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Seite:Die Gartenlaube (1883) 448.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883)


„Du sakrisch Dirnd’l, Du!“ rief er, „willst mich anschau’n oder nit?“

Und er nahm ihren Kopf zwischen seine beiden Hände und sah sie an. Sie aber stand ganz still, mit geschlossenen Augen vor ihm da, nur der kleine Mund zuckte, als wär ihr das Weinen nahe. Da ließ er sie leise los.

„Schau,“ sagte er, „jetzt hätt’ ich Dir leicht a Busserl geb’n könn’n.“

Stillschweigend ging er eine Weile neben ihr her, dann that er plötzlich einen Jodler, daß es weithin über den See tönte und von den Bergen widerhallte.

„Woaßt, was ’s Schönst’ is auf der Welt?“ sagte er und ließ den Blick voll Zärtlichkeit auf ihrem blonden Scheitel ruhen, „a so a Dirndl, dös was auf sich halt.“

Am Ufer stiegen sie in den Nachen und er ruderte sie hinüber. Es wurde nichts weiter zwischen ihnen gesprochen. Aber den beiden jungen Menschen klopfte das Herz zum Zerspringen. Drüben band der Josef seinen Nachen fest und ging dann an des Moidls Seite hinauf zum Berge. Die Burgl kniete unter der Thür der heiligen Josef-Capelle, und die Beiden hörten sie schon von Weitem lamentiren, denn man hatte ihr das Schreckliche mitgetheilt, und sie flehte nun gewiß schon über eine Stunde den Rumpf des heiligen Josef an, er möge ihrem Moidl verzeihen, es sei halt noch gar so jung.

„Schrei nit so, Mutter,“ rief ihr der Josef entgegen, „der heilig’ Josef soll schon a frisch G’wandl hab’n und auch a Kopf, dös hoaßt, wann’s Moidl mich a bissl viel gern hab’n will, sonst nit.“

„Jesus,“ schrie die Burgl und schlug die Hände zusammen, „Moidl, Moidl, was hab’ ich D’ gesagt!“

Das Mädchen drückte die Hände gegen die hochklopfende Brust:

„Ich hab’n nit ang’schaut, Mutter,“ versicherte es, „g’wiß nit.“

„Nein, Burgl, mit kein’ Blick nit,“ betheuerte der Josef, „a Köpferl hat’s wie a Nuß – aber jetzt soll’s halt nachgeb’n, ’s wär Zeit damit.“

„Ja, moanst’s denn ehrlich, Du Bub?“ fragte die Burgl, indem ihr die Thränen über die Wangen liefen, „bist denn nit stolz? – d’ ärmst Dirn vom Ort.“

„Ob’s arm is oder nit,“ unterbrach sie der Bursche, „ich hab ’s halt gern!“

Und er wandte sich zu dem zitternden, dunkelerglühenden Mädchen und sagte, indem er die Arme weit öffnete:

„Magst?“

Und sie schlug zum ersten Mal den Blick zu ihm auf, und was sie sah, das mußte ihr nicht wenig gefallen, denn sie sank weinend und lachend zugleich und mit dem Ausrufe: „O mein Gott!“ an seine Brust.




Blätter und Blüthen.

Das Ballspiel. Wer erinnert sich nicht gern seiner Jugend, der Zeit, wo ihn noch keine Sorge drückte und wo unter heiteren Spielen mit seinen Altersgenossen das Leben ungetrübt dahin glitt? Gewiß treten einem Jeden unter uns öfters jene frohen Erinnerungen vor die Seele, und namentlich dürfte in der gegenwärtigen Zeit, in der so viel über die körperliche Pflege unserer Jugend geschrieben und immer und immer wieder, und zwar mit Recht, darauf hingewiesen wird, wie hochwichtig für die gesunde Entwickelung des zukünftigen Geschlechts die Pflege von Turnspielen ist, so Mancher an die schönen Spiele im Freien zurückdenken, welche nicht wenig zur Belebung und Kräftigung seiner Gesundheit beigetragen haben, aber leider von der heranwachsenden Jugend der Gegenwart nicht mehr gekannt oder doch nicht gespielt werden, vielleicht aus dem Grunde, weil ihnen eine derartige Beschäftigung zu einfältig erscheint.

Unter allen Spielen, deren ich mich lebhaft erinnere, war keines so beliebt, als das Ballspiel in seinen verschiedenen Nuancirungen, wie Schlag-, Fuß-, Wurf-Ball u. dergl.

Aber nicht allein das interessanteste, es ist auch das älteste und das am weitesten verbreitete Spiel. – Das Wort Ball wird jetzt oft gebraucht, ohne daß man dabei an’s Ballspiel denkt. Unser Ball als Tanzvergnügen, unser Ballet erinnern fast alle Tage daran; beide Vergnügungen verdanken aber auch dem Spielball ihren Namen, denn die Einladung dazu geschah früher, anstatt wie jetzt mit Karten, durch Herumsenden eines Balles, und zwar weil wiederum das Spiel mit diesem einen Theil des Tanzes selbst ausmachte, letzterm entweder vorausging oder mit ihm verbunden war und abwechselte, wobei das Fangen des in die Höhe geworfenen Balles unter zierlichen, kunstreichen Bewegungen geschehen mußte.

Schon Homer hat eine der reizendsten Schilderungen in seiner „Odyssee“, wo sich die Tochter des Phäakenkönigs, die liebliche Nausikaa, mit ihren Gespielinnen, während die Gewänder trocknen sollen, die sie gewaschen hatten, mit dem Ballspiel belustigt.

Besonders in Italien blieb es häufig eine Unterhaltung der jungen Welt und ergötzt jetzt noch öfters manche große Stadt, indem die junge Welt den Ball schlägt, während die ältere dem fröhlichen Treiben zuschaut. Das Schlagen geschieht mit einer Art Raquet (Maglia), mit welchem der Ball aufgefangen und einem Andern zugetrieben wird, der nun, will er nicht ausgelacht sein, dasselbe in Bezug auf einen dritten thun muß. Aus Italien kam das Spiel nach einem großen Theile Europas, namentlich nach Frankreich und Deutschland und machte im siebenzehnten Jahrhundert einen Hauptgegenstand der Unterhaltung bei Hof- und anderen Festen aus. Es wurden große Häuser zu dem Zwecke angelegt, um das Spiel bei ungünstiger Witterung in dem darin befindlichen Saale, und bei schönem Wetter in dem geräumigen Hofe treiben zu können.

Ein solches z. B. entstand in Leipzig auf der Reichsstraße schon im Jahre 1624, also während des Dreißigjährigen Krieges, wozu noch 1692 ein anderes auf der Petersstraße erbaut ward. Außerdem schlugen die hohen Herrschaften den Ball auf dem Markte, oder es wurde auch eine Allee dazu bestimmt, und wenn nun zu beiden Seiten derselben im Laufe der Zeit eine Reihe Häuser entstand, so hatte sich auf ganz einfache Weise eine Straße gebildet, die ihren ursprünglichen Namen noch heute hier und da beibehalten hat. So giebt es in Altona eine der schönsten, geradesten Straßen, welche die Palmaille heißt, nicht minder in Utrecht, und ebenso hat London eine der schönsten wie der längsten, die nach dem Haymarket hinführt und Pallmallstraße genannt ist. Beide Bezeichnungen sind nichts als das ganz verdorbene italienische Ballo und Maglia, das heißt der Ball und der Schlägel, das Raquet, womit derselbe geschlagen werden soll. Statt unserer jetzigen Balletmeister gab es damals Ballmeister; denn es forderte besondere Kunst und setzte manche Regel voraus, den Ball aufzufangen oder fortzutreiben und nach einem bestimmten Punkte zu bringen.

Das Ballspiel kam aus Paris nach England, und namentlich nach London vor oder spätestens zu der Zeit Karl’s des Ersten, denn schon Jakob der Erste empfahl es als ein fürstliches Vergnügen, und noch früher, 1598, sagt ein englischer Schriftsteller, Robert Dallington, in einer Anleitung zum Reisen:

„Unter allen Exercitien in Frankreich ziehe ich keines der Paille-Maille vor, weil es guten Anlaß und Gelegenheit zur Unterhaltung gewährt, nicht anstrengend ist und einem Herrn wohlansteht.“

Um diese Zeit muß das Spiel in London noch unbekannt gewesen sein, denn er fährt gleich nachher fort:

„Ich wundere mich, daß man unter den vielen läppischen und affenmäßigen Spielen, die man aus Frankreich herübergebracht hat, nicht auch dieses in England einführte.“

In England scheint die Sitte nicht lange vorgehalten zu haben; denn eine Schrift aus dem Jahre 1670 nennt Paille-Maille ein Spiel, das früher in der langen Allee bei St. James üblich gewesen sei. Dagegen weiß man auch, daß Karl der Zweite es noch leidenschaftlich liebte, und ein Gedicht aus seiner Zeit weiß dies nicht genug zu rühmen.

Schon damals standen in der Pallmallstraße in London stattliche Gebäude hinter den Apfelbäumen, womit man die Bahn anfangs bepflanzt hatte, sowie hinter den 140 Ulmen, welche später in einer sehr anmuthigen und regelmäßigen Ordnung gepflanzt worden waren. Viele Männer, deren Namen noch heute berühmt sind, wohnten schon zu jener Zeit in der Pallmallstraße, z. B. der berühmte Arzt Sydenham. Auch der berühmte Feldherr Marlborough hatte später seinen Palast hier, und so hat sich der Name dieser Straße bis auf den heutigen Tag erhalten, ohne daß gerade viele Leute in London wohl den Ursprung desselben wissen, wie dies auch in vielen anderen Städten der Fall ist. Otto Lehmann. 




Kleiner Briefkasten.

Frl. A. W. in Bamberg. Von protestantischen Orden, wie Sie dieselben im Sinne zu haben scheinen, ist uns im deutschen Reiche nichts bekannt. Es giebt nur solche Stifte und Verbindungen, welche sich und ihre Insassen der Krankenpflege widmen. Indessen können sich in die Anstalt „Frauenschutz“ in Dresden ledige, protestantische Jungfrauen einkaufen und sich darin einer ihren Fähigkeiten entsprechenden Thätigkeit widmen, sei es nun im Stundengeben an der betreffenden Anstalt oder im Uebernehmen anderer Pflichten des Haushaltes. Wenden Sie sich um Näheres nur: „An den Vorstand des ‚Frauenschutz‘“ in Dresden-Neustadt.

Ad. in A. Eine „Anstalt zur Ausbildung weltlicher Krankenpflegerinnen in Magdeburg, Thränsberg 37b“ besteht unter der Direction des Herrn Medicinalrath Dr. Sendler daselbst.




Inhalt: Gebannt und erlöst. Von E. Werner (Fortsetzung), S. 429. – Das deutsche Reichswaisenhaus in Lahr. Von A. Guth. Mit Abbildung: Die Reichsfechtmeisterei und das Reichswaisenhaus in Lahr, S. 432. – Die Weltsprache der Seefahrer. Von Dr. B. L. Mit Abbildungen, S. 435. – Zwischen zwei Welten. Von H. Pichler. Mit Illustration: Ball an Bord – „zwischen zwei Welten“. Von Ludwig Blume, S. 437 u. 438. – Die nationale Kochschule in London. Von Marie Calm, S. 442. – Memento mori! Gedicht von Ernst Scherenberg, S. 444. Mit Illustration: von Wilhelm Ritter, S. 445. – Das heilig’ Dirnd’l. Von Hermine Villinger (H. Willfried), S. 444. – Blätter und Blüthen: Das Ballspiel. Briefkasten, S. 448.



Unter Verantwortlichkeit von Dr. Friedrich Hofmann in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.
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