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Seite:Die Gartenlaube (1883) 718.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883)

eine hohe, einmüthige Empfindung gewesen sei, die ein Volk erstarken macht“, so bedarf es kaum anderer Zeugnisse für die Weihe des Tages mehr.

Im Schmucke der Stadt Rüdesheim glänzte auch der von König Ludwig I. von Baiern dem Dichter des bekannten „Sie sollen ihn nicht haben“ – Niklas Becker – verehrte Pokal. Derselbe, fast einen Fuß hoch, zeigt ein Medaillon mit der allegorischen Darstellung des Vaters Rhein und trägt die Inschrift: „Der Pfalzgraf bei Rhein dem Dichter des Liedes: Der deutsche Rhein.“ Auch mit diesem Ehrenbecher ward dem Kaiser ein Ehrentrunk geboten.

Um die dritte Stunde des Nachmittags entführte unter dem Gesange der Nationalhymne und dem Hoch der tausendköpfigen Menge das Dampfroß den Kaiser nach Wiesbaden. Auch hier war der Empfang ein glänzender, auch hier sprach Kaiser Wilhelm seine Freude aus über das gelungene Fest. Und als bei der im königlichen Schlosse veranstalteten Galatafel König Albert von Sachsen den Führer der Nation, der Deutschland geeinigt, in warmen Worten feierte, da stand Kaiser Wilhelm auf und brachte den kaiserlichen Dank dar allen Fürsten und dem deutschen Volke, das in schwerer Stunde sich eins gefühlt in dem Gedanken an Heimath und Reich. Es war ein ernster feierlicher Augenblick! Wohl hatte der ehemalige Präsident des Reichstags, Simson, Recht, als er sagte: „bisher sei wohl die Krönungsfeier zu Königsberg das glänzendste Fest gewesen, das er gesehen, das Niederwaldfest aber habe jenes weit übertroffen, es sei weder ausschließlich Hoffest noch Volksfest – es sei eine schöne Verbrüderung beider gewesen.“

In Rüdesheim aber entwickelte sich unterdessen die ausgelassenste Festfreude. Da klangen deutsche und holländische, englische und französische Laute und alle deutschen Dialecte an’s Ohr, da verkehrten unter den Mitgliedern der Kriegervereine und den Sängern Amerikaner, Belgier und selbst italienische Minstrels in ihrer heimathlichen Tracht, da schlagen kräftige und zarte Hände die Guitarre und die Tambourins, da entwickelte sich ein heiteres Bild echt rheinischen Lebens. Und mitten in dem Gewirr der förmlich umlagerten Eßwaarenhändler, der Medaillen- und Festzeitungcolporteure tauschte Freund zu Freund den Bruderhandschlag, jubelte der Norden mit dem Süden, West und Ost Alldeutschlands in gleicher Gesinnung. Allein 65,000 Menschen beförderten die Eisenbahnen in Rüdesheim und Bingen an diesem Tage in sechsundsechszig Bahnzügen, der Verkehr auf dem Strome aber war nach ungleich bedeutender. Und nicht eine Störung, nicht ein Mißton!

Während die Stadt Wiesbaden durch eine bis dahin kaum jemals gesehene prächtige Illumination, durch eine sinnige Huldigungsfeier im Theater, durch Feuerwerk und Festball den Tag abschloß, wie er verlaufsen – groß und herrlich – fanden sich in Rüdesheim deutsche Männer zum Festmahle zusammen, in ihren Trinksprüchen Aller jener gedenkend, die an dem großen Tage Theil hatten. Da liefen Telegramme ein von den Deutschen in Oesterreich und Rußland, und während am selben Tage in Paris (dem Gedächtnißtage der Capitulation von Straßburg) die Statue jener Stadt auf dem Concordienplatze bekränzt wurde, sandten die germanischen Stammesgenossen von Odessa einen Lorbeerkranz mit den deutschen Farben und den poetischen Gruß nach Rüdesheim:

„Zu des Niederwaldes Eichen,
Zu Germania’s hehrem Stand
Senden wir dies Dankeszeichen
Von des Schwarzen Meeres Strand.“

Aber mit dem Tage schloß nicht das Fest. Täglich erschienen Vereine zum Besuche des Niederwaldes mit flatternden Fahnen und schallender Musik. Drüben in Bingen knatterten die Büchsen vom Schießplatz der deutschen Schützen herüber, droben am Rochusberge wetteiferten die Turner im Kampf um den Preis für deutsche Manneskraft, und drunten in Rüdesheim erklang der Gesang der preiswerbenden deutschen Männergesangvereine. Wie manche kräftige Rede legte den Hunderten der zum Berge wallfahrenden Schulen und Corporationen die Liebe zum Vaterlande nahe!

Rührend war der Moment, da über 2000 Kinder der Schulen des Rheingaues der trefflichen Rede des Schulinspectors Pfarrer Horz von Winkel lauschten und da ihr kindliches Gemüth in dem Gesang patriotischer Lieder Zeugniß gab auch von ihrer Theilnahme an dem herrlichen Feste und seiner nationalen Bedeutung.

Warm und gefühlt sprach Theodor Dilthey von Rüdesheim anderen Tages zu den versammelten Gesangvereinen vom Fuße der großen Freitreppe des Denkmals. Was störte da ein vorübergehender Regenschauer! Brach doch die Sonne immer wieder hindurch, die hehre Germania umstrahlend.

Und als der prächtige Festzug der Ruderer, Schützen- und Gesangvereine in Bingen, dem der Großherzog von Hessen beiwohnte, darüber war, da zog es uns hinauf zum Rochusberge, und in den Zimmern, die Berthold Auerbach einst bewohnt, in denen er sein „Landhaus am Rhein“ geschrieben, angesichts der Germania, warfen wir diese Zeilen auf’s Papier in dem aufrichtigen Gefühle: daß das deutsche Volk in Wahrheit hier am grünen Rheinstrom seinen herrlichsten Ehrentag gefeiert.

„Wie euch verbrüdert hat des Kriegs Geschick,
So bleib’ es jetzt auch in des Friedens Tagen;
Der Andern Lasten helfe Jeder tragen
Und theile gern mit ihnen auch sein Glück!
Es schöpfe jeder Stamm den frischen Saft,
Der stark ihn macht, aus freiem Einzelleben,
Bereit, doch immer seine volle Kraft
Dem Wohl des Ganzen freudig hinzugeben.“




Die Frauentage und die Frauenbewegung.

Während sich auf dem Niederwald die festlichen Vorbereitungen zur Einweihung des Nationaldenkmals vollzogen, hatte sich in dem nahen Düsseldorf eine Schaar Frauen aus allen Gauen Deutschlands zusammen gefunden, um vom 25. bis 27. September den dreizehnten Frauentag des „Allgemeinen deutschen Frauenvereins“ abzuhalten. Der Verlauf desselben erfüllte alle Betheiligten mit hoher Befriedigung und hat, nach den vielseitigen Kundgebungen aus der anmuthigen Künstlerstadt zu schließen, wiederum den beabsichtigten Zweck erreicht, die erwünschte Propaganda für die sittlich ernsten Bestrebungen dieser weiblichen Pioniere in weitere Kreise getragen.

Diese Thatsache muß mit aufrichtiger Freude begrüßt werden, denn wiewohl die Frauenbewegung in Deutschland seit zwei Jahrzehnten die bedeutendsten Fortschritte gemacht und Tüchtiges geleistet hat, um der heranwachsenden weiblichen Jugend eine den Zeitforderungen entsprechende praktische und geistige Ausbildung zu ermöglichen und neue Berufswege zu eröffnen, so ist trotzdem das Verständniß für diese Bestrebungen noch kein allgemeines. In Folge dessen wird auch die Ankündigung der Frauentage an vielen Orten mit gewisser Beunruhigung aufgenommen. Was wollen diese fremden Frauen von den unsrigen? Wie werden sie auf dieselben wirken? Das sind Fragen, die man fast überall vernimmt.

Sind diese Befürchtungen auch berechtigt?

Sehen wir uns nun die deutschen Frauen, die seit Jahren an diesen Tagen sich betheiligen und die hervorragendsten Verdienste um die Lösung der Frauenfrage in Deutschland sich erworben haben, genauer an, lauschen wir ein Weilchen ihren Vorträgen und fragen wir nach ihrem früheren Leben und Wirken! Da wird uns nun ein interessantes und erhebendes Stück der Zeitgeschichte entgegentreten, ein Bild jener Thätigkeit sich vor unsern Augen entrollen, die in aller Stille rastlos an der sittlichen Hebung und Vervollkommnung unseres Volkes arbeitet. Wer da dachte, er würde hier einer wüsten Emancipation begegnen, der wird beschämt den Hut abnehmen müssen und den Kämpferinnen für die Rechte der Frauen auf deutschem Boden gern den wohlverdienten Lorbeer gönnen.

Treten wir also ein in den Versammlungssaal des letzten Düsseldorfer Frauentages!

An der Spitze des grünen Tisches sitzt Frau Dr. Louise Otto-Peters, die Begründerin des „Allgemeinen deutschen Frauenvereins“ und Vorsitzende desselben seit der ersten Versammlung

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883). Leipzig: Ernst Keil, 1883, Seite 718. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1883)_718.jpg&oldid=- (Version vom 20.1.2024)