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Seite:Die Gartenlaube (1883) 315.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883)

den sie sich bei verschiedenen Frauenkrankheiten erworben haben, fällt auch mit dieser ihrer chemischen Beschaffenheit zusammen, und diese führt ihnen bei dem Reichthnm an Kohlensäure, den sie besitzen, mehr nervenleidende und an Verdauungsbeschwerden leidende Frauen zu.

Eine andere Richtung in der Heilung und Behandlung der Frauenkrankheiten wird durch die akalischen Wässer vertreten, welche in den Thermen von Ems einen würdigen Vertreter finden. Es sind vorzugsweise die katarrhalischen Erkrankungen der Frauen, welche hier Gegenstand der Behandlung werden.

Der alte Curort Ems, dessen Quellen schon seit mehreren Jahrhunderten bekannt sind und auf den sich durch die öftere Anwesenheit unseres Kaisers die öffentliche Aufmerksamkeit mehr hingezogen fühlt, liegt in einem schönen, von der Lahn durchflossenen Thale des früheren Herzogthums Nassau, der jetzigen Provinz Hessen-Nassau, und gehört bei seiner hohen Frequenz, die jährlich auf etwa 15,000 Curanten und Passanten sich beläuft, zu den renommirtesten Bädern Deutschlands. Ems besitzt gegen zwanzig Natronthermen von sehr verschiedenen Temperaturgraden, von denen aber nur neun medicinische Benutzung finden. Alle Einrichtungen in den verschiedenen Badchäusern verdienen alles Lob, die Privathäuser bieten meist gute Wohnungen von großer Einfachheit an bis zum höchsten Luxus und die zahlreichen Hôtels vorzügliche Verpflegung. Das Leben ist hier das einer großen Stadt mit allen seinen Vergnügungen und dem entsprechend auch der Kostenaufwand, den eine Cur daselbst nothwendig macht.

Von der Lahnbrücke, die im Ganzen eine ziemlich beschränkte Aussicht bietet, konnte man einst, wie Bädecker berichtet, in acht verschiedener Herren Länder blicken, nämlich in die von Mainz, von Stein, von der Leyen, Trier, Metternich, Nassau-Weilburg, Nassau-Oranien und Hessen-Darmstadt. Die Zeiten der alten Zerrissenheit unseres Vaterlandes sind gottlob! für immer dahin, und die große Zeit, welche das Einheitsband in siegreichem Ringen flocht, hat nicht die unbedeutendste ihrer Thaten in Ems geschehen lassen.

In dem Curgarten, unweit des Musikpavillons, finden wir eine im Boden angebrachte Marmortafel, auf der die einfachen Worte zu lesen sind: „13. Juli 1870, 9 Uhr 10 Minuten Morgens.“ Das ist die denkwürdige Stelle, an welcher König Wilhelm den Gesandten des corsischen Kaisers in gebührender Weise abfertigen ließ.

Noch andere geschichtliche Erinnerungen knüpfen sich an die nächste Umgebung von Ems. Eine Familiengruft liegt auf der Höhe zwischen Ems und Braubach in dem Dorfe Frücht. Dort finden wir eine Marmorplatte, deren Inschrift lautet: „Heinrich Friedrich Karl Reichsfreiherr von und zum Stein, geboren 27. October 1757, gestorben 29. Juni 1831, ruhet hier; der Letzte seines über sieben Jahrhunderte an der Lahn blühenden Rittergeschlechtes; demüthig vor Gott, hochherzig gegen Menschen, der Lüge und des Unrechts Feind, hochbegabt in Pflicht und Treue, unerschütterlich in Acht und Bann, des gebeugten Vaterlandes ungebeugter Sohn, in Kampf und Sieg Deutschlands Mitbefreier.“ In derselben Capelle ist auch das Grab des Vaters des Ministers; es trägt eine sinnreiche Inschrift, welche wörtlich lautet:

„Sein Nein war Nein gerechtig,
Sein Ja war Ja vollmächtig,
Seines Ja war er gedächtig,
Sein Mund, sein Grund einträchtig,
Sein Wort, das war sein Siegel.“

Doch wir verlassen das an Erinnerungen reiche Ems, um den Hauptrepräsentanten einer anderen Quellengruppe, der indifferenten Thermen, aufzusuchen. Es ist das berühmte Schlangenbad, welches ebenso wie Ems zu Hessen-Nassau gehört und das unter allen Quellen der zuletzt genannten Art von Frauen mit besonderer Vorliebe besucht wird. Ein krankes Rind, welches sich täglich von der Heerde trennte und an der warmen Quelle Hülfe für sein Leiden suchte, soll einen Hirten zunächst zur Entdeckung derselben geführt haben.

Dies geschah vor mehr als zweihundert Jahren, und bald darauf entstand an jener Stelle ein Bade-Ort, zu dem Fürsten, Geistliche und Stiftsdamen herbeiströmten. Auch Prinz Eugen, der edle Ritter, verweilte im Jahre 1708 längere Zeit in Schlangenbad, um hier eine Cur durchzumachen.

Dem seltsamen Namen Schlangenbad gaben die Gelehrten verschiedenartige Deutung. Nach der Meinung der Einen wurde es also genannt, weil in seiner Nähe eine Schlangenart (coluber flavescens) sich vorfand, nach dem Urtheile Anderer aber, namentlich nach dem Simrock’s, verdankt der Ort diese Benennung „der Schlangenglätte der Haut, welche dieses Schönheitsbad seinen von allen vier Enden der Welt herbeiströmenden Nixen verleiht.“ Bekanntlich erklärt man die ähnliche Bezeichnung einer Quelle in Schönau bei Teplitz (Schlangenbad) durch die früher beobachtete Thatsache, daß um die warme Quelle herum sich massenhaft Schlangen ansammelten.

In der That ist die Wirkung dieser Bäder eine wohlthuende, die Haut angenehm berührende, ihr eine gewisse Zartheit und Weichheit verleihende. Darum ist auch dem berühmten Curorte die Benennung eines kosmetischen Bades beigelegt worden. Ueberhaupt sind es Nerven- und Hautkranke, welche sich vorzugsweise hierher zur Cur wenden.

Schlangenbad ist Ems gegenüber nur ein kleiner Curort, aber durch die prächtigen Buchenwaldungen, in deren Mitte er liegt, bietet er vor vielen anderen Bädern manchen Vortheil. Die Bade-Anstalten sind zweckmäßig eingerichtet, Häuser und Hôtels sind durchaus befriedigend.

Wesentlich andere Zwecke werden in den Soolbädern, zu denen eine große Anzahl kranker Frauen wandern, verfolgt. Es sind mehr chronisch entzündliche Zustände und Schwellungen gewisser Organe, Ausschwitzungen in inneren Räumen des Körpers und andere ähnliche Krankheitszustände mehr, welche durch sie Heilung, wenigstens Erleichterung finden.

Die Zahl dieser Quellen ist eine außerordentlich große, und wenn wir aus ihr Kreuznach herausheben, so geschieht es, weil dieser Curort von altersher einen besonderen Ruf gegen verschiedene Frauenkrankheiten genießt.

Kreuznach, eine Stadt mit 15,000 Einwohnern in der preußischen Rheinprovinz, im schönen Nahethale gelegen, hat ein großartiges Bade-Etablissement, verschiedene stoffreiche, durch ihren Gehalt an Bromverbindungen und Chlorcalcium sich auszeichnende Kochsalzquellen und eine Jahresfrequenz von etwa sechstausend Curgästen. Alle Bade-Einrichtungen, Hôtels und Privathäuser sind gut. Das Klima ist mild und angenehm, aber das Leben soll in Kreuznach ziemlich theuer sein.

Ihren Namen erhielt die Stadt einer alten Ueberlieferung zufolge von einem Kreuze, welches auf der Nahe-Insel von den ersten Aposteln des Christenthums in Deutschland aufgepflanzt wurde.

Auf dieses Ereigniß beziehen sich die folgenden Verse von G. Pfarrius:

„Sie kamen zu der Insel gepilgert durch den Wald,
Belehrt durch’s Kreuz, bekehret zum Kreuz ward Jung und Alt,
Und eine Stadt erhob sich, wo einst die Hütte stand:
Vom nahen Kreuz der Insel ward Kreuznach sie genannt.“

In der Fischergasse ist das Haus, in welchem 1507 hier der Schwarzkünstler Joh. Georg Sabellicus Faust wohnte, welcher als Rector am Gymnasium angestellt war, bald aber aus der Stadt flüchten mußte.

Die nächste Umgebung von Kreuznach bietet Manches, was nicht nur durch den romantischen Reiz der Landschaft verlockt, sondern auch von geschichtlichem Interesse ist. Da erheben sich auf hohem Felsen die von drei Seiten unzugänglichen Reste der Burg der einstmaligen Reichsgrafen, der „Rheingrafenstein“, und im Huttenthale steht noch die Ebernburg, in welcher der wackere Sickingen hauste und die im Volksmunde den Namen der „Herberge der Gerechtigkeit“ führte. Auf dieser Burg weilte einst Hutten, unter des Sickingen Schutz für die Geistesfreiheit kämpfend, hier fanden Zuflucht die Streiter der Reformation Oecolampadius, J. Schwebel und auch Ph. Melanchthon.

Wir schließen hiermit unsere flüchtige Rundschau der deutschen Frauenbäder. Die Illustration, welche unseren Artikel schmückt, wird wohl Viele an freudig verlebte Tage erinnern, und allen Denjenigen, welche sich jetzt zur Reise in irgend eines der genannten Bäder rüsten, geben wir den herzlichsten Wunsch auf den Weg, daß sich ihre Hoffnungen erfüllen und sie gesund und zum Kampf des Lebens gestärkt heimkehren mögen.



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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883). Leipzig: Ernst Keil, 1883, Seite 315. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1883)_315.jpg&oldid=- (Version vom 1.1.2024)