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Seite:Die Gartenlaube (1883) 047.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883)

Symptome der Schnelllebigkeit, gewahren, welche wir aufgezählt haben, so bekundet sich die Erstarrung in völlig zurückgetretener Thätigkeit des inneren Organismus. An der kleinen Haselmaus bemerkt man im Zustande normaler Erstarrung nur alle drei bis fünf Minuten einen Athemzug, und an einer unserer Haselmäuse konnten wir selbst noch zu Anfang des März mit bloßen Augen kein Athmen bemerken. Erst mit Hülfe der Loupe entdeckten wir die Athmung, welche sich innerhalb drei bis vier Minuten in einem ruckweisen Aufblähen der Bauchseiten verrieth, worauf wieder ein vollkommener Ruhezustaud eintrat. Wurde die Schläferin den Sonnenstrahlen ausgesetzt, so trat bald Leben in den Organismus, das in auffallend erregterem Athmen und Pulsschlage bemerkbar wurde.

An schlafenden Murmelthieren haben interessante Versuche stattgefunden, welche im Wesentlichen mit den von uns an der kleinen und großen Haselmaus wie dem Hamster angestellten Untersuchungen übereinstimmen. Ebenso finden sich dieselben bestätigt in den Beobachtungen Fr. Tiemann’s in Breslau an dem Ziesel. Nach dem Chemiker Regnault bedurften erstarrte Murmelthiere unter der Luftpumpe nur den dreißigsten Theil des Sauerstoffs zur Respiration, den sie im wachen Zustande verbrauchten; ihr normales Athmen erwies sich also in der Erstarrung dreißigfach vermindert, und ihre Körperwärme war 4° R. tiefer als die der umgebenden Luft. Eines der untersuchten Thiere erwachte unter der Luftpumpe und starb in der des Sauerstoffs entbehrenden Umgebung; ein anderes verharrte in der Erstarrung ohne Schaden, und es erwachte, außerhalb der Glocke der Luftpumpe gebracht, bei + 20° R. Seine Respirationsbewegungen verriethen sich alsbald dem bloßen Auge, welches das alle drei bis fünf Minuten nur einmal erfolgende Athmen in der Erstarrung nicht gewahren konnte. Die vermehrte Athmung brachte auch die Körperwärme auf die sehr hohe normale der Thiere bis zu + 33 und 34° R.

Diese Andeutungen mögen genügen zur Charakteristik des Erstarrungszustandes. Es ist aber noch die Frage aufgeworfen worden, ob die Winterschläfer während der Winterruhe an Körpergewicht ab- oder zunehmen. Von einigen Autoren ist eine Zunahme behauptet worden, aber an den Fledermäusen hat unser Freund Karl Koch – der bewährteste Kenner der heimischen Handflatterer – bereits seit längerer Zeit eine merkliche Abnahme von 1/6 bis 1/3 ihres Körpergewichts während ihres Winterschlafes nachgewiesen. An unseren Schlafmäuschen gewahrten wir gleichfalls eine beträchtliche Abnahme ihres Körpergewichts am Ende ihrer Winterruhe, welche Thatsache neuerdings auch von anderer Seite bestätigt wird.

Es erweist sich sonach die mancherseits aufgestellte Behauptung, daß die Schlafmäuse in Folge ihres lethargischen Zustandes Fett ansetzen, im gegenwärtigen Falle als nicht zutreffend.

Bei der Zerlegung der Körper von der kleinen und großen Haselmaus fiel uns kein nur einigermaßen nennenswerther Fettgehalt desselben auf. Wir fanden vielmehr alle Körperbestandtheile merklich trocken und die Thiere überhaupt abgemagert. Bei einigen Schlafmäusen und Fledermäusen waren auch die Magen sehr trocken und deren Wände eingeschrumpft. Die Verdunstung der Flüssigkeiten im Körper der Winterschläfer erklärt auch die oft beobachtete Thatsache, daß unsere Fledermäuse für ihre Winterquartiere gerne feuchte Umgebungen, sogar mit Wasser versehene Orte aufsuchen und überhaupt alle aus der Winterruhe erwachende Schläfer vorzugsweise gern Flüssigkeiten zu sich nehmen.

Wir schließen diesen Artikel mit einigen Ausführungen über das Wesen des Winterschlafes, welche wir unserm oben erwähnten Werke entlehnen.

Alle diese Merkmale, welche wir aufgezählt haben, bieten hinlänglichen Stoff zur Erklärung, wie es unter unseren Schlafmäusen auch der kleinen Haselmaus ermöglicht ist, die sehr lange Epoche der Winterstarre ohne Nahrung zu bestehen. Der äußerst geringe Verbrauch des Sauerstoffs hängt selbstredend mit dem verlangsamten Athmen, also mit dem sehr verminderten Verbrennungsproceß des Kohlenstoffs im Körper zusammen. Die während des Sommers im Körper angehäufte Fettmenge giebt aber hinlänglichen Kohlenstoff zu dem geringen Verbrennungsprocesse in den Lungen ab und schützt den Schläfer vor Erfrieren.

Dieser Zustand flößt uns im Verlaufe seiner ganzen Erscheinung Verwunderung ein und fordert den Forschergeist zum regsten Nachdenken auf. Es ist kein eigentlicher Schlaf, diese Erstarrung; der Anblick eines in Lethargie versunkenen Thieres erzeugt eher den Eindruck eines Todten als eines Schlafenden. Wiederum aber bieten die Glieder und der ganze Körper nicht die langgestreckte Form der Todesstarre.

In eine Kugel zusammengedrückt, weilt der Körper regungslos, sodaß der unter die Brust und zwischen die Vorderbeine herabgezogene Kopf mit der Nase den vier auf einen Punkt vereinigten Pfoten begegnet und insbesondere der Schwanz unserer Haselmaus im Kreise, dicht an den zusammengezogenen Bauch gedrückt, nach vorn über die Stirn sich biegt. Das Gesicht der Maus liegt in starren Falten, und die Schnurren strecken sich abwärts wie ein zusammengelegter Fächer zu den Seiten der Schnauze bis zu den Flanken herab. Die Hinterpfoten sind zusammengeballt und die Vorderpfoten fest an die beiden Wangen gedrückt, sodaß sie nach der Winterruhe daselbst kahle Stellen zurücklassen.

Es ist ein Verharren zwischen Leben und Tod, oder besser zwischen Schlaf und Tod; denn der eiskalte Körper verharrt in einem ganz eigenthümlichen Stadium, näher dem Tode als dem Schlafe, in dem Scheintode. In diesem Zustande gewaltsam getödtete Thiere bleiben vollständig in ihrer Lage, wie mehrere Beispiele uns überraschend zeigten. Nichts ändert sich an diesen scheinbar schon todt Gewesenen, und selbst im Tode ist uns der Cadaver solcher Thiere noch ein Räthsel: er entbehrt der Todesstarre. Ebenso merkwürdig tritt an dem Körper der im Winterschlafe getödteten Thiere eine andere Erscheinung auf: die Leichen kleiner und großer Haselmäuse, die wir uns zu Modellen für Zeichnungen verschafften, zeigten trotz der herrschenden Ofenwärme kein Anzeichen der Fäulniß. An das Ofenfeuer gebracht, vertrockneten die Cadaver zu Mumien, ohne merklichen Geruch.

So steht der Forscher vor dieser merkwürdigen Erscheinung in der Thierwelt, wie vor einem unentschleierten Geheimniß, einem noch ungenügend gelösten Räthsel, und er muß auch hier der Worte des großen Dichters gedenken:

     „In’s Inn’re der Natur dringt kein erschaffe’ner Geist.“

Adolf Müller.




Das türkische Derwischthum in seiner heutigen Gestalt und Bedeutung.

Von L. von Hirschfeld.
(Schluß.)

Neben den im ersten Theile dieses Artikels erwähnten Orden der heulenden und drehenden Derwische verdienen noch die Chalwetti (gegründet zu Ende des vierzehnten Jahrhunderts) besonders namhaft gemacht zu werden: sie sind die heutigen Eremiten und Wanderderwische des Islam. Gleich den „Kalenders“, welche indischer Abstammung sind, durchziehen sie das Land. Ihr Gelübde verbietet ihnen eine stehende Wohnung zu haben, und sie leben von Almosen, weit öfter aber noch vom Raube. In den inneren Provinzen des türkischen Reiches machen sie geradezu die Landstraßen unsicher. Mit einer hohen Filzmütze bedeckt, mit dem langen, in fettigen Strähnen herabhängenden Haar, in Lumpen gehüllt, ein Pantherfell auf der Schulter, aber nie ohne eine Waffe – Keule, Spieß oder Dolch – sind diese unheimlichen Gestalten mit Recht der Schrecken aller einsam Reisenden. (Vergl. unsere Abbildung auf S. 48) Der Europäer vor Allen weiche ihnen aus; denn zur Raublust gesellt sich bei diesen Derwischbanden meist ein wahnsinniger Fanatismus. Ein hier in Constantinopel lebender, auch in der künstlerischen Welt durch seine charakteristischen effectvollen Aquarelle wohlbekannter Maler, Herr P., wäre vor einigen Jahren fast das Opfer eines von fanatischer Raserei befallenen Chalwetti geworden. Er zeichnete an einem einsamen Orte eine Grabstätte; der Derwisch mochte darin eine Entweihung

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883). Leipzig: Ernst Keil, 1883, Seite 47. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1883)_047.jpg&oldid=- (Version vom 17.12.2023)