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Seite:Die Gartenlaube (1883) 595.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883)

der Athem. An einem Felsen am Wege brach er kraftlos zusammen. Er hatte dem Geschicke mit festem Muthe getrotzt, nun es zu seinen Gunsten entschieden, verließ ihn die Kraft.

In seinem Innern wogte so Vieles durcheinander, die unsagbaren Qualen, die er erduldet, die Liebe Moidl’s und der Morgenschimmer eines neuen Glückes – er konnte es nicht fassen. Er lehnte den Kopf an den Felsen, neben dem er niedergesunken war, und weinte.

Es mußte sich in ihm lösen, was so lange gespannt war. Das Mißgeschick hatte ihn aufrecht erhalten, das Glück beugte seine Kraft.

Da legte sich eine alte und milde Hand auf seine Schulter, und eine Stimme rief:

„Hansel, mein Hansel!“

Es war seine Mutter, die ihn mit den Armen umschlang. Sie war in der Messe gewesen und hatte auf dem Heimwege seine Freilassung bereits erfahren. Da war sie ihm so hastig nachgeeilt, daß ihre Kniee zitterten und ihre Brust nach Athem rang.

Hansel umklammerte seine Mutter fest. Er wollte die Thränen zurückdrängen, aber er konnte es nicht.

„Sei ruhig, Hansel, jetzt ist ja Alles wieder gut,“ sprach die Frau, indem sie mit der Rechten über sein Haar hinstrich. „Ich hab’ an Deine Schuld nie geglaubt.“

„Und weißt Du, wer mich frei gemacht hat?“ rief Hansel, indem er den Kopf emporrichtete.

„Ich weiß es, der Bezirksrichter hat es mir gesagt. Konntest Du das Deiner Mutter nicht gestehen?“

„Es ging nicht, denn das Geheimniß gehörte nicht mir allein.“

„Nun komm,“ sprach die Frau, indem sie sich erhob. „Dein Vater weiß noch von nichts. Er konnte nicht mit zur Messe gehen, denn der Gram hat ihn arg mitgenommen.“

„Ich werd’ Alles wieder gut machen!“ rief Hansel, indem er neben seiner Mutter herging.

„Dein Vater wird sich erholen, nun er weiß, daß Du unschuldig bist.“

„Hat er mich für schuldig gehalten?“

„Mach’ ihm keinen Vorwurf daraus; es glaubten ja Alle, daß Du schuldig seiest. Er hat schwer darunter gelitten.“

Hansel schwieg. Als sie sich dem Gehöft näherten, eilte er seiner Mutter voraus und stürzte in das Haus und in die Stube.

„Vater, ich bin frei – frei!“ rief er dem Alten zu, ihm die Hand entgegenstreckend.

Fast erschreckt blickte der alte Haidacher zu ihm auf; er zögerte, die Hand anzunehmen.

„Bist Du aber auch ohne Schuld?“ fragte er.

„Ja, Vater, ja!“

Da erfaßte der Alte des Sohnes Rechte mit beiden Händen und hielt sie fest.

„Nun ist’s gut, Hansel,“ sprach er mit bewegter Stimme. „Nun leb’ ich wieder auf!“




Der Oberburgsteiner hatte die Messe etwas früher verlassen. Er saß in der „Post“ beim Wein. Da stürmte der Sohn des Wirthes in das Zimmer und rief:

„Der Hansel ist frei! Soeben ist er aus der Haft entlassen!“

Die Brauen des Bauers zogen sich zusammen. Seine Rechte schob das vor ihm stehende gefüllte Weinglas weiter auf den Tisch, als habe er keine Lust mehr zum Trinken.

„Weißt Du so genau, daß er entlassen ist?“ fragte er. „Er kann ja auch entsprungen sein.“

„Nein, er ist in Freiheit gesetzt. Als er das Haus verlassen, hat der Richter ihm ruhig nachgeblickt.“

Der Oberburgsteiner schwieg. Fest preßte er die Lippen auf einander und blickte starr vor sich hin.

Mehrere Bauern traten ein, sie sprachen nur von der Freilassung des Verhafteten.

„Oberburgsteiner, weißt Du, wer ihm die Freiheit verschafft hat?“ wandte sich einer der Eingetretenen an den Bauer.

„Was kümmert’s mich!“ entgegnete der Gefragte unwillig. „Ich hätt’ ihn nicht freigegeben.“

„Deine Moidl hat es gethan!“ fuhr der Erstere fort.

„Was soll das heißen?“ fuhr der Oberburgsteiner auf.

„Nun, sie ist heute Morgen zu dem Rlchter gegangen und hat ihm erzählt, wo Hansel in der Nacht gewesen ist. Sie hat sich mit ihm oben getroffen. Nun ist Alles aufgeklärt, und deshalb ist Hansel freigegeben.“

Der Bauer sprang auf, das Blut war aus seinem Gesicht gewichen.

„Du lügst!“ rief er heftig.

„Der Richter selbst hat es mir erzählt.“

Die Brust des Oberburgsteiners hatte schwer Athem, seine Hand hatte sich geballt. Aber er beherrschte sich. Schweigend schritt er auf die Thür zu.

„Wohin willst Du?“ riefen ihm Mehrere zu.

Er antwortete nicht. Langsam verließ er das Haus und schritt durch das Dorf hin, die Augen finster brütend auf den Weg gerichtet. Er wagte nicht aufzublicken, denn es war ihm, als ob ihm eine Schmach angethan wäre, die er nimmer abwaschen könne. So stieg er langsam zum Oberburgstein empor.

In der Stube saß seine Tochter. Ein freudig verklärter Zug lag auf ihrem Gesichte, denn ihr war es gelungen, den Geliebten zu befreien. Sie blickte hinüber zu dem Gehöft des Haidacher, im hellen Sonnenschein lag es da.

Da trat ihr Vater ein, langsam, finster. Den Hut hing er an die Wand, das Gebetbuch legte er auf ein kleines Brett neben der Wanduhr. Dann trat er vor sie hin.

„Bist Du heute beim Bezirksrichter gewesen?“ fragte er.

Moidl zuckte leise zusammen, aber nur für einen flüchtigen Augenblick, dann hob sie den Kopf ruhig zu ihm empor.

„Ja, Vater,“ entgegnete sie.

„Was hat Dich zu ihm geführt?“ fuhr der Bauer fort, und seine Stimme klang hart und tonlos.

„Ich hab’ Hansel die Freiheit verschafft.“

„Dem Buben! Dem Todtschläger!“ rief der Bauer heftig.

„Er ist unschuldig, Vater.“

„Schweig’!“ unterbrach der Bauer seine Tochter. „Ist es wahr, daß Du mit dem – welschen Bettler Dich des Nachts hier oben getroffen hast?“

„Ja, Vater, ich lieb’ ihn,“ gab Moidl zur Antwort und erhob sich.

„Verworfene Dirn’!“ schrie der Bauer auf und erhob die Hand zum Schlage.

Moidl sah ihm ruhig in’s Auge.

„Schlag nur zu,“ sprach sie, „Deine Hand kann mich nicht mehr schänden, als soeben Dein Mund gethan hat. Verworfen bin ich nicht, denn auf meiner Ehr’ haftet kein Flecken. Ich hab’ dem Hansel mein Wort gegeben, die Seinige zu werden; er ist mein Verlobter.“

Der Bauer hatte sich zur rechten Zeit gefaßt und nicht zugeschlagen. Langsam ließ er die Hand sinken, er konnte den ruhigen Blick seiner Tochter nicht ertragen.

„Haha! Dann sag’ dem Bettler doch, daß er zu mir kommt und um Deine Hand wirbt, ich werd’ ihm das Niedersteigen erleichtern!“ rief er mit wildem, höhnendem Lachen. „Du mußt lange, lange warten, bis Du Dein Wort einlösen kannst – bis ich unter der Erde liege, früher geschieht es nicht! Und daß Du nicht wieder mit ihm zusammentriffst, dafür werde ich schon sorgen!“

Erregt verließ er das Zimmer und das Haus.

Moidl ließ sich wieder still auf ihren Schemel nieder. Sie hatte gewußt, daß es so kommen werde, sie war auch darauf gefaßt, Jahre zu warten, das konnte ihre Liebe nicht schwächen. Und wenn ihr Vater sie einschloß, wie eine Gefangene, eins konnte er doch nicht hindern, daß ihre Gedanken zu dem Geliebten eilten und daß ihr Auge hinüberblickte zu dem Hause, unter dessen Dache er weilte. Mit ruhigem, festem Muthe sah sie der Zukunft entgegen.

Tage vergingen, ihr Vater sprach kein Wort mit ihr, sein Blick war finster.

Da trat, während sie still in der Stube saß, eines Nachmittags der Bezirksrichter ein. Freundlich reichte er ihr seine Hand.

„Wie geht’s, Moidl?“ fragte er.

„Es geht mir gut,“ gab das Mädchen zur Antwort, obschon ihre blassen Wangen ihren Worten widersprachen.

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883). Leipzig: Ernst Keil, 1883, Seite 595. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1883)_595.jpg&oldid=- (Version vom 13.1.2024)