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Seite:Die Gartenlaube (1883) 537.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883)

Kleine Bilder aus der Gegenwart.

Nr. 5. Ischia.

Die große Landschaftskünstlerin Natur hat in dem Golf von Neapel ein Meisterwerk von entzückender Schönheit geschaffen, zu dem seit Jahrtausenden die Menschen staunend hinströmen und welches die Sage und die Geschichte mit den kostbarsten Perlen menschlicher Erinnerungen schmücken. Aber auch dieses lachende Paradies der Erde hat seine tiefen Schattenseiten. Möge sich der ewig blaue Himmel Italiens noch so friedlich und verführerisch über den Oliven- und Myrtenhainen ausbreiten, der rauchende Gipfel des Vesuv ragt hier als Zeuge feindlicher Gewalten empor, welche über diese Gegend im Laufe der Zeiten tausendfaches Unheil heraufbeschworen.

Noch hat die menschliche Hand nicht vermocht, ganz das Leichentuch zu lüften, welches einst der Gott der Unterwelt über Pompeji ausgebreitet, und schon verschlang er ein zweites Opfer - aus dem Städtekranz des Golfs von Neapel ist wiederum über Nacht eine Perle verschwunden. Der Untergang jener römischen Stadt war wohl mit furchtbarem Schrecken verbunden, und doch trat damals das Geschick nicht so unerbittlich vor die Thore Pompejis, damals blieb Vielen die Möglichkeit, wenigstens das nackte Leben zu retten, aber bei der letzten Katastrophe (28. Juli) sank Casamicciola in wenigen Secunden, in einem Augenblicke möchte man sagen, in Schutt und Staub, und Tausende begruben die Trümmer.

Werfen wir nur einen Blick auf die Landkarte! Sofort erkennen wir, daß Ischia jener vulcanischen Zone angehört, als deren Hauptrepräsentanten der Aetna und der Vesuv gelten. Besuchen wir aber die Insel selbst, so finden wir, daß sie ein Werk unterirdischer Kräfte ist und eigentlich nur einen erloschenen Vulcan darstellt und in der That erzählt noch die Geschichte von jener Zeit, da der Gipfel der Berginsel, der Epomeo, in Rauchwolken sich verhüllte und, in düsterer Gluth erstrahlend, vernichtende Lavaströme gegen das Meer hinabsandte. Zum letzten Male geschah dieses Ereigniß im Jahre 1301, wo der Berg, nachdem er siebenzehn Jahrhunderte geruht, plötzlich seine Flanken öffnete und einen gewaltigen Lavastrom ergoß, der viele blühende Gärten und Niederlassungen verzehrte, bevor er in’s Meer stürzte. Wiewohl seit jenen Tagen wiederum mehr als fünf Jahrhunderte verflossen sind, hat die Vegetation die erstarrten Massen noch nicht zu überwuchern vermocht, und noch heute ist jener Lavastrom sichtbar – wie eine riesige dunkle Schlange zieht er sich quer durch die Insel hin. Diese vulcanischen Kräfte haben jedoch dazu beigetragen, Ischia und vor Allem Casamicciola berühmt und zu einem Anziehungspunkt für Fremde zu machen, denn ihnen verdanken die heißen Quellen ihren Ursprung, welche hier an vielen Orten aus den Spalten der Felsen hervorsprudeln. Und wie groß ist ihre Zahl! Nennen wir nur den „Gurgitello“ (Strudel), der bei 52° bis 59° Wärme nicht nur gegen Rtheumatismus und Gicht, sondern auch gegen „nervöse Verstimmung der Frauen“ helfen soll, die Quelle „del Cappone“ (des Capaunen), deren Wasser auch bei Tisch getrunken wird, die Quelle „Spenna polastro“, in welcher Vielgeplagte ihre Hühneraugen abbrühen, die „Cociva“ (Kochquelle), die dank ihrer hohen, 72° betragenden Temperatur vielfach als Kochwasser benutzt wird, die Acqua d’oro und d’argento, von denen schon der römische Geograph Strabo erzählte, daß sie Gold und Silber führen, und endlich die Tambourroquelle, welche dem durch die entweichende Kohlensäure erzeugten trommelnden Geräusch ihren Namen verdankt. Ja, in der Nähe des Fleckens Lacco ist der Reichthum an warmen Quellen so hervorragend, daß von Ihnen selbst das Meer und das Land erwärmt wird und die Einwohner am Strande trockene Sandbäder und warme Fußbäder nehmen können, während die heißen Dämpfe der Quellen von S. Montano zu Schwitzbädern benutzt werden.

Castell von Ischia.

Und über dieses mit Thermen aller Art so reich gesegnete Eiland lacht ein azurner Himmel, den Monate lang keine Wolke trübt, und streichen frische Seewinde, welche die italienische Hitze von ihm fern halten. Rechnen wir noch dazu die landschaftlichen Reize der Insel, die prachtvolle Aussicht, welche von ihren Höhen und ihrem Strande auf den Golf von Neapel, auf die Stätten der Odyssee und Aeneis sich unserm Auge darbietet, so werden wir leicht begreifen, warum Ischia zu einer der beliebtesten Sommerfrischen der Neapolitaner wurde und das vor stürmischen Winden geschützte Casamicciola den stolzen Namen „la regina dei bagni“ (Königin der Bäder) erhielt.

Bot nun dieser Ort, dank dem lustigen Treiben der Badegäste, das Bild des modernen Lebens, so birgt die an der Ostküste gelegene Hauptstadt Borgo d’Ischia die spärlichen geschichtlichen Denkmäler. Hier erhebt sich auf einem 180 Meter hohen Trachytkegel, welcher nur durch einen schmalen Damm mit der Insel verbunden ist, das Castell, zum Schutz gegen die türkischen Seeräuber erbaut. In seiner Mitte liegen die Kerker mit der bezeichnenden Ueberschrift „Fructus criminis“ („Früchte des Verbrechens“). Es gab auch eine Zeit, da die Liebe zur Freiheit für ein Verbrechen galt, das mit der Einsperrung in den tiefen Felsenclassen dieses Castells bestraft wurde. Als die Bourbons in Neapel thronten, ließen sie die unruhigen Republikaner hier in Ketten werfen. Aber auch hellere Züge sind in der Vergangenheit dieses Bischofssitzes zu finden. Von hier ertönten die klangvollen Lieder der Vittoria Colonna, jener berühmtesten Dichterin unter Italiens Frauen.

Auf dieser reizenden, etwa 21/4 Quadratmeilen umfassenden Insel wohnt ein Menschenschlag, der sich scharf von den Neapotitanern unterscheidet, dessen Züge anders geformt sind, dessen Farbe durch ihre besondere Dunkelheit auffällt und dessen Sprache selbst einen eigenthümlichen Dialekt bildet. Die Ischianer sind fast eine besondere Rasse, denn hier mischte sich das hellenische Blut der Ureinwohner mit dem latinischen und saracenischen. Und da die Weinrebe auf den Hängen der Insel gar üppig gedeiht, so blühte hier einst der Cultus des Weingottes, und bis auf unsere Tage hat sich die ausgelassene Lust der Bacchanalien im Volke erhalten. Sind doch die schwarzäugigen, in bunte Tracht gekleideten Frauen Ischias weit und breit berühmt als die geschicktesten Tarantellatänzerinnen.

Jahrhunderte lang hat diese Hand voll Menschen mit seltenem Fleiße gearbeitet und über drei Viertel des Felsenbodens in blühende Gärten verwandelt. Nun ist die Bevölkerung furchtbar decimirt, der Wohlstand auf lange Zeit vernichtet. Wann werden diese Wunden geheilt werden, wann wird Vertrauen wieder in die Herzen der Menschen einziehen und Ischia wieder leuchten als ein friedliches Paradies unter den Inseln und Buchten des herrlichen Golfes? Ueber kurz oder lang wird es wohl geschehen, denn es liegt in der Natur des Menschen, daß er selbst auf dem Vulcan sorglos dahin lebt und sich der Früchte seiner Arbeit freut, und es giebt ein großes Heilmittel der Natur, welches alle Wunden vernarbt – die Vergessenheit.



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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883). Leipzig: Ernst Keil, 1883, Seite 537. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1883)_537.jpg&oldid=- (Version vom 25.1.2024)