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Seite:Die Gartenlaube (1883) 343.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883)

Die Kitanda war nun vollständig aufgehoben. Die noch anwesenden Marktgänger suchten das angrenzende Gehölz auf, wo sie sich in Gruppen unter Bäumen und zwischen dem Gebüsch niederließen. Auch dort erinnerte ihr Thun und Treiben lebhaft an das unserer Jahrmärkte. Man setzte sich zu einander, um zu essen, zu trinken, zu rauchen und die Ereignisse des Tages zu besprechen. Allenthalben gingen Personen zwischen den verschiedenen Gruppen hin und wieder, sich in die Unterhaltung mischend, bei einem Trunke Bescheid thuend. Auch junge Leute beiderlei Geschlechts wußten sich zu finden, und manches Mädchens Marktkorb wurde von einem zuvorkommenden Liebhaber von der Kitanda nach Hause getragen.

Allmählich brachen die Familien auf und zogen davon, den Berg hinab. Als die Sonne sich zum Untergange neigte, hatten auch die letzten Nachzügler den Ort verlassen und in den Schluchten, über den Bergen verhallten die Stimmen der Heimkehrenden.




Eine Nordpolfahrt der Zukunft.

Gut Ding will Weile haben!

Und so wird noch mancher stolze Kiel die Fluthen der Eismeere durchschneiden und seine Widerstandsfähigkeit in den harten Stürmen der arktischen Zone erproben müssen, manch kühner Forschergeist wird noch an den Schnee- und Eisfeldern der Polarländer und Meere erlahmen, ehe es gelingen dürfte, das Banner der Wissenschaft an dem einen Endpunkte der Erdachse, auf dem Nordpol, zu entfalten.

Die bisher von einem Schiffe (Dampfer) erreichte höchste nördliche Breite liegt unter 82° 27′, bis zu welchem Punkte der „Alert“, eines der beiden Schiffe, welche die Engländer 1875 zur Erforschung des Nordpols ausgerüstet hatten, unter Capitain Nares am 11. September 1875 durch den Kennedycanal an der Westküste Grönlands vordrang. Diese Expedition kam auch mittelst Schlittenreisen am weitesten gegen Norden vor, und so konnte Schiffslieutenant Markham am 12. Mai 1876 unter 83° 20′ nördlicher Breite die englischen Farben im altersgrauen Spiegel des ewigen Ureises zurückstrahlen lassen.

Nicht minder günstige Resultate hatte auch bereits die österreichische Expedition Anfangs der siebenziger Jahre zu verzeichnen gehabt, bei welcher das schon im Winter 1872 frühzeitig an der Westküste von Nowaja-Semlja im Eise festgefrorene Schiff „Der Tegetthoff“, in einem mächtigen Eisfelde treibend, am 31. October 1873 bis 79° 51′ nördlich von den zuvor genannten Inseln geführt und festgelegt wurde, von welchem Orte aus später zu Schlitten bis 82° 5′ nordwärts gedrungen und das von der Expedition so benannte Franz-Joseph-Land entdeckt werden konnte.

Sämmtliche übrigen Nordpolfahrten, auch die deutschen, blieben weit hinter diesen erreichten hohen geographischen Breiten zurück. So wurde in den Jahren 1880 und 1881 Franz-Joseph-Land von Neuem durch die Engländer aufgesucht. Diese Reise endete aber, wie diejenige des „Tegetthoff“, mit dem Einfrieren und dem Verluste des Schiffes, und kehrte die Expedition, nachdem der Winter 1881 zu 1882 auf Franz-Joseph-Land zugebracht worden war, zu Schlitten und mittelst Boote nach Nowaja-Semlja zurück, woselbst sie, wie früher die „Tegetthoff“-Fahrer, von einem Schiffe aufgenommen wurde.

Auch ein dritter Weg zum Nordpole, welchen die Amerikaner im Jahre 1879 durch die Behringstraße einschlugen, führte zu keinem Resultate. Die „Jeanette“, am 8. Juli desselben Jahres von San Francisco ausgelaufen, saß bereits am 7. September in einem Eisfelde nördlich der Heraldinsel fest, in welchem sie am 17. Juni 1881 nach zweijährigem Umhertreiben in der Nähe der neusibirischen Inseln zu Grunde ging. Die Mannschaften retteten sich zwar mit den Booten nach Sibirien an die Lenamündungen, jedoch kamen der Capitain de Lony und zwei Drittel der Mannschaft in den Schneefeldern um, und ihre Leichen wurden erst im März 1882 aufgefunden.

Es ist keine Frage, daß die bisher bei der Erforschung der Polargegenden gemachten Erfahrungen, wenn auch nicht gerade abschreckend, so doch immerhin entmuthigend wirken müssen und jedenfalls darauf von Einfluß sind, daß einmal gemachte Entdeckungen nicht sofort weiter fortgesetzt und auf der erlangten Basis weiter durchgeführt werden.

Doch soll nach allen diesen Erfahrungen und Enttäuschungen die Erforschung jener eisumsponnenen Zone aufgegeben werden? Gewiß nicht! Was der Mensch mit einem, wenn auch öfter unternommenen, kühnen Anlaufe nicht erreicht, das hat er oft später in langsamem und schrittweisem Ringen durchzuführen gewußt.

Die Anordnungen und Mittel, welche bisher bei den ausgeführten Nordpolfahrten getroffen, bezüglich angewendet worden sind, entsprechen noch nicht völlig den in den arktischen Regionen herrschenden klimatischen Verhältnissen. Nach unserer Meinung sind namentlich zwei Momente vergessen worden, deren Mitwirkung für die Erreichung eines erfolgreichen Ergebnisses als durchaus erforderlich anzusehen sein dürfte.

Wir meinen zunächst die Einrichtung von Stationen, welche für die Dauer vieler Jahre ausgerüstet sein müßten, an den bisher zu Schiffe erreichten Punkten, dann aber auch die Anwendung eines Kommunikationsmittels, welches unabhängig vom Wasser, vom Eis und von der Erde es gestattet, weiter vorzudringen.

Der Anfang hierzu ist bereits gemacht, und mit Stolz können wir hervorheben, daß auch Deutschland im Kreise der internationalen Stationen vertreten ist, welche als Basis für spätere Erforschungen der Pole von allen cultivirten Völkern der Erde, wenn auch augenblicklich nur als wissenschaftliche Beobachtungswarten, eingerichtet worden sind (vergl. Jahrg. 1882, S. 379). Desgleichen hat auch bereits das zweite von uns erwähnte Moment in sofern Berücksichtigung gefunden, als Seitens einer englisch-amerikanischen Gesellschaft für Zwecke einer Nordpolexpedition Luftballons und dynamische Luftschiffe in Anwendung gebracht werden sollen.

Man mag über die Leistungsfähigkeit der Aëronautik so gering denken, wie man will: der Sichtbarkeit der Fortschritte gegenüber, welche die Luftschifffahrt in den letzten Jahren aufzuweisen hatte, wird sich auch das Auge des größten Zweiflers nicht verschließen können, und ist von uns Deutschen der hohe Erfolg nicht genug zu würdigen, welchen Haenlein seiner Zeit in Brünn durch sein mit Eigengeschwindigkeit ausgestattetes, lenkbares Luftschiff erreicht hat (vergl. Jahrg. 1882, S. 215). Auf dem Gebiete der Kunst zu „fliegen“ ist es aber leider in derselben Weise zugegangen, wie in den meisten anderen Branchen der Erfindungen, die nur zu häufig schnöde Gewinnsucht auszubeuten suchte, und deren Erzeugnisse hierdurch auf Kosten des guten Erfolgs mit Recht als in den Pfuhl des Schwindels gehörend bezeichnet werden mußten.

Möge aber das Endziel der Luftschifffahrt noch in grauer Ferne liegen, so kommt es zunächst vor Allem darauf an, die Menschenkräfte selbst derartig abzuhärten, zu stählen und mit dem zu ihrer Erhaltung durchaus erforderlichen Comfort zu umgeben, daß sie auch unter den Gletschern Grönlands und des Franz-Joseph-Landes, auf dem Eisspiegel selbst jenseits des 85.° nördlicher Breite Jahre hindurch dem Nordpolklima zu trotzen im Stande wären.

Uns will es scheinen, daß hierzu vor allen anderen Dingen eine völlige Acclimatisirung an jene rauhen, eiserfüllten, orkanbewegten Regionen erforderlich ist und daß die Forscher, welche sich den Nordpol als Ziel gesetzt haben, zuvor lange Zeit in südlicheren arktischen Stationen zugebracht haben müssen, um nach und nach und in längeren Zwischenpausen immer weiter nach Norden vorzudringen.

Der Amerikaner Hall dürfte ein in dieser Beziehung leuchtendes Vorbild gegeben haben. Dieser unermüdliche Mann hat sich jahrelang in dem nördlichen Inselgewirr seines heimathlichen Erdtheiles aufgehalten und ist dabei beinahe selbst zum Eskimo geworden, um sich gründlich für eine Fahrt zur Erforschung des Nordpols vorzubereiten, welche dann auch auf sein energisches Betreiben im Jahre 1869 seitens der amerikanischen Vereinigten-Staaten-Regierung von New-York aus zur Ausführung gebracht wurde. Doch trotz dieser Abhärtung erlag auch Hall am 8. November 1871 den Einflüssen des fast dauernd Erstarrung athmenden Klimas.

Die von den Schweden in der Mussel-Bai auf Spitzbergen beinahe unter dem 80.° errichteten und die von den Amerikanern

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883). Leipzig: Ernst Keil, 1883, Seite 343. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1883)_343.jpg&oldid=- (Version vom 2.1.2024)