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Seite:Die Gartenlaube (1883) 757.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883)

No. 47.   1883.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt.Begründet von Ernst Keil 1853.

Wöchentlich 2 bis Bogen. 0 Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.


Glockenstimmen.

Eine Bürgergeschichte aus dem 17. Jahrhundert.
Von Stefanie Keyser.
(Fortsetzung.)

Sobald das Anschlagen der Glocke den Schluß der Betstunde verkündigt hatte, waren die Bewohner der Stadt nach dem Maienfeste hinausgezogen. Das war ein lustiger Ort. An der einen Seite begrenzte ihn der gräfliche Ziergarten mit seinen Taxushecken, Wasserkünsten und Vogelhäusern, an der andern der rauschende klare Gerafluß. Feiner Rasen überzog den Boden, und mächtige Linden breiteten ihre jetzt mit Blüthen bedeckten Aeste schattend darüber. Am Rande des Angers waren Buden erbaut, in denen die auf dem Roste bratenden Würste mit den frischen Semmeln um die Wette lockten. Das Bier aber wurde in einem kühlen Keller geschänkt, der in den Hügel zur Seite gewölbt war.

Gar stattlich schritten die Brauherren heran. Schien auch die Sonne glühend vom Himmel, so trugen sie dennoch ihre mit kostbarem Marderfelle verbrämten Mäntel auf den Schultern, ihre Frauen die schweren ganz güldnen Hauben auf den gravitätisch aufgerichteten Köpfen; denn Hoffahrt muß Gezwang leiden. Die ehrbaren Meister nahten, und der Stolz des vollbürtigen Bürgers blähte sich in den Falten ihrer Sonntagsröcke von feinem Tuche, mit Borten besetzt, und raschelte in den bolzgerade getragenen schwarzseidenen Pfauenschweifhauben ihrer Ehegesponsinnen. Selbst der Bürgermeister Feldhaus fand sich ein, schwarz gekleidet, wie es den Rathsmannen zukam, und an Hals und Händen mit mächtigen weißen Ueberschlägen geziert. Er hatte die Hand in die Seite auf den Griff des Degens gestützt und grüßte mit dem runden Haupte leutselig nach allen Seiten. Respectvoll einen Schritt hinter ihm wandelte der Rathskämmerer. In langen Reihen sich führend, trippelten die sittsamen Töchter der Stadt heran, wohl beschaut von den Junggesellen, deren bunte Bandrosetten an Wämsern und Beinkleidern mit ihren Gesichtern wetteiferten in Rundung und Farbenpracht.

Unter einer Linde ballten sich die Jungfern zusammen, um das Biergewölbe schaarten sich die Junggesellen. Dann hielten die hoffnungsvollen Sprößlinge der Stadt ihren Umzug mit den geschmückten Maien. An ihrer Spitze wurde ein schneeweißes Lämmlein, mit Blumen und Bändern verziert, geführt. Der Brauch mochte aus uralter Heidenzeit stammen und der letzte Rest eines Opferfestes im Frühling sein.

In den Aesten der größten Linde war ein hölzerner Pfeiferstuhl errichtet, und darauf sammelten sich die Spielleute: der Stadtpfeifer mit der Zinke, der bucklige Zunftpauker, ein Fiedler und ein Trompeter, der von kaiserlichem Kriegsvolke während einer Einlagerung in Thüringen zurückgeblieben war. Von seiner Feldtrompete flatterte noch das verblichene Fähnlein mit dem eingestickten Adler. Mit einem Walzer huben sie den Tanz an. Bald wiegten sich die jungen Paare auf dem weichen Rasenteppiche im schleifenden Tanzschritte, derweilen die Linden dufteten, die Finken und Grasmücken in ihren Zweigen schmetterten, und die goldnen Sonnenstrahlen, durch das Gezweig in tausend Lichter gebrochen, auf dem lustigen Reigen spielten.

Erst als der Tanz vorüber war, erschien Johanne. Es entstand unter den Männern und jungen Gesellen ein wohlgefälliges Räuspern, als sie vorüber klappte; aber sie schaute nicht rechts und nicht links, wie für eine sittsame Jungfer sich ziemte.

Alsbald steuerte Fischer breitspurig auf sie los. Er zog sie zu einem Zweitritt auf. Sie verstauchte sich gebührlich und flog dann mit ihm in festem Schritte unter den Linden dahin, daß ihr weiter Rock gleich einem Rädlein sie umkreiste.

Da, wo die Gera unter dunklen Ulmen rauschte, stand Hermann und schaute herüber. Wohl zuckte auch in seinen jungen Füßen die Tanzlust auf; aber mit Hannchen durfte er keinen Reigen wagen, sie schwenkte sich nur mit Ihresgleichen, und unter den Mädchen seines Standes hatte er keine Bekanntschaft – auch kein Gelüst nach ihnen. Er sah es gar nicht, daß jetzt des Schneiders Mädchen an ihm vorüber strich und seine hübsche schlanke Gestalt musterte. Sein Auge folgte Hannchen, wie sie an der Hand ihres Tänzers ehrbar zu ihrem Platze zurückkehrte, dann aber sich abwandte und in die blühenden Linden hinauflugte, aus denen das Gesumme der Bienen tönte, und er sagte sich lächelnd: jetzt freut sie sich darüber, daß unsere Bienen so reichliche Honigtracht haben. Er wußte selbst nicht, warum ihm so wohl wurde bei dem Gedanken, daß sie lieber an das Bienenhäuschen im Garten beim Wasserthurme dachte, als an die reichen Bürgersöhne.

Jetzt hub die Musik zum Schmoller an. Wieder stolzirte Nicolaus auf Johannen zu; aber diese sprach den Vetter Rathsbrunnenmeister um einen Tanz an. Der würdige Mann legte seinen Mantel ab und, die Arme in die Seite gestemmt, trutzig gegen einander tanzend, sausten sie dahin.

Nicolaus aber blieb vor der Barbara Brotkorbin stehen, die sich ihm in den Weg schob. Er glühte wie ein Zinshahn, und da er sich über die Henningin ärgerte, warf er den Musikanten eine Handvoll Batzen zu, schrie: „Lustig!“ und bestellte den Capriolentanz. Das war ein alter wilder Hupfauf, darin ein

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883). Leipzig: Ernst Keil, 1883, Seite 757. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1883)_757.jpg&oldid=- (Version vom 20.1.2024)