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Seite:Die Gartenlaube (1883) 083.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883)

in Londoner Flüchtlingskreisen als Lehrer an verschiedenen dortigen Hochschulen, bis er im April 1866 einem Rufe als Professor der Archäologie und Kunstgeschichte an das eidgenössische Polytechnikum in Zürich folgte. In London hatte er das Unglück, seine Johanna durch einen Sturz aus dem Fenster (17. November 1858) zu verlieren, ein Ereigniß, welches die verschiedensten Deutungen gefunden und dessen Veranlassung bisher wohl noch unaufgeklärt geblieben.

Das ist in kurzen Zügen der Lebensweg Kinkel’s. Schicksale, welche den Dichter selbst zu einem dramatischen Heros der Freiheit stempeln, lassen natürlich vermuthen, auch aus seinen Werken ertöne auf jeder Seite die Alarmdrommete des Revolutionärs. Das trifft nicht ganz zu. Kinkel, der Redner und Kämpfer, ist ein Anderer als Kinkel, der Dichter. Wohl ist der Grundton seiner Dichtungen derselbe, wie der seines Ringens als Mensch: hier wie dort der gleich hohe Flug des Geistes, das gleich reine und edle Streben nach Freiheit in jedem Sinne. Aber gerade das eigentlich politische Pathos, das ihn als Menschen charakterisirt, klingt in seinen Dichtungen nicht so häufig durch, wie man erwarten sollte, und wo es ertönt (zumal in seiner ersten Sammlung – 1843 –), begegnet es uns meistens im Gewande einer verhältnißmäßig ruhigen Sprache. Nur selten ein stürmischer Drang der Freiheitsbegeisterung, an dem Kinkel’s Leben doch so reich – überall, wo es sich um politische Fragen handelt, die gebändigte Leidenschaft des classischen Princips in der Dichtung, und in der That, wenn man Kinkel den politischen Lyrikern des Revolutionsjahres einreihen will, so wird man sagen müssen: neben Georg Herwegh, dem feurigen Pathetiker, neben Ferdinand Freiligrath, dem farbenprächtigen Romantiker, neben Hoffmann von Fallersleben, dem burschikosen Volkssänger, ist Gottfried Kinkel der maßvolle Classiker der deutschen Demokratie. Seine Gedichte, in denen er sein ganzes Ringen und Streben, seine inneren Kämpfe niedergelegt hat, haben zu einem großen Theil den hohen und edlen Gang, den schönen und reinen Stil der Antike; seine meistens weich gestimmte Muse hat Seele, Adel und Anmuth und ist ebenso bestrickend, wenn sie in Oden, Hymnen oder Elegien sich auf idealen Gedankenpfaden bewegt, wie wenn sie im leichtgeschürzten Liede ein sanftes Gefühl zum Ausdruck bringt.

Aber das eigentliche und wahre Gebiet der Kinkel’schen Poesie ist doch das Epos. Das anmuthige, mittelalterliche Heldengedicht: „Otto der Schütz“ (1846), welches die Liebe Otto’s von Thüringen zu der schönen Elsbeth besingt, sowie die erzählende Dichtung: „Der Grobschmied von Antwerpen“, sind Perlen epischer Poesie von dauerndem Werthe. Namentlich das ersterwähnte Epos hat den Ruhm unseres Dichters begründet.

Endlich hat Kinkel das Gebiet des Dramas nicht ohne Glück betreten: sein von der deutschen Bühne viel zu wenig beachtetes, gedankenvolles Trauerspiel „Nimrod“ (1857) ist ein Culturgemälde großen Stils, das durch seine ausgesprochene demokratische Tendenz noch einen besonderen Reiz erhält.

So tritt uns aus den Werken Kinkel’s wie aus seinem Leben eine durch die Romantik ihrer persönlichen Schicksale ebenso interessante, wie durch die Größe ihres menschheitlichen Strebens imposante Mannesgestalt entgegen; er war kein Freiheitsapostel im eminenten Sinne des Wortes; er ist kein Dichter mit der Anwartschaft auf die Unsterblichkeit, aber was ihm nach beiden Seiten hin gebricht, das wird ausgeglichen durch den wechselseitigen Glanz, den der Kämpfer vom Sänger, der Sänger vom Kämpfer empfängt, und in diesem Sinne wird der Gefangene von Naugard und Spandau immer einer der leuchtendsten Vertreter der Freiheitsbewegung von 1848 und 1849 bleiben. Was man so treffend von Theodor Körner gesagt hat, das gilt vollauf auch von Gottfried Kinkel: er hat sich zum Helden gesungen und zum Sänger geschlagen.[1]




Um die Erde.

Von Rudolf Cronau.
Zwölfter Brief: Tchanopa-o-kä, das Heiligthum der rothen Rasse.

„Zu den Höhen der Prairien,
Zu dem Bruch der Pfeifensteine
Gitche Manitu, der Mächt’ge,
Er, des Lebens Herr, stieg nieder
Auf des Steinbruchs rothen Klippen
Stand er und berief die Völker,
Rief die Stamme all zusammen …
Von dem rothen Fels des Steinbruchs
Brach er mit der Hand ein Stück sich,
Welches, mit Gestalten schmückend,
Er zum Pfeifenkopfe formte;
Pflückte drauf zum Pfeifenstiele
An des Flusses Rand ein Schilfrohr,
Frisch, voll dunkelgrüner Blätter;
Füllte dann den Kopf der Pfeife
Mit dem Bast der rothen Weide.
In den nahen Wald nun blies er,
Daß sich seine Aeste rieben,
Bis sie gluthumflossen flammten.
Aufrecht auf der Höhe rauchte
Gitche Manitu, der Mächt’ge,
Calumet, die Friedenspfeife,
Als ein Zeichen allen Völkern....“
(Longfellow, „Hiawatha“.)

Der „ferne Westen“ der Vereinigten Staaten ist reich an romantischen, sagenumwobenen Plätzen. Unstreitig aber gebührt unter all diesen durch Gesänge und Traditionen berühmten Orten der erste Rang dem großen Pfeifensteinbruche, dessen Gebiet den kupferfarbenen Urbewohnern Nordamerikas lange Jahrhunderte hindurch als der heiligste aller heiligen Plätze gegolten. Ihre Legenden und Ueberlieferungen kommen darin überein, daß hier nicht allein der Gebrauch der Friedenspfeife, sondern auch die ganze rothe Rasse selbst ihren Ursprung genommen hat.

Es ist noch nicht lange her, daß die Bleichgesichter die erste Kunde von diesem indianischen Heiligthume erhielten. Capitain Carver, der um die Mitte des vorigen Jahrhunderts die Landschaften im Herzen Minnesotas durchstreifte, war der Erste, welcher unbestimmte Nachrichten über die im Südwesten gelegenen „rothen Berge“ brachte, aus deren Gestein die Indianer jene Pfeifen schnitzten, deren Darbietung als ein Zeichen der Freundschaft unter den Rothhäuten gang und gäbe war. Siebenzig Jahre noch blieb das Geheimniß, welches über diesen rothen Bergen ruhte, unentschleiert; Niemand wagte aus Furcht vor den Indianern, die jedem Bleichgesichte die Annäherung zu ihrem Heiligthume verwehrten, sich den rothen Bergen zu nähern.

Erst Georg Catlin, dem bekannten Indianerreisenden, gelang es im Jahre 1832 dieselben zu erreichen; sechs Jahre später kam der Ingenieur Nicolett ebenfalls zum Ziele, und Beide haben Schilderungen des Pfeifensteinbruches gegeben. Doch sind außer einer sehr schwachen und wenig getreuen, dilettantenhaften Abbildung des Bruches, die in Catlin’s Werken zu finden ist, der Welt keine weiteren Aufnahmen bekannt und dürfte die unseren Artikel begleitende Illustration als die erste zuverlässige zu betrachten sein. Noch in neuerer Zeit war der Besuch des seltsamen Gebietes mit großen Gefahren und Schwierigkeiten verknüpft; so wandten sich z. B. 1855 drei Reisende, die von Prairie de Chien gekommen, nicht fern vom Ziele aus Furcht vor den Indianern wieder rückwärts; ebenso eine zweite Partie in der Mitte der sechsziger Jahre.

Mitternacht war vorüber, als ich nach tagelanger harter Fahrt endlich bis zur äußersten Südwestecke des Staates Minnesota vorgedrungen und dem Ziele meiner Reise nahe war. Mit Spannung sah ich dem grauenden Morgen entgegen. Endlich brach dieser an, aber die Witterung hatte sich total geändert; trüb und schwer hingen die Wolken hernieder; ab und zu strichen mit Schnee untermischte Regenschauer über die endlose braune


  1. Wir ergreifen die sich hier bietende Gelegenheit, um unseren Lesern mitzutheilen, daß Freunde und Verehrer Kinkels beabsichtigen, den Todten durch die Errichtung eines Denksteines auf dessen Grabe zu ehren. Beiträge nimmt die Appenzeller’sche Kunsthandlung in Zürich gern entgegen.
    D. Red.
Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1883). Leipzig: Ernst Keil, 1883, Seite 83. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1883)_083.jpg&oldid=- (Version vom 17.12.2023)