Häberlin, zu „Iphigenie auf Tauris“ von C. Schick, A. Schmitz und Ferd. Keller, zu „Torquato Tasso“ von Herm. Schneider, zu „Die natürliche Tochter“ von Otto Seitz, zu „Faust“, 1. Theil, von Franz Simon, zu „Faust“, 2. Theil, von Franz Simon, H. Schmidt-Pecht, C. Kanoldt und C. Brünner. Den dritten Band füllen mit ebenso zahlreichen und vortrefflichen Illustrationen „Clavigo“, „Stella“, „Die Geschwister“, ferner die „Leiden des jungen Werther“ und „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ aus. Eine illustrirte Prachtausgabe von Friedrich von Schiller’s Werken ist aus derselben Verlagsanstalt hervorgegangen.

Es ist ein wohlthuender Gedanke, daß die Werke der Männer, die zu den höchsten Zierden ihrer Nation gehören, auch in würdigster Weise von der Kunst geschmückt werden, und sind solche Literaturschätze vor der Hand auch nur den Wohlhabenderen zugänglich, so darf man doch der Hoffnung leben, daß sicherlich auch noch für die Möglichkeit einer Verbreitung derselben in weiteren Volkskreisen gesorgt werden wird.

Würdige Festgaben sind die beiden den obigen Prachtwerken als wissensschaftliche Begleiter sich anschließenden musterhaften Lebensbeschreibungen unseres Weimarischen Dichterpaares, „Schiller’s Leben und Wirken von Emil Palleske und „Goethe’s Leben und Wirken von G. H. Lewes, deutsch von Dr. Julius Frese“, von deren ersterer uns die elfte, von deren letzterer uns die vierzehnte Auflage, beide im Verlage von Karl Krabbe in Stuttgart, vorliegt.

Für Tausende ist es sicherlich eine Freudenbotschaft, daß auch Christoph von Schmid, der Verfasser der „Ostereier“, mit seinen „Gesammelten Schriften“ wieder in die Hände unserer Jugend kommt. So unverwüstlich wie der „Robinson“ haben als Kinderlust die „Ostereier“ sich durch Generationen erwiesen, und mit diesen eine nicht geringe Anzahl seiner dem Herzen der Jugend wie abgelauschten Geschichten. In 18 Bändchen, jedes mit 8 Textillustrationen und einem colorirten Titelbilde, sind „Christoph von Schmid’s Gesammelte Schriften“ im Verlag von Louis Finsterlin in München erschienen.

Eine Fortsetzung unserer Weihnachts-Literatur-Empfehlung aus Nr. 47 führt uns zu den zum Theil äußerst schmuckreich auftretenden lyrischen Spenden unserer Dichter.

Voran schreite ein alter Dichter von bestem Namensklang: Julius Sturm in Köstritz, dessen „neue Gedichte“ unter dem Titel „Natur, Liebe, Vaterland“ bei F. A. Brockhaus in Leipzig erschienen sind. Was sagen die Frauen zu dem, was er als „das ganze Glück“ besingt?

„Ich wähnt’, es könne nichts süßer sein,
Als heimliches Küssen und Kosen
Im Garten, wenn der Vollmondschein
Liebäugelt mit den Rosen.

Doch als ich dich zum Weib gewann,
O Fülle seliger Stunden!
Da hab’ ich erst als ganzer Mann
Das ganze Glück gefunden.“

An den Vater schließt sich der Sohn an: von August Sturm, der uns im vorigen Jahre mit einem „Thüringer-Wald-Märchen, Zauberstück in fünf Aufzügen“ (Rudolstadt bei F. Witzlaff) erfreute, liegt vor uns: „Auf Flügeln des Gesanges. Ein deutsches Liederbuch.“ (Neuhaldensleben, A. Besser.) Der Junge theilt mit dem Alten das warme Herz und hat die Jugendfrische dazu. Ihm werden viele Männer Recht geben, wenn er an E. von Hartmann, den pessimistischen Philosophen, die Verse richtet:

„Ja, Du hast Recht, die Welt ist älter worden!
Doch Deine Lehren machen sie noch älter
Und Deine Weisheit macht die Herzen kälter,
Du mahnst die Welt, sich selber zu ermorden!

Doch frei ist unser Wille, und wir wollen
Der Welt zum Troß die Freiheit uns erküren
Und sie aus dieser Zeit zu bess’rer führen,
Und lassen Dich mit Schopenhauer grollen!“

In vierter Auflage sind erschienen „Gedichte von Max Moltke“. Leipzig, Verlag von J. G. Findel. Wenn Rud. von Gottschall in seiner „Geschichte der deutschen Nationalliteratur“ diesen Gedichten nachrühmt, daß in ihnen der Ton des volksthümlichen, sangbaren Liedes oft in ausnehmend glücklicher Weise getroffen sei, und zwar mit einem frisch aus dem Herzen strömenden Fluß und Guß, markig, ohne Affectation, so wird diese Anerkennung wohl geeignet sein, die Theilnahme der deutschen Weihnachtsbescheerer diesem in unaufhörlichem Sorgenkampf befangenen Dichter zuzuwenden. Das Buch ist weihnachtsfestlich ausgestattet.

In feinem und geschmackvollem Gewande präsentirt sich ein Bändchen Gedichte unter dem Titel: „Erde und Eden“ von Ernst Harmening (Jena, Fr. Mauke’s Verlag [A. Schenk]). Diese Lieder sind einem frischen, freien Geist und einem warmen und braven Herzen entsprungen. Es weht akademische Luft durch diese Blätter, aus welchen auch Componisten Vieles für sich finden könnten.

Ebenfalls in schmuckem Gewande und neuer Auflage empfehlen die „Haiderosen“ Karl Schäfer’s (Darmstadt, Arnold Bergsträßer’s Verlag) sich dem spendelustigen Christmarktsgaste. Gedichte, wie das ergreifende: „O Mutter, wenn ich dein gedenke“, und viele der frischen Wanderlieder werden sich rasch in die Herzen einschleichen. Eine heitere Weihnachtsscene, „Die Muhme“ (die Oscar Pletsch uns illustriren wird), ist vom Componisten der „Martha“, F. von Flotow, in Musik gesetzt worden. Auch des Dichters Heimath, der sagenreiche Odenwald, hat durch ihn manche glückliche Verherrlichung erfahren.

Die im J. G. Cotta’schen Verlag in Stuttgart erschienenen „Gedichte von Martin Greif haben ebenfalls bereits die 3. Auflage erlebt. Der Dichter führt uns gern und oft und zu jeder Jahreszeit in der freien Natur herum, der er manches schöne Bild abgelauscht hat. Er theilt seine reiche Sammlung in Lieder, Naturbilder, Balladen und Romanzen, deutsche Gedenkblätter, Widmungen und Sinngedichte. Auch dieses Buch verdient es, daß es Freuden bereiten helfe.

Beliebte Festgeschenke waren von jeher und sind noch immer die unter den verschiedensten Titeln auftretenden Blumenlesen, Anthologien und dergleichen Sammlungen. Sie fehlen auch nicht auf diesem Weihnachtsmarkt.

Den stattlichsten Eindruck macht das Werk eines hochgeachteten Lehrers: „Lebensworte aus dem Munde guter und großer Menschen aller Zeiten und Völker für Geist und Gemüth. Herausgegeben von J. D. Lüttringhaus“. (Lüdenscheid, Verlag von W. Crone jun.). – Als erklärendes Vorwort für den Zweck seiner Arbeit läßt der Verfasser Bodenstedt’s Verse aus „Mirza Schaffy“ gelten:

Wenig große Lieder bleiben,
Mag ihr Ruhm auch stolzer sein;
Doch die kleinen Sprüche schreiben
Sich in’s Herz des Volkes ein,
Schlagen Wurzel, treiben Blüthe,
Tragen Frucht und wirken fort:
Wunder wirkt oft im Gemüthe
Ein geweihtes Dichterwort.“

Man schlägt in der That kein Blatt dieses Buches auf, ohne einen schönen, oder guten oder großen Gedanken mit fort zu nehmen.

Einen ähnlichen Zweck, aber in engeren Grenzen, verfolgt Rhingulph Wegener in seinem Büchlein: „Die Sprache des Herzens“. Liederalbum für Damen. Aus den neuesten deutschen Dichtern gesammelt. 4. Auflage. (Jena, Fr. Mauke’s Verlag [A. Schenk].)

Ein weiteres Feld bebaut wieder: „Christoph Lehmann’s Blumengarten, frisch ausgesäet, aufgeharkt und umzäunt von einem Liebhaber alter deutscher Sprüche und Weisheit. Volksausgabe“ (Berlin, Karl Duncker’s Verlag [C. Heymons]). Wir erhalten mit dieser werthvollen Gabe die schon von Lessing begonnene Auswahl aus einem alten berühmten Werke, dem zuerst 1630 auf des Autors Kosten gedruckten „Florilegium politicum. Politischer Blumengarten. Darinn außerlesene Politische Sententz, Lehren, Reguln und Sprüchwörter aus Theologis etc. und eygener erfahrung etc. zusammengetragen.“ Wir werden auf Mann und Buch an anderer Stelle zurückkommen.

Unter die Veröffentlichungen verwandter Art gehören ferner die von Otto Wermann in Altenburg verlegten „Trinksprüche. Eine Auslese der schönsten alten und neuen Sprüche in Wirthshäusern, Trinkstuben und an Trinkgeräth. – Sogar ein „Schillergarten. Eine systematisch geordnete Blumenlese aus Schiller’s sämmtlichen Werken von S. Blumenau (Bielefeld, Verlag von Aug. Helmich) hat zu Weihnacht ein Festkleid erhalten.

Noch ein musikalisches Werk muß hier erwähnt werden. Der bekannte Componist des populär gewordenen Liedes „500,000 Teufel“, Graben-Hoffmann, hat vor Kurzem eine „Neue Liederspende für die Jugend“ unter dem Gesammttitel „Frühlingsstimmen“ (Dresden, L. Hoffarth) herausgegeben. Die an und für sich sehr mannigfaltige Sammlung ist durch Originalbeiträge von F. von Hiller, C. Reinecke und Graf Bolko von Hochberg bereichert; in gemüthlichen Familienkreisen wird sie ohne Zweifel viel Freude bereiten und die fröhliche Kinderschaar oft um das Clavier versammeln.

Ohne Anschluß an die obige Reihe stehe hier noch ein Sammelwerk, dem wir recht warme Anerkennung und weite Verbreitung auch im deutschen Reiche wünschen, nachdem es dieselbe in Deutsch-Oesterreich bereits gefunden zu haben scheint. Es ist dies das erste nordböhmische Dichter-Album, das unter dem Titel „Spitzberg-Album. Dichtungen aus Nordböhmen, gesammelt von Dr. L. Hantschel und Professor A. Paudler (Leipa, Jg. Widinsky) erschienen ist, weil der Ertrag desselben zum Besten des Fonds für Erbauung eines Aussichtsthurms auf dem Spitzberg bei Böhmisch-Leipa bestimmt worden war. Dieses Buch ist ein glänzendes Zeugniß für den hohen Bildungsgrad, auf welchem die Böhmen deutscher Zunge stehen, und für die mannhafte Gesinnung, welche sie vertreten. Wir begegnen auf den 410 Seiten dieses Albums einer großen Anzahl nach Form und Inhalt trefflicher Gedichte, und wenn Einzelnes verräth, daß nicht blos patriotische Dichter, sondern auch dichtende Patrioten an diesem gemeinsamen Zeugniß deutschen Geistes im Böhmerland gearbeitet, so begrüßen wir auch das mit herzlicher Freude. Ja, mit Freude stimmen wir der Schlußstrophe des „Deutsch-österreichischen Liedes“ von Heinrich Möchel bei:

Deutsch-Oesterreich, du herrlich Land,
Den Schwur hör’ deiner Söhne,
Der von der Elbe grünem Strand
Zur Adria hin dröhne;
Ob hundert Zungen, dichtgeschaart,
Um uns herum erschallen,
Wir lassen nicht von unsrer Art,
Wir bleiben deutsch vor allen!“




Unter Verantwortlichkeit von Dr. Friedrich Hofmann in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.
Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1883). Leipzig: Ernst Keil, 1883, Seite 871. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1883)_804_b.jpg&oldid=- (Version vom 26.1.2024)