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Seite:Die Gartenlaube (1883) 191.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883)

hier zu geringerem Preise als sonst bieten, genießen zu können. Erheben sich doch stets dort die Eisberge, das echtrussische Nationalvergnügen, und ist es nicht zu herrlich, mit einer slavischen Grunja, Faina, Chawronja eng umschlungen auf schmalem Schlitten für billigen Preis durch die Lüfte, so eiskalt sie auch sind, im Sturm dahin zu fliegen? Und wieder ein anderes Bild! Dort die Theater: Berg, Ssemenow, Fedorow etc. Hier die Schlacht bei Plewna, dort der Balkanübergang, dort rettet der biedere Kosak eine türkische Jungfrau, dort slavische Tänze und Gesänge, hier wieder ein so gemüthliches Local, in dem man sich wärmen und stärken kann, und dazu die Eisverkäufer, die Tabuletkrämer, die Zuckerbäcker, die Sbitenschini (Siropwasserverkäufer) – wer könnte all den Lockungen widerstehen, und namentlich kann dies das „weite“ russische Herz? Darf es Einen daher wundern, wenn man hört, daß jedes hölzerne, für zwei Wochen hergerichtete Theater an Baukosten allein gegen 8000 Rubel verschlingt, Decorationen, Schauspieler, Costüme, Requisiten ungerechnet? Jedes Theater faßt 1000 bis 2000 Zuschauer, und jede Vorstellung wird mindestens stündlich wiederholt.

Das erinnert allerdings an das chinesische Theater in Maimatschin, wo zu Neujahr (im Februar bei dreißig Grad Kälte) die zehn bis dreißig Tage währenden Gratisvorstellungen auf offener Bühne in „freiem Frost“ inscenirt werden.

Auf dem Marsfelde bei Petersburg sind zum Besten der Volksmassen alle denkbaren Vorsichtsmaßregeln getroffen. Zehn bis zwanzig Ein- und Ausgänge hat jedes Theater, am Canal steht eine fortwährend heizende Dampfspritze, nebenan hält stets eine Abtheilung Feuerwehr Wache, und auch die Polizei ist stark vertreten, doch nicht, um das Volk in Ordnung zu halten; denn das ist zu Ostern nicht nöthig; die Polizei muß nur den Wagen- oder vielmehr Schlittenverkehr regeln; denn auch die vornehmsten Herrschaften besuchen aus Patriotismus die Balagane, und der einfache Mann bringt dort Jedem nur offene Arme mit der Freude- und Friedensbotschaft: „Christ ist erstanden“ und mit brüderlichem Kusse entgegen, und der Angeredete erwidert freudig: „Wahrhaftig, er ist’s!“

Auch für den Humor ist Sorge getragen auf der „Czarenwiese“. Ueberall erblickt man den „Wanka Durak“, den spaßhaften Greis, der Jedem in Knüttelversen etwas zu sagen weiß. Natürlich schleichen sich auf diesem Vergnügungsplatze auch Uebelstände ein, die die Polizei zum Einschreiten zwingen. So kündigte vor einigen Jahren ein kleiner Budenbesitzer für die Osterzeit ein „Panorama Petersburgs, Entrée 5 Kopeken“ an, er machte indeß nur am ersten Tage gute Geschäfte; massenhaft anströmendes Publicum wurde durch einen schmalen Gang, an dessen Tourniquet die 5 Kopeken erhoben wurden, einzeln zu einem kleinen, einen halben Schuh im Quadrat messenden Guckloch zugelassen, das ohne Glas nur eben die nächste Umgebung als natürliches Panorama zeigte. Obschon Niemand klagte, kam die Polizei doch am nächsten Tage in Gestalt eines nach dem Guckloch verlangenden Gorodowois (Stadtsergeanten) und forderte den speculativen Impressario auf, die „gemüthliche Bude“ zu schließen. Dies geschah denn auch, obgleich ein nicht kleiner Theil des später anlangenden Publicums es laut und lebhaft bedauerte, das schöne Panorama der herrlichen „nordischen Palmyra“ nicht mehr genießen zu können!

Der Sonntag nach Ostern ist in Rußland dem Andenken der Eltern geweiht und heißt: „der Eltern-Sonntag“. Die Pietät des russischen Glaubens erfordert es, daß an diesem Tage die jungen oder alten Kinder hinausziehen, um auf dem Grabe der Eltern ein buntes Osterei zu verkrümeln; der Brauch mag vielleicht noch aus uraltheidnischen Zeiten herstammen, aber einem Russen ist er heilig, und mit Recht hält er an ihm fest; denn in die eigene Freude der Gegenwart muß sich ein Ausdruck der Ehrfurcht und des Andenkens an das dahingeschiedene Geschlecht mischen. Das ist wahrlich ein würdiger Abschluß des russischen Osterfestes. H. K.     




Dem Verherrlicher der Madonna zu seinem Jubelfest.

Wem wäre wohl sein Name nicht bekannt? Wer beugte nicht sein Haupt schon bei dem bloßen Klange desselben, um dem unsterblichen Meister der Farben den verdienten Tribut der Verehrung und Bewunderung zu zollen? In die weiten Kirchenhallen, in die hellen Museen, welche seine Werke eifersüchtig bewahren, wallfahren seit Jahrhunderten unzählige Schaaren Aller, die durch Betrachtung idealer Kunstwerke ihr Herz und ihren Geist zu veredeln bestrebt sind. Sinnend bleiben wir noch heute vor seinen Bildsäulen stehen, welche die Meisterhand der Künstler an vielen Orten der civilisirten Welt ihm zu Ehren errichtet. An ihm ist wahrlich das oft täuschende Wort von der Unsterblichkeit des Ruhmes zur Wahrheit geworden, denn seit Jahrhunderten lebt sein Geist unter den Sterblichen dieser Erde; dahingegangenen Geschlechtern hat er Anerkennung abgerungen, und sicher wird er noch viele kommende in die Fesseln seines Zaubers schlagen. Sollten wir nun, da der vierhundertjährige Gedenktag der Geburt dieses Gewaltigen unter den Auserkorenen der Kunst überall glänzend gefeiert wird, stillschweigend an seinen Werken vorübergehen? Nein, wie der Todten, die wir lieben und verehren, müssen wir auch seiner gedenken, denn er ist unser, wiewohl im fernen Welschlande seine Wiege stand; die Kunst verlieh ihm das Weltbürgerrecht, und weit hinauswirkend über die engeren nationalen Grenzen, ist er der Stolz der gesammten Menschheit. –

Am 28. März 1483 erblickte Raphael Santi das Licht der Welt in der romantisch gelegenen Stadt Urbino. Sein Vater Giovanni war selbst ein nicht unbedeutender Maler und weihte frühzeitig den talentvollen Knaben in die Geheimnisse seiner Kunst ein. Der Sagenkreis, der sein Leben umrankt, beginnt schon mit wunderbaren Erzählungen über die Leistungen seiner Kinderjahre, denn sobald die Menschen von ungewöhnlich großen Männern zu berichten haben, glauben sie auch, ungewöhnliche Erscheinungen in dem Leben derselben finden zu müssen.

Das äußere Leben Raphael’s verlief indessen, wie die streng prüfende Geschichte erzählt, einfach, ohne Wunderzeichen, ohne blendende Erscheinungen. Trüb könnte man sogar seine Kindheit nennen; denn der milde und friedenspendende Glanz des Mutterauges erlosch frühzeitig für ihn, der in fernen späteren Lebensjahren das Mutterglück und die Mutterliebe so innig wahr darzustellen wußte. Sein Vater verheirathete sich bald darauf zum zweiten Male, und als auch er im Jahre 1494 gestorben war, da mußte der verwaiste Knabe schon frühzeitig den bitteren Ernst des Lebens kosten. Wie er nun in seinem zwölften Lebensjahre zu dem Meister Pietro Perugino in die Lehre kam und hier seine Mitschüler bald überflügelt hatte, brauchen wir nicht ausführlich zu berichten.

Rasch verbreitete sich sein Ruf über ganz Italien, während er Kirchenfahnen malte, für Herzöge und Fürsten arbeitete und seinen Wohnsitz bald in Perugia, bald in Florenz aufschlug. Von letzterer Stadt aus wurde er auf Veranlassung des berühmten Baumeisters Bramante nach Rom berufen, um an der Verschönerung des vaticanischen Palastes und dem Neubau der Peterskrche Theil zu nehmen.

In der „ewigen Stadt“, wo bald die berühmtesten Männer mit ihm in vertraute Verbindung traten und die Päpste Julius der Zweite und Leo der Zehnte ihn mit Auszeichnung behandelten, eröffnete sich ihm ein großartiger Wirkungskreis. Eine Schaar begeisterter Schüler umgab den jungen Meister, und selbst ältere Künstler strömten von fern her nach Rom, um Raphael zu bewundern und von seinen Werken zu lernen. Wie ein Fürst lebte er in Rom. Wenn der Meister zu Hof ging, war er gewöhnlich von seinen Schülern begleitet, sodaß er wie im feierlichen Zuge auf dem Vatican ankam, während sein großer Nebenbuhler Michel Angelo meist einsam umherwandelte, Einmal begegneten sich die beiden Künstler in den Straßen Roms und Michel Angelo soll ausgerufen haben: „Ihr geht ja im großen Gefolge, wie ein Anführer der Sbirren!“ worauf Raphael erwiderte: „Und Ihr geht allein, gleich einem Scharfrichter!“ Trotzalledem wußte die Liebenswürdigkeit Raphael’s jedes feindselige Verhältniß zwischen Beiden zu verhindern.

Raphael war nie verheirathet. Seine Braut Maria da Bibiena, die Nichte des Cardinals Bibiena, starb frühzeitig, und wie man behauptet, hatte Raphael diese Braut nicht aus vollem Herzen geliebt.

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883). Leipzig: Ernst Keil, 1883, Seite 191. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1883)_191.jpg&oldid=- (Version vom 25.12.2023)