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Seite:Die Gartenlaube (1883) 596.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883)

„Hat Dein Vater sich darein gefunden, daß Du den Hansel heirathest?“

Moidl schüttelte traurig mit dem Kopfe.

„Das wird er nie thun, Herr Richter,“ entgegnete sie.

„Hat er mit Dir darüber gesprochen?“

„Ja, aber ich kannte seinen Sinn schon zuvor.“

„Und was willst Du thun?“

„Ich warte. Mein Herz gehört dem Hansel und wenn ich nie die Seinige werde.“

„Du sollst es werden!“ versicherte der Richter. „Um mit Deinem Vater zu reden, bin ich herauf gestiegen, ich hoffe, seinen Sinn zu wenden.“

„Das thun Sie nicht.“

„Laß es mich versuchen. Rufe ihn und dann laß mich allein mit ihm. Er kann gegen Hansel’s Charakter nichts einwenden.“

Moidl verließ die Stube, um ihren Vater zu rufen.

Wenige Minuten später trat der Bauer langsam und mit ernstem Gesichte ein. Er grollte dem Richter, weil derselbe Hansel freigelassen.

„Guten Tag, Herr Bezirksrichter,“ sprach er mit kaltem Gruß. „Was bringen Sie mir Gutes?“

„Muß ich Euch etwas bringen, Oberburgsteiner, um Euch einmal zu besuchen?“ warf der Richter lächelnd ein.

„Nein! Seien Sie willkommen, setzen Sie sich!“ fuhr der Bauer mit demselben ernsten, kalten Tone fort.

„Ich wollte Euch nur die Versicherung geben, daß gegen den Hansel Haidacher nicht der geringste Verdacht mehr vorliegt,“ sprach der Richter. „Es hat ihn schlimm getroffen, daß der Schein gegen ihn war, ich mußte ihn verhaften. Er hat die Freiheit lange Zeit eingebüßt, deshalb nehm’ ich auch keinen Anstand, offen zu erklären, daß er ohne jede Schuld ist.“

„Das geht mich nichts an. Ich hab’ ihn weder angeklagt noch freigesprochen,“ warf der Bauer ein.

„Doch, es geht Euch an. Die Moidl hat sich mit ihm versprochen, es ist dies jetzt kein Geheimniß mehr – tretet dem Glücke der Beiden nicht in den Weg und gebt den Leuten nichts zum Reden.“

„Die Leut’ kümmern mich nicht, meine Tochter kennt meinen Willen, und an ihm halt ich fest.“

„Was habt Ihr gegen Hansel? Er ist fleißig und strebsam. Das Gehöft seines Vaters ist freilich herabgekommen, aber er wird es wieder aufbringen, denn an Arbeitskraft ist ihm Keiner gleich.“

„Herr Richter, was ich gegen ihn hab’, ist meine Sache,“ gab der Bauer, seinen Groll mühsam verhaltend, zur Antwort. „In meinem Hause bin ich Herr und ich bin Niemand Rechenschaft schuldig, wen ich mir zum Schwiegersohne aussuche. Der Welsche wird es nie!“

„Oberburgsteiner, Ihr überschätzt Eure Macht. Ihr habt kein Recht, Eure Tochter gegen ihren Willen zu verheirathen.“

„So lange sie in meinem Hause lebt, muß sie mir gehorchen.“

„Und wenn sie trotzdem den Hansel heirathet – Ihr könnt es nicht hindern, deshalb seid klug und gebt zur rechten Zeit nach. Ich meine, die Beiden werden es Euch Dank wissen, so lange Ihr lebt.“

In der Brust des Bauers kämpfte und wogte es sichtbar. Der Zorn stieg in ihm auf, und er mühte sich, denselben niederzuhalten.

„Hindern kann ich es nicht,“ erwiderte er mit erbittertem Lachen, „aber dann ist sie mein Kind nicht mehr.“

„Ihr geht zu weit!“ rief der Bezirksrichter.

(Fortsetzung folgt.)




Wien vor zweihundert Jahren.

Ein Ruhmeskranz der alten Kaiserstadt.
(Schluß.)

Mit dem Kaiser und dem gesammten Hofe hatte nahezu die Hälfte der Bevölkerung die Stadt verlassen. Jetzt erst war dem Grafen Starhemberg freie Hand gegeben, und er benutzte seine Macht so energisch und weise, daß in kurzer Zeit mit der Wohlthat strenger Ordnung auch der Muth des Selbstvertrauens in die Herzen der Wiener Einkehr hielt.

Ein Kreis von erprobten Männern stand dem Commandanten zur Seite und zur Verfügung, vor Allen Feldzeugmeister Graf von Capliers, der Ingenieur-Oberst Rimpler, der Artillerie-Oberst Werner und Allen an Muth und Thatkraft ebenbürtig der Bürgermeister Wiens, Andreas von Liebenberg. Starhemberg hielt eine Ansprache an die Bevölkerung, welche rasch die weiteste Verbreitung und Befolgung fand. Er erklärte, daß weder die Befestigung noch die Besatzung der Stadt einem Angriff der Türken gewachsen sei, daß es an Verproviantirung wie an Munition fehle und daß alle dem mit vereinten Kräften abgeholfen werden müsse. Und so geschah’s. Aus den kampffähigen Bürgern wurden Freicompagnien gebildet, der Rector Grüner pflanzte die Marienfahne auf dem Universitätsgebäude auf und die Studenten eilten zu den Waffen; alle nicht waffentragenden Bewohner, vom höchsten Adel und von der Geistlichkeit bis zu den in die Stadt geflüchteten Landleuten, arbeiteten an den Festungswerken, an der Herstellung von Wällen und Batterien, an der Erneuerung der verfaulten Palissaden, an der Bedeckung der Häuser mit Dünger und Erde. Um Allen ein Beispiel zu geben, belud der Bürgermeister sich den ersten Karren und fuhr ihn zur befohlenen Stelle. Niemand weigerte sich fortan eines Dienstes, eines Wagnisses, eines Opfers. Soweit es noch möglich war, mußten die Landleute ihr Vieh in die Stadt retten; zu rechter Zeit kam noch ein Munitionstransport die Donau herauf und die letzte noch sehnlich erwartete Infanterie hatte die Thore erreicht, die nun zum großen Theil vermauert wurden. Die Bevölkerung der Stadt betrug in diesem Augenblick noch 60,000 Seelen; darunter 16,000 Mann Besatzung, nämlich 11,000 Mann Soldaten und etwa 5000 Mann Bürgermiliz, zu welcher namentlich die Studenten und die Handwerker gehörten. Und abermals mußten nun die so schönen, heiteren und reichen Vorstädte (bis auf die Leopoldsvorstadt, welche die Türken selbst später zerstörten) niedergebrannt werden, um nicht dem Feind als sichere Annäherungsmittel an die Stadt zu dienen. Augenzeugen erzählten noch lange: der Brand von Troja könne nicht so schrecklich gewesen sein. Es war Unglaubliches für die Vertheidigung gethan und geopfert worden, aber Wien stand gerüstet und kampfbereit da, als am 14. Juli das Türkenheer, dessen Spur die Flammen der brennenden Dörfer anzeigten, die Kaiserstadt umschloß.

Ueber 25,000 Zelte umfaßte das feindliche Lager; in der Mitte desselben glänzte der prächtige Zeltpalast Kara Mustapha’s, und die Zelte der vielen Paschas standen diesem an Pracht nicht viel nach. Die Stärke des Belagerungsheeres, wohl 180,000 Mann, erfüllte den Großwesir mit solcher Zuversicht, daß er eine Befestigung seines Lagers für überflüssig hielt. Da den Türken die Belagerungskunst fremd war, so leiteten ungarische und französische Ingenieure ihre gegen die Stadt gerichteten Arbeiten. Ihre Laufgräben waren auf 300 Schritte vom Glacis entfernt, der Kärnthner-, Burg-, Löwel- und Melkerbastei gegenüber angelegt und schon am 16. Juli nur noch 80 bis 90 Schritte von der Spitze der Ravelins vor dem Burgthor entfernt. Gefangene Christen wurden dabei durch Bastonaden zur Arbeit gezwungen. Was Wien von den Barbaren zu erwarten hatte, wenn sie siegen würden, bewies schon am 15. Juli die Beschießung des Fleckens Perchtoldsdorf, der dabei in Feuer aufging; als die Einwohner sich gegen Zusicherung ihres Lebens ergaben, wurden sie sammt und sonders niedergehauen. Ja, der befehligende Pascha tödtete eigenhändig die Jungfrau, die ihm die Schlüssel des Ortes übergeben wollte!

Aber selbst die heftigste Beschießung und Stürmung der Stadt vermochte nicht den Muth der Vertheidiger zu schwächen. Und doch drohten ihnen Gefahren im Innern, an welche sie im Kampfeifer nicht gedacht hatten. Die größte Gefahr für Alle war

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883). Leipzig: Ernst Keil, 1883, Seite 596. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1883)_596.jpg&oldid=- (Version vom 13.1.2024)