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Seite:Die Gartenlaube (1883) 035.jpg

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883)

Das war das Loos des Mannes, dessen schöpferischem Geiste und nimmer erlahmender Energie die Welt eine Erfindung von weittragender Bedeutung verdankt, die in ihren Folgen eine der bedeutungsvollsten Schöpfungen geworden ist, welche je die Triumphe des menschlichen Wissens gebildet haben. A. F. Bauer, der auf Koenig’s Ideen einzugehen verstand und mit kunstfertiger Hand vollendete, was dessen Geist ersonnen hatte, führte nach des Freundes Heimgange dessen Werk weiter, unterstützt von der jungen, thatkräftigen und umsichtigen Wittwe desselben, bis endlich die beim Tode des Vaters noch im zartesten Kindesalter stehenden beiden Söhne Wilhelm und Friedrich herangewachsen waren und, in dessen Fußstapfen tretend, die Fabrik zu Kloster Oberzell auf den großartigen und blühenden Standpunkt erheben konnten, auf welchem sie sich unter ihrer Leitung heute befindet.

In nur flüchtiger Skizze haben wir hier unseren Lesern ein Lebensbild Friedrich Koenig’s zu geben versucht. Gebührt ihm, dem Erfinder, eine hervorragende Stelle in den deutschen Ruhmesannalen, so verdient er nicht minder ein ehrenvolles Andenken als Mensch. Unbeugsame, gerade Rechtlichkeit war Koenig’s erstes Princip in seinen geschäftlichen Beziehungen, an denen er selbst da festhielt, wo ihm schwerer materieller Schaden daraus erwuchs; seinen Arbeitern gegenüber war er im Geschäft der strenge, nach englischen Grundsätzen geschulte Fabrikherr, außerhalb desselben aber der oft über die eigenen Kräfte helfende Freund, dem namentlich auch ihre geistige Hebung am Herzen lag. Ein edles Herz war somit einem scharfen, forschenden Geiste, einem klaren, durchdringenden Verstande in dem Manne geeint, der vor fünfzig Jahren im Tode die Ruhe fand, die ihm ein bewegtes Leben verweigert.

Wird jetzt die Stadt Eisleben ihres zweiten großen Sohnes, wird die deutsche Nation des Vollenders der Erfindung Gutenberg’s gedenken und ihn ehren durch ein Denkmal,[1] das er vor vielen Anderen verdient hat?

     Stuttgart. Theod. Goebel.     




Lizzie’s Schwur.

Eine New Yorker Novellette von Rosenthal-Bonin.

Miß Castor war schon durch mehrere Saisons die stolzeste Schönheit von New-York, nicht nur ihrer äußeren Erscheinung wegen, obwohl sie mit ihrer hohen, vollen Gestalt, den großen schwarzen, siegfesten Augen, der edlen weißen Stirn, dem weichen dunklen Haare und dem charakteristischen rothen Munde in dem blassen Gesichte völlig diese Bezeichnung verdiente; sie verdankte diesen Ruf hauptsächlich ihrer kalten, unnahbaren Gemüthsart, dem stolzen, ablehnenden Wesen, welches sie besonders der Herrenwelt gegenüber zur Schau trug.

Während Lizzie Castor gegen die Frauen die Liebenswürdigkeit selbst war und sich sanft und gutherzig zeigte, hatte sie für die Männer und vorzüglich für die jungen, die sie mit Huldigungen überhäuften, nichts als ironisches Lächeln und spöttische, kühle, kurze Worte. Sie reichte ihren glühendsten Verehrern kaum die Fingerspitzen und behandelte sie, als ob sie Luft wären – und doch waren unter diesen jungen Leuten viele ernsthafte Freier, reiche, schöne, gescheidte Männer, die jedes andere Mädchen als „vortreffliche Partie“ mit Vergnügen angenommen hätte – und Lizzie Castor war doch schon dreiundzwanzig Jahre alt.

Allerdings konnte Miß Castor stolz sein. Ihr Vater gebot über Millionen; er gehörte als politische Person zu den ersten der Stadt; er führte ein fürstliches Haus und „herrschte“ als Industrieller über mehrere Tausende von Arbeitern und Angestellten aller Art. Lizzie selbst hatte eine ausgezeichnete Erziehung genossen: sie sprach die vier Weltsprachen und war eine talentvolle Dilettantin in fast allen Künsten; denn die Natur hatte sie an Geist und Körper in gleich hervorragender Weise begabt. Jedoch das allein konnte – wie man sich ganz richtig sagte – nicht die Ursache dieser ablehnenden Kälte gegen die Herrenwelt sein; sie widersprach zu sehr allen übrigen Eigenschaften dieses Mädchens. Man schloß deshalb, daß Lizzie tief in ihrem stolzen Herzen eine unglückliche Liebe trüge, daß Derjenige, welchen sie wollte, sie nicht möchte, und ihr Herz deshalb für alle Anderen gänzlich todt wäre. Das Gerücht brachte ihr Herz in Verbindung mit John Dobson, einem eigenthümlichen Manne, der früher ein überaus häufiger Gast im Hause Castor gewesen war, aus dem man jedoch nie recht klug wurde, ob er wirklich zu den Verehrern des Fräuleins gehört hatte. Dobson war durch Speculationen in Silberbergwerksactien sehr reich geworden; er hatte den Ruf eines unglaublich glücklichen Geschäftsmannes; er war die Ruhe selbst; nichts brachte ihn in Aufregung; er sprach wenig und handelte bedächtig und sicher. Der Erfolg heftete sich an seine Sohlen, und was er in seiner ruhigen, entschlossenen Manier in die Hand nahm, gelang und schlug zu seinem Glücke aus.

John Dobson war kein ganz junger Mann mehr; er mochte schon in der Mitte der Dreißiger sein – er tanzte nicht, rauchte nicht, spielte nicht, trank nicht und sah keine Dame so an, daß sie je an seinen Blick Hoffnungen irgend welcher Art knüpfen konnte. Er begegnete allen gleich höflich; seine Unterhaltung war stets ernst, und seine Bemerkungen zeugten von einem durchdringenden scharfen Verstande und überraschend feinen Beobachtungsvermögen und seltsamer Weise von viel Phantasie. Wer von allen Damen konnte sich aber rühmen, mit ihm mehr als fünf Minuten gesprochen zu haben? Lizzie allein. Diese würdigte er in seiner gemessenen Manier seiner stets still und wenig laut geführten Unterhaltung – und Lizzie hörte ihm zu mit weitgeöffneten glänzenden Augen: sie bevorzugte ihn, soweit ihr Stolz dies zuließ, sichtbar: Dobson zeichnete sie in seiner Art vor allen übrigen weiblichen Wesen aus – und dennoch erschien er plötzlich nicht mehr an den Gesellschaftsabenden im Hause Castor, und man sah ihn fortan nirgends, wo Lizzie zugegen war.

Es muß etwas zwischen ihnen gegeben haben – sprach man in der Gesellschaft – und das Gerücht hatte Recht: es hatte etwas gegeben.

Eines Tages war Dobson zu einer ungewöhnlichen Zeit, am Vormittag, bei Lizzie erschienen; er hatte ihr gerade und fest in die Augen gesehen und dann gesprochen:

„Fräulein Lizzie, Sie müßten kein Weib sein, wenn Sie nicht wüßten, wie es mit mir stände. Ich glaube bemerkt zu haben, daß Sie mehr Antheil an mir nehmen, als an den anderen Männern, welche Sie umschwärmen. Ich biete Ihnen Hand, Herz und Vermögen – können Sie sich entschließen, mein Haus zu theilen?“

Zornsprühend hatte ihn darauf Lizzie angesehen. Sie ergriff die Hand nicht, die er ihr bot; sie trat einen Schritt zurück, und geisterbleichen Gesichts, mit glühenden Augen und bebenden Lippen rief sie ihm entgegen:

„Nein – nie, nie!“

Dobson sagte nichts: er schaute sie nur verwundert und etwas blässer als sonst, im Uebrigen so ruhig, sicher und klar wie immer an.

Lizzie wurde noch blässer: ihr Athem flog.

„Zehntausend Fuß unter der Erde will ich Ihr Weib werden,“ rief sie höhnisch lachend. „Ja, wenn wir uns zehntausend Fuß unter der Erde wiederfinden, dann wiederholen Sie Ihren Antrag“ – fuhr sie zornbebend fort – „dort bieten Sie mir Ihre Hand, und ich werde sie dann nehmen, John Dobson,“ schloß Lizzie mit vor Ingrimm und Spott funkelnden Augen.

Ueber Dobson’s ruhige Züge huschte jetzt etwas wie Licht, und um seinen feinen Mund spielte ein fast humoristisches Lächeln. Nur eine Secunde! Er war wieder so ruhig, bedächtig und sicher wie immer.

„Sie sprechen im Ernst, Fräulein Castor?“ fragte er höflich.

„Ja – zehntausend Fuß unter der Erde – das schwöre ich!“ antwortete Lizzie mit fast wildem Blicke und mit zuckendem Munde.


  1. Die Familie Koenig hat beschlossen, das Andenken ihres Ahnherrn damit zu ehren, daß sie eine ausführliche und authentische Biographie, verbunden mit einer Geschichte der Erfindung der Schnellpresse, verfassen ließ, die demnächst bei Gebrüder Kröner in Stuttgart im Druck erscheinen wird, das geeignetste Denkmal – neben dem zu Oberzell schon vor vielen Jahren errichteten Grabmonument –, welches kindliche Liebe und Pietät zu schaffen vermag.
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Verschiedene: Die Gartenlaube (1883). Leipzig: Ernst Keil, 1883, Seite 35. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1883)_035.jpg&oldid=- (Version vom 17.12.2023)