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Seite:Die Gartenlaube (1883) 268.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883)

als blasse Schatten erkennbar, standen wie geisterhafte Wachen zwischen dem Strauchwerke. Uralte Steineichen und Platanen breiteten ihre vielverästeten Kronen aus.

In der Mitte des Parkes befand sich ein Rundplatz von etwa sechszig Ellen im Durchmesser. Hier machte der Zauberer mit seinen Begleitern Halt.

„Dein Wunsch ist verwegen!“ sagte er zu Lucius Rutilius. „Nur in seltenen Fallen willfahrt die Göttin so frevlem Begehr. Du aber, ich wiederhole Dir’s, scheinst auserlesen von ihrer Huld. Hekate“ – er kreuzte die Arme über die Brust – „will und wird Dir erscheinen … Ja sie duldet selbst die Nähe dessen, der als theilnehmender Freund Dir zur Seite steht. Dennoch – ich warne Dich! – Gedenke an Semele, die den Zeus in all seiner olympischen Hoheit zu schauen begehrte und in seinen Armen qualvoll dahinschmolz! Nicht Tod und Verderben freilich wird Euch erwachsen aus dem Anblick der Unerforschlichen, denn sie erscheint Euch freiwillig, nicht gezwungen durch einen götterbindenden Schwur. Aber auch so wird ihre Erscheinung Euch Sinn und Seele verwirren und Eure Herzen aufwühlen mit Schreck und Entsetzen. In versengender Flammengluth wird sie am sternbesäeten Himmel einherfahren, nur für Eure Augen sichtbar und für die meinen, und vernichtendes Grausen wird von ihren Schultern herabträufen, wie der Regen aus der Gewitterwolke. Dies furchtbare Bildniß – Ihr werdet es nicht wieder austilgen können aus Eurem Gemüthe. – Deshalb trotzt nicht zu lange ihrem zermalmenden Anblick! Sobald Ihr sie einmal geschaut habt, senkt in Ehrfurcht das Haupt und verhüllt Euch das Antlitz in den zitternden Händen. Es bedarf keiner Frage an die Unsterbliche. Daß Dein Schicksal ein Fatum ist, hat ihre Stimme bereits verkündet; daher wird sie von links kommen, von den Regionen des Abends, und hinüberflammen gen Osten. Wäre es dennoch so, daß ihre eigene Huld und Gnade dies Fatum versöhnen könnte – und nur sie vermag in seltenen Fällen Bande zu lösen, die der Gefesselte selbst durch kein Opfer und keine Sühne zerreißen würde, – dann käme sie aufgestiegen von rechts, wie die Sonne steigt, und verschwände nach links. Jetzt – seid Ihr vorbereitet?“

„Wir sind es,“ gab Rutilius zur Antwort.

Olbasanus warf sich zur Erde. Die Stirne dreimal leise wider den hartgestampften Boden aufschlagend, rief er im Tone einer verzweiflungsvoll ringenden Inbrunst:

„Hekate, Fürstin der Unterwelt, Herrscherin über Alles, was Athem hat, zeige Dich dem Auge dieser Erwählten – und, so es Dir möglich ist, steig’ empor aus den Regionen des Morgens!“

Plötzlich erscholl ein unheimlich gespenstisches Rauschen, ein Schwirren wie von fernem, gewaltigem Flügelschlage. Ein lodernder Flammenschein zuckte am Himmel auf – aber von Westen her. In rasender Schnelligkeit zog die Erscheinung am Firmamente entlang – halb verdeckt durch die Zweige einer hoch aufragenden Ulmenreihe.

„Verhüllt das Antlitz, Ihr Unglückseligen!“ hatte der Chaldäer beim ersten Flammenschimmer gerufen, und zwar so schneidig, so wie von wahrem Grausen erfüllt, daß Lucius Rutilius unwillkürlich gehorcht hatte.

Selbst Cajus Bononius war zusammengefahren und hatte erst voll und klar wieder aufgeschaut, als die Flammenerscheinung bereits fern im Osten hinter dem unerkennbaren Dunkel des Himmelsrandes hinabsank.

Halb ohnmächtig wurde der tief erregte Lucius Rutilius von Olbasanus und Cajus Bononius hinweggeführt. Eine Frage des Letzteren schnitt der chaldäische Zauberer mit der ruhigen Bemerkung ab:

„Die Zeit, da Olbasanus Euch zur Verfügung stand, ist lange verronnen. Andere leidbekümmerte Sterbliche harren bereits voll Ungeduld seiner Hülfe.“

Nach fünf Minuten hatte sich Lucius Rutilius so weit erholt, um an der Seite des jungen Weltweisen den Heimweg antreten zu können. Als Cajus Bononius, an der Pforte des Freundes angelangt, ihm die Hand reichte und ihm zuflüsterte: „Fasse Dich, Lucius!“ – da ward ihm keine Antwort zu Theil. Taumelnd wie ein Trunkener eilte Lucius durch den Thürgang in’s Atrium und suchte sein Lager auf, um die ganze Nacht hindurch kein Auge zu schließen.

Auch Cajus Bononius befand sich in unbeschreiblicher Aufregung. Der Zwiespalt zwischen dem, was er wahrgenommen, und dem, was sein Verstand und seine Vernunft seit lange über das Wesen der Dinge und die Bedeutung der Welt sich zurechtgelegt, war zu unversöhnlich, als daß der wissensdurstige Geist des Jünglings nicht unausgesetzt danach getrachtet hätte, die zertrümmerte Harmonie so oder so wieder herzustellen. Bis zum Morgengrauen schritt er beim Scheine der Lampe durch sein Studirgemach oder im Peristyl auf und ab und prüfte, wog und verwarf, bis er sich endlich, fast zu Tode erschöpft, in Toga und Tunica auf die Ruhebank warf und entschlief.

(Fortsetzung folgt.)




Blätter und Blüthen.


Eine luftige Statistik. Unsere Leser haben schon oft gehört, daß unsere klare, durchsichtige Atmosphäre von unzähligen Wesen bewohnt wird, die so winzig sind, daß wir sie nur mit Hülfe der stärksten Mikroskope sehen können. Sie haben auch viel von der Bedeutung dieser kleinen Organismen gehört, da in unsern Tagen viele Gelehrte der Meinung huldigen, daß einzelne Arten derselben verschiedene ansteckende Krankheiten hervorrufen. Vom Hörensagen kennt heute selbst das Schulkind den „Cholerapilz“, die Tuberculose-Bacterien etc. Unsere Aufgabe ist es heute nicht, den Lesern zu erklären, wie viel Wahres diese vielfach angefochtenen Theorien der modernen Forscher enthalten, wir wollen die Pilzfrage, soweit sie sich auf den Aufenthalt der kleinsten Pilze in der Luft bezieht, von einem andern Standpunkte betrachten.

Ein französischer Forscher, P. Miquel, beschäftigt sich gegenwärtig in dem Observatorium von Montsouris bei Paris mit der Statistik der in der Luft enthaltenen Pilzkeime und hat vor Kurzem die Ergebnisse seiner recht mühseligen Arbeiten veröffentlicht.

Nach seinen Mittheilungen enthielt ein Cubikmeter Luft aus der Umgebung von Montsouris durchschnittlich folgende Mengen von Pilzkeimen: im December, Januar und Februar 7000, im Mai 12,000, im Juni 35,000, im August 23,000, im October 14,000 und im November 8000. Man kann also hieraus den Schluß ziehen, daß auch diese unsichtbaren Pilze, wie Alles in der Welt, ihre Zeit haben und in warmen und feuchten Monaten sich am zahlreichsten vorfinden.

Miquel hat seine Forschungen auch auf einzelne Arten von Pilzen ausgedehnt, namentlich auf die Bacterien, von welchen einige in dem schlechten Rufe der Krankheitserzeuger stehen. Im Durchschnitte soll es im Laboratorium von Montsouris achtzig Bacterien in einem Cubikmeter Luft geben, und auch diese Zahl ist je nach der Jahreszeit besonderen Schwankungen unterworfen. Im Februar zählte Miquel nur 33 und im October 170 Bacterien in einem Cubikmeter Luft. Natürlich gelten diese Zahlen nicht für jeden Ort. Zu derselben Zeit fand man nämlich in einem Cubikmeter Luft folgende Bacterienmengen: auf der Spitze des Pariser Pantheons 28, im Parke von Montsouris 45 und in der Mairie des vierten Arrondissements von Paris 462.

Schließlich bemerken wir noch, daß das Pariser Regenwasser mindestens 64,000 derartige Gäste in je einem Liter enthält.

Der Leser wird wohl fragen: Wozu nützt diese sonderbare Statistik? und er wird geneigt sein, zu antworten: Doch wohl nur zur Befriedigung einer „wissenschaftlichen Neugierde“. So wie die Sache sich heute verhält, dürfte er wohl Recht haben, denn die Zahlen, welche uns Herr Miquel mittheilt, sind noch zu unzuverlässig, um aus ihnen irgend welche sichere Schlußfolgerung zu ziehen. Bei sorgfältiger Fortsetzung derartiger Statistik könnten jedoch Daten gesammelt werden, die für die Erklärung mancher räthselhaften Naturerscheinungen, mancher Krankheiten etc. von großem Nutzen wären. Das ist auch das Ziel, welches sich der genannte Forscher gestellt hat. Ob er es erreichen wird, ob wir die Nutzanwendung dieser mühseligen Arbeit erleben, das muß freilich dahingestellt bleiben.



Kleiner Briefkasten.

Ein treuer Abonnent aus Baiern. Wir empfehlen Ihnen die billige und vorzügliche Schrift: „Die medicinischen Geheimmittel, ihr Wesen und ihre Bedeutung. Nach den amtlichen Materialien des Ortsgesundheitsraths zu Karlsruhe geschildert von Karl Schnetzler und Dr. Franz Neumann.“ (Karlsruhe, A. Bielefeld’s Hofbuchhandlung. Preis 1 Mk. 20 Pf.)

M. M. in J. Fragen Sie einen vertrauenswürdigen Geschäftsmann Ihres Ortes. Uebrigens müssen wir, wie schon oft angezeigt, anonyme Einsendungen unbeantwortet lassen.

W. K. G. Wir können Ihnen nur den einen Rath ertheilen: Wenden Sie sich an einen tüchtigen Arzt, aber an keinen, der brieflich curirt.



Unter Verantwortlichkeit von Dr. Friedrich Hofmann in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.
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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883). Leipzig: Ernst Keil, 1883, Seite 268. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1883)_268.jpg&oldid=- (Version vom 30.12.2023)