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Seite:Die Gartenlaube (1883) 746.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883)

Pürschwagen so nahe als möglich heran gefahren, und mit vereinten Kräften wird der Hirsch nicht ohne einige Mühe aufgeladen. Da ruht er nun neben seinem Rivalen – sie hatten vielleicht die ganze Nacht hindurch gekämpft, und noch vor wenig Stunden dröhnte ihr trotziger Ruf durch den weiten schweigenden Wald – nun liegen sie still und friedsam neben einander, im engen Raum zu einem formlosen Knäuel zusammengezwängt – nur die Köpfe mit den stolzen Geweihen haben wir sorglich herausgestreckt und befestigt.

Die Pfeifen sind in Brand gesetzt. – Einsitzen! – Alles in Ordnung? – Ja! – Fort! – Und in raschem Trab fördern die dampfenden Gäule den ächzenden Pürschwagen über den holprigen Knüppeldamm der Chaussee zu, welche zum fernen gastlichen Forsthause führt. L. B.




Eine chinesische Seeräubergeschichte.

Aus dem Originalberichte eines Seecapitains.

Vor Kurzem brachten die Zeitungen ausführliche Berichte über die Plünderung, welche die Söhne des himmlischen Reiches wieder einmal in Canton an europäischen, namentlich aber an deutschen Einwohnern glücklich ausgeführt hatten, und fast zu derselben Zeit gelangte in unsere Hände ein leider etwas verspäteter Bericht eines Hamburger Capitains, welchem chinesische Fischer sein Schiff nach allen Regeln des Piratenhandwerks ausgeraubt hatten. Der schlichte Bericht giebt ein so lebenswahres Bild der traurigen Verhältnisse, die in den chinesischen Gewässern herrschen, daß er ohne Zweifel das Interesse unserer Leser erwecken wird.

Die Brigantine „Mataram“, Capitain Robert Hertzberg aus Hamburg, ging am 26. April dieses Jahres unter holländischer Flagge von Hongkong nach Amoy und hatte außer dem genannten Capitaine folgende Besatzung an Bord: den Steuermann M. Lindner aus Fehmern, zwei malayische Bootsleute mit ihren Frauen, einen chinesischen und einen malayischen Koch, sowie acht malayische Matrosen. In Folge eines Sturmes gerieth dieselbe am 1. Mai in der Nähe der Pratasinsel auf Untiefen und blieb auf einem gesunkenen Korallenriff festsitzen.

„Damit das Schiff bei etwa steigendem Wasser nicht höher auftreiben konnte,“ schreibt uns Robert Hertzberg, „ließ ich beide Anker fallen. Die Luft klärte sich auf, doch blieb der Himmel bewölkt und hatte ein drohendes Aussehen. Deshalb befahl ich, all meinen schönen Kajütenproviant und unser Zeug in die Boote zu packen, um dies vorläufig an Land in Sicherheit zu bringen, im Falle wir etwa das Schiff über Nacht verlassen müßten. Blieb das Wetter gut und bekamen wir das Schiff wieder flott und in tiefes Wasser, so konnten wir dies immer wieder leicht an Bord nehmen. Ich wollte den Steuermann mit den Booten an Land schicken und selbst mit drei Mann an Bord bleiben, um das Ausschleudern des Wurfankers vorzubereiten. Das Schiff war zur Zeit noch unversehrt und völlig dicht, Masten, Segel, Takelwerk, Alles in guter, seetüchtiger Ordnung. Als die Boote fertig waren, ließ ich noch den Proviant, die Reis-, Fisch- und Fleischfässer aus dem Unterraume, wo sie mit als Ballast dienten, nehmen und in’s Zwischendeck setzen, damit sie beim etwaigen Leckwerden des Schiffes nicht beschädigt werden konnten.

Als wir noch hierbei beschäftigt waren, sahen wir plötzlich sechs Sampans (Boote), voller Chinesen, von der Insel aus auf’s Schiff zugerudert kommen. Die Malayen fingen an, sehr ängstlich zu werden, während ich, der ich die Piratentage längst vorüber wähnte, mich schon freute, nun wahrscheinlich kräftige Hülfe zu bekommen. Bald waren die Chinesen längsseit, sie prüften Alles mit wilden, gierigen Augen, beriethen sich kurz, dann, meines Zurufens ungeachtet, kletterten sie wie die Katzen an den Rüsten in die Höhe und an Bord und begannen, sämmtlich mit Aexten und mit großen Hackmessern bewaffnet, die raffinirteste Plünderung. Die erschreckten Malayen stürzten sofort, bis auf die drei Mann, die ich zum Hierbleiben bestimmt, in die bereitliegenden Boote, und gab ich dem Steuermann Ordre zum Abstoßen. Ich sah die Chinesen auf den Raaen mit ihren scharfen Beilen die neuen, schönen Segel herunterhauen, hörte das Krachen der Axthiebe in der Kajüte und versuchte nochmals durch Zeichen und Zurufe sie zurückzuhalten. Da kamen die drei Malayen und weigerten sich, länger an Bord zu bleiben, da die Chinesen drohten, sie zu tödten. Zu gleicher Zeit sprang ein Bandit mit erhobener Axt auf mich los, mit augenscheinlich nicht sehr freundlicher Absicht; ich fiel ihm noch eben rechtzeitig in den Arm und einer der chinesischen Anführer kam hinzu und war so vernünftig, den Kerl und seine herbeistürzenden Collegen zurückzuhalten; doch bedeutete man uns, daß wir uns schleunigst zu entfernen hätten. Ich sah das völlig Nutzlose des Widerstandes, und da das dritte der Boote noch nicht abgestoßen war, schickte ich erst die drei Malayen hinein und folgte dann, mit bitterschweren Gefühlen – als Letzter selbst nach.

Ich ließ die Boote nach der uns zugekehrten Südseite der Insel rudern. Wir landeten unbeschädigt etwa dreiviertel Seemeilen vom Westende derselben, schleppten alles Zeug und Proviant auf die Dünen in die niedrigen Büsche und zogen die Boote hoch auf den Strand; dann schlugen wir, so gut es ging, ein Lager auf und richteten uns ein, aus den Bootsegeln und einigen mitgenommenen Persenningen (in der Seemannssprache getheertes Segeltuch) kleine Zelte aufbauend. Pratasinsel ist von Hufeisenform, zwar nur niedrig, doch ziemlich ausgedehnt; auf der uns gegenüber liegenden Nordseite schienen einzelne Bäume zu stehen, sonst ist der Rücken der Insel nur mit niedrigem, krüppligem Buschwerk bewachsen, während der ganze Strand, so weit das Auge reicht, mit alten Schiffstrümmern bedeckt ist. Die Malayen griffen sich Seemöven (die gerade Brutzeit hatten und überall mit Eiern und Jungen in Massen herumsaßen), dann schleppten sie von den alten Wrackstücken zusammen, und bald hatten sie mehrere tüchtige Lagerfeuer im Gange. Vor dem Lager, auf der höchsten Stelle der Düne, ließ ich den längsten Bootsmast aufrichten und dann die holländische Flagge aufhissen.

Abends erschienen etwa ein Dutzend Chinesen und verlangten das Großboot. Ich hätte es ihnen abschlagen können, doch wäre dies, sobald sie, wie vorauszusehen, in Masse erschienen, nicht länger möglich gewesen, daher machte ich gute Miene zum bösen Spiel und ließ es ihnen schließlich nach langem Unterhandeln gegen die Bedingung, daß man uns die Hälfte der Reis-, Fisch- und Wasservorräthe, sowie zwei größere Segel zu Zelten abgeben und das Boot zurückbringen sollte, sobald sie es nicht mehr brauchten. Die ganze Nacht hielten wir Wache und ließen ein mächtiges Feuer brennen. Die Chinesen schlichen beständig um’s Lager herum, stahlen allerlei Kleinigkeiten, doch der erwartete Ueberfall erfolgte glücklicher Weise nicht.

Am Morgen (2. Mai) verlangte ich von den Chinesen die Erfüllung der gestern Abend vereinbarten Bedingung, doch wurde dies rundweg abgeschlagen und mir bedeutet, daß sie den Proviant selbst nöthig hätten, nur Wasser wollte man uns erlauben, selbst von Bord zu holen. Durch unseren chinesischen Kajütenkoch, der als Dolmetscher fungirte, erfuhren wir, daß von einer Flotte von sechs großen Fischerdjunken drei Stück an der Ostseite der Insel verankert lägen. Die drei anderen wären im letzten Teifun[1] an der Südseite gestrandet, die Mannschaften jedoch gerettet. Zusammen wären gegenwärtig sechsundachtzig Mann auf der Insel, und blieben sie vorläufig mindestens so lange hier, bis Eintritt beständig schönen Wetters erfolgte – unsere Proviantvorräthe wären ihnen daher sehr willkommen.

Unsere Lage war nun sehr ernst, nur die Kajüten-Proviantvorräthe hatten wir mitbekommen, dieselben konnten für alle Mann höchstens vierzehn Tage ausreichen – was dann? Daß ein Schiff ansegeln sollte, stand nicht zu erwarten, wohl aber, daß die Piraten uns täglich überfallen und uns noch das wenige Gerettete rauben konnten. Hier galt es einen Entschluß zu fassen. Als gegen acht Uhr gerade kein Chinese herumlungerte, rief ich alle Mann zusammen und stellte ihnen die Sache vor. Keiner wußte Rath. Da bot ich ihnen an: mit dem Steuermann und einem Malayen zu versuchen, in der Schaluppe die chinesische Küste zu erreichen, um Hülfe zu holen. Ich bewies


  1. Wirbelstürme im chinesischen Meere.
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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883). Leipzig: Ernst Keil, 1883, Seite 746. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1883)_746.jpg&oldid=- (Version vom 20.1.2024)