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Seite:Die Gartenlaube (1883) 420.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883)


natürlich nichts Anderes übrig, als sich in das neue Quartier zu flüchten. Sie versuchten aber ein Letztes. Ein Protest über die stattgehabte Austreibung, von ihrem „Scheich“ aufgesetzt, ging „in Aller Namen“ an die hohe Pforte in Stambul ab unb zwar als – Telegramm. Die Kosten beliefen sich auf nahezu hundert Franken, sie wurden auf einstimmigen Beschluß der Corporationscasse entnommen, aber eine Antwort kam vom Goldenen Horn nicht zurück. Dies geschah im Mai 1875.

Wohl ein Dutzend Mal habe ich meine Schritte nach dem Asyl bei Siloah gelenkt. Vom Jaffathor aus erreicht man es in etwa fünfundzwanzig Minuten. Der steinige Pfad führt thalwärts, die Vegetation ist dürftig und monoton, nur vereinzelt trifft man Gruppen verkümmerter Oliven. Schon im April sind die Bäche ausgetrocknet, Sand und Kiesel füllen ihr Bett aus, und einzig an dem Gipfel des Oelberges findet das Auge einen angenehmen Ruhepunkt. Bald aber ist auch dieser den Blicken entschwunden. Siloah, dessen Häuser wie Schwalbennester an den Felsen kleben, bleibt zur Linken liegen, während „das Haus der Kranken“ unterhalb des Dorfes auf einer kleinen Anhöhe steht. Es ist ein langer einstöckiger Bau mit acht Kammern. Im Rücken des Spitals, wenn dieser Ausdruck hier angewandt werden kann, sind beträchtliche Bodenerhebungen, und als ich das erste Mal den schmalen Hof zwischen dem Hause und der Bergwand betrat, standen drei Frauen und zwei Mädchen am Eingange. Sie waren nicht wenig überrascht, daß ein Nasrani (Christ) ihre sonst von Jedermann ängstlich gemiedenen Wohnungen aufsuchte. Konnte ich doch nie einen Touristen bewegen, mich nach diesem Hause zu begleiten, ja selbst ein amerikanischer Journalist prallte entsetzt vor mir zurück, als ich ihn darauf aufmerksam machte, für seine Zeitung eine detaillirte Schilderung dieses dürftigsten aller Hospize zu geben. Das Alter der drei Frauen, die mich sofort anbettelten, ließ sich nicht einmal annähernd feststellen, während die Mädchen mir auf Befragen mittheilten, daß sie elf und zwölf Jahre zählten.

Ich inspicirte zunächst die letzte Kammer des Hauses, denn hierher führte man mich, um desto wirksamer an mein Mitgefühl zu appelliren. In dem niedrigen rauchgeschwärzten Raume lagen auf schmutzigen Lumpen zwei Männer, denen jedenfalls der Allerlöser Tod sehr nahe war. Keiner der Beiden vermochte aufzublicken, die Nase sowie die Nägel an den Fingern fehlten dem Einen sowohl als dem Andern, kein Glied konnten die Unglücklichen bewegen, und die Sprache ähnelte nur noch einem schwachen Röcheln. Neben den Lagerstätten standen Schüsseln mit erkaltetem Reis und Krüge mit Wasser.

Hülfe und Heilmittel gegen diese Pest kennt die Wissenschaft bislang nicht. Arzneien, eine gewisse Diät, selbst die größte Reinlichkeit schaffen nur eine zeitweilige Linderung. Vor ungefähr acht Jahren glaubten intelligente französische und deutsche Mediciner mit den neuentdeckten sogenannten indischen Medicamenten Erfolge erzielen zu können, indem man nämlich den Krankheitsstoff nach außen trieb. Aber die so behandelten Personen verfielen dabei zunächst in Fieber, dann in derartige starke und gefährliche Krämpfe, daß man von diesen angeblichen Remedien gänzlich absehen mußte.

Europäer werden nie von der Lepra ergriffen, auch die Gefahr einer Ansteckung existirt für sie nicht. In Palästina ist es fast ausschließlich die ärmere Landbevölkerung, welche von dem Uebel heimgesucht wird. Professor Dr. Häsert, eine der ersten Autoritäten auf dem Gebiete der Hautkrankheiten, schreibt darüber wörtlich:

„Die allgemeinen Ursachen des Aussatzes sind bekannt genug. Sie liegen in der tiefsten körperlichen, geistigen und sittlichen Verwahrlosung der betreffenden Volksclassen. Die Lepra ist die Wirkung aller der Einflüsse, welche den Menschen auf der niedrigsten Stufe der Cultur umgeben. Sie findet sich nur, wo diese Bedingungen zusammen wirken. Aus Mitteleuropa, besonders Deutschland, Frankreich etc., wo der Aussatz bis zum fünfzehnten Jahrhundert ganz allgemein verbreitet war, ist er durch die Cultur verschwunden, und diese allein wird ihn auch im Orient, und wo er sonst noch sich erhält, verdrängen.“

Die Lepra verschont kein Geschlecht, kein Alter, und was das Furchtbarste, sie vererbt sich, geringe Ausnahmen abgerechnet, von Generation auf Generation, bis die Familie gänzlich ausgestorben ist. Wohl überspringt die Krankheit zuweilen ein Glied, der aussätzige Vater oder die aussätzige Mutter können Eltern völlig gesunder Kinder sein, die bis zu ihrem Tode rein und intact bleiben. Aber an den Enkeln zeigt sich das Gift sicherlich wieder. Sobald die ersten Spuren dieses gräßlichen Fluches bei einer Person wahrgenommen werden, ist ihres Bleibens in der Gemeinde nicht mehr. Sind es Erwachsene, so verkaufen sie sofort ihren beweglichen oder unbeweglichen Besitz und gehen zumeist nach Jerusalem, seltener nach Ramleh oder Nablus (Sichem), wo kleinere Zufluchtsstätten bestehen. Jerusalem erhält deswegen den Vorzug, weil ihnen dort, wie mir einer der Aermsten naiv mittheilte, „die Jaffastraße gehöre“.

Kommen die Ausgestoßenen in Siloah an, so prüft sie zunächst der „Scheich“, natürlich selbst ein „Unheilbarer“, ob sie zur Aufnahme in die „Zunft“ sich eignen. Den Eintritt erkaufen sie sich dann je nach ihren Vermögensverhältnissen mit 2 bis 10 Silber-Medjidie (7 bis 35 Mark). Dafür erwerben sie folgende Berechtigungen. Zunächst einen Sitz an der Landstraße gegenüber der Wohnung des armenischen Patriarchen, weil dort die Fremdenpassage am lebhaftesten ist. Diesen Sitz darf ihnen Niemand streitig machen. Sind sie noch jung und körperlich rüstig, so werden sie auch nach Ramleh und Jaffa gesandt, um die erste „Steuer“, die häufig die beste ist, von den ankommenden Reisenden zu erheben. Vermögen ihre Glieder sie aber nicht mehr zu tragen, werden sie schwächer und schwächer und sozusagen geschäftsuntauglich, dann haben sie als „Eingekaufte“ stets einen gewissen Antheil an der Gesammteinnahme der Uebrigen.

Der „Scheich“ pflegt nur in Ausnahmefällen zu „arbeiten“. Er gruppirt vielmehr die Seinen ganz zweckmäßig vor dem Jaffathore und wacht ängstlich darüber, daß nur Angehörige der Corporation sich einen Platz auswählen; Leprosen, die sich nicht eingekauft haben und vor dem Jaffathore betteln wollen, werden von ihren „zünftigen“ Leidensgenossen so lange mit Schlägen tractirt, bis sie todt liegen bleiben.

Zunächst erblickt der Reisende, sobald er der „hochgebauten Stadt“ ansichtig wird, die weniger Kranken, die natürlich am meisten schreien müssen. Er giebt ihnen einen Bachschisch. Nunmehr gewahrt er erst die am gräßlichsten Verstümmelten. Diese heben ihre zerfressenen Glieder – Hände und Füße – so lange es der Aufwand der spärlichen Kräfte erlaubt, unverhüllt empor, und meist fällt wieder ein Piaster in die aufgestellten Blecheimer.

Beginnt die Zeit der Ernte, so hat der „Scheich“ das Recht, die Seinen an einem gewissen Tage auf die Felder zu schicken. Was sie an Früchten an einem Nachmittag fortschleppen können, ist ihr Eigenthum.

Schließt sich ein Leprose der Zunft nicht an, dann muß er wohl in der Herberge bei Siloah von den Anderen geduldet werden, aber sein Loos ist ein unerträgliches. Man verleidet ihm den Aufenthalt in jeder Weise, man bestiehlt ihn, ja man läßt es selbst an den gröbsten Mißhandlungen nicht fehlen, bis gewöhnlich der doppelt Verfehmte in das deutsche und christliche Aussätzigenasyl flieht, das sich ebenfalls vor den Thoren der Stadt, unweit des Stationsgebäudes des bekannten internationalen Reise-Unternehmers Cook, befindet. Dieses Haus ist eine Musteranstalt in jeder Beziehung, nur den Aussätzigen selbst gefällt sie nicht. Als sie vor einigen Jahren eröffnet wurde, waren Consuln, Priester, Missionäre, Aerzte – aber keine Aussätzigen anwesend. In neuerer Zeit haben sich mehrere Unglückliche eingefunden.

„Es ist jedoch nicht nur einmal vorgekommen,“ sagte mir der Vorsteher dieses Instituts, ein Mitglied und Lehrer der Brüdergemeinde, „daß Leute, die Jahre hindurch von uns auf das Beste verpflegt worden sind, heimlich das Haus verlassen haben, um nie wieder zurückzukehren.“

Den Gästen dieses Hospitals ist nämlich das Betteln auf das Strengste verboten, sie müssen außerdem, so weit es ihre physischen Kräfte gestatten, leichte Garten- und Feldarbeiten verrichten, sich regelmäßig waschen und baden, und alles das behagt ihnen nicht.

Die „Zölle“, welche die Wegelagerer an der Jaffastraße erheben, sind gar nicht so geringfügig. Im April 1881 starb beispielsweise in Siloah ein fünfzigjähriger Mann, der in wenig Jahren von den erbettelten Beträgen neunzig Silber-Medjidie (über dreihundert Mark) sich erübrigt hatte. Und dabei hindert sie noch oft im Winter die Witterung, die Hütten zu verlassen. Beginnt die Regenperiode, schwellen die Bäche an, werden die

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883). Leipzig: Ernst Keil, 1883, Seite 420. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1883)_420.jpg&oldid=- (Version vom 29.6.2023)