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Seite:Die Gartenlaube (1883) 726.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883)

von Osterfeld –“ Sie zog mit einem kurzen Ruck die Hand fort, die Helene küssen wollte, und sagte leise: „Aber wie ist es möglich, Kind, daß Du so tactlos –“

„Mama –!“

„Mit rothen Rosen geschmückt!“

„Sie waren gerade zur Hand –“

„Ist das eine Entschuldigung, Helene? Du kannst gar nicht auffälliger den Wechsel Deiner Gesinnung zur Schau stellen. Diese Rosen sagem Jedem Alles. Pfui! sie machen Dich häßlich.“

„Das geht zu weit, Mama.“

„Ja, das geht zu weit. Im weißen Kleide hätte ich Dich lieber gesehen, als mit diesem koketten Aufputz.“

„Kokett –!“ Sie wurde auffallend bleich im Gesicht und preßte die Lippen zusammen. „Fräulein Aurelie von Brendeln wird Dir erklären –“

„Ich sehe, was ich sehe. Des Beifalls ihres Herrn Bruders bist Du ja auch wohl sicher.“

Helene richtete sich stolz auf. „Ich habe mich um ihn noch nicht bemüht. Willst Du mir noch mehr Kränkendes sagen?“

„O –! Du hast mir heute den ganzen Festtag verdorben,“ zischelte die alte Dame.

„Das thut mir leid,“ entgegnete Helene kühl. „Aber wie Du, sieht’s gewißlich kein Anderer. Es ist nun einmal geschehen. Was willst Du? Die Rosen welken rasch. Sieh mich nach einer Stunde; vielleicht gefalle ich Dir dann wieder besser.“

Sie wendete sich ab. Die Herren, die sich zum Brautpaar gesellt hatten, nahmen die Frau vom Hause wieder in ihre Mitte. Die Musik spielte einen lockenden Walzer, und die jungen Leute versuchten ein Tänzchen auf dem grünen Rasen. Dorthin zog sich die Gesellschaft. Helene blieb stehen. Als sie aufsah, stand Herr von Brendeln neben ihr und bot ihr den Arm. Sie nahm ihn ohne Zögern an und ließ sich in einen Seitengang führen, der jetzt ganz leer war. „Die Frau Consul sah recht verdrießlich aus,“ sagte er.

Sie gab kein Zeichen der Zustimmung, schien auch eine Frage ganz zu überhören. Er wagte es, seine Hand sanft auf die ihrige zu legen, während er weiter sprach.

Sie ließ es geschehen.

So hatten sie sich dem Ende des Ganges genähert. Er führte zu einer Laube von alten Lindenbäumen, die sich dann rechts und links wieder öffnete. In den Ecken standen Bänke. In dem Augenblicke fast, in dem sie eintraten, erhob sich von einer derselben eine dunkle Gestalt und verschwand im Seitenwege hinter den dicken Stämmen. Helene machte eine zuckende Bewegung, löst rasch ihre Hand und ließ auch seinen Arm frei. „Das war Walter,“ sagte sie.

„Herr Doctor Grün – es kann ja sein,“ meinte der Assessor, dem diese Störung sehr unlieb war.

„Ich glaubte ihn gar nicht anwesend.“

„Hatte ihn auch bisher nicht bemerkt. Er hielt sich in der dunkeln Laube versteckt, um zu philosophiren. Eine ganz eigene Art von Vergnügen.“

„Er muß uns gesehen haben.“

„Wahrscheinlich. Es ist ja gleichgültig.“

„Ich war so in Gedanken …“ Sie wendete, ihm einen Schritt vorans, in den Seitenweg ein, in dem die Gestalt verschwunden war. Brendeln ergriff ihre Hand und suchte sie zurückzuziehen. „Bleiben Sie, theuerste Helene,“ bat er, „– nur eine kurze Minute.“

Sie wendete sich erschrocken zurück. „Herr Assessor –!“

„Eine so günstige Gelegenheit, mich Ihnen zu eröffnen, kehrt nicht wieder. Mögen die Rosen, mit denen Sie sich nach so langer Kummerzeit in Hoffnung einer heiteren Zukunft zum ersten Mal wieder geschmückt haben, auch mir glückverheißend sein. Helene, ich wage das Geständniß –“

„Nein, nein!“ unterbrach sie ihn, seine Hand mit Heftigkeit zurückstoßend. „Ich darf – ich will Sie nicht hören. Sie täuschen sich!“

„Gewiß nicht.“ Er folgte ihr, während sie ihm mit raschen Schritten zu enteilen suchte. „Wenn Sie nur ein Wort –“

„Peinigen Sie mich nicht,“ bat sie, ohne zurück zu sehen. „Mir ist so weh zu Muthe. Ach! ich bin schlecht – recht schlecht!“ Sie riß die Rosen von ihrer Schulter und warf sie auf die Erde.

Herr von Brendeln blieb stehen, bückte sich und hob die Rosen auf. Er lächelte befriedigt. „War das die Antwort?“ murmelte er. „Ach! sie ist recht grschickt, nichts zu sagen und alles errathen zu lassen. Ich täusche mich nicht.“ Er steckte die Knospe in’s Knopfloch.

Helene eilte durch den ganzen Garten, durch dte Festräume des Hauses.

Walter war nicht zu finden. Wenn sie ihn wirklich gesehen hatte, mußte er sich sogleich entfernt haben.




9.

Der folgende Tag war Ruhetag. Seine alte Bedeutung hat der Polterabend verloren. Man giebt eine Gesellschaft und ruht dann von den Strapazen vor der Hochzeit aus.

Die Familie fand sich erst beim Mittagstisch zusammen, auch da noch wohl schläfrig und abgespannt. Frau Consul Berghen schien Helene gar nicht zu bemerken. Nur Hauptmann von Gräwenstein sprach freundltch mit ihr – wohl zu freundlich nach der Meinung seiner Braut, da sie sich schmollend abwandte.

Auch nach Tische wurde jede Aussprache vermieden. Man zog sich zurück und ließ Helene schließlich allein. Sie ging wieder auf ihr Zimmer, sehr verstimmt und traurig. Aurelie kam sie zu besuchen – sie war auch schon Vormittags da gewesen – um sie zu einer Promenade aufzufordern. Helene bat sie zu entschuldigen, sie sei unwohl. Nun hielt es das Fräulein für Pflicht, ihr Gesellschaft zu leisten. Sie hatte eine muntere Art aus dem Hundertsten in’s Tausendste zu plaudern. Zwischendurch fragte sie soviel, daß es kaum möglich war, immer ganz vorsichtige Antworten zu geben. Auf ihren Bruder brachte sie immer wieder die Rede. Ob er ihr denn mitgetheilt habe, was der Präsident gestern gesagt? Das Rathspatent sei unterwegs. „Ein kleiner Anfang – für seine Jahre immer ein Erfolg. Er ist jünger, als Sie vielleicht glauben – für einen Regierungsrath wirklich noch recht jung. Rathen Sie, wie alt er ist! Die anstrengenden Studien und die kopfbrechende Arbeit … da haben Sie’s. Gelebt hat er bis jetzt wenig. Wenn er bisher unverheirathet geblieben ist, ist’s wahrlich nicht die Schuld der Damen. O, er hätte schon manche gute Partie machen können – man hat sie ihm förmlich angeboten. Aber darin ist er nun komisch altmodisch: das Herz soll durchaus sprechen! Wie finden Sie das? Eigentlich ganz allerliebst, nicht wahr? Wir Frauen schwören zur Fahne des Idealismus. Leopold hat Recht: das Herz muß sprechen.“

Sie schien sich gar nicht losreißen zu können. „Sie glauben gar nicht, wie sympathisch Sie mir sind,“ versicherte sie ein Mal über das andere. Es vergingen ein paar Stunden. Helenen schwirrte der Kopf, sie antwortete kaum noch das Nothdürftigste. Mißtrauen empfand sie nicht, es gefiel ihr, daß die Schwester so zärtlich überall des Bruders Partei nahm. Sie fühlte sich sehr erleichtert, als die Dame mit vielen Küssen endlich Abschied nahm. Dann überkam sie eine nervöse Unruhe, die von Minute zu Minute peinigender wurde. Sie öffnete alle Fenster und ließ die kühle Luft ein. Es half nichts. Endlich kleidete sie sich zum Ausgehen an und verließ das Zimmer.

Sie nahm ihren Weg nach der Straße, in der Onkel Benjamin wohnte. Ihre stille Hoffnung war, Walter zu Hause zu finden. Zu sagen hatte sie ihm eigentlich nicht das Mindeste. Aber es war doch möglich, daß er ihr etwas zu sagen hatte nach dem gestrigen Tage – vielleicht gar nichts Schmeichelhaftes, aber doch aus freundschaftlicher Gesinnung heraus. Sie erröthete, wenn sie daran dachte, daß er sie mit Herrn von Brendeln von der dunklen Laube aus beobachtet hatte; es ärgerte sie, daß sie sich von ihm hatte führen lassen – und sie wußte jetzt auch, daß er ihre Hand gehalten hatte. Sie meinte sich deshalb bei Walter rechtfertigen zu müssen. Zum Glück konnte er die Rosenknospe in des Assessors Frack nicht bemerkt haben, wenn er wirklich gleich fortgegangen war. Was hätte er davon gedacht?

Onkel Benjamin empfing sie gar nicht so herzlich wie sonst. Er schien in schlechter Laune zu sein. Von Walter sprach er gar nicht. Als derselbe eintrat, schien es ihm unlieb zu sein.

„Kommst Du?“ sagte er. „Da ist Helene.“

Welchen Zusammenhang diese Worte hatten, konnte Walter vielleicht errathen. „Helene – so?“ fragte er, das Mädchen doch gleich beim Eintritt bemerkend. Er warf den Kopf auf, ging auf sie zu und schüttelte ihr die Hand. „Du kommst Dir Deine Gratulation abzuholen,“ sagte er lachend.

Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1883). Leipzig: Ernst Keil, 1883, Seite 726. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1883)_726.jpg&oldid=- (Version vom 20.1.2024)