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Seite:Die Gartenlaube (1883) 187.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883)

des Dankes, sondern in der Art, wie man einem Menschen verzeiht, der seine Pflicht verletzt und sich nun wieder darauf besonnen hat. Der Bauer schien das auch ganz in der Ordnung zu finden; denn er küßte demüthig die Hand des geistlichen Herrn und ging dann mit seinem Gefährten. Vorher grüßten sie Beide noch die Dame am Fenster, aber die Ehrfurcht dieses Grußes galt nicht der gnädigen Frau von Hertenstein, sondern der Verwandten des Herrn Pfarrers, die in dessen Hause erzogen und dadurch eine unbedingte Respectsperson für das ganze Dorf war und blieb.

„Man muß den Bauern ernstlich in das Gewissen reden, sonst trägt ihre Geldliebe über jede Menschlichkeitsrücksicht den Sieg davon,“ bemerkte Vilmut. „Sie unterbrachen uns vorhin in unserem Gespräch, Anna, und Du bist mir noch die Antwort auf meine Frage schuldig, warum Du heute in der Stadt nicht bei dem Justizrath gewesen bist. Er ist doch Dein Vertreter und kann Dir am besten die geschäftliche Auskunft geben, die Du von mir verlangst.“

Anna schien nicht sogleich die Antwort zu finden, sie schwieg einige Secunden, und Vilmut bemerke sofort ihr Zögern.

„Ist etwas vorgefallen?“ fragte er. „Und willst Du etwa ein Geheimniß daraus machen?“

„Nein, Gregor; denn Du würdest es doch erfahren,“ entgegnete die junge Frau ruhig. „Ich habe gestern eine ebenso unerwartete wie peinliche Auseinandersetzung mit Freising gehabt. Wir sind zwar ohne jede Bitterkeit geschieden, und ich hoffe, daß er mir die alte Freundschaft bewahren wird, aber ich kann ihn vorläufig nicht aufsuchen und muß abwarten, ob er aus freien Stücken sich mir wieder nähert.“

„Das heißt also, er hat Dir einen Antrag gemacht, und Du hast ihn zurückgewiesen?“

„Ja.“

„Ich habe mir längst so etwas gedacht,“ sagte Vilmut verächtlich. „Der alte Thor! Meint er etwa, Du würdest in Deiner gegenwärtigen Lage die ‚gute Versorgung‘ annehmen, oder bildet er sich im Ernste ein, Du hegtest irgend eine Zuneigung für ihn?“

„Ich weiß es nicht, jedenfalls täuschte er sich in beiden Voraussetzungen. Du begreifst aber doch, daß ich mich heute nicht an ihn wenden konnte.“

„Nein, ich werde an Deiner Statt schreiben und mir die nöthige Auskunft erbitten. Also Freising ist gestern in Rosenberg gewesen? Du hattest noch einen zweiten Besuch – Paul von Werdenfels.“

„Das weißt Du?“ fragte Anna überrascht.

„Durch Zufall! Doch gleichviel, Du hast Dich jedenfalls verleugnen lassen.“

„Nein, ich habe den jungen Baron gesprochen.“

Vilmut trat mit einer beinahe drohenden Bewegung dicht vor seine Cousine hin.

„Was soll das heißen? Du hast diesen Besuch empfangen? Hast Du vergessen, daß er aus Felseneck kommt?“

„Beruhige Dich!“ entgegnete die junge Frau kühl. „Es ist das erste Mal, daß er nach Rosenberg kam, und es wird auch das letzte Mal sein. Ich mußte ihn sprechen, um gewisse Illusionen zu zerstören, in denen er sich wiegte, aber die Sache war bereits weiter gediehen, als ich glaubte – er bot mir seine Hand.“

Vilmut lachte kurz und spöttisch auf.

„Also auch der! Es wird Dir schwer gemacht, Deine Wittwenschaft zu behaupten. Das Trauerjahr ist kaum zu Ende, und schon stürmen zwei Bewerber auf Dich ein, und Beide machst Du mit Deinem Nein unglücklich.“

„Ist das meine Schuld?“ fragte Anna vorwurfsvoll.

„Nein, aber Dein Schicksal! Und es ist kein beneidenswerthes Schicksal, wenn man dazu bestimmt ist, nur Bitterkeit in die Seele der Männer zu werfen.“

Die Worte klangen selbst in eigenthümlicher Bitterkeit, und der Blick, der dabei auf die junge Frau fiel, hatte etwas Feindseliges. Anna schwieg, sie beugte sich auch jetzt noch der Autorität des ehemaligen Lehrers, der so lange Vaterstelle bei ihr vertreten hatte und der es nicht lassen konnte, ihr immer wieder zu Gemüth zu führen, daß ihre Schönheit eine unheilvolle Gabe sei.

Der Sturm draußen war während des Gespräches immer heftiger geworden. Er fuhr sausend über das Pfarrhaus hin und fegte die Schneelasten vom Dache. Im Garten ächzten und brachen die dürren Zweige der Obstbäume, und die beiden Flügel des Hofthores, die man vergessen hatte zu schließen, fielen krachend zusammen.

„Das wird ja ein förmliches Unwetter!“ sagte Vilmut. „Du kannst jetzt unmöglich fahren; warte noch eine Stunde, vielleicht zieht der Sturm vorüber.“

„Ich fürchte, er wird anhalten,“ erwiderte Anna bedenklich. „Die Anzeichen deuten auf eine Sturmnacht.“

Die Dämmerung hatte inzwischen überhand genommen, und jetzt trat die Haushälterin des Pfarrers ein, eine alte, aber noch rüstige Frau, mit weißen Haaren und freundlichen Zügen. Sie trug eine brennende Lampe in der Hand, die sie auf den Tisch niedersetzte, aber ihr Gesicht verkündete, daß sie etwas ganz Außerordentliches zu melden habe.

„Hochwürden, es ist etwas Seltsames passirt!“ hob sie an. „Das ganze Dorf ist voll davon. Ich wollte es anfangs gar nicht glauben, aber er ist wirklich vorbeigefahren, es haben ihn so Viele gesehen.“

„Gesehen – wen?“ fragte Vilmut.

„Den Felsenecker, den Herrn von Werdenfels! Er saß im offenen Wagen und sein Neffe, der junge Baron, neben ihm. Sie fuhren nach dem Schlosse.“

Anna wandte sich mit einer jähen Bewegung um, ihr Gesicht verrieth eine athemlose Spannung. Der Pfarrer dagegen sah die Frau an, als glaube er, sie sei nicht recht bei Sinnen.

„Was fällt denn den Leuten ein? Sehen sie Gespenster am hellen Tage?“

„Es ist wirklich wahr, Hochwürden,“ betheuerte die Haushälterin. „Sehen Sie nur, droben im Schlosse sind die Herrschaftszimmer erleuchtet, zum ersten Male wieder seit dem Tode des alten Herrn, und heute Mittag sind ja auch die Diener mit den Pferden von Felseneck gekommen. Jetzt weiß man, was das Alles bedeutet – der Freiherr ist da.“

Es war gut, daß Anna tief im Schatten saß; denn bei den letzten Worten überfluthete eine glühende Röthe ihr Antlitz, und während sich ein tiefer Athemzug aus ihrer Brust emporrang, flüsterte sie kaum hörbar:

„Also doch!“

Vilmut achtete augenblicklich nicht auf sie, die Nachricht schien ihn gleichfalls auf’s Höchste zu überraschen, aber er zweifelte offenbar noch daran. Er trat rasch an das zweite Fenster, von wo der Schloßberg und die Hauptfront des Schlosses sichtbar waren. Trotz der Entfernung schimmerten die Lichter deutlich herüber, es waren die Fenster jener Zimmer, die Raimund von Werdenfels bei Lebzeiten seines Vaters bewohnt hatte.

Die Haushälterin war im Begriffe, sich sehr ausführlich über ihre und des ganzen Dorfes Verwunderung zu verbreiten, aber der Pfarrer schnitt ihr kurz das Wort ab:

„Es wird sich ja zeigen, ob die Sache sich bestätigt, jedenfalls erfahren wir es morgen. – Sagen Sie dem Kutscher der gnädigen Frau, er soll einstweilen noch nicht anspannen, der Sturm ist zu heftig.“

Die Frau entfernte sich, und im Zimmer herrschte einige Minuten lang noch Schweigen. Anna’s Augen hingen an jenen Lichtern, die vom Schloßberge herflimmerten. Vilmut ging einige Male im Zimmer auf und ab, ohne zu sprechen, endlich blieb er stehen und fragte:

„Hältst Du es für möglich, daß Werdenfels wirklich gekommen ist? Nach sechs Jahren, nachdem er vollständig mit der Welt und den Menschen gebrochen hat – was kann er hier noch suchen?“

„Vielleicht gerade die Menschen, die er so lange geflohen hat,“ sagte Anna leise.

„Nun, ähnlich sähe ihm das schon. Er war von jeher ein haltloser Träumer, der immer nur den Eingebungen seiner Laune folgte. Vielleicht ist er der Einsamkeit und Menschenfeindlichkeit müde geworden und will zur Abwechselung einmal wieder den Herren auf seinen Gütern spielen.“

„Gregor, sei nicht ungerecht!“ die Stimme der jungen Frau bebte, trotz ihres Versuches, sie zu beherrschen. „Du weißt, daß es keine Laune gewesen ist, die ihn in die Einsamkeit getrieben hat, sondern der allgemeine Haß, welchen Du entfesselt und genährt hast.“

„Oder vielmehr, es war Deine Vermählung mit Hertenstein, der er nicht Stand hielt. Das trieb ihn fort!“

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883). Leipzig: Ernst Keil, 1883, Seite 187. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1883)_187.jpg&oldid=- (Version vom 15.9.2022)