Zum Inhalt springen

Seite:Die Gartenlaube (1883) 349.jpg

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Verschiedene: Die Gartenlaube (1883)

No. 22.   1883.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt.Begründet von Ernst Keil 1853.

Wöchentlich 2 bis Bogen. 0 Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.


Alle Rechte vorbehalten.

Gebannt und erlöst.

Von E. Werner.
(Fortsetzung.)


Der Freiherr von Werdenfels hatte Wort gehalten. Seine Geduld war in der That zu Ende und das Dorf lernte zum ersten Male die Strenge des Gutsherrn kennen. Trotz aller Warnungen hatten sich die nächtlichen Zerstörungen im Parke wiederholt, diesmal aber hatte man auf Befehl Raimund’s die Thäter ergriffen und sich ihrer versichert; sie harrten der verdienten Strafe.

Man war es in Werdenfels längst gewohnt, jede Handlung des Schloßherrn, welcher Art sie auch sein mochte, mit Mißtrauen und Erbitterung aufzunehmen, aber man war es auch gewohnt, daß jeder Angriff gegen ihn straflos blieb. Die Energie, die er diesmal kundgab, erregte im ersten Augenblicke Bestürzung, dann aber flog ein Schrei der Entrüstung durch das ganze Dorf, und Alles war darüber einig, daß man sich dergleichen von dem Felsenecker nicht gefallen lassen könne und dürfe.

In der Kirche war die Messe beendigt, und die Andächtigen hatten sich entfernt, nur der Pfarrer saß noch im Beichtstuhle und hörte eine Beichte, die ihm im Flüstertone vertraut wurde. Sie mußte wohl Ernstes und Schweres enthalten, denn der Knieende hatte das graue Haupt tief auf die gefalteten Hände niedergesenkt, und die Stimme des Geistlichen klang jetzt in einer wahrhaft vernichtenden Strenge:

„Ihr habt das Zuchthaus verdient, Eckfried! Was der Freiherr Euch erlassen hat, das müßte ich Euch auferlegen und fordern, daß Ihr dieses Geständniß vor dem ganzen Dorfe wiederholt.“

Eckfried zuckte zusammen, und sein Athem stockte, als er fragte:

„Hochwürden, Sie wollten -?“

„Nein,“ unterbrach ihn Vilmut. „Ich will nicht, daß der Name einer alten ehrenwerthen Bauernfamilie beschimpft wird, und ich will vor allen Dingen nicht, daß die weltliche Gerechtigkeit straft und richtet, was mir im Beichtstuhle anvertraut wurde. Verdient hättet Ihr die Strafe.“

„Ich hab es ja nicht ausgeführt,“ sagte Eckfried abgebrochen. „Es hat keinen Schaden gethan – der junge Baron kam dazwischen – ich sagte es Ihnen ja.“

„Der Wille ist so schlimm wie die That selbst. Habt Ihr nicht dem Freiherrn an das Leben gewollt? Antwortet, ja oder nein?“

Dem Freiherrn gegenüber hatte sich Eckfried mit ungebrochenem Trotze zu seiner Absicht bekannt und sich ihrer sogar gerühmt, vor der strengen Frage des Priesters sank sein Trotz zusammen, und er verstummte.

„Ich habe gemeint, es wär’ keine Sünde – weil’s dem Werdenfels galt!“ murmelte er endlich. „Sie haben es uns ja oft genug gesagt, Hochwürden, daß er zeitlich und ewig verdammt ist, und Sie müssen es doch wissen.“

„Wollt Ihr etwa mich für Euer Verbrechen verantwortlich machen?“ fragte Vilmut mit schneidender Schärfe. „Maßt Ihr Euch an zu richten, wenn ich einen Schuldigen verdamme? Das ist mein Amt allein, aber das ganze Dorf scheint in dieser Hinsicht in einem verhängnißvollen Irrthume befangen zu sein. Ich habe schon mehr Bekenntnisse gehört und schon mehr Strafen verhängen müssen; doch jetzt habe ich mit Euch allein zu thun.“

Der Alte wagte keine fernere Vertheidigung, er senkte scheu und demüthig das Haupt zu Boden. Er war nicht überzeugt, sein Haß gegen den Freiherrn nicht gemindert, aber da der Pfarrer seine That verdammte, so mußte sie wohl verdammungswerth sein, und er beugte sich willenlos dem allmächtigen Worte des Priesters, der jetzt fortfuhr:

„Ihr werdet die Bußübungen, die ich Euch auferlegt habe, genau und pünktlich befolgen.“

„Ja, Hochwürden.“

„Und außerdem werdet Ihr noch heute Euren Enkel zu mir bringen.“

Eckfried sah auf, und in seinen Zügen malte sich eine unbestimmte Angst, als er fragte:

„Den Toni?“

„Ja. Die junge Seele des Kindes darf nicht länger solchen Einflüssen preisgegeben werden. Es gehört nicht in die Obhut eines Großvaters, der zum Mordbrenner werden wollte. Ihr werdet Euch von ihm trennen.“

„Von dem Toni? Von meinem kleinen Buben? Und was – was wollen Sie denn mit ihm machen?“

„Er soll in bessere und vor allen Dingen in strengere Zucht, als die Eure ist. Die Fischersleute drüben am Grundsee haben vor Kurzem ihren einzigen Knaben verloren, sie sollen einstweilen Euren Enkel zu sich nehmen, und Ihr werdet ihn nicht eher wiedersehen, als bis ich es Euch erlaube.“

„Hochwürden!“ fuhr der Alte in tödtlichem Schrecken empor, „thun Sie mir das nicht an! Alles, nur das nicht. Die Fischer am Grundsee sind harte Leute, sie werden schlimm mit dem armen Buben umgehen – er ist noch so klein und so an mich

Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1883). Leipzig: Ernst Keil, 1883, Seite 349. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1883)_349.jpg&oldid=- (Version vom 3.1.2024)