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Seite:Die Gartenlaube (1883) 606.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883)

wiederholende Erscheinung, daß alle Familien, welche einmal ihren Bedarf von der Anstalt bezogen haben, bei allen nachkommenden Kindern regelmäßig wiederkehren, und daß sie sich die Milch selbst in entfernte Sommerfrischen nachschicken lassen, das sicherste Zeichen, daß sich die Kindermilch bewährt und daß die Errichtung solcher Anstalten einem wahren Bedürfniß der öffentlichen Gesundheitspflege entspricht.

Es müßte eine hübsche Gallerie pausbäckiger Gesichter geben, wenn sie einmal kämen, alle die Kleinen, in ihren Ammenkuhstall, dem sie ihre Gesundheit und Kraft verdanken.




Der Zug und die Zugstraßen der Vögel.

Mit einer Karte nach Dr. J. Palmén.

Als ich dieser Tage im schönen Thüringen bei der „Fröhlichen Wiederkunft“ in eine Laube trat, beschlich ein eigenthümlich Gefühl meine Brust beim Anblick der bereits im herbstlichen Roth prangenden Blätter einer sogenannten „wilden Rebe“, welche die Abendsonne, durch einen Riß von regenschweren Wolken hindurchleuchtend, mit ihrem Golde übergoß. In der That, der Herbst ist im Anzuge; die Tage werden sichtlich kürzer, die Morgen und Abende kühler. Noch ein paar Wochen und unser Ohr vernimmt geheimnißvolle Stimmen in den Weiden am Bache, in Garten, Wald und Feld.

Unseren aufmerksamen Blicken begegnen öfters junge Nachtigallen, welche anscheinend in geschäftiger Eile von Gebüsch zu Gebüsch, von Gartenhecke zum Haag, von Hain zu Hain pilgern, während Singdrosseln und viele andere befiederte Freunde vom Beerensegen des Nachsommers den Zehnten erheben und mit Gezwitscher und lauten Strophen ein bevorstehendes Etwas ankündigen. Freund Staarmatz inspicirt noch einmal seinen wettergeschwärzten Brutkasten, sein Baum- und Mauerloch, schlüpft ein und aus, schlägt mit den Flügeln, die metallisch glitzern im Sonnenschein, und läßt als allezeit wohlgelaunter Bursche seine bauchrednerischen Musikweisen ertönen über der trauten Stätte seines Heims.

Aber auch in den Lüften regt sich’s merklich unter den Vögeln. Dohlen und Saatkrähen sammeln sich in schwarzen Flügen in den Vorhölzern unserer Wälder, wimmelnd und schwätzend, dem Ohr des Kundigen ein gewichtiges Vorhaben ausplaudernd. Aehnlich schaaren sich die Wildtauben, allabendlich in Nadelhölzer einfallend. Auch die Reiher schlagen sich zu Trupps zusammen und sitzen auf den kahlen Aesten der Eichenwälder und Triftbäume, während der klappernde Freund der Kinderwelt, der rothbeinige Storch, unten auf den feuchten Wiesengründen Musterung hält. Auf den morgenfrischen Dächern sammeln sich die Hausschwalben zum Stelldichein. In dichtgedrängten Reihen sitzen die Rauchschwalben auf den Bäumen und den Telegraphendrähten der Eisenwege, von Zeit zu Zeit einzeln, zu zwei oder drei oder gruppenweise ihre Flugkünste zeigend – ein wahres Turnfest.

Zuweilen aber, plötzlich wie auf ein verborgenes Commando, stiebt das ganze Vogelheer wimmelnd und zwitschernd in die Luft. Nach und nach jedoch bevölkert sich der als Sammelplatz dienende Draht wieder auf’s Neue von den Zurückkehrenden: es war ein bloßes Spiel, ein Manöver gewesen.

So viel wird uns klar, daß eine geheimnißvolle Bewegung durch alle Reihen der gefiederten Welt hindurch sich abspielt, eine Bewegung, die immer deutlicher wird, je mehr die Natur an herbstlichem Charakter gewinnt. Wenn schon unsere Menschenbrust eines eigenthümlichen Gefühles sich nicht erwehren kann beim Anblick des bunten, theilweise schon fallenden Laubes in Wald und Hain, der frostzähen Georginen und Astern, die in unseren Gärten in grellen Farbentönen dem Auge sich aufdrängen, der kurz scheidenden Tage, so ist das nur ein schwacher Widerhall von dem, was in der leichtbeschwingten Schaar vorgeht, vom kleinen Sänger im Gebüsch bis hinauf zu den Riesengeschwistern in den Lüften. Sie alle belebt ein Etwas, das der Naturfreund von ihren Augen ablesen zu kennen glaubt, ein Etwas, das ihrem ganzen Benehmen ein bestimmtes Gepräge verleiht. Selbst der Gefangene wird ergriffen von dieser Unruhe, wenn die herbstliche Luft durch das offene Fenster an den Stäben seines Käfigs vorbeistreicht. Oft mitten in der Nacht erwacht er, wie geplagt von heftigen Träumen, schlägt mit seinen Flügeln in blindem Eifer gegen die Wände, stößt wie ein Tobsüchtiger mit dem Kopfe gegen die Decke, sodaß wir ernstlich um sein Leben besorgt sind. Kurz, ein Losungswort spricht die beredte Sprache in der Vogelbrust; in Millionen Vögelherzen hallt es wieder, und eines Tages hat es bei allen gewirkt: Auf in die Fremde!

Segler, Kukuk und Pirol sind bereits unseren Blicken entrückt; sie eröffnen den Reigen zur Weltreise gegen Süden. Ihnen auf dem Fuße folgen die zarten Laubvögel, die Schilfsänger, die Würger, bald auch Wachteln, Wiedehopfe, Sumpfschnepfen. Nun nimmt die Auswanderung immer wachsende Ausdehnung an. Auch aus dem Spiele der Schwalben auf dem Kirchthurmdache ist Ernst geworden: ein Septembermorgen hat sie uns entführt auf die ganze Dauer des Winters.

Ganz vereinzelt im Thierleben steht der Zug der Vögel nicht da. Kennen wir doch schon unter den Insecten eine ganze Anzahl von Arten, welche gemeinschaftliche Wanderungen – wenn auch in kleinem Maßstabe – unternehmen, theils im Larvenstadium, theils im ausgebildeten Zustande. Ich verweise auf die Züge des Heerwurms (Sciara Thomae), der Larve einer auch in Deutschland vorkommenden Mücke, auf die Schaaren von Processionsspinnerraupen, unliebsamen Gästen unserer Eichenwälder, auf die hier und da zu beobachtenden Züge der Distelfalter, der Kohlweißlinge, gewisser Libellen und besonders die verheerenden Schwärme von Wanderheuschrecken. Aber auch unter den Wirbelthieren giebt es Wanderer. Der Lemming (Myodes lemnus), ein kleiner Nager auf hohen Gebirgen Norwegens und Schwedens, unternimmt alljährlich in ungeheuren Schaaren Wanderungen vor dem Ausbruche der Kälte, und noch von manchen anderen höheren Thieren, z. B. von gewissen Fischen, kennt man ähnliche Gewohnheiten. Solche Kenntniß führt uns in zwangloser Weise zu der Frage nach den Ursachen, welche im Allgemeinen den Wanderungen der Thiere zu Grunde liegen. Da wird sich nach einiger Ueberlegung als Resultat ergeben, daß es vornehmlich zwei Factoren sind, die hierbei in Betracht kommen: eintretender Nahrungsmangel einerseits, Abnahme der Wärme andererseits. (In manchen Fällen werden auch durch eigenthümliche Fortpflanzungsverhältnisse solche Wanderungen hervorgerufen.) Es wird also unsere Aufgabe sein, zu prüfen, inwiefern diese beiden äußeren Ursachen beim Zuge der Vögel eine Rolle zu spielen berufen sind, ob einer von beiden eine größere Bedeutung zugeschrieben werden muß.

Eintretender Nahrungsmangel ist bei den vorgenannten Thieren sehr oft die Triebfeder zu größeren oder kleineren Wanderungen. Wenn ein bestimmter Bezirk für die Ernährung der ihn bewohnenden Wesen nicht mehr ausreicht, werden letztere eben auswandern müssen, sofern sie nicht untergehen sollen im Kampfe um’s Dasein. Für die Mehrzahl der Vögel jedoch kann Nahrungsmangel eigentlich kaum als Ursache des Fortziehens angenommen werden, wenigstens nicht im Momente, wo der Zug anhebt. Vor dem Wegziehen sind zwei wichtige Abschnitte im Leben des Vogels vorüber: Brut und Mauser. Die durch diese beiden anstrengenden Lebensepochen entschwundenen Kräfte hat der Vogel wieder doppelt ersetzt durch seine jetzt entschieden der Ernährung hingegebene Lebensweise. Für die meisten Vögel ist ja auch im Herbste der Tisch vortrefflich gedeckt, und es dürfte eine hinlänglich bekannte Thatsache sein, daß die im Herbste uns verlassenden Vögel keineswegs mager, sondern sehr fett und wohlgenährt aussehen. Von beginnendem Nahrungsmangel könnte im Anfang der Zugperiode höchstens etwa bei ausgesprochenen Insectenfressern die Rede sein, während viele andere Arten, deren Nahrung während des Sommers auch vorwiegend aus Insecten bestand, im Herbste recht gern eine Beerencur unternehmen.

Wir werden somit zu dem Schlusse geführt, daß es die Wärme-Abnahme sein muß, welche in der Vogelwelt diese wunderbare Zugerscheinung hervorgerufen hat. Der Vogel ist eben ein echtes Luftthier, ein Thier des Lichtes und der Wärme. „Diese sensitiven Wesen – wo anders streben sie auf ihrem Zuge hin, als zur Sonne, zum wärmenden Sommer des Südens?“ Weist uns doch schon die Bekleidung des Vogels darauf hin.

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883). Leipzig: Ernst Keil, 1883, Seite 606. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1883)_606.jpg&oldid=- (Version vom 13.1.2024)