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Seite:Die Gartenlaube (1883) 407.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883)

bleiben würde. Der damalige Gutsherr fragte nichts nach der allgemeinen Feindschaft, er verlachte sie und trat sie zu Boden. Ich war anders geartet!“

Er schwieg einige Secunden lang, und sein Blick verlor sich wieder in die Weite. Das Abendroth dort über den Schneegipfeln zerfloß allmählich und auch die Gluth der Geisterspitze wurde matter und matter, die Abendschatten stiegen aus dem Thale bis hinauf zu den Höhen.

„Du hast meinen Vater oft genug schildern hören,“ begann Werdenfels von Neuem. „Er war eine harte, gewaltsame Natur, ein rücksichtsloser Vertreter der Privilegien seines Standes, und selbst als die neue Zeit sich drohend zu regen begann, wollte er nichts von Nachgiebigkeit und Einlenken hören. Er verachtete die revolutionäre Bewegung, die sich bald auch unter den Bauern kundgab, und vermaß sich, er werde ihr auf seinen Gütern die Spitze bieten.

Ich war damals kaum zwanzig Jahr und hatte noch viel von der Unselbstständigkeit des Knaben, denn ich war in vollster Abhängigkeit, in einem beinahe sclavischen Gehorsam erzogen. Der Vater liebte mich nicht, weil ich ihm so unähnlich war, und ich fürchtete ihn nur. Ich ersehnte die Zeit, wo ich Werdenfels verlassen sollte, um die Universität zu beziehen, wie der Gefangene die Freiheit ersehnt, aber wenige Monate vorher trat die Katastrophe ein.

Bei der Unbeugsamkeit des Gutsherrn kam es bald genug zum offenen Kriege mit unseren Bauern. Es gab damals kaum irgend eine Autorität mehr, die Leute konnten und durften sich Alles erlauben und trotzten darauf. Sie forderten alle möglichen Zugeständnisse, und als diese ihnen verweigert wurden, drohten sie mit Gewalt. Mein Vater wurde von allen Seiten gewarnt, aber vergebens; anstatt einzulenken, schleuderte er der wild erregten Menge eine höhnische Herausforderung entgegen, die sie vollends zur Wuth reizte. Man machte Anstalt, sich des Schlosses zu bemächtigen, aber mein Vater spottete über die Versuche, den Eingang zu erzwingen. Er bewaffnete die gesammte Dienerschaft und erklärte, er werde die ‚rebellische Bande‘ züchtigen.

Aber nur zu bald wurde ihm und uns Allen der ganze furchtbare Ernst unserer Lage klar. Die Diener zeigten sich feig und unzuverlässig, die in der Eile getroffenen Vertheidigungsmaßregeln hielten dem wiederholten Anstürmen nicht Stand, und wenn es wirklich zum Kampfe kam, mußten wir der Uebermacht erliegen. Was uns dann bevorstand, war nicht schwer zu errathen bei dem bis zum Wahnsinn gereizten Haß der Angreifer. Sie hätten uns erbarmungslos niedergemacht, für uns handelte es sich um Leben und Tod.

Mein Vater, so wenig er den Tod fürchtete, so fest er entschlossen war, sich bis zum letzten Athemzuge zu vertheidigen, hätte doch ein derartiges Unterliegen nicht ertragen. Ihm war es schon Entehrung, von solchen Händen zu fallen. Ich sah, wie seine Stirn sich immer drohender umwölkte, wie er die Zähne zusammenbiß und über irgend einem finsteren Entschlusse brütete. Ich wagte es sonst niemals, ihm mit einem Rathe zu nahen, und er hätte mich auch nicht gehört, jetzt versuchte ich es.

‚Wir können das Schloß auf die Dauer nicht halten, Du siehst es,‘ sagte ich, ‚und auf die Diener ist kein Verlaß, sie lassen uns im Stich, wenn es ernstlich zum Kampfe kommt. Laß uns den Rückzug antreten, so lange es noch möglich ist. Die kleine Mauerpforte führt unmittelbar nach dem Schloßberg, die Gebüsche sind dort dicht genug, daß wir unbemerkt hinab gelangen können. In wenigen Minuten sind wir in der Meierei, wo wir Pferde finden, und können von dort nach Buchdorf. Was uns von den Dienern folgen will, nehmen wir mit, die Anderen haben nichts zu fürchten, denn man sucht nur uns allein.‘

‚Rückzug? Flucht?‘ fuhr mein Vater auf. ‚Du wagst es, mir eine so schmähliche Feigheit zuzumuthen?‘

‚Wo Einer gegen Zehn steht, ist der Rückzug keine Feigheit. Du hast oft genug Deine Soldaten in der Schlacht geführt, würdest Du sie nicht zurückgezogen haben vor einer solchen Uebermacht?‘

‚Das war ein ehrlicher Krieg und ehrliche Feinde, hier handelt es sich um eine aufrührerische Rotte. Man soll nicht sagen, daß der Freiherr von Werdenfels solchem Gesindel gewichen, daß er vor seinen Bauern und Tagelöhnern geflohen ist.‘

‚Sollen die letzten Freiherren von Werdenfels fallen von den Händen dieser Tagelöhner? Täusche Dich nicht, Vater, Du hast keine Gnade geübt, Du wirst auch keine finden, und was auch mit uns geschehen mag, das Schloß fällt jedenfalls in ihre Hände.‘

‚Schweig!‘ rief mein Vater, indem er wüthend mit dem Fuße stampfte. ‚Das Schloß fällt nicht, sage ich Dir, und ich weiche nicht vom Platze. Ich werde dieser rebellischen Bande die verdiente Antwort geben, sie sollen an den Werdenfels denken! Du nimmst einstweilen meine Stelle ein, ich komme sogleich zurück!‘

Er wandte sich von mir und rief seinen Jäger, dem er befahl, ihm zu folgen. Ich wußte mir seine Worte nicht zu deuten, aber ich fürchtete irgend eine Verzweiflungsthat. Der Jäger hatte einst im Regimente unter meinem Vater gedient und war ihm später auf seine Güter gefolgt. Er war der Vertraute seines Herrn und diesem blindlings ergeben, aber er galt für einen rücksichtslosen und gewissenlosen Menschen, der zu jeder That fähig war. Ich hatte in jener Minute nicht Zeit, darüber nachzudenken, denn ich mußte meinen Posten bei der Vertheidigung einnehmen.

Da trat in dem Lärmen und Toben draußen eine Pause ein. Die Angreifer schienen sich zu berathen und planmäßiger vorgehen zu wollen als bisher, gleich darauf meldete mir einer der Diener, man suche Reisig zusammen, offenbar in der Absicht, die Eingangsthore, die bisher den Stößen und Hieben Widerstand geleistet hatten, durch Feuer zu zwingen. Das war eine neue, furchtbare Gefahr, und ich eilte, meinen Vater davon zu unterrichten.

Er hatte sich mit dem Jäger in sein Arbeitszimmer eingeschlossen, aber gerade als ich nahte, wurde die Thür geöffnet, und ich hörte noch seine letzten Worte:

‚Die Verantwortung trage ich allein! Jetzt sieh zu, daß Du unbemerkt durch die Mauerpforte und den Schloßberg hinunter gelangst, und hüte Dich, daß Du unten im Dorfe nicht gesehen wirst. Vor allen Dingen aber beeile Dich, denn wir halten das Schloß keine Stunde mehr!‘

‚Verlassen Sie sich auf mich, gnädiger Herr!‘ klang die Stimme des Jägers in gedämpftem Tone. ‚Also die Scheune hinter dem Hofe des Eckfried!‘

Er öffnete die Thür vollends und trat heraus, aber er fuhr zurück, als er mich erblickte. Ich war der Sohn seines Herrn und konnte doch hören, was dieser mit ihm verhandelte, aber er warf mir einen seltsam scheuen Blick zu, sah dann umher, ob Niemand sollst in der Nähe war, und eilte hastig an mir vorüber. Jetzt trat auch mein Vater heraus.

‚Was thust Du hier?‘ herrschte er mich an. ‚Warum bist Du nicht auf Deinem Posten geblieben?‘

Ich berichtete kurz, was draußen geschah, und sprach meine Befürchtung aus, daß man das Schloß anzünden wolle; er lachte auf mit schneidendem Hohne.

‚Recht so, laß sie es nur versuchen! Eine Weile halten die Eichenthüren noch Stand und bis dahin werde ich uns Luft schaffen. Sei ohne Sorge, Raimund, in einer halben Stunde ist die ganze Rotte zersprengt und zerstoben, es bleibt kein Einziger mehr am Platze, darauf gebe ich Dir mein Wort.‘

Mir stieg eine unbestimmte Ahnung von etwas Schrecklichem auf, obgleich ich den Zusammenhang nicht errathen konnte, und mit stockendem Athem fragte ich:

‚Was hast Du dem Jäger befohlen?‘

‚Was Du später erfahren wirst. Jetzt komm, wir sind draußen nöthig.‘

‚Was hast Du dem Andreas befohlen, Vater?‘ rief ich in steigender Angst.

Er trat dicht an mich heran und dämpfte die Stimme, aber sein Ton wie sein Antlitz verriethen kalte, erbarmungslose Entschlossenheit:

‚Still, nicht so laut! Ein Anderer darf das nicht hören. Es giebt nur ein Mittel, uns und das Schloß zu retten, und auf den Andreas kann ich mich verlassen. Wenn da unten im Dorfe Feuerlärm entsteht, stürzt Alles hinunter, um zu löschen, und wir gewinnen Zeit und halten das Schloß, bis die Hülfe aus der Stadt kommt, die mir schon zugesagt ist. So starre mich doch nicht so an, als ob ich von Sinnen wäre! Es sind ja nur ein paar Scheunen, die in Flammen aufgehen sollen.‘

(Fortsetzung folgt.)



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