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Seite:Die Gartenlaube (1883) 667.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883)

den auserlensten Gaben der Oberwelt waren aufgebaut, und eine Zahl schmucker Bergknappen empfingen den Bergmannstag als dienstbare Geister und credenzten das feurige Naß mit solcher Anmuth, als hätten sie im Leben nichts Anderes gethan, als die Servietten statt der Fäustel geschwungen. Unser Zeichner giebt (vergl. S. 665) von diesem unterirdischen Frühstückssaal sogar zwei Ansichten, und derselbe verdient diese Auszeichnung vollauf. Freilich die überraschten Gesichter selbst der erfahrensten Bergbeflissenen und die höchst angenehm erregte Stimmung kannte derselbe nicht wiedergeben.

Selbstverständlich sprangen bald wieder die Toaste wie Fontainen in luftigen, schimmernden Weisen, aber auch ernste Worte fielen dazwischen, und eine einzige Bemerkung hätte die Versammlung fast tragisch stimmen können. Die Werkbeamten theilten mit, daß in etwa dreißig Jahren diese gesammten Baue, die gegenwärtig wie ein Ameisenhaufen von Leben erfüllt sind, einsam und öde stehen und der Urnacht, die vordem hier geherrscht, wieder anheimfallen werden. Die Kohlen sind dann zu Ende, der letzte Bergknappe fährt aus, und dann wird es wieder still in der Tiefe sein, still für ewig.

Die sogenannte Sächsische Semmeringbahn, die Kohlenbahn des Plauenschen Grundes, nahm sich des Bergmannstages nunmehr an und brachte die Herren von Schacht zu Schacht. Herrliche klare Herbstluft, malerische Bergparaden, Ehrenpforten, Glückauf-Rufe, Ansprachen wiederholten sich so oft, daß der arme Berichterstatter hoffnungslos den Bleistift möchte sinken lassen. Die schönste der Ehrenpforten am Glückauf-Schacht giebt der Zeichner wieder, umrahmt von zwei historischen Bergmannsgestalten vom Jahre 1636, und damit könnten wir es genug sein lassen; auch ein Stückchen Bergparade ist auf dem Bilde sichtbar (vergl. S. 668).

Endlich lief der Bergmannstag auf der „Goldenen Höhe“, hoch über allen Schächten, in eine Art Hafen ein. Der Freiherr von Burgk, der glückliche Besitzer einiger solcher Goldgruben, hatte hier den Herren ein Festessen bereiten lassen, das letzte in einer langen, langen Reihe. Ermüdung war nicht zu spüren, die elektrische Uebertragung der Geistesblitze ging lebhafter von statten denn je, die Toaste schlugen ein wie die Junigewitter, und besonders helles Gelächter erscholl, als der Freiherr von Burgk den Ort selbst bergmännisch erklärte: man säße nicht einmal auf Kohlen, trotz des Namens „Goldene Höhe“.

Dies der zweite deutsche Bergmannstag. Schließen wir mit dem Trinkspruche eines alten Harzers:

„Es grüne die Tanne, es wachse das Erz,
Gott schenke uns Allen ein fröhliches Herz!“




Der französische Hermann der Cherusker.

Von Dr. Karl Seldner.

In den Stunden, die ich im August dieses Jahres bei meiner Anwesenheit in Paris dem Musée des Antiquités Nationales in dem stattlichen Schlosse Franz’ I. in St. Germain en Laye widmete, reiste bei der Betrachtung der gallischen Alterthümer, der wunderschön ausgeführten Modelle des alten Alesia, der ganzen Belagerung und der Belagerungsmaschinen der schon vorher gehegte Vorsatz, auf der Rückreise in die Heimath an dem Original nicht vorüberzufahren.

So dampfte ich denn, erfüllt und überfüllt vom Babel an der Seine, am 24. früh sieben Uhr vom Lyoner Bahnhofe ab, an Fontainebleau, Montereau vorüber, dann an Sens, das die alten Senones noch im Namen führt, durch fruchtbares, wohl angebautes Hügelland, immer nach Südosten, bis der Zug um die Mittagszeit die Cotes d’Or erreichte.

Ich hatte in diesen Stunden vollauf Zeit, meine Reisegesellschaft zu studiren. Sie bestand aus zwei mittelalterlichen, aber noch französisch-graziösen Damen und drei jungen Militärs, Telegraphisten, wie ich nach und nach aus ihrer Unterhaltung und dem zackigen Blitz am blauen Kragen der schwarzen Uniform merkte. Das Coupé war bald in lebhaftem Gespräch, nur mir gegenüber, der durch Gestalt und blonden Vollbart den Deutschen nicht verleugnete, höflich ablehnend. Allmählich näherte sich der Zug meinem Ziele, der Station les Laumes, daher setzte ich mich über die ablehnende Haltung meiner Reisegenossen hinweg und erkundigte mich in meinem besten Französisch nach dem, was man für den Aufenthalt in dem kleinen Orte wissen mußte, Gasthaus und Zeitdauer des Ausflugs nach Alise-Ste.-Reine, wie heute Alesia heißt. Ein gerade eingestiegener redseliger Provinzler, wie es schien, ein kleiner Gutsbesitzer der Gegend, Localpatriot, gab mir bereitwillig Auskunft.

Les Laumes! Der Zug hielt, und ich stieg aus.

In dem dem Bahnhof gegenüberliegenden Wirthshaus des Ortes erhielt ich ein gutes Zimmer und eben solches Dejeuner mit dem unvermeidlichen mouton (Hammelfleisch). Die aus Bürgern des Ortes, die Flaschenbier tranken (in der Bourgogne! – überhaupt scheint sich das Bier in Frankreich immer mehr Platz zu erobern), und einem das große Wort führenden, aus Paris gekommenen jungen Mann bestehende Tischgesellschaft kannegießerte über die guten Aussichten der Republik.

Nachdem ich etwas der Ruhe gepflogen, machte ich mich, als die ärgste Hitze nachließ, auf nach der Höhe, von der die Statue des Vercingetorix wie ein segenspendender Genius in’s Thal herabschaut. Der Weg führt an dem durch den Lärm wieder an unser Jahrhundert gemahnenden Bahnhof durch die etwa eine Stunde breite Plaine des Laumes, dann nach einem halben Stündchen Steigens durch die ersten Häuser des Dorfes Alise-Ste.-Reine weiter den Berg hinan. Da begegnete mir ein junger Bauer, den ich, um sicher zu gehen, nach dem Wege fragte.

Er antwortete erst französisch, fuhr aber dann fort: „Der Herr ischt wohl e Dütscher? ’S freut mi, Ihne z’ treffe; ichch bin en Elsässer, ichch bin hier employiert bi de Hängschte (Hengsthalter). Ichch ging gärn mit Ihne, awwer ichch hä na allerhand z’ bsorge, ichch hä mi erscht vor zwei Täg mit eme Mädel von hier verheiert.“ Er fragte noch nach meiner Heimath; auf meine Antwort: „Mannheim“ war die seinige: „ah, wo die Maschine herkumme, sell ischt im Badische, n’est-ce pas?“ Ich sprach ihm meine Freude aus, einen Landsmann zu treffen, wünschte ihm Glück zu seinem jungen Ehestand, in dem sich Neudeutschland und Frankreich verbänden, und danke ihm für sein freundliches Anerbieten; dann trennten wir uns mit kräftigem Händedruck.

Nach einigem Steigen stand ich auf dem Plateau und vor mir ragte, mit dem Sockel etwa zehn Meter hoch, Vercingetorix auf: ein jugendkräftiger Mann, barhäuptig, mit wallendem Haar und herabhängendem Schnauzbart, trotzigen Blickes: unter dem Brustpanzer ein faltiges Gewand mit kurzen Aermeln, auf die rechte Schulter zurückgeworfen der Mantel, der bis zur Erde hinabwallt, um die Handgelenke Spangen, die Beine behoft und kreuzweis mit Binden umschnürt, die Füße in derben Schuhen, gestützt auf sein langes Schwert, an der linken Seite den Dolch, hinter sich auf dem Boden den Spitzhelm – so schaut er weit hinaus in die Lande. Und ringsum feierliche Stille statt des Brausens der Weltstadt, das mich noch am Morgen umtönte; das Gras, in das ich mich geworfen, zitterte im Winde, der von der Seite der Heimath kam, die Käfer summten und die Schmetterlinge gaukelten.

Meine Gedanken zogen in den Sommer des Jahres 52 vor Christo. Im siebenten Jahr des Kampfes der Gallier gegen Cäsar stand, zum ersten und letzten Mal, das ganze Volk mit wenigen Ausnahmen von den Pyrenäen bis zum Rhein für Freiheit und Volksthum unter den Waffen. Zum Führer hatten sie diesen Vercingetorix, einen Adeligen von fast königlichem Ansehen, gewählt; er, ein stattlicher, tapferer, kluger Mann, hatte das Landvolk der Arverner (Auvergne)-stammes, das der dort herrschenden Oligarchie ebenso feind war wie den Römern, zugleich zur Wiederherstellung des arvernischen Königthums und zum Krieg gegen Rom aufgerufen. Nachdem zuerst in erfolgreichem Widerstand sein Feldherrntalent die Kriegführung geändert hatte, begann auch bald der Sieger-Nimbus Cäsar’s zu erblassen. Hatte nämlich früher Cäsar seine Siege Schlag auf Schlag erfochten und wurde Stadt um Stadt in sicher fortschreitender Einschließung erobert, so bedurfte es jetzt zu beiden langdauernder angestrengter Kämpfe. So bekamen die Gallier Vertrauen auf

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883). Leipzig: Ernst Keil, 1883, Seite 667. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1883)_667.jpg&oldid=- (Version vom 18.1.2024)