Zum Inhalt springen

Seite:Die Gartenlaube (1883) 049.jpg

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Verschiedene: Die Gartenlaube (1883)

so manche finanzielle Verlegenheiten und politische Complicationen mittelst einer energischen Durchführung des einmal begonnen Reformwerkes verhindert wären! Einmal versäumt, erschien die Gelegenheit zu einer durchgreifenden Verwandlung der inneren Verhältnisse nie wieder. Den Derwischen aber kehrte mit dem Gefühl der Sicherheit auch der alte Uebermuth zurück. Ihr Ansehen hatte durch die letzte mißglückte Verfolgung nur gewonnen. Der Trieb der Selbsterhaltung drängte sie nunmehr in eine allen Neuerungen feindliche Opposition, und das Volk sieht seitdem in ihnen die Schildträger des conservativen Princips, die eifrigsten Verfechter des Islam. Ihr Einfluß auf die unteren Volksschichten ist größer denn je; sie drängen sich in alle öffentlichen und Privatverhältnisse, und ihr Auftreten ist selbstbewußt, oft rücksichtslos.

Unter den einzelnen Orden sind neben den dogmatischen Verschiedenheiten auch noch gewisse sociale Färbungen wahrnehmbar: der Begtaschi ist das Urbild des Fanatikers; zu seinen religiösen Uebungen erhält nie ein Ungläubiger Zutritt. Während dieser Orden sich vorzugsweise aus den unteren Ständen recrutirt, ist der Orden der Mewlewi der aristokratische, was seine persönliche Zusammensetzung, der liberale, was seine politische Färbung anlangt. Musik und Wissenschaft werden unter seinen Mitgliedern eifrig und systematisch getrieben. In Pera besitzt der Orden ein großes Häuserviertel und in Stambul mehrere Tekés. Sein Hauptvermögen aber besteht in großen Ländereien, welche in der Umgegend von Koniah gelegen und gleich den Moscheengütern in Erbpacht (vakuf) gegeben sind. Dieser Besitz stammt schon von Murad dem Vierten, der ihn einst, nach einem glücklichen Kriegszuge gegen die Perser, den Mewlewis überwies.

Man irrt sehr, wenn man glaubt, daß die Derwische ein beschauliches mönchisches Leben führen. Die wenigsten Orden verlangen von ihren Mitgliedern Ehelosigkeit und Clausur. Bei den Mewlewis und Rufayis trägt nur ein kleiner Theil derselben die Ordenstracht; die meisten sind im Staatsdienst oder treiben bürgerliche Gewerbe. Die Mewlewis dürfen nicht einmal in dem Teké eine Nacht zubringen. Sie versammeln sich nur an bestimmten Tagen zu ihren Uebungen. So kommt es, daß man sie überall antrifft, und zwar vorzugsweise in den Kaffeehäusern, wo sie zwei Dritttheile ihres Lebens verbringen.

Man hat indessen wohl zu unterscheiden zwischen den eigentlichen Ordensbrüdern und jenen seltsamen Gestalten, denen man im Orient auf Schritt und Tritt begegnet, die der Volksmund Heilige und Erleuchtete bezeichnet und die einfach blödsinnig oder verrückt sind.

Der türkische Staat besitzt keine Irrenanstalten und hält es für bequemer und ökonomischer, jene Armen, deren verwahrlostes Aussehen bald Mitleid, bald Ekel erregt, der öffentlichen Nachsicht und Mildthätigkeit zu überweisen. Unter den abenteuerlichen Figuren, welche die Straßen Constantinopels bevölkern, ist der sogenannte „nackte Heilige“ jedenfalls die auffallendste und bekannteste. Dieser wunderliche Büßer – der übrigens die ihm gewordene Bezeichnung im buchstäblichen Sinne bewahrheitet – treibt sich zum Gaudium der Straßenjugend und zum Aergerniß der europäischen Damenwelt auf allen öffentlichen Plätzen umher, und der Polizei ist es bisher noch nicht gelungen, ihn zu entfernen oder zum Anlegen einer den Zeit- und Witterungsverhältnissen entsprechenden Bekleidung zu veranlassen. Die meisten dieser „Heiligen“ sind harmlos; indessen hört man auch hier und da von Excessen, die von ihnen begangen wurden, und nicht selten findet der Betrug und das Verbrechen unter dieser bequemen Maske den Weg zur Straflosigkeit. – –

Aus dem Obigen wird dem Leser die heutige Bedeutung des Derwischthums einigermaßen ersichtlich geworden sein. Allmählich und fast unmerklich ist im Laufe der Jahrhunderte eine Verschiebung der Ansichten eingetreten: die ursprünglich anti-islamische Tendenz des persischen Sufismus ist mehr und mehr zurückgetreten; die lose zusammenhängenden religiösen Seelen haben sich zu einer geschlossenen politischen Partei verdichtet, und der religiöse Schwärmer ist zum Fanatiker, das Derwischthum zur kräftigsten Stütze des Halbmondes geworden. Und seine Zukunft? Sie scheint nunmehr unzertrennlich an die Geschicke des Staats geknüpft zu sein, dem das Derwischthum seine Kräfte opfert. Hätte es, anstatt (wie der Jesuitenorden) nach weltlicher Macht und politischer Bedeutung zu haschen, sich begnügt, die Lehren seiner Gründer zu entwickeln, den Idealen des sittlich Guten und ewig Wahren nachzustreben, welche den Grundzug aller Religionen bilden, so wäre ihm vielleicht einmal die schöne Aufgabe zugefallen, die weite Kluft zu überbrücken, welche den Islam vom Christenthum und der modernen Civilisation scheidet.




Die Wassersnoth am Rhein.

Von Adolf Ebeling.

Die Ueberschwemmung in Mainz, November 1882;
Die deutsche Reichspost.

Nach der Natur gezeichnet von Ferd. Lindner.

Der Rhein! Welch ein Zauber liegt in diesem Namen! Die ganze Romantik wacht auf wie ein farbenprächtiges Märchen bild: die Ruinen auf den Höhen werden zu stolzen Burgen; der Schloßhof füllt sich mit Rittern, Knappen und Reisigen, und schöne Edelfräulein sprengen auf weißen Zeltern heran. Die Wappenfahne weht auf der höchsten Zinne; der Thurmwart bläst; die

Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1883). Leipzig: Ernst Keil, 1883, Seite 49. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1883)_049.jpg&oldid=- (Version vom 17.12.2023)