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Seite:Die Gartenlaube (1883) 360.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883)

endlich ein Clavier von Erard Frères in Paris, aus dem Jahre 1799 stammend.

Das „Cembal d’Amour“, dessen Erfinder Gottfried Silbermann ist, ist ein historisch hochwichtiges Stück.

Dieses interessante Instrument, kaum gekannt, hatten wir nun Gelegenheit auf der Ausstellung mit eigenen Augen zu sehen und „seine Vorzüge vor anderen Instrumenten und die große Kunst des Verfertigers“ zu prüfen. Der Genuß wurde noch erhöht, wenn der glückliche Besitzer desselben, Herr Opernsänger außer Dienst C. Hertzsch in Leipzig-Eutritzsch, uns dasselbe vorführte, und einen ganz besonderen Reiz hatte es, die alten Menuette darauf gespielt zu hören; man sah dabei in Gedanken die graziösen Figuren des Zeitalters Ludwig’s des Vierzehnten mit gravitätischen Pas vorüberschreiten, oder man wurde recht lebhaft an Mozart’s reizende Schöpfung im „Don Juan“ erinnert.

Ein höchst liebenswürdiges Instrument von poesievollem Tone war das kleine Clavier der Gebrüder Erard aus Straßburg, welche aber im Jahre 1776 nach Paris übersiedelten. Ihnen ist die Verbannung der Registerzüge und die Einführung des Pedales zu danken, nachdem schon vorher durch die Erfindung der Hammermechanik gegen das „Cembal d’Amour“ ein ganz wesentlicher Fortschritt gemacht worden war.

Der Ton dieses einfachen Instrumentes trug einen reizend naiven Charakter an sich, jungfräulich züchtig möchten wir ihn nennen, wie Vater Haydn’s unschuldsvolle, herzerfreuende Muse.

Eine äußerst spannende Situation entwickelte sich, als am 5. Mai nach einer anstrengenden Generalprobe Franz Liszt in seiner unverwüstlichen Frische an den Silbermann’schen Flügel trat und diesen von Herrn Hertzsch sich zeigen und erklären ließ. Mit Schnelligkeit hatte er den Mechanismus des Instruments erfaßt und nun setzte sich der Heros des Pianofortespiels vor das zarte Cembalo und spielte auf dem oberen Manual die Melodie „Eine feste Burg ist unser Gott“, während er auf der unteren Claviatur die Begleitung und Gegenstimmen improvisirte. Wer Liszt’s Schriften kennt, weiß schon von der hohen Verehrung, die der Abbé dem großen Reformator widmet, dazu kommt noch speciell seine Vorliebe für Luther’s erhabene Melodie und deren Bearbeitung durch Sebastian Bach. Mit Recht ist Liszt, der so viele Gegensätze in sich zu einen weiß, die Seele des Allgemeinen Deutschen Musikvereins, welcher letztere übrigens durch die in Folge einer wunderbaren Erbschaft gegründete Beethoven-Stiftung in der Lage ist, seit mehr denn zehn Jahren an Beethoven’s Geburtstag „Ehrengaben“ an verdienstvolle Tonkünstler ertheilen zu können und auch in dieser Beziehung segensreich zu wirken.




Groß-Feuer in Berlin.

Vor 150 Jahren und jetzt.
Culturhistorische Skizze von C. F. Liebetreu.

An einem schwülen Sommerabende des Jahres 1730 hielt ein schwerfälliger Reisewagen, hochbepackt und mit Staub bedeckt, am Georgenthore der königlich preußischen Residenzstadt Berlin, zu jener Zeit, wo der Vater Friedrich’s des Großen, Friedrich Wilhelm der Erste, gar kräftiglich sein spanisches Rohr auf dem Rücken manches Berliners tanzen ließ, auch wohl einen Juden, der furchtsam ihm aus dem Wege gelaufen, zurückrief mit donnernder Stimme und ihm mit Prügeln die Liebe zum Herrscherhause einzubläuen suchte.

Der wachthabende Officier trat aus dem kleinen Wachtraume, welcher sich in dem hohen plumpen Thurme des Georgenthores befand, untersuchte Paß und Papiere des Fremden und reichte sie schweigend mit Kopfnicken zurück.

Der Wagen rasselte durch das Thor, langsam nahm er seinen Weg die Königstraße hinauf.

„Bernhard!“ rief der Fremde dem Kutscher zu. „Halt einmal an. Ich will aussteigen. Hat mich der dreitägige Weg von Stettin hierher schon mürbe gemacht, so ist es rein unmöglich, daß ich die Stöße auf diesem abscheulichen Pflaster aushalte! Sieh nur, Bernhard, da das große Loch hart am Rinnsteine! Ein Glück, daß wir noch bei Tage gekommen, der Wagen wäre sonst sicher hineingerathen und umgeschlagen.“

Bei diesen Worten war der Fremde ausgestiegen, hatte die Decke zurückgeschlagen und blickte neugierig die Straße hinauf.

„Also, Herr Magister, Ihr wollt zu Fuß gehen? Meinetwegen! Wohin soll ich aber mit dem Wagen?“

„Nescio, das weiß ich nicht. Doch da kommt ein würdevoller Herr mit weißer Perrücke und rothem Mantel die Straße herauf, das ist ein Berliner Rathsherr, Bernhard, wie man mir daheim explicirt hat, den will ich fragen. – Hochgelahrter Herr!“ redete der Magister den unterdeß herangekommenen Rathsherrn an, „gestattet die submisseste Frage huldvoll einem Fremden, der die Ehre hat, als Magister Hieronymus Breck aus Stettin vor dem Herrn Rathsherrn zu stehen, wohin ich meine Schritte zu lenken habe, um Logis für mich und Kutscher zu finden, wo auch Stallung für die Pferde mir geboten werden können.“

„Zuerst, Herr Magister, heiße ich Euch willkommen in dieser königlichen großen Residenzstadt unseres allergnädigsten Königs,“ erwiderte der Rathsherr, indem er sich würdevoll verbeugte und die Linke leicht auf den zierlichen Degen stützte, „und so bin ich gern bereit, Euch Auskunft zu geben, sintemalen ich das Glück habe, hier geboren zu sein und Bescheid in der Stadt zu wissen. Da ist der ‚Goldene Arm‘ in der Heiligen Geiststraße, vorher aber kommt die Spandauerstraße, dort ist der ‚Goldene Anker‘, allwo man auch gut aufgenommen wird, sobald der Wirth nicht des Guten beim Poculiren zu viel gethan, außerdem aber ist der ‚Römische Kaiser‘ am Molkenmarkt von den Fremden gern besucht.“

„Gratias tibi, doctissime. Haben nun alle drei Gasthöfe auch Stallung und Tabagie, allwo ich mit den Leuten reden und mich informiren kann über berolinensia?“

„Stallung haben sie alle drei. Eine Tabagie aber, wenigstens die beste, findet Ihr im ‚Goldenen Anker‘.“

Mit den Versicherungen des aufrichtigsten Dankes und unter wiederholten gegenseitigen Verbeugungen trennten sich die Beiden. Der Rath schlug den Weg nach den hinter der Klosterkirche im Neubaue begriffenen Häusern ein, welche auf der Stelle der vor wenigen Jahren abgetragenen Stadtwälle errichtet wurden, Magister Breck aber ging die Königstraße langsam hinauf, gefolgt von seinem Fuhrwerke mit den müden Gäulen.

Die Königstraße war dazumal eine der breitesten Berlins, doch engten sie oft die Stufen vor den Häusern ein, die Gosse ging mitten durch die Straße, das Pflaster war so schlecht wie möglich, doch war der Kehricht an den Häusern und in den Winkeln seit dem Regierungsantritte Friedrich Wilhelm’s des Ersten wie verschwunden.

Nur wenige Personen sah man auf der Straße, die Männer mit kleinen Perrücken, die man Muffer oder Mirlutons nannte, nur selten ließ sich eine Allongeperrücke blicken, die den Mitgliedern der französischen Colonie ausnahmsweise noch gestattet war. Das Haar der Soldaten war hinten in einen Zopf zusammengeschlagen, die Seitenhaare lagen, zu einer gewissen Länge verschnitten, über die Ohren. So schmutzig die Straßen, so sauber war die Kleidung des Mittelstandes und der feinen Leute. Blendend weiße Manschetten hingen weit heraus aus den Aermelaufschlägen des dunklen Tuchrockes, die schon beim Ellenbogen ihren Anfang nahmen, und das in tausend Fältchen gekräuselte Jabot trat gewaltig hervor aus der meist seidenen, großgeblümten Schooßweste mit ihren blanken Knöpfen. Die Damen mit ihren umfangreichen Röcken stolzirten mühsam auf ihren hohen Hacken über die unebenen Steine des Pflasters, Schminke war verpönt, der König litt sie ebenso wenig wie die Schönheitspflästerchen, die Haare waren einfach in die Höhe geschlagen und gepudert, Kanten und Spitzen zierten ihre Kleidung oft verschwenderisch, und die Busen wurden so entblößt getragen, daß selbst die Hofdamen Ludwig’s des Vierzehnten sich darüber verwundert hätten.

Endlich hatte der Magister sein Ziel, den „Goldenen Anker“, erreicht, der nur einige Häuser vom Landschaftshause abgelegen war. Er trat ein in den geräumigen Flur, an dessen Wölbung ein schwerer eiserner Wagebalken hing; der Geruch nach Heu und

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883). Leipzig: Ernst Keil, 1883, Seite 360. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1883)_360.jpg&oldid=- (Version vom 3.1.2024)