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Seite:Die Gartenlaube (1883) 116.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883)

war freilich auch dieser letzte Abschnitt der Reise nicht ohne ernste Schwierigkeiten und Gefahren, zumal der Reisende bald von der gewöhnlichen Karawanenstraße nordwärts abbog, um noch dem mächtigsten Häuptling dieser Gegend, dem kriegerischen Mirambo, dem Napoleon der Waniammesi, wie ihn Stanley genannt hat, einen Besuch abzustatten.

Am 5. September traf er wohlbehalten in Tabora ein, dem Hauptsitz der Araber im Inneren Ostafrikas, machte in den nächsten Tagen noch einen Abstecher nach der benachbarten deutschen Station Gonda, wo er die Herren Dr. Böhm und Reichard in bester Gesundheit antraf, und beschloß hier, wo er den Anschluß an die von der Ostküste ausgehenden geographischen Arbeiten des Dr. Kaiser erreicht hatte, seine Aufnahmethätigkeit.

Am 15. November begrüßte er frohen Herzens, nach fast zweijährigem Aufenthalte im Inneren des Continents, den Indischen Ocean und traf am 17. dieses Monats in Zanzibar ein, wo er in dem Hamburger Hause Oswald die freundlichste Aufnahme fand.

Abgesehen von den hochbedeutenden geographischen Ergebnissen der Reise, versprechen auch die ethnologischen Beobachtungen und Sammlungen, die Wißmann mitbringt, eine ganz hervorragende Bereicherung der großen Berliner ethnographischen Sammlung zu werden, weil sie eben zum Theil aus Gebieten mit ganz ursprünglichen Zuständen stammen. Die Sammlungen werden durch ein Oswald’sches Segelschiff nach Europa gebracht, und auf demselben Wege werden auch die vier treu gebliebenen Träger von der Westküste in ihre Heimath zurückbefördert.

Möchte dieser schöne und ruhmvolle Erfolg der Pogge-Wißmann’schen Expedition der deutschen Afrikaforschung viel neue Freunde und Gönner zuführen! Trotz der in liberaler Weise Seitens des deutschen Reiches alljährlich bewilligten Unterstützung wird es der „Afrikanischen Gesellschaft“ nicht leicht, die mit der vermehrten Häufigkeit der Expeditionen immer höher sich stellenden Kosten ihrer verschiedenen jetzt durchweg in gutem Fortgang befindlichen Unternehmungen zu bestreiten. Im Vergleich mit den fast unbeschränkten Mitteln, die dem verdienstvollen Stanley, den belgischen Reisenden und neuerdings auch dem Franzosen Savorgnan de Brazza zu Gebote stehen, sind die Mittel, mit denen die deutschen Expeditionen arbeiten müssen, äußerst bescheiden.

Möchten daher recht zahlreiche Landsleute durch ihren Beitritt zur „Afrikanischen Gesellschaft“ die Mittel vermehren zu weiterer erfolgreicher Concurrenz der deutschen Forschung in der Erschließung und Zugänglichmachung des jetzt so viel umworbenen, gesegneten und zukunftsreichen Congobeckens![1]




Vor zwölf Jahren in Paris.

Eine Kriegserinnerung von Friedrich Hofmann.
2.00Am 8. Februar 1871.

Es war noch finstere Nacht, als ich am 8. Februar erwachte. Die Freude hatte mich aufgeweckt, die Freude, in Paris zu sein und heute in sicherer Führung dieses scenenreichste Theater alter Dynasten- und neuer Völkergeschichten zu durchwandeln. – Ich kroch in meine noch feuchten Kleider, erwärmte mich an einer Cigarre und schrieb bei Licht noch einige Briefe. Zur bestimmten Zeit trat Jules P. mit einem fröhlichen „Bonjour!“ herein, und die Wanderung ging los.

Mein erster Blick galt jetzt dem Hôpital de la Salpetrière, nach welchem die Straße, die ich gestern zuerst betreten, Boulevard de l’Hôpital heißt. Auch dort wehte, wie ich gestern Nachts vermuthet hatte, die Fahne mit dem rothen Kreuz. Aber wie freundlich erschien mir heute, trotz des trüben Himmels, hier Alles, und gleich der Anfang des Tages war heiter. Er führte uns zu einem so komischen Auftritt, wie er nur im damaligen Paris möglich war.

Wir gingen in ein Café. Der dicke Herr des Geschäfts würdigte uns nicht der geringsten Beachtung, sondern rannte die Diagonale seines kleinen Zimmervierecks heftig mit einem Papier auf und ab und fluchte dabei mörderlich über die preußischen Filous. Jules P. brachte ihn endlich zum Stehen und Erklären. Der Mann hatte eine der damals vorgeschriebenen Legitimationen zu einer Reise nach Corbeil. Dieselben mußten in französischer und deutscher Sprache ausgestellt sein. „Das Französische,“ grollte er, „ist wohl richtig, aber ob die verdammte preußische Schreiberei, und ob der ganze Paß richtig ist, soll der Teufel wissen.“ – P. wußte sofort Rath. Er sagte dem Mann: ich, sein Onkel, sei lange in Oesterreich gewesen, wo man auch die preußische Sprache verstehe. Sofort ward mir der Paß überreicht, und ich prüfte das Schriftstück, mußte aber die Zähne fest zusammenhalten, um nicht laut aufzulachen; die deutsche Uebersetzung war köstlich. Gleich das erste Wort „rentier“ war wiedergegeben mit: „welcher lebt von seine Sachen“, und so ging’s weiter. Ich aber pries die preußische „traduction“ als völlig richtig. Wir erhielten einen trefflichen Kaffee, natürlich mit Cognac.

Und nun begann das Tagewerk. Am Ende unseres Boulevard begrüßte ich wieder im Tageslicht den „Gare d’Orléans“; dann wandten wir uns links am Eingang zur Rue de Buffon vorüber und hatten nun zur Rechten die Seine mit der Brücke von Austerlitz, vor uns den Quai St. Bernard, und zu unserer Linken dehnte sich ein niederschlagendes Bild der Verwüstung aus, einst ein Stolz der Wissenschaft, jetzt eine zertretene Oede – der Jardin des Plantes mit dem Zoologischen Garten. Nur einzelnes Strauchwerk erhob sich noch über den Boden, den unzählige Räderspuren zerwühlt hatten. Von den wohlgepflegten Geschöpfen des Thierreichs aller Zonen, den zahmen und wilden, den Kriechern und Fliegern, war der größte Theil ein Opfer der Belagerung geworden. Es war urkomisch, wie Jules P. erst auf den Zoologischen Garten und dann mit dem gekrümmten Finger in den geöffneten Mund deutete – und kopfschüttelnd vorüberging.

Die Rue Cuvier trennt den Jardin des Plantes von der Weinhalle (Halle aux vins), dem seit 1806 bestehenden Hauptweinmarkt von Paris. Hier genoß ich einen Anblick, der so denkwürdig war, wie der der Pariser Straßen ohne Pferde, und den ebenso wenig, wie diesen, wohl je ein Mensch wieder erleben wird. In fünf Reihen waren hier alle während der Zeit der Belagerung in Paris leer getrunkenen Weinfässer zu einer Höhe aufgethürmt, daß man nur mit Staunen und Grauen hinaufsehen konnte. Als geschickte Baumeister hatten die Franzosen sich auch hier bewährt: so fest waren diese Fässermauern gefügt, daß sie ruhig bis zu der schwindelnden Höhe emporsteigen konnten, auf der nun kühne Kletterer beschäftigt waren, mit Leitern und Tauen ausgerüstet, vorsichtig die fünf Berge wieder abzutragen.

Ich ging von dem ersten dieser Berge bis zur Cuvierstraße zurück, um, an die Quaimauer gelehnt, noch einmal vor dem interessantesten Doppelbilde zu stehen: dort die Stätte der aufgegessenen Menagerie – und hier das Merkzeichen des dazu vertilgten Weins – treffender konnte das belagerte Paris nicht illustrirt werden.

Die Seine zeigte hier mehr Leben als die Straße. Die vielen kleinen Dampfer des Stromes waren wieder flott und dienten zum Theil schweren Frachtbooten als Schlepper. Offenbar suchte man zu Wasser der Verproviantirung, die zu Lande so ungenügend vor sich ging, nachzuhelfen; denn es waren fruchtbeladene Boote darunter, denen am Ufer eine rasch anwachsende Menge nachlief, deren Landung erwartend.

Der Straße fehlte es zwar nicht an beweglichem Leben, aber – Paris war es nicht, was man sah. Die Gesellschaft, welche die Straßen und Plätze bevölkerte, paßte nicht zu den Pracht-Palästen hinter ihr; die Staffage war falsch: der architektonische Theil des Bildes war allein noch richtig. Die Hauptschuld an dem veränderten Bilde des öffentlichen Lebens war nicht der Mangel an Pferden allein, es war der Mangel an vornehmer Welt, die eben ohne Pferde nicht öffentlich zu haben ist.

Dagegen drohte uns der Anblick eines Bildes, das diesem Tage angehörte. Ein wildes Schreien, ja Brüllen, schallte von


  1. Die Mitgliedschaft der „Afrikanischen Gesellschaft in Deutschland“ wird erworben durch einen Jahresbeitrag von mindestens 5 Mark, der an den Vorstand der Gesellschaft, Berlin W, Friedrichsstraße 181 einzusenden ist. Die lebenslängliche Mitgliedschaft erlangt man durch einen einmaligen sogenannten Stifterbeitrag von mindestens 300 Mark. Die Mitglieder erhalten die Zeitschrift der Gesellschaft, in der fortlaufend die Originalberichte über alle Expeditionen derselben erscheinen, kostenfrei zugesandt.
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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883). Leipzig: Ernst Keil, 1883, Seite 116. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1883)_116.jpg&oldid=- (Version vom 17.12.2023)