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Seite:Die Gartenlaube (1883) 395.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883)

Fesseln abwirft und sich durch keine Bande mehr halten läßt. Vilmut fühlte das, wußte das, und trotz alledem machte er noch einen letzten ohnmächtigen Versuch.

„Du wirst Dein unsinniges Vorhaben nicht ausführen,“ sagte er mit einer Stimme, die in ihrer furchtbaren Erregung fast erstickt klang. „Ich dulde es nicht. Hörst Du, Anna? Ich verbiete es Dir, und sollte ich Dich mit Gewalt zurückhalten, Du gehst nicht!“

Er machte eine Bewegung, als wolle er wirklich ihren Arm ergreifen, um seine Drohung auszuführen. Anna lächelte nur, halb mitleidig, halb verächtlich, und der Strahl ihres Auges traf ihn mit vollster Macht.

„Hüte Dich, Gregor, Dein Haß verräth zu viel. Ich habe in der letzten Zeit tiefer gesehen, als Dir vielleicht lieb ist. Leugne es wie Du willst, aber ich sage Dir, Du hast Raimund von jeher gehaßt und wirst ihn hassen bis zum Grabe – weil ich ihn liebe!“

Vilmut’s Antlitz zeigte wieder jene fahle Blässe, wie bei jener Unterredung mit dem Freiherrn, aber diesmal fuhr er nicht auf und wies die Anklage nicht mit stolzer Entrüstung zurück. Starr und wortlos blickte er auf die junge Frau; doch er wagte es nicht mehr, sie zu hindern, als sie den Mantel umwarf und sich zum Gehen wandte.

„Ich gehe zu Raimund. Leb’ wohl, Gregor, wir Beide sind zu Ende mit einander!“

Sie verließ das Zimmer und wenige Minuten später hörte Vilmut draußen den Wagen fortrollen, der sie nach Werdenfels führte. Da brach die lähmende Starrheit, die ihn gefesselt hielt, und mit ihr die eiserne Kraft des Mannes; mit einem Stöhnen, das fast einem Aufschrei glich. schlug er beide Hände vor das Antlitz, der wilde verzweifelte Ausbruch zeigte, wie es um ihn stand.

Erst jetzt kam die volle Wahrheit dessen über ihn, was er bisher nicht hatte wissen wollen, was er sich abgeleugnet, wogegen er gerungen hatte mit all der Energie seines Charakters, er unterlag ihm schließlich doch. Es war eine Stunde furchtbarer, erbarmungsloser Selbsterkenntniß für den Priester, sie raubte ihm den Grund, auf dem er bisher so felsenfest gestanden, den Glauben an sich selbst, an die Reinheit seines Wollens und Handelns. Er hatte geglaubt, ein strenger aber gerechter Richter zu sein, der hoch dasteht über jeder Schuld und Versuchung, und jetzt erkannte er, daß all sein Thun nur Haß gewesen war, der wilde, glühende Haß des Mannes gegen den Mann, wenn beide ein Weib lieben.

Er wähnte, die Versuchung sei überwunden, der Sieg errungen, als er Anna zu der Vermählung mit einem Manne drängte, in dessen Arme sie nur die Verzweiflung trieb, als er es über sich gewann, selbst ihre Ehe am Altar einzusegnen, und tief im Grunde seines Herzens hatte sich doch der Triumph darüber geborgen, daß sie nun dem Einen entrissen wurde, den er haßte, weil sie ihn liebte, daß sie diesem Einen auf immer verloren war.

Aber als der Tod jenes Band löste, als die junge Frau zurückkehrte und die alte unbesiegliche Liebe wieder ihre unsichtbaren Bande zwischen ihr und Raimund wob und sie mit geheimer, unwiderstehlicher Gewalt zu einander zog, da wachte mit der Eifersucht auch die alte Leidenschaft wieder in dem Herzen Gregor’s auf. Sie war nicht todt, nicht begraben, wie er wähnte, sie loderte aus der Asche zur hellen Flamme empor.

Doch ein Glück, das ihm auf ewig verloren war, das sollte und durfte auch kein Anderer genießen! Er gebrauchte schonungslos die Waffe, die das Schicksal mit jenem unseligen Geheimniß in seine Hand gelegt hatte, er schürte den Haß gegen den Freiherrn bis zum Fanatismus. Und jetzt, wo Raimund ein Opfer dieses Hasses geworden war, jetzt hätte sein Verfolger Alles hingegeben, wäre er an der Stelle des Gebannten, Verfehmten gewesen, hätte er wie dieser blutend und vielleicht sterbend dagelegen – um solchen Preis! –

Eine Stunde später trat Paul Werdenfels, der soeben eine Meldung des Haushofmeisters erhalten hatte, rasch auf die Schloßterrasse hinaus und eilte zu einem Wagen, der am Fuße derselben hielt. Er hob zuerst seine Braut heraus und reichte dann ihrer Schwester die Hand.

„Ich wußte, daß Sie kommen würden,“ sagte er. „Beruhigen Sie sich, der Arzt giebt uns Hoffnung.“

Anna, deren Augen mit angstvoller Frage an seinen Lippen hingen, athmete tief auf.

„Gott sei Dank! Ich fürchtete das Schlimmste. Weiß Raimund –?“

„Nein, er ahnt nicht, daß ich Ihnen geschrieben habe. Kommen Sie, ich werde es bei dem Arzte vertreten.“

Er führte die beiden Damen in das Schloß und ging dann zu seinem Onkel. Schon nach wenigen Minuten kehrte er zurück und geleitete die junge Frau nach dem Schlafzimmer des Freiherrn, wo er sie eintreten ließ, während er selbst zurückblieb.

Anna glitt leise durch das verdunkelte Zimmer, bis zu dem Lager, wo Raimund bleich, erschöpft von dem Blutverlust, aber mit vollem Bewußtsein ihr entgegenblickte.

„Paul hat Dir wohl schlimme Nachrichten gesendet?“ sagte er ruhig, ohne Vorwurf. „Der Arzt spricht von Hoffnungen, aber Du wärst schwerlich gekommen, wenn Du mich nicht sterbend wüßtest.“

Da neigte sich das schöne, von heißen Thränen überströmte Antlitz über ihn, und er hörte wieder jene weichen, süßen Laute, wie er sie in der ersten Zeit der Liebe und des Glückes vernommen hatte:

„Vergieb, Raimund, daß ich so lange zögerte. Jetzt habe ich alles überwunden, alles – nur nicht die Liebe zu Dir! Ob Deine Braut mit Dir sterben, ob Dein Weib mit Dir leben wird, in Leben oder Tod, ich bleibe Dein!“




Der Frühling nahte. Drunten in der Ebene begann er sich schon leise zu regen, all das schlafende Leben begann zu erwachen und emporzukeimen und überall sproßte und blühte es hervor.

Nur im Hochgebirge allein behauptete der Winter noch seine Herrschaft. Hier hatte er sich wie in einer unzugänglichen Burg verschanzt und setzte dem andringenden Frühling einen letzten, verzweifelten Widerstand entgegen. Noch standen die Höhen ringsum im weißen Schneegewand, und ein eisiger Wind wehte in die Thäler nieder. Die Eisjungfrau herrschte noch unumschränkt, so weit das Gebiet der Geisterspitze reichte.

Felseneck lag nicht mehr so einsam und verlassen da, wie während des Winters, denn der Schloßherr befand sich jetzt wieder dort, und mit ihm waren auch seine künftige Gemahlin und deren Schwester gekommen. Anna hatte Wort gehalten, sie war nicht von Raimund’s Seite gewichen, und die öffentliche Erklärung ihrer Beziehungen zu ihm rechtfertigte auch in den Augen der Welt diesen Entschluß.

Werdenfels und die gesammte Umgegend erfuhren mit höchster Ueberraschung, daß der Freiherr sich noch vor jenem gefährlichen Sturze mit dem Pferde mit Frau von Hertenstein verlobt habe, und daß die Veröffentlichung eben stattfinden sollte, als der Unfall erfolgte. Die Braut erfüllte nur ihre Pflicht, wenn sie zu ihrem Verlobten eilte und seine Pflege übernahm, man fand das durchaus in der Ordnung.

Die Genesung des Freiherrn hatte einen so schnellen und günstigen Verlauf genommen, daß schon nach wenigen Wochen die Uebersiedelung nach Felseneck erfolgen konnte. Der Arzt, dem die Verhältnisse in Werdenfels nicht unbekannt waren, drang darauf, daß der Genesende allen peinlichen Erinnerungen und Einflüssen entzogen werde. In der Ruhe und Einsamkeit seines Bergschlosses sollte er die volle Heilung finden.

Die Nachricht selbst aber machte unglaubliches Aufsehen in den Kreisen der Nachbarschaft. Die junge, schöne und, wie man glaubte, auch reiche Wittwe war überall der Gegenstand des lebhaftesten Interesses gewesen, und man erwartete mit Ungeduld den Zeitpunkt, wo sie wieder in der Gesellschaft erscheinen werde. Statt dessen verlobte sie sich mit dem Felsenecker, dem düsteren, unheimlichen Sonderling! Die Neuigkeit war so seltsam, daß sie eine zweite, die ihr unmittelbar folgte, die Verlobung des Baron Paul mit der Schwester der Frau von Hertenstein, ganz in den Hintergrund drängte.

Das Begriffsvermögen der Werdenfelser aber hörte diesen beiden Thatsachen gegenüber vollständig auf, und sie waren sehr geneigt, an eine neue Hexerei des Felseneckers zu glauben.

In seinem Arbeitszimmer stand Raimund am Fenster. Es war noch unverändert das Thurmgemach mit den tiefdunklen Vorhängen und Farben, mit seiner ganzen düsteren Pracht, die jeden Lichtstrahl abzuwehren schien. Auch heute hüllte es sich

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883). Leipzig: Ernst Keil, 1883, Seite 395. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1883)_395.jpg&oldid=- (Version vom 4.1.2024)