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Seite:Die Gartenlaube (1883) 692.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883)


In früheren Jahrhunderten war die Bedeutung Altenas als Industriestadt eine verhältnißmäßig noch größere, als heute. Weit über die Grenzen Deutschlands hinaus wurden damals die Arbeiten seiner Messer- und Panzerschmiede gesucht, und noch der große Kurfürst hatte, um die hier betriebene Kunst zu ehren und zu fördern, den Bewohnern von Altena Befreiung vom Militärdienste zugesagt und dieses Recht für Kinder und Kindeskinder feierlich verbrieft. Diese Gnade, auf welche die wackern Altenaer nicht wenig stolz waren, sollte etwa ein Jahrhundert später zu einem höchst eigenthümlichen Vorfalle Veranlassung geben.

Noch während des Siebenjährigen Krieges hatte man jenes Recht geachtet, und außer einigen patriotischen jungen Burschen, welche in der Stunde der Noth freiwillig zu den Fahnen des großen Königs geeilt waren, hatte kein Altenaer dessen Rock getragen.

Bald nach Beendigung des Krieges sollte jedoch das alte Privilegium gewaltsam angetastet werden. Einer von den Kampfgenossen des großen Königs, der General von Wolfersdorff, ein gewaltthätiger, rücksichtsloser Mann, ein Haudegen von der alten Schule, war nach beendetem Kriege als Regimentscommandeur nach Hamm versetzt. Bei einem Besuche in Altena hatte er mit Wohlgefallen die kräftigen Gestalten der Altenaer Bürgerssöhne gesehen und dabei die Aeußerung gethan: „Schöne Leute; das wären Soldaten für mein Regiment!“

Die Altenaer machten sich, als sie diesen Ausspruch des Generals vernahmen, darob wenig Sorgen; denn sie vertrauten auf ihr altes Recht.

Nicht gering war deshalb ihre Verwunderung, als trotzdem eines schönen Tages die Kunde sich verbreitete, daß der General auf dem Wege fei, um ihre Söhne mit Gewalt zu Recruten zu pressen.

Mochte anfangs auch Mancher über diese Nachricht lachen, so verging doch der Scherz, als man den General hoch zu Roß an der Spitze einer Compagnie Grenadiere in der Richtung von Iserlohn her auf die Stadt losrücken sah.

Einen Augenblick standen die wackeren Altenaer bestürzt da ob des seltsamen Anblickes, der sich ihnen bot; aber auch nur einen Augenblick; dann war ihr Entschluß gefaßt, und man war darüber einig, daß man sein gutes altes Recht wahren und Gewalt mit Gewalt vertreiben müsse.

Die Glocken, welche seit jenem Tage, wo hundert Jahre zuvor der Oberst Barbisier, einer der Henkersknechte Ludwig’s XIV., die Stadt mit Plünderung bedroht, nur noch zu friedlichem Werke geläutet hatten, ließen in gellenden Schlägen ihren Nothruf durch das Thal erschallen, und sie hatten nicht vergebens gerufen. Von allen Seiten strömten Jung und Alt, Mann und Weib eilends herbei, um dem Feinde den Einzug zu wehren.

Schnell wurden die Thore geschlossen und in den engen Straßen des Städtchens entwickelte sich ein gar seltsames, emsiges Treiben. Ueberall in den Werkstätten und Häusern, wie auf offener Straße sah man die Bürger große Feuer anzünden und Wasser, sowie mächtige Eisenstäbe herbeitragen.

Die Aufforderung des inzwischen herangekommenen Generals, die Thore zu öffnen, wurde abgelehnt, und als Wolfersdorff mit Gewalmaßregeln drohte und seine Soldaten zum Sturme vorgehen ließ, begann der Kampf.

Während die Männer mit glühend gemachten Eisenstangen auf die Stürmenden losschlugen, gossen die Frauen von den Stadtmauern heißes Wasser auf die Anstürmenden herab, welches die Kinder aus den Häusern ihnen zutrugen.

Die armen Soldaten, welche, eines solchen Empfanges nicht gewärtig, keine Kugeln mit sich führten und lediglich auf den Gebrauch des Kolbens und des Bajonnets angewiesen waren, befanden sich den glühenden Eisenstangen und den heißen Wassergüssen der zornigen Altenaer gegenüber sehr im Nachtheil, wurden aber trotzdem von ihrem über einen solchen Widerstand aufgebrachten Führer immer auf’s Neue zum Angriffe vorgetrieben.

Nachdem man so mit äußerster Erbitterung von beiden Seiten nahezu zwei Stunden lang gekämpft hatte, mochte der General doch wohl einsehen, daß sein Bemühen vergebens fei. Eine große Zahl seiner Soldaten hatte, wenn auch nicht gerade gefährliche, so doch sehr schmerzhafte und schwer zu heilende Verwundungen davongetragen. Er entschloß sich endlich zum Rückzuge, welcher denn auch alsbald unter dem lauten Jubel der Altenaer angetreten wurde.

Während Wolfersdorff in Hamm seine Verwundeten heilen ließ und mit Grimm seiner Niederlage gedachte, veranstalteten die Altenaer am nächsten Sonntage ein feierliches Dankfest.

Der Pfarrer hatte den Text aus Jesaias 37, 29 genommen, wo der Herr zu Sanherib, dem Feinde Israel’s, spricht: „Ich will dir einen Ring in die Nase legen und ein Gebiß in dein Maul und dich den Weg wieder umführen, den du gekommen bist.“

Mit dieser originellen und für Wolfersdorff wenig schmeichelhaften Dankfeier war die Sache jedoch noch keineswegs für diesen abgethan. Die Bürgerschaft hatte nicht unterlassen, den Vorfall nach Berlin zu berichten, und Friedrich II., welcher in solchen Dingen keinen Spaß verstand, sandte seinem General folgenden kräftigen Verweis:

„Mein lieber General von Wolfersdorff!

Es ist officiell rapportirt worden, welche Disturbationen Er in dem Städtchen Altena gemacht hat. In Erwägung seiner sonstigen Meriten will Ich diese mauvaise Geschichte für diesmal pardonniren, werde Ihn aber, wenn Er sich nochmal eine solche Abnormität zu Schulden kommen läßt, nach Spandau schicken.“

Das Privilegium der Befreiung vom Militärdienst ist nun mit so manchem Anderen längst erloschen; der stolze, unabhängige Bürgersinn aber, welcher sich in dem hier erzählten Vorfalle ausspricht, ist den Bewohnern von Altena bis zur Stunde geblieben.

Im Uebrigen wird man im Gegensatze zu der sogenannten „guten alten“ Zeit, in der solche Dinge sich ereignen konnten und in der nur zu oft die Willkür und die rohe Gewalt an die Stelle des Rechtes traten, die unsrige doch wohl als die bessere neue bezeichnen dürfen.

Rudolf Scipio.




„Thiere der Heimath.“ Deutschlands Säugethiere und Vögel, geschildert von Adolf und Karl Müller. Mit Original-Illustrationen nach Zeichnungen auf Holz und Stein von C. F. Deicker und Adolf Müller. Kassel und Berlin. Verlag von Theodor Fischer. – Die Namen der Verfasser, den Lesern der „Gartenlaube“ seit langen Jahren bekannt durch eine Reihe anziehender Schilderungen aus dem Thierleben, ließen auch diesmal etwas Gediegenes erwarten. Brehm hatte es mit einigen Mitarbeitern unternommen, die Gesammtheit der Thierwelt, beziehungsweise deren biologische Eigenthümlichkeiten dem gebildeten Publicum aller Stände zugänglich zu machen, und die große Verbreitung des „Thierlebens“ dürfte als erfreuliches Zeichen des erwachenden Interesses an den Naturwissenschaften gelten. Wenn nun die Gebrüder Müller für ihr Werk die Rahmen enger gezogen haben, indem sie ausschließlich die „Thiere der Heimath“ zur Sprache bringen, so muß das ein recht glücklicher Gedanke genannt werden.

Die Aufgabe, die gewiß keine leichte war, ist in dem vorliegenden Werke in glänzender Weise gelöst. Da es Original nicht nur in Hinsicht auf das Beobachtungsmaterial, sondern auch in Bezug auf bildliche und sprachliche Darstellung, holt sich unzweifelhaft jeder Naturfreund, Forscher wie Dilettant, gern in dem auch durch äußere Vorzüge ausgezeichneten Buche Belehrung und Rath. Selbst denjenigen aber, dem das Interesse an den Werken der Natur abgegangen, dürften die lebenswarmen Thiercharakeristiken, welche die unverkennbaren Züge eines von Jugend auf im Verkehr mit der Natur geübten Scharfblicks und einer treuen Hingebung und minutiösen Sorgfalt tragen, sicherlich nicht kühl lassen, sondern sie werden in ihm den Wunsch rege machen zu eigener Beobachtung, zu einem vertraulicheren Umgang mit der Welt der lebenden Wesen, die gleichzeitig mit uns den heimischen Boden bewohnen. Es ist eben nicht Studirstubenluft, die uns entgegenweht aus diesen Blättern, sondern der würzige Hauch des Waldes, wo wir bald der Spur des flüchtigen Rehs folgen, bald auf den hämmernden Specht lauschen. Bald werden wir in’s frische Grün des Baumgartens geführt, wo der Buchfink schlägt, bald zum plätschernden Mühlrad, dem Lieblingsaufenthalt der Wasseramsel, bald an das Gebälk einer alten Scheune, wo bei Mondschein eine Marderfamilie auf das Raubhandwerk auszieht – alles lebendig, alles frisch; überall wirken Belehrung und Erzählung in wohlthuender Abwechselung, und selbst dem Humor ist an der richtigen Stelle sein Plätzchen vergönnt. Aber auch mancher beherzigenswerthe Mahnruf ist eingefügt, wo es heißt, gegen Unwissenheit, Kurzsichtigkeit und Vorurtheil zu Felde zu ziehen und einem verkannten Freunde des Landwirths die Ehre zu retten.

Wir wünschen dem trefflichen Buche die verdiente Anerkennung!

Dr.Emil A. Göldi.




Des Tigers Beute. (Mit Illustration auf Seite 681.) Der Sieger in dem gewaltigen Ringen, dessen Ausgang uns heute die meisterhafte Originalzeichnung von Friedrich Specht vorführt, ist unseren Lesern zur Genüge bekannt. Vielen aber dürfte es neu sein, daß dieses berüchtigte Raubthier Ostindiens, welches, im Gegensatze zu anderen wilden Thieren, vor der menschlichen Cultur nicht zurückweicht, sondern mitten aus belebten Dörfern sich seine Beute holt, in dem indischen Büffel einen ihm meist gewachsenen Gegner findet. Der Wildbüffel ist in der That mit so großer Kraft und solchem Muth ausgestattet, daß er im Kampfe mit dem Tiger fast regelmäßig Sieger bleibt. Man erzählt sogar, daß Büffel einmal einen Hirten, der von einem Tiger gepackt worden war, von dem Angreifer befreit und den Tiger getödtet hätten, oder, daß die Büffel einer Heerde, als sie das Blut eines angeschossenen Tigers rochen, sofort dessen Spur aufnahmen und diese mit rasender Wuth verfolgten. Darum stellt auch die indische Dichtung den Büffel als dem Tiger ebenbürtig dar. In dem von unserem Künstler mit seltener Lebenstreue dargestellten Falle verhalf dem Tiger augenscheinlich die Hinterlist zum Sieg, indem er das zur Tränke gehende Thier unverhofft überfiel.




Kleiner Briefkasten.

B. K. in Hamburg. Der vor Kurzem im „Berliner Tageblatt“ veröffentlichte und mit so vielem Beifall aufgenommene Roman „Am Horizont“ von Friedrich Friedrich ist soeben als Buch im Verlag von Wilhelm Friedrich, Leipzig, erschienen. Ebenso können Sie die früher in der „Gartenlaube“ (Jahrgang 1881) veröffentlichte Novelle von Victor BlüthgenDer Friedensstörer“ jetzt in Buchform bei Gebr. Paetel in Berlin beziehen.

G. B. in Nürnberg. Hinsichtlich der Richtigschreibung des Dialekts ist Ihr Wunsch erfüllt worden.

L. B. in Triest. Die Dichterin, welcher wir Ihre Anfrage mittheilten, wird Ihnen wohl selbst den gewünschten Bescheid geben.

Frau „Veritas“ in L. Ja, es ist richtig: der Lorenz Clasen ist der Maler der „Wacht am Rhein“, jener ersten kampfgerüsteten „Germania“.

A. K. in E. Schwindel.

Ein Abonnent in Lübeck. Wir bitten Sie um genaue Angabe Ihrer Adresse, da unser Brief an Sie als unbestellbar zurückgekommen ist.




Inhalt: Die Braut in Trauer. Von Ernst Wichert (Fortsetzung). S. 677. – Aus den dreieinigen Königreich. Ein Beitrag zum Verständniß der kroatischen Wappenfrage. Von Ferdinand Schifkorn. S. 682. Mit Abbildungen. S. 682 und 683. – Die Sage vom Doctor Faust. Von Fr. Helbig. II. – 685. Falsches Geld. Illustration von A. Eckardt. S. 685. – Deutschlands große Industrie-Werkstätten. Nr. 17. Louis Schönherr und sein Webstuhl. S. 687. Mit Abbildungen von E. Limmer. S. 688 und 689. – Blätter und Blüthen: Otto Devrient und sein Luther-Festspiel. S. 691. Mit Portrait. G. 684. – Ein Stückchen Faustrecht aus neuerer Zeit. S. 691. – Thiere der Heimath. – Des Tigers Beute. S. 692. Mit Illustration von F. Specht. S. 681.


Unter Verantwortlichkeit von Dr. Friedrich Hofmann in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.
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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883). Leipzig: Ernst Keil, 1883, Seite 692. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1883)_692.jpg&oldid=- (Version vom 18.1.2024)