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Seite:Die Gartenlaube (1883) 421.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883)

Pfade unwegsam, dann verbietet sich von selber der Aufenthalt an der Landstraße. Man bleibt „unten“ in Siloah, kocht Reis, Kaffee und spielt mit Würfeln um Einsätze, die oft aus halben und ganzen Piastern bestehen. Der Aufenthalt im Asyl bei Siloah ist für Europäer geradezu unmöglich, den Arabern mag er gar nicht so fürchterlich erscheinen. Luft und Licht haben nur durch eine niedrige Thür Zutritt, durch welche der Rauch ebenfalls seinen Abzug findet. Polster, Matratzen sind nirgends vorhanden, nur Lumpen, Stroh und Unrath starren uns entgegen, aber schließlich sieht es in den Hütten der Landbewohner in Palästina auch nicht besser aus.

Lange währt ein solches Leben natürlich nicht. Vier, fünf Jahre nach Ausbruch der Krankheit schwinden die körperlichen und mit ihnen die geistigen Kräfte. Patienten, welche nach zehnjährigen Leiden sterben, sind Seltenheiten. Indessen ist es gar nichts Ungewöhnliches, daß Männer und Frauen, die bis zum fünfzigsten Lebensjahre gesund ihrer Beschäftigung nachgehen konnten, dann doch noch von der heimtückischen Krankheit erfaßt werden. Bei weitem mehr sind wohl jene Kinder, Knaben sowohl als Mädchen, zu beklagen, die bereits in ihrem neunten und zehnten Jahre „der erstgeborene Sohn des Todes“ für sich reclamirt.

Aus der Hygiene-Ausstellung in Berlin:0 Eisboot (Matrosen in Korkwämsern).


Das Elend in unseren großen Welt- und Culturstädten, in den Metropolen Europas und Amerikas kann unter Umständen ein Stück Poesie besitzen, und öfters schlägt auch für den verzweifeltsten Proletarier darin die Messias-Stunde. Aber die Misère zu Siloah hat keinen Trost, keine Versöhnung, keine Erlösung und obendrein den entsetzlichen Fluch der unverschuldeten Pein. Es liegt ein fremder Ausdruck in den Zügen dieser aus der menschlichen Gesellschaft und vom eigenen Haus und Hof Gejagten. Auch die „Geflohenen“ – so nannte sie Mohammed – können zu Stunden lachen und scherzen, doch seltsam klangen stets diese Laute der Freude an mein Ohr. Denn nie verlieren sie die Gewißheit, daß Tag um Tag, Monat um Monat, Jahr um Jahr ihre Krankheit furchtbarer, ihre Leiden unsäglicher werden. Die Schmerzen in den gekrümmten und zitternden Gliedern, in den offenen und zuckenden Wunden, in der beständig brennenden Kehle erreichen die letzten Wochen vor dem Tode eine Höhe, die wir nicht kennen und die wir auch kaum verstehen, weil in diesem Stadium der Auflösung nur schwache, unarticulirte Laute über die vertrockneten Lippen dringen. Und endlich – nicht einmal die Gleichheit des Todes existirt für sie, denn abseits scharrt man sie ein, ohne daß auch nur ein Marabut oder Fakir ein Gebet für sie spricht, für sie – „die hoffnungslos Elenden“.

Theodor Hermann Lange.     




Alle Rechte vorbehalten.

Gebannt und erlöst.

Von E. Werner.
(Fortsetzung.)


„Als ich hörte, daß das Dorf in Brand gesteckt werden sollte,“ fuhr Raimund fort, „stand ich wie vom Donner gerührt, aber in der nächsten Minute raffte ich mich zusammen und wollte davonstürzen, der Vater vertrat mir den Weg.

‚Halt! Wo willst Du hin?‘

‚Dem Andreas nach, ich will ihn zurückholen! Das soll nicht geschehen, darf nicht geschehen, Du mußt den Befehl widerrufen, oder ich thue es an Deiner Stelle.‘

‚Du?‘ fragte er verächtlich. ‚Denkst Du, der Andreas wird Dir gehorchen, wenn Du meinen Befehl widerrufst?‘

‚So hindere ich ihn mit Gewalt, und wenn er nicht gehorchen will, so rufe ich es laut durch das Dorf, daß man sich vor dem Brandstifter hüten soll.‘

Mein Vater erbleichte, er faßte mit eisernem Griffe meinen Arm und hielt mich gewaltsam fest.

‚Bube!‘ knirschte er. ‚Willst Du Deinen eigenen Vater preisgeben? Soll das Schloß Deiner Ahnen niedergebrannt werden? Willst Du selbst umkommen unter den Knitteln und Aexten der Bauern? Ein recht ehrenvoller Tod für den Letzten unseres Hauses – und das Alles um einer elenden Scheune willen!‘

‚Aber so bedenke doch die furchtbare Gefahr für das Dorf,‘ flehte ich. ‚Der Wind weht stürmisch von der Geisterspitze; wenn das Feuer nun weitergetragen wird, wenn –‘

‚Bah, die Bauern haben Glück,‘ unterbrach er mich, ‚denen geschieht nichts. Was thue ich denn anders, als was sie thun wollen? Du siehst es ja, daß sie Feuer an meine Thore legen. Wir wollen doch sehen, wer es länger aushält – das Schloß oder das Dorf. Du bleibst, Raimund, und gehst mir nicht von der Seite!‘

Das war der tyrannische Befehl, mit dem er mich stets seinem Willen beugte, dem ich sonst widerstandslos gehorchte, jetzt aber flammte die Energie der Verzweiflung in mir auf.

‚Ich bleibe nicht!‘ rief ich. ‚Wenn Du die Verantwortung trägst, ich kann es nicht. Ich folge dem Andreas und halte ihn zurück.‘

Der Vater ließ meinen Arm los und trat zurück.

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883). Leipzig: Ernst Keil, 1883, Seite 421. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1883)_421.jpg&oldid=- (Version vom 6.1.2024)